Interview: Chiddy Bang

Chiddy-Bang

 

Die Grenzen von HipHop werden derzeit mal wieder in alle möglichen Richtungen ausgelotet. Was hierzulande von Künstlern wie Marteria, Casper oder Kraftklub zelebriert wird, passiert in den Staaten durch Jungs wie Chidera »Chiddy« Anamege und Noah »Xaphoon Jones« Beresin, zusammen bekannt als Chiddy Bang. Sie sorgten bereits vor drei Jahren durch das gekonnte Kombinieren von Indierock-Samples mit klassischen HipHop-Versatzstücken für volle Tanzflure in der Studentendisco deines Vertrauens. Nach der Veröffentlichung diverser EPs und Mixtapes steht dieser Tage nun endlich der Release ihres Debütalbums »Breakfast« an. Ein Gespräch mit Produzent Xaphoon Jones über einen Anruf von Q-Tip, den deutschen KRS-One und eine Release-Party mit Jay-Z und Kanye West.

 

Auf eurem ersten Mixtape »The Swelly Express« ging es darum, einen Plattenvertrag in New York zu bekommen – was in eurem Fall nicht geklappt hat. Mittlerweile seid ihr bei einem Sub­label der EMI im UK gelandet. Haben euch die Europäer zuerst entdeckt?
Die amerikanischen Labels haben uns zuerst zu Gehör bekommen, aber sie mochten uns einfach nicht. (lacht) Ich kann ihnen das allerdings nicht übelnehmen, denn die haben uns an einem Punkt erwischt, als unsere Live-Shows noch nicht so gut waren, wie sie hätten sein sollen. Im UK ist man musikalisch aber generell etwas offener. Dort gab es immer schon Bands wie die Gorillaz, und man hat auch die Beastie Boys mehr gefeiert als bei uns – HipHop-Bands eben, die einen starken Alternative-Einschlag haben. Insofern haben wir da mit unserer ersten Single »Opposite Of Adults«, für die wir MGMT gesamplet haben, gut reingepasst.

 

 

Meint ihr, dass es mit einem Label-Deal in Amerika auch deshalb nicht geklappt hat, weil ihr für die Verantwortlichen dort im traditionellen Sinne nicht ­HipHop genug wart?
Kann schon sein. Die Leute wussten einfach nicht, wie sie uns einordnen sollen – als HipHop-Gruppe, als Pop-Act oder doch etwas ganz anderes. Im UK hatte man da viel weniger Bedenken. Die meinten bloß: »Es ist uns egal, was die anderen sagen. Wir finden euch interessant.«

 

Ihr habt euren Stil mal als »old school fun style with some new school production techniques and rhymes« ­beschrieben.
Letztlich zollt man mit seiner Musik immer seinen musikalischen Idolen Respekt. In meinem Fall waren das vor allem DJ Premier, J Dilla oder die Neptunes. Auf der anderen Seite ist es wichtig, nicht bloß deren Ideen aufzugreifen, sondern eigene Wege zu gehen. Regeln oder musikalische Grenzen gibt es bei mir deshalb nicht. Ich halte es wie die Produzenten aus der Electro-Szene: Mir geht es einzig und allein darum, möglichst viele Menschen zum Tanzen zu bewegen.

 

War das schon immer dein Ansatz?
Nicht bewusst. Aber ich bin in Philadelphia aufgewachsen, zu einer Zeit, als die Baltimore-Club-Musik zu uns rübergeschwappt ist. Das war eine verrückte Zeit, in der Dance-Musik in unser aller Leben eine wichtige Rolle gespielt hat. Auch Diplos Mad Decent-Label hat seinen Sitz bei uns, und dessen Output hat uns ebenfalls stark geprägt.

 

 

Euer Bandgefüge ist sehr klassisch: Ein DJ/Produzent und ein MC. Was schätzt du daran besonders?
Chiddy und ich stacheln uns gegenseitig zu Höchstleistungen an, das ist großartig. Wir haben eine tolle Arbeitsbeziehung und können uns gegenseitig stets ehrliches Feedback auf unsere Arbeit geben. Die Arbeitsweise als Duo ermöglicht es uns zudem, dem Album einen durchgängigen Vibe zu verpassen, und das schätze ich sehr.

