Ka Interview (JUICE #141)

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Brownsville, Brooklyn. Eines der ärmsten Viertel New Yorks mit einer langen HipHop-Geschichte. »The Ville«, wie seine Einwohner die Ansammlung von Sozialbauten im Nordosten des Stadtteils nennen, hat u.a. Masta Ace, Smoothe Da Hustler, Sean Price und M.O.P. hervorgebracht. Im Sommer 2011 machte mit Ka ein weiterer Rapper aus der Gegend von sich reden, dank seines selbstgedrehten Videos zu »Cold Facts«. Doch Ka ist kein hungrig spittender Jungspund, sondern ein erfahrener O.G., der die Berufsoption Rapper eigentlich längst an den Nagel gehängt hatte. Vor gut drei Jahren erschien sein Underground-Album »Iron Works«, Features bei GZA und Roc Marciano ließen Connaisseure aufhorchen. Sein zweites, komplett selbstproduziertes Album »Grief Pedigree« soll im Februar digital erscheinen. Angesichts der stimmungsvollen, reduzierten Sample-Loops und des metaphorischen Rhymestyles werden schon jetzt Vergleiche zum modernen Klassiker »Marcberg« und zur klassischen Wu-Tang-Ära laut.
 
Wie war es für dich, in Brownsville aufzuwachsen?
Es war ein rauer Ort für ein Kind. Besonders in der Crack-Ära. Aber es hat mir geholfen, zu dem Mann zu werden, der ich heute bin. Es ist schwer, das jemandem zu erklären, der diese Erfahrungen nicht gemacht hat. Das Elend war einfach überall. Ich habe Zombies gesehen. Überall lagen Drogenbestecke herum. Nachts fielen Schüsse, ständig starben Menschen. Diese Geschichten kann dir jeder aus der Hood erzählen, das ist kein Witz. Aber egal wie wild und hart es hier war, es war immer noch mein Zuhause. Ich kannte nichts anderes, also versuchte ich, mit meiner Umgebung klarzukommen. Ich hatte keine Wahl, es ging ums Überleben. Ich bereitete mich vor, alles zu tun, was dafür nötig war.
 
Bist du selbst in den Strudel von ­Kriminalität und Drogen geraten?
Ja. Man musste nicht mal reingelockt werden. Es ging einfach so: »Yo, willst du mit uns ein wenig Geld verdienen?« »Klar!« Ich war noch sehr jung, als ich anfing, auf der Straße mit Drogen und Waffen zu handeln. Ein paar Raubüberfälle haben wir begangen. Wir dachten nicht an die Folgen. Ich hatte mit zwölf Jahren meine erste eigene Pistole! Das sahen manche hier schon als spät an. Viele bekommen mit acht ihre erste Knarre. Ich habe meine Jugend verloren, ich habe viele Freunde verloren. Ich bin überrascht, dass ich noch am Leben bin. Um all diese Verluste geht es in meiner Musik, um das Leid und die Trauer. Weißt du, ich liebe diese Kunst. Und ich möchte, dass meine Hörer die Gefühle spüren, die ich beim Schreiben hatte.
 

 
Letztes Jahr hast du mit »Cold Facts« aufhorchen lassen. Darin findet man chiffrierte Lines wie: »Give me three days, we celebrate like Christ risen.« Wie entstehen diese Texte?
Ich musste da konkret an die Zeit denken, als wir noch total pleite waren und unser erstes Geld auf der Straße verdienten. Wir dachten ernsthaft, wir würden jetzt ganz schnell reich werden, hätten immer genug zu essen und könnten unsere Mütter aus der Hood herausholen. Wir glaubten, binnen drei Tagen wäre alles erledigt. Wir würden nur drei Tage brauchen, um eine Ladung Drogen oder ­einen Kofferraum voller Waffen zu ­verschieben. Deswegen die Line: Gib uns drei Tage und wir werden feiern, als sei Christus ­auferstanden.
 
