»Es kann schon sein, dass Will.I.Am irgendwann meinen Style bitet« // Hudson Mohawke im Interview

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Mit 15 Jahren stand DJ Itchy als jüngster Teilnehmer aller Zeiten im britischen DMC-Finale. Nachdem der Schotte sich ein paar Jahre später vom Turntablism ab und dem Produzieren zuwandte, wurde er von Fans und Kritik schnell als absolute Offenbarung im Bereich der innovativ gebrochenen Beats gefeiert. Als 21-Jähriger unterschrieb er einen Plattenvertrag beim Veteranenlabel Warp, wo dieser Tage sein heiß ­erwartetes Debütalbum »Butter« erscheint. Doch von Arroganz oder Überheblichkeit ist bei Hudson Mohawke genauso wenig zu spüren wie von ­Zufriedenheit. Nach seinem Debütalbum will er auch auf Major-Ebene aktiv werden, diverse R&B-Schwergewichte haben offenbar bereits angeklopft. Ausgeruht wird später.

Deine Musik wurde schon als Wonky, GlitchHop, Aqua­crunk, Street Bass oder ­Fantasy Metal bezeichnet. Ich weiß, dass du solche Begriffe nicht magst. Für wie passend hältst du einen ­Vergleich mit Jazz?
Ich bin zwar durchaus ein Fan von Jazzmusik, kenne aber außer den üblichen Verdächtigen wie John Coltrane oder Miles Davis zu wenig, um darüber eine fundierte Aussage treffen zu können. Ich bin beeinflusst von Freejazz, aber noch bedeutender war für mich der Sound, der nach der Entwicklung zu Fusion Jazz entstand. Die ­Synkopierung der Drums, aber auch, wie sich von einem Takt auf den ­anderen plötzlich die ­Vorzeichen und Tonarten ändern.

Die ersten Releases bewegten sich noch deutlich in der ­klassischen HipHop-Tradition. Wie kam dann der Wandel zu ­deinem aktuellen Sound?
Wir wollten eigentlich nicht, dass der Eindruck eines radikalen Umbruches entsteht. Viele finden ja meine Musik heute zu experimentell, aber ich selbst höre mir einen alten Premo-Beat an und stelle da große Ähnlichkeiten fest. Ich produziere auch immer noch viele klassische BoomBap-Beats, die habe ich bisher nur nicht veröffentlicht. Am liebsten würde ich ein ganzes Album mit meinen Lieblings-MCs machen. Freeway und Jadakiss würde ich gerne dafür gewinnen, ich würde aber auch gerne mal mit gewissen R&B-Künstlern arbeiten. Was macht beispielsweise Tweet? Hoffentlich kann ich sie irgendwo ­ausgraben.

Wie wichtig ist deine Vergangenheit als ­Turntablist für die Art und Weise, wie du heute produzierst?
Das ist vielleicht sogar der wichtigste Einfluss für meinen Werdegang. Einige DJ-Techniken sind direkt in meinen Produktionsstil übergegangen. Ich pitche die Samples beispielsweise sehr gerne hoch. Ich habe als DJ auch kein Stück länger als eine Minute auf dem Plattenteller gelassen, damit war mir die maximale Aufmerksamkeit meiner Zuhörer garantiert. Dieser Ansatz findet sich in meinem Umgang mit Samples wieder.

Auf deinem Album sind aber keine Cuts.
Doch, aber ich habe sie so bearbeitet, dass es dir nicht auffällt. Hör dir mal »Rising 4« an, da sind welche drauf, aber man bemerkt es nicht. Ich habe da ganz ­verschiedene Methoden entwickelt. Mir geht es darum, dass sich die Cuts musikalisch in die Tracks einfügen.

Als ich deine Musik einem befreundeten ­bildenden Künstler vorgespielt habe, erinnerte ihn deine Musik an eine Kollagen-Technik, bei der man ein Bild in viele Einzelteile zerreißt und dann neu ­zusammensetzt.
Das beschreibt meine Produktionsweise zu 100 ­Prozent. Was du in meinen Tracks hörst, hat im ­Normalfall kaum mehr etwas mit dem Original-­Sample zu tun. Ich zerhacke meine Samples in winzige Stücke und versuche dann, den Ausgangs­track neu zu kreieren. Dabei entsteht automatisch ein neues Stück. Genau das ist mein Ziel: Musik zu kreieren, die zwar einerseits den Geist des Originals transportiert, zugleich aber völlig neu klingt.

Gibt es jemanden, der deine Samples schon mal identifiziert hat?
Bisher lagen alle Vermutungen falsch. Viele ­glauben, dass ich Don Blackman oder David Axelrod ­samplen würde, aber ich gehe nicht mal annähernd in diese Richtung.

Im Waschzettel heißt es, dass das Album dein “wahres Ich” zeigen werde. Wie ist das zu ­verstehen?
Das ist vielleicht etwas zu hoch gegriffen. Die LP zeigt halt die ganze Bandbreite meines Produktionsvermögens. Ich habe zwar immer noch das Gefühl, mein Potenzial nicht vollständig ausgeschöpft zu haben und am Ende meiner stilistischen Reise angekommen zu sein, aber vorerst ist es genau das Bild, was ich zeigen wollte.

