»Ich feier’ vieles von der neuen Generation voll ab« – Jan Delay vs. The Beats // Feature

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Jan Delay hat mit »Earth, Wind & Feiern« sein fünftes Soloalbum veröffentlicht und setzt seine Reise quer über Genregrenzen fort. Irgendwo zwischen Wurzeln im HipHop finden Inspirationen aus Soul, Pop, Reggae und Ska ihren Platz und fügen sich zu einem vielseitigen Gesamtwerk zusammen, das vor allem gute Laune in schlechten Zeiten vermittelt. Wir haben uns mit Jan Delay zu einer digitalen Ausgabe von »vs. The Beats« verabredet und Hamburger HipHop-Geschichte, Partysongs und politischen Rap angehört.

Team Eimsbush – 2,4,6,8 MCs (2003)

Das ist vom Team Eimsbush-Sampler. Aber ist das jetzt ein Simon Vegas (Name nachgucken)-Beat oder ein Tropf-Beat?

Das habe ich nicht mal nachgeguckt.
Es hört sich schwer nach Simon Vegas an, das war genau seine Zeit. Auf jeden Fall ein starker Beat und starke Raps. Es ist schön, das zu hören. Ich habe den Songs schon lange nicht mehr angemacht.

Beim Suchen von Videos bin ich hier auf einen alten Mitschnitt von Viva gestoßen. Das fand ich alleine schon deshalb ein schönes Relikt und eine Erinnerung daran, wie sich die Wege der Popkultur verändert haben. Du erwähnst das Vergangene auch auf deinem neuen Song »Gestern« und generell gibt es wenige MCs, die so viele Jahre im Rapgame erfolgreich mitgemacht haben.
Das stimmt. Der Song steht aber auch für eine Zeit, wo sich Sachen bei Eimsbush verändert haben. Das war eine Zeit, wo sich innerhalb der HipHop-Szene alles verändert hat, wo Eimsbush nicht mehr das war, was es am Anfang war – nämlich die Plattform für uns als Beginner, für Dynamite Deluxe, für Sam, für Bo, eben die ganzen Zirkel für die Tapes. Da war Eimsbush schon ein richtiges Label, man hatte Angestellte und musste Songs rausbringen. Das kam oft nicht mehr aus dem Herz, sondern aufgrund der Tatsache, dass man Rapper ist und eben etwas rausbringen muss. Da ist eine Maschinerie, die bedient werden muss, damit sie läuft. Ich finde ab dem Moment fängt es an, weniger zu elektrisieren.

Im Sinne von weniger Spaß, weil zu viel Bürokratie?
Ja genau. Ich finde, dass die Tracks dann auch weniger elektrisieren. Rapper wie B-Low oder Illo sind super derbe Rapper, keine Frage. Aber wenn man das hört, egal ob diesen Song oder das ganze Eimsbush-Album, und dagegen ihre ersten Maxis hört, dann merkst du, was ich damit gemeint habe. Ihre ersten Maxis kommen aus dem Herzen, das ist ihr Ding, wo sie sich alles überlegt haben. Dieser Sampler war dann nach dem Motto »Ich muss ja noch eine Strophe für diesen Song schreiben.« Das ist der Unterschied. Aber das ist bei HipHop immer der Werdegang und dann kommt eine neue Zeit. Meistens wird die neue Zeit von denen eingeläutet, die ihre erste Veröffentlichung raushauen, wo sie alles reinlegen. Ab dem Moment, wo das dann für diese Leute der normale Job und die Routine wird, ist wieder eine Zeitenwende, weil es langweilig wird. Dann kommen die nächsten neuen Rapper und so löst sich das im HipHop seit 40-50 Jahren ab. Es ist schön, dass es so ist.

Wie hast du es dann geschafft, über mehrere dieser Episoden ein relevanter Teil der Szene zu bleiben?
Weil ich ein aufgeschlossener Mensch bin und vieles vom Sound der neuen Generationen voll abfeier‘. Wenn ich das mag, kann ich mit voller Begeisterung sagen, dass ich das auch ausprobieren will. Ich komme ja daher, warum soll ich das nicht machen, nur weil ich 40 bin? Ich probiere mich aus und nutze Sachen wie Autotune, was einfach Spaß macht. Dadurch merken die anderen, dass ich Spaß habe und diese Energie kann überspringen. Dadurch kann ich mich vielleicht länger halten als andere, die sich dem neuen Kram  verschließen. Die finden dann, dass alles Bumm-Tschak, Bumm-Tschak sein soll und wollen keine Trap-Hi-Hats hören. Ich dagegen liebe Trap-Hi-Hats, ich fand die auch schon 1999 toll, als sie die in den Südstaaten hatten. Da hat es hier nur niemanden interessiert.