 

Gibt es auch etwas, das dir dabei manchmal auf die Nerven geht?
Ja, dass die Leute mich manchmal ­fragen, was eigentlich mein Job innerhalb der Band ist. (lacht) Denn klar: Chiddy ist ganz offensichtlich der Rapper. Mich sehen die Leute aber häufig bloß im Hintergrund unserer Musikvideos tanzen und fragen sich dann: »Was zum Teufel macht eigentlich das Weißbrot da?« Aber Chiddy ist bei uns die Rampensau, und ich halte mich viel lieber im Hintergrund auf. Unsere Rollen sind also optimal verteilt.

 

Bekommt ihr viel von der europäischen HipHop-Szene mit?
Auf jeden Fall! Wir sind häufig in London und haben uns im Zuge dessen ausgiebig mit der dortigen Grime-, 2Step- und Dancehall-Szene befasst. Aber wir haben uns beim Splash!-Festival 2010 auch mal einen Auftritt von Kool Savas angesehen. Er war wahnsinnig dope und hat die Crowd richtig gerockt. Wir haben zwar kein Wort verstanden, aber der Vibe kam definitiv bei uns an. Es war toll zu sehen, wie die Wurzeln von HipHop in Deutschland noch respektiert werden. Ich meine, Kool Savas wurde uns dort als »deutscher KRS-One« verkauft. Bei uns in Amerika wissen die jungen Kids überhaupt nicht mehr, wer das ist. Bei einem US-Festival wäre jemand wie Lil Wayne der Headliner, bei euch ist es der Wu-Tang Clan. Das sagt schon eine Menge aus.

 

 

Woran liegt diese unterschiedliche Form der Wertschätzung der Künstler und ihrer Geschichte?
Gute Frage. Vielleicht ist die Auffassungs­gabe und Aufnahmefähigkeit der Amerikaner limitierter. Selbst wenn uns etwas gefällt, begeben wir uns trotzdem direkt wieder auf die Suche nach dem nächsten großen Ding, anstatt uns auch mal nach hinten zu ­orientieren. Das ist schon schade.

 

In eurem Song »Dream Chasin’« gibt es die Zeile: »This thing called ­success is so strange/‘cause you could get ­notoriety and still ride the train.« Das klingt nicht gerade sehr optimistisch hinsichtlich eures Erfolges.
Die Zeile ist eine Referenz an unseren Freund Diplo, der für seine Produktion von M.I.A.s »Paper Planes« 2009 für den Grammy nominiert war. Er ist von der Veranstaltung mit dem Bus zurück nach Philly gefahren – das fanden wir verrückt. Ich meine: In einem Augenblick stehst du an der Spitze der Musikindustrie, im anderen holt dich die Realität wieder ein. Bei uns ist das ähnlich. Viele Künstler, die erfolgreich werden, ziehen sofort nach New York, Los Angeles oder London, aber wir hängen immer noch in Philly rum und haben unsere Betten bei unseren Mums.

 

 

Warum hat euch eigentlich Q-Tip letztes Jahr angerufen?
Er hatte einen Track von uns gehört, rief daraufhin bei uns an und wollte einen Song mit uns machen. Wir hätten ihn gerne in alter A Tribe Called Quest-Manier rappen hören, aber er wollte stattdessen lieber singen. Also gaben wir ihm unseren Song »Here We Go«, der im letzten Jahr auf unserer »Preview«-EP zu hören war. Das war das Coolste, was uns bis dahin je passiert ist.

 

Ist seitdem etwas noch Cooleres passiert?
Ich habe einen Track für Big Sean produziert, bei dessen Album Kanye West als Executive Producer fungiert hat. Also sind Chiddy und ich zur Release-Party gefahren und standen dort irgendwann neben Jay-Z und Kanye West herum – viel cooler kann es fast nicht mehr werden.

 

Text: Daniel Schieferdecker

 

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