Interview: Liquit Walker

Liquit-Walker

 

»Feuer über Deutschland 2«: Ein Typ in klassischer Rapper-Uniform mit Trainingshose und Cap, die Kippe im Mundwinkel, beschimpft mit schneller Ostberliner Schnauze den Gegner so sympathisch und treffend, dass sich selbst der Beschimpfte ein Schmunzeln nicht verkneifen können. Liquit ­Walkers Status als rotzfrecher Battle-MC war damit begründet. Diesen Fame zu nutzen, um direkt eine ­Veröffentlichung anzuschließen, schien für den Friedrichshainer dennoch ein schwieriges ­Unterfangen. Neben einem Haufen Free-Tracks und ein paar YouTube-Videos stand bis jetzt mit der »Vergessen in der Gleichung«-Download-EP und zwei humorigen Kollabo-Alben mit Hammer & Zirkel nicht viel Zählbares in der Diskografie des talentierten Mr. Walker. Seit er nun im September letzten Jahres mit großer Geste als Neuzugang auf Vegas Label Freunde von Niemand vorgestellt wurde, ging es schnell. Das Debütalbum »Unter Wölfen« ist da – und sorgt wie erwartet für Gesprächsstoff.

 

Warum hat es so lange gedauert?
Ich befand mich in einer Spirale, wo ich gewisse Sachen machen wollte, aber mit den gegebenen Umständen, vor allem den Beats, die ich bekommen habe und den Aufnahmemöglichkeiten, einfach nicht zufrieden war. Ich wäre unter diesen Umständen mit einem Album nicht wirklich zufrieden gewesen. Es ist auch schwierig, wenn du einen 9-to-5-Job und einen Hund hast, um den du dich kümmern musst. Solange ich noch diese Battle-Geschichten gemacht habe, ging das. Da habe ich einfach den Hass und die Wut aus dem Alltag in die Texte eingebracht. Jetzt will ich zwar auch emotionale Tracks machen, aber eher, indem ich Bilder erschaffe und Texte, die lyrisch einen gewissen Anspruch haben. Das habe ich mit dem Leben, das ich geführt habe, nicht hinbekommen, obwohl ich lange Zeit aus Ego und Stolz versucht habe, es allein zu schaffen.

 

Du warst aber auch bei verschiedenen Labels in Berlin: Mellowvibes, Fight 4 Music und Plattenbau Ost.
Ja, ich war schon bei mehreren Anlaufstellen. Der Minor [Geschäftsführer von Fight 4 Music, Anm. d. Red.] hat mir ein bisschen unter die Arme gegriffen, hatte dann aber auch geschäftlich zu viel zu tun. Da sollte ja eigentlich auch das Album mit Woroc erscheinen. Dann habe ich es mit meinem eigenen Label Disstrict Music versucht, aber wir sind dann daran gescheitert, dass wir kein Kapital hatten. Man braucht zwar keine 50.000 Euro, um ein gutes Rap-Album zu machen. Aber ich habe bei meiner Musik einfach einen gewissen Anspruch an den Sound und die Qualität. Jetzt bei Freunde von Niemand ist dieses Umfeld endlich gegeben.

 

 

Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Das Angebot von Vega stand schon lange im Raum, noch vor Freunde von Niemand. Wir sind seit Jahren befreundet. Manchmal hat er mir im Vollsuff samstagmorgens um vier Uhr eine SMS geschrieben: »Du ­Bastard, ich komm dich holen, wenn du nicht unterschreibst!« (lacht) Das war schon lustig. Irgendwann hab ich ihn angerufen und gesagt: »Bruder, wir müssen reden!« Am nächsten Tag war er in Berlin und wir haben das klargemacht.

 

Was ist denn bei Freunde von Niemand jetzt konkret anders?
Struktur und Kapital. Ich konnte vieles schon selbst regeln, aber das war alles sehr zeitaufwändig und anstrengend. Jetzt habe ich halt ein Management, das sich kümmert und mir den Weg freiräumt, und ein Label, das mir eine Struktur in Termine und Studiozeit bringt. Das mit dem Studio ist einfach wichtig. Natürlich gibt es heute die Möglichkeit, sich für 500 Euro ein vernünftiges Mic an den PC anzuschließen und du kannst damit qualitativ hochwertigen Rap aufnehmen. Aber du brauchst trotzdem Leute, die es abmischen, mastern und so weiter. Ich bin damit oft auf die Fresse geflogen, dass ich mich auf irgendwelche Leute verlassen habe. Ich brauche einen Raum, in dem ich von Technik umgeben bin, wo ich die Boxen richtig laut aufdrehen kann, wo ich komplett abschalten und mich bewegen kann. Dann läuft das und dann kann es auch passieren, dass ich mit einem Song in einer Stunde fertig bin. Das klingt jetzt vielleicht alles divenhaft, aber es ist für die Art und Weise, wie ich arbeite, einfach wichtig.