Eine andere clevere Metapher lautet: »Guns is 24 karats, got golden arms.«
Ja, das ist eine Referenz an einen Film, den ich als Kind gerne gesehen habe: »The Kid with the Golden Arms«. Der lief immer am Samstagnachmittag im Autokino. Auch diese Line hat eine doppelte Bedeutung, denn mit einer Waffe fühlst du dich unbesiegbar, wie das Kind mit den goldenen Armen. Gleichzeitig waren Knarren die einzigen »Juwelen«, die wir damals hatten und brauchten. Mit der Waffe konnte ich alles bekommen, was ich wollte.
 

 
Was war deine erste Waffe?
Ein 38er Revolver aus Chrom. Sehr schön. (lacht) Keine Ahnung, wo das Ding ursprünglich herkam. Ich kaufte es von einem anderen Jugendlichen aus meinem Block. Ich hatte 75 Dollar in der Tasche und große Angst, von dem Typen abgezogen zu werden. Das war damals sehr viel Geld für mich. Deshalb tat ich so, als hätte ich bereits eine Knarre einstecken, nur um meine erste Knarre kaufen zu können. Ich habe sie dann nachts auf einem leeren Parkplatz ausprobiert. (lacht)
 
Auf »Collage« sagst du: »Job interviews in the street, I apply with the shottie.«
Ja, irgendwann habe ich mir anstatt des Revolvers eine abgesägte Schrotflinte besorgt. Ich hatte lange Zeit eine Ecke in Bushwick, wo ich meine Drogen verkaufte. Um diese Ecke zu bekommen, musste ich diese Schrotflinte einsetzen. Um sie zu übernehmen, wenn du verstehst. So gesehen, habe ich mein »Bewerbungsgespräch« wirklich mit der Flinte geführt. Kein Spruch. (lacht)
 
Später heißt es: »Jux hurts worst when your friend plotted the robbery.« Wurdest du selbst von einem deiner Freunde verraten?
Nein, da habe ich über die Erfahrung eines befreundeten Dealers gesprochen, der von einem seiner Jungs abgezogen wurde. Sie sind in seiner Bude einmarschiert und haben ihm sein komplettes Bargeld abgenommen. Sie wussten ja genau, wo sie zu suchen hatten. Weil es sein Kumpel war, wusste er, dass er sein Geld immer in der dreckigen Wäsche versteckt. Er dachte nämlich nicht, dass jemand seine getragenen Unterhosen durchwühlt. Für ihn war das natürlich der größte Verrat. Ich selbst bin nie so gierig geworden. Mir war es immer wichtig, dass alle gut zu essen haben.
 
Kommen wir zurück zur Musik. ­Genau wie dein Freund Roc ­Marciano ­produzierst du deine Beats fast ­vollständig selbst. Warum?
Producer wollen ihre Beats am liebsten an große Rapper verkaufen, ist doch klar. Ich verstehe sie auch, denn sie müssen ihr Geld verdienen, aber ich konnte sie nie bezahlen. Also zeigte mein Bruder Roc Marcy mir, dass ich auch meine eigenen Beats bauen kann. Er sagte: »Ka, du rappst seit Jahren. Du weißt doch genau, auf welche Art Beats du rappen willst. Mach sie einfach selbst.« Er zeigte mir, wie er nach Samples diggt und wurde so etwas wie mein Mentor.
 

 
Benutzt du eine MPC oder arbeitest du am Rechner?
Ich sample die Platten direkt in die MPC. Ich bin jetzt kein Large Professor oder Pete Rock. Aber ich bekomme den Sound heraus, den ich brauche. Ich sehe meine Stimme als Instrument, und ich weiß, was ich auf dem Song sagen will. Ich verstecke mich nicht hinter dem Beat. Ich baue die Beats so, dass nur noch meine Stimme als Element fehlt und sich alles zusammenfügt. Das richtige Sample zu finden, ist der schwierigste Teil. Danach passiert alles sehr schnell. Der Beat erweckt die Worte zum Leben. Und wenn ich schreibe, dann fließen mein Leben und meine Erfahrungen in die Worte. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass Gott durch mich spricht, wenn ich schreibe. Ich bin Gottes Werkzeug, ich blute in diese Tracks. Aber eigentlich habe ich nur damit angefangen, Songs aufzunehmen, damit ich etwas zum Anhören habe, was mir gefällt. (lacht)
 
Text & Foto: Alexander Richter
 

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