Samy Deluxe feat. Illo, Dendemann, Nico Suave – Session (2001)

Ich habe hier auch nochmal Illo mit rein genommen, weil Audio88 auf seinem letzten Album mit Yassin gerappt hat, dass Illo für ihn eine Legende ist.
Krass. Ich feier‘ Audio88 voll. Ich hätte gedacht, dass er eine positive Erwähnung von Illo maximal ironisch meint. In dem Sinne wie es K.I.Z auf ihrem fantastischen Album gemacht haben, wo sie diesen Rap-Stil verarschen. Aber wenn er das ernst meint, finde ich das top! Illo ist halt einfach ein Homie. Seine erste Strophe war auf K2, das war sein erster Rap und der war krass. Wenn deine erste Strophe so klingt und du so mit allen mithalten kannst, dann ist das einfach »Wow«.

Beginner feat. Gentlemam, Gzuz – Ahnma (2016)

Was hat das damals für euch bedeutet, Hamburg wieder auf die Karte zu setzen? Beziehungsweise warum war das nötig?
Weil wir HipHopper und Lokalpatrioten sind. So ein Satz ist am Ende des Tages ein bisschen wie der Satz, den ich im Intro des aktuellen Albums sage: »Auch nach der Rockplatte, auf die keiner Bock hatte.« Das ist mit einem kleinen Grinsen gemeint, man ist ja auch selbstironisch. Ich liebe die Rockplatte ja und es gibt viele Leute, die sie lieben. Trotzdem weiß jede*r sofort, was ich meine, wenn ich das sage. So ist es auch mit der Hamburg-Line. Natürlich denken wir nicht, dass Hamburg die letzten zehn Jahre am Arsch war und wir jetzt unbedingt etwas dafür tun müssen, damit wieder etwas geht. Aber jede*r, der oder die das hört, weiß, dass es mal eine andere Zeit gab und sehr lange eine andere Stadt, beziehungsweise mehrere Städte, regiert haben. Da denkt man als Rapper mit Selbstvertrauen eben »Jo komm‘, jetzt sind wir mal wieder dran.« Mir war es viel wichtiger, die Line auf der Platte unterzubringen, dass jeder »Digga« sagt.

Hast du dort das Gefühl, dass Hamburger Kulturgut seinen Weg über die regionalen Grenzen gefunden hat?
Ja. Aber das finde ich völlig cool. Es ist nicht so, dass ich das doof finde und dann meckere: »Hey, das sagen nur wir.« Aber in dem Moment, wo alle das sagen –  vor allem auch Leute, die gerne schlecht über Hamburg geredet haben -, wollte ich nochmal darauf hinweisen, dass sich diese Leute unserer Sprache bedienen, auch wenn sie Hamburg früher gedisst haben. Die Line ist dafür da, sie einfach nochmal daran zu erinnern.

Als Features waren Gentleman und Gzuz dabei. Würdest du heute nochmal einen Song mit Gzuz machen?
Ich habe ihn damals aus musikalischen Gründen gefragt und fand das super. Deshalb würde ich ihn heute auch aus musikalischen Gründen fragen. Du spielst wahrscheinlich auf die andere Ebene an.

Genau.
Auf diese Ebene kann ich mich nicht einlassen, weil er einfach ein Homie von mir ist. Ich habe keinen Bock, darüber zu reden. Ich kann voll verstehen, wenn man viele Dinge scheiße findet, die er getan oder gesagt hat. Das sollen die Leute ruhig scheiße finden, das will ich ihnen nicht ausreden. Aber ich selber halte mich da bedeckt. Das sind viele Dinge, die ich mit ihm selbst klären müsste. Aber das passiert nicht in der Öffentlichkeit.

Im zweiten Teil erklärt Jan Delay, warum man Deichkind nicht haten kann und wieso er sich linken Rap im Range Rover wünscht.

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