 

Jetzt bist du als Berliner Lokalpatriot zu einem Frankfurter Label gegangen.
Ja. Eigentlich ein Unding! (lacht)

 

 

Sagt das etwas über die Berliner Label-Landschaft aus?
Definitiv. Als Berliner Label fällt mir nur Maskulin ein und dann vielleicht noch ein paar kleinere Indie-Labels. Silla ist auch der Einzige, der noch diesen Berliner Stil verkörpert, der auch mal ein bisschen die Flagge schwenkt. Fler ist natürlich auch das fleischgewordene Berlin, aber der setzt jetzt vom Sound her auf etwas anderes, das hat nicht mehr diese krasse Berlin-Aura. Und wenn du sonst heute in den Medien etwas liest von einem Rapper aus Berlin, dann steht da »der Wahlberliner«. Die Leute sind halt nach Berlin gekommen mit ihrem Cash, oftmals aus Süddeutschland, und haben ihre eigenen Teams, ihre eigenen Bosse mitgebracht. Das ändert natürlich den Markt dahingehend, dass die unsere Kultur verdrängen. Das perfekte Beispiel ist doch Four Music, die jetzt auch in Berlin sitzen, aber eigentlich aus Stuttgart kommen. Es gibt keinen Berliner Künstler bei Four Music, außer vielleicht Marteria, der aber eigentlich auch aus Rostock kommt. Dann versuchen die Leute den Angstfaschisten in mich reinzuinterpretieren, so: »Oh nein, zugezogene Rapper nehmen uns die Arbeitsplätze weg.« Aber so ist es nicht. Ich mache ja trotzdem mein Ding. Deswegen kommt mein Album jetzt auch mit wehenden Berlin-Flaggen. Aber nicht, weil ich in guter alter Aggro-Berlin-Manier sagen will, dass wir die Krassesten sind und alle ficken, sondern damit die Leute verstehen, was mich beschäftigt.

 

Du kommst aus der Battle-Szene, die momentan wieder einen Aufschwung erlebt. VBT, Rap am Mittwoch, verfolgst du das noch?
Diese VBT-Geschichte ist nicht meine Welt. Ich hab Verständnis dafür, dass das die optimale Plattform ist für einen 16-jährigen aus irgendeiner Kleinstadt, der keinen direkten Draht zu irgendeiner Szene aufbauen kann und über das Internet versucht, Anschluss zur Rap-Welt zu finden. Das ist natürlich auch Entertainment, aber nicht mein Rap. Ich sage immer gerne: »Ich trage den Rucksack im Herzen.« Für mich bedeutet Battle, dass man sich auf einer Bühne gegen­übersteht. Ich habe Respekt und Liebe für alle bei Rap am Mittwoch: Ich finde Tierstar krass, ich finde Gier krass, mittlerweile finde ich sogar Atzenkalle krass. Ich selbst habe aktuell aber keine Ambitionen in die Richtung. Been there, done that!

 

Welcher deutsche Rap hat dich geprägt?
Der erste deutsche Rapper, den ich vom Feeling, von der Stimme und vom Flow her komplett gefeiert habe, war Samy ­Deluxe. Zum Berliner Rap hatte ich anfangs keinen Zugang. Ich war auf einer Schule in Friedrichshain, die eher linksintellektuell angehaucht war. Die Kids da haben eher Bob Marley und Nirvana gehört. Niemand hat mir die M.O.R.-Tapes gezeigt! Als die ersten Savas-Sachen kamen, habe ich die komplett gefeiert, aber konnte mir die nicht lange geben, wegen des Sounds. Ich war immer ein großer Fan von 3P-Produktionen aufgrund ihres Sounds. Darauf lege ich auch heute noch viel Wert. Aber ich war schon sehr offen, ich habe damals gleichzeitig »Der beste Tag meines Lebens« von Savas und »Engel und Ratten« von Spax gehört, obwohl Savas Spax auf »King of Rap« gedisst hat. Als dann aber Die Sekte und Bassboxxx um die Ecke kamen, da ging an Berlin für mich nichts mehr vorbei.