Dein Stück »Star Crackout« ist ein gutes ­Beispiel dafür, wie ein Produzent seine ­Zuhörer kontrollieren kann und ihnen immer einen Schritt voraus ist. Du unterbrichst ­immer ­wieder den Melodieverlauf des tragenden ­Vocal-Samples und sabotierst dadurch den ­gewohnten Hörfluss.
Das sagen viele, aber ich mache das nicht ­bewusst. Als ich an diesem Track gearbeitet habe, habe ich zu keinem Zeitpunkt an den Zuhörer gedacht. ­Damals war ich sehr an Folk interessiert und habe daher Künstler wie Four Tet gehört. Auf einer ­schottischen Platte fand ich dieses Sample, und so entstand dann ganz automatisch dieser Song.

Aber deine DJ-Sets oder R&B-Remixes könnten den Eindruck hinterlassen, dass du die Leute gerne an der Nase herumführst.
Da hast du nicht ganz Unrecht. Als DJ fordere ich die Menschen gerne heraus. Auf der einen Seite bediene ich das ­Verlangen der Zuhörer nach Bewährtem, aber im nächsten Augenblick zeige ich ihnen etwas Spannendes und Außergewöhnliches. Manche spielen ja nur einen Banger nach dem anderen, aber ich habe mich für eine Mischung entschieden und glaube, dass man mit so einer Strategie langfristig mehr ­Erfolg haben kann.

Ist es richtig, dass du auch im Alltag ständig Sounds aufnimmst?
Ja, früher hatte ich ein kleines Aufnahmegerät, heute habe ich in meinem Handy eine Aufnahmefunktion. Oft nehme ich unterwegs Geräusche auf der Straße auf, beispielsweise Ampeln. Aber ich mache das nicht, um auf Teufel komm raus experimentell zu sein. Mir geht es darum, Alltagsgeräusche zu finden, die sich musikalisch verwerten lassen, z.B. aus dem Zuknallen einer Autotür eine Snare zu basteln.

Mit Dimlite und Dorian Concept gibt es in Eu­ropa zwei Produzenten, denen man einen ähnlich innovativen Sound zuspricht wie dir. In Amerika gibt es noch das Brainfeeder-Kollektiv um Flying Lotus. Wie sieht euer Verhältnis aus?
Dimlite war für mich ein großer Einfluss. Er war immer seiner Zeit voraus. Die anderen Jungs zähle ich zur gleichen Schule wie mich. Ich bin mit ihnen mehr oder weniger gut befreundet, weil wir bei den gleichen Shows auflegen und mit den gleichen Leuten herumhängen. Letzte Woche war ich in L.A. und habe Flying Lotus in seinem neuen Haus besucht, Dorian Concept und Gaslamp Killer waren auch da. Wir sind ein Movement, und auch wenn es Unterschiede zwischen unseren Styles gibt, ko­operieren wir viel untereinander und lernen voneinander.

Wie erklärst du dir, dass verschiedene Leute an verschiedenen Orten auf einen ähnlichen Sound­Entwurf kommen?
Ich denke, das liegt an unserer musikalischen Sozialisation, die uns alle verbindet. Außerdem haben wir alle den Versuch unternommen, aus den gewohnten Mustern auszubrechen, und sind dabei einen ähnlichen Weg gegangen. Wenn du dir hingegen diese Produzenten ansiehst, die sich deutlich auf J Dilla beziehen, dann wird dir schnell auffallen, dass deren Produktionen nie die Bandbreite von Dillas Sound haben. Dilla war nicht auf einen Style limitiert, auch wenn er zumeist für einen Style gefeiert wird. Seine Epigonen sind leider oft auf einen einzigen Stil beschränkt. Das sind für mich keine ­Produzenten im weiteren Sinne.

Auch ehemals innovative Produzenten wie Timbaland machen heute langweilige Durchschnittsware. Hast du Angst davor, in einem Jahr als ausrangiert zu gelten, weil sich die Leute an ­deinen Beats totgehört haben?
Diese Angst habe ich wirklich. Ich trage sie schon lange mit mir herum und beschäftige mich viel damit. Ich glaube, manchmal bin ich sogar zu ängstlich. Ich muss ständig in Bewegung bleiben, das ist mein Weg. Und auf der neuen Jay-Z-Platte klingen zwar die Timbo-Tracks nach Drei-Minuten-Schnellschüssen, aber die No I.D.-Tracks sind dafür der Hammer.

Was hältst du von der Entwicklung, dass Major-Bands wie die Black Eyed Peas offensichtlich genau beobachten, was sich im Untergrund tut, um jeden Trend sofort mainstreamtauglich zu adaptieren?
Es kann schon sein, dass Will.I.Am irgendwann meinen Style bitet. Ich traue ihm das zu, aber deshalb versuche ich auch meinen Fuß möglichst schnell in die Tür zu bekommen, um solchen Entwicklungen vorzugreifen. Ich will nicht arrogant klingen, aber ich denke, dass ich auch auf einem höheren Level immer etwas Neues entwickeln könnte, was nicht gebitet werden kann. Zumindest wäre ich den Copycats immer einen Schritt voraus.

Text: Julian Gupta

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