 

Gilt diese Offenheit heute noch? Kannst du mit der »Enge-Hosen-Fraktion« etwas anfangen?
Definitiv. Mir wird ja gerne das Image des Musiknazis angehängt. Das stimmt aber nicht. Ich finde, Casper ist ein End-Rapper. Sein Album war vom Feeling nicht meins, aber der beherrscht sein Handwerk! Rockstah entertaint mich auch. Auch FiST aus Bielefeld ist von der Optik her der totale Hipster, aber ich feiere ihn. Schau mal, ich fand Die Ärzte früher auch richtig cool, aber deren Fans waren immer totale Opfer. Ich konnte nicht mit denen reden.

 

 

Also hast du eher ein Problem mit den ­Leuten, die diese Musik hören, als mit ­denen, die die Musik machen?
Ja. Weil alles immer substanzloser wird. Die Kultur geht verloren. Diese Hipster machen doch jede Szene kaputt, weil die überall ein bisschen mit rumspringen. Ich finde es schade, dass man bei vielen dieser Hipster-Rapper hört, dass sie versuchen, alles mit einzubringen – bisschen Pop, bisschen Electro, bisschen Indie, bisschen Techno, bisschen Rock, bisschen Rap. Die Kunst liegt doch woanders. Es ist wie beim Kochen. Lieber ein rundes Ding mit einer guten Grundlage und drei, vier Gewürzen, als eine Mischung aus zehn Gewürzen, die nach allem und nichts schmeckt. Musik muss mich berühren und Substanz haben.

 

(Ein Obdachloser in Sandalen und ohne Socken läuft bei Temperaturen um den Gefrierpunkt vor dem Fenster vorbei.)
Der Typ, den kenne ich, der ist hier vom Kotti. Ich habe mit Freunden so eine Initiative namens »Aktion Nächstenliebe«. Wir gehen jeden Samstag raus und verteilen Tee und Essen an Obdachlose. Wir haben ihm bestimmt schon acht Paar Socken geschenkt, aber der zieht einfach keine an. Ich weiß nicht, was mit dem los ist. Traurig, aber was willst du machen?

 

Auf dem Cover deines Albums stehst du auf der Warschauer Straße. Was bedeutet dieser Ort für dich?
Zum einen ist es historisch ein wichtiger Standort. Nach der Warschauer Brücke kommt die Stralauer Allee, die auf die Oberbaumbrücke führt. Da war die Grenze, die Berliner Mauer. Heute ist es aber auch ein Symbol für die aktuelle Situation in Berlin. Es ist der Punkt, wo sich Berliner und Nichtberliner jeden Tag über den Weg laufen. Stell dich mal im Sommer am Wochenende eine Stunde lang nachts auf die Warschauer Straße. Du wirst sehen, wie mindestens viermal die Bullen kommen. Schlägereien, Böller gehen hoch, einer bricht zusammen und erstickt fast an seiner Kotze. Als Friedrichshainer ist es aber auch Heimat. Und man hat einen tollen Blick von da, mit einem wunderschönen Sonnenuntergang. Ich habe dort viel Zeit meines Lebens verbracht.

 

Ist das auch das, was du mit dem Titel ­»Unter Wölfen« meinst?
Ja, auch ein bisschen. Du bist in einem Wald, wo tausende von Wölfen unterwegs sind und du musst gucken, dass du was reißt, bevor die anderen was reißen. Du musst immer wissen, wie die Rangordnung gerade ist, wo du im Rudel stehst. Auf dem letzten Song gibt es die Zeile: »Aus dem Straßenköter wurde ein Alphawolf.« Jeder will der Alphawolf sein. Man muss nicht immer mit dem Rudel kämpfen, sich anpassen und nach den Regeln spielen. Wenn du deinen Weg gehst, drehst du dich irgendwann um und merkst, dass dir ein Rudel folgt und dich als Anführer akzeptiert. Das Album ist deswegen ein gutes Spiegelbild von mir als Mensch. Zwischen mir als Privatperson und dem Rapper Liquit Walker besteht ohnehin kaum ein Unterschied.

 

Und warum genau bist du der ­»Deutschrapkanakke«?
Es gibt da diese Zeile: »Doch ich wollt nicht cyphern mit Studenten über Politik, ich wollte battlen und so gab’s dann sowieso nur Beef.« Die Leute von dort, wo ich herkomme, haben halt eher politischen Rap gehört. Davon war ich nie großer Fan, also bin ich in meinem schwarzen Hoodie, meiner Baggy und dem schrägen Cap auf dem Kopf losmarschiert, einmal über die ­Oberbaumbrücke Richtung Prinzenstraße und Böcklerpark. Aber da haben sie mich komisch angeguckt, so: »Was will die Kartoffel hier?« Das waren eben Kanaken-Jams, ich war dort ein Außenseiter. Für die Deutschen war ich ein Kanake, für die Kanaken ein Deutscher, in Westberlin war ich ein Ossi, bei den Jungs in Marzahn meinten sie, ich rede wie ein Wessi. Die Glatzen in Lichtenberg wollten mich klatschen, weil ich für die eine Zecke war, die Punks wollten mich klatschen, weil ich für die ein Kapitalist war, weil ich in deren Augen zu teure Sachen anhatte, die Kanaken wollten mich klatschen, weil ich eine Kartoffel war, die einen auf HipHop gemacht hat. In einer ­Musikrichtung, die immer schon Anlaufpunkt für Minderheiten war, haben mich die einzelnen Minderheiten innerhalb der Musikrichtung ausgestoßen.

 

 

Aber du sagst auch heute noch, dass du »deutscher bist, als die Szene möchte« und dich »insgeheim als Deutscher in der Opferrolle« siehst …
Schau mal, wir sind hier in Kreuzberg, ich kenne die Jungs hier, bin gern gesehen und bestelle meinen Döner auf Türkisch. Die Einzigen, die mich immer dafür kritisieren, dass ich hier und da mal erwähne, dass ich Deutscher bin, sind die anderen Deutschen. Das meine ich mit der Zeile: »Ich lasse mir von keinen linken deutschen Hippies ein Hakenkreuz auf den Schädel setzen.«

 

Ich glaube nicht, dass man dich medial in die rechte Ecke stellen will.
Doch, da gab es schon Vorwürfe. Nicht aus der Szene, aber aus der Presse! Aber immer nur hinter verschlossenen Türen. In Privatgesprächen. Das waren aber meist Leute, die nicht aus Großstädten kommen.

 

Aber es ist ja auch schwierig nachzuvollziehen. Du bist als Deutscher hier nun mal in der Regel nicht in der Minderheit.
Ja. Aber ich war halt immer in der Minderheit in den letzten Jahren. Ich bin in meinem Bezirk als Berliner in der Minderheit. Und im Rap … Ich finde schon, dass Rassismus im deutschen Rap präsent ist. Ich bin zum Beispiel großer Fan von Haftbefehl. Vielleicht will er das gar nicht bezwecken, aber wenn er sagt »Muck bloß net uff, du Tobias«, dann endet das damit, dass Tarkan, Mehmet und Erhan auf dem Schulhof auf den kleinen Tobias losgehen und ihm sein Pausenbrot wegnehmen. Und wenn der was sagt, sagen die: »Muck bloß net uff, du Tobias!« Bushido hatte auch so eine Line vor ein paar Jahren: »Ich hab zur Skyline raufgeschaut/und deine Eltern essen Eisbein mit Sauerkraut.« Das führt zu einem Schubladendenken, und davon bin ich kein Freund. Guck mal, ich bin mit MC Bogy jedes Jahr der einzige Deutsche, der am 1. Mai auf der Naunynstraße in Kreuzberg auftritt. Aber die Jungs dort gucken mich jedes Jahr an wie ein Auto.

 

Und du denkst, das wäre anders, wenn du eine andere Hautfarbe hättest?
Weiß ich nicht. Für mich macht es nicht die Hautfarbe, es ist der komplette Style, die Art zu rappen …

 

Aber du sagst im »Parallelen«-Remix doch, du spürst »Hass auf deine weiße Haut«.
Genau. Natürlich ist es das Erste, was man wahrnimmt, noch bevor ich den Mund aufmache. Ich verstehe ja auch, warum manche Rapper so was sagen. Ich sehe den Rassismus auf beiden Seiten. Aber es ist einfach keine gute Idee, Feuer mit Feuer zu bekämpfen! Scheiß mal auf die Hautfarbe, scheiß mal drauf, ob meine Mutter helal kocht und scheiß mal drauf, ob wir jetzt Weihnachten oder Zuckerfest feiern! Warum musst du mir das Gefühl geben, dass du Deutsche scheiße findest? Ich kenne viele, die hier geboren sind, in der zweiten, dritten Generation als Migranten hier leben und sagen: »Ich fühle mich wohl als Deutscher.« Das ist doch schön! Und darauf bin ich auch stolz. Mir ist es scheißegal, welche Hautfarbe du hast, was du für religiöse oder sexuelle Vorstellungen hast. Ich glaube, ich bin einer der offensten Menschen in dieser ganzen verschissenen Szene.

 

Text: Max Schmutzer

 

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