»Früher musstest du es wirklich drauf haben, heute brauchst du einen Radiohit« // Freeway & Jake One im Interview

juice127_Freeway-Kopie

Hier haben sich zwei gefunden, die in der ­Zwischenwelt von Mainstream und Underground ihre Kreise gezogen haben: Freeway, die Reibeisenstimme mit Roc-A-Fame und stetigem Ohr auf der Straße und Jake One, der klassische ­Sampler aus dem HipHop-Brachland Seattle, der so problemlos wie zielstrebig seine Diskografie zwischen Brother Ali und Young Buck erweitert. Mit dem Kollaboalbum “The Stimulus Package” wollen Free und Jake den darbenden HipHop wieder auf die Beine bringen. Das Genre hat es bitter nötig, da ist man sich einig. Der Rettungsplan folgt dabei einem klassischen HipHop-Dogma: Es braucht nicht mehr als einen talentierten Produzenten und einen hungrigen MC, um im Genre Anerkennung und Erfolg zu ernten. Eines beweist das Duo mit der Veröffentlichung ohnehin: Wenn Cash Money-CEO Baby auf einem Release der Indie-Institution Rhymesayers auftaucht, fangen die Trennlinien zwischen Major und Indie endgültig an zu bröckeln.

Der MC: Freeway

Du feierst dieses Jahr dein zehnjähriges ­Jubiläum in der Musikindustrie. Wenn du dich an deine Anfänge erinnerst, gibt es ­irgendwelche Unterschiede?
Es war leidenschaftlicher damals. Die Leute waren mehr darauf bedacht, was sie sagen und wie sie es rüberbringen. Damals war es das Wichtigste, ein guter Lyricist zu sein. Ich musste mich viel mehr anstrengen als die Jungs heutzutage, um es zu ­schaffen. Früher musstest du es wirklich drauf ­haben, heute brauchst du einen Radiohit und du hast es geschafft.

Was ist deine beste Erinnerung an die ­vergangenen zehn Jahre?
Das Roc-A-Fella-Ding war auf jeden Fall die beste Zeit meines Lebens. Mit Jay rumzuhängen, auf Tour zu sein – das war definitiv das Beste.

Und was war das Schlimmste?
Klar hat mich die Trennung dann richtig mitgenommen. Aber was meine Karriere angeht, kann ich mich nicht beschweren. Für alles, was passiert oder eben nicht passiert ist, bin ich allein verantwortlich. Mittlerweile bin ich klüger und weiß, dass ich meine Karriere selbst in die Hand nehmen muss. Mir ist jetzt klar, dass ich nicht darauf warten kann, bis mir irgendjemand irgendeinen Gefallen tut.

Unterscheidest du da zwischen dir als Künstler und als Mensch?
Du weißt ja, ich bin Moslem und eigentlich sollte ich gar keine Musik machen. Das ist der große Kampf, dem ich mich persönlich immer wieder stellen muss. Als Künstler versuche ich aber immer meine Musik ehrlich und authentisch zu halten und den Zuhörern immer die zwei Seiten zu zeigen. Wenn ich von etwas Negativem spreche, gibt es dazu auch immer das Positive. Ich bin ein “Reality Rapper” – ich rappe über das, was ich sehe und was mich umgibt. ­Außerdem treibt mich mein Glauben daran an, dass ich sehr gut in dem bin, was ich tue.

Wie wichtig ist es dir dabei, erfolgreich zu sein?
Sehr wichtig. Wie du gesagt hast, ich bin seit zehn Jahren dabei. Mittlerweile ist es für mich zu spät, das Handtuch zu werfen. Mein Vermächtnis steht auf dem Spiel.

Loyalität spielte in deiner Karriere immer eine große Rolle.
Ja, Loyalität ist mir sehr wichtig. Das gilt sowohl für meine Karriere als auch mein Leben. Man sollte immer loyal zu den Leuten sein, die einen umgeben. Es ist eine gute Eigenschaft und das einzig Richtige. Es liegt in der Natur des Menschen, loyal zu sein.

Hat dich deine Loyalität jemals in Schwierigkeiten gebracht?
Ja, ab und zu schon. Nicht Großes, über das ich mich beschweren könnte. Ich war immer in der Lage, Missverständnisse aus dem Weg zu räumen.

Vielleicht ahnst du, worauf ich hinaus will. Was war dein erster Gedanke, als du mitbekommen hast, dass Beanie Sigel in Richtung Jay-Z ­geschossen hat?
Ich habe einen sehr guten Kontakt zu Beanie. Deswegen wusste ich auch, dass da was im Busch ist. Er hat getan, was er tun wollte. Er hat seinen eigenen Kopf, er ist ein erwachsener Mann. Er wusste genau, was er da tat. Er hat mir auch gesagt, was er vorhat. Aber das war eigentlich nicht so ein großes Ding. Natürlich ist es ein großes Ding ­zwischen Jay und ihm, aber nicht für mich. Ich stehe Beans nahe und ich stehe Jay nahe. Aber letztendlich habe ich meinen eigenen Kopf. Ich werde zu Beanie stehen, egal was kommt.

Beide Seiten akzeptieren also deine Meinung?
Soweit ich weiß: ja. Mit Jay spreche ich nicht so oft, aber bei unserem letzten Kontakt war alles gut. ­Beans und ich sind und bleiben ohnehin Brüder.

Eine Zeit lang gab es dieses Gerücht, dass du bei G Unit unterschreibst. Lag diese Option ­eigentlich jemals auf dem Tisch?
Nein. Auf meinem letzten Album “Free At Last” sollten Jay-Z und 50 Cent eigentlich beide Executive Producer sein. Das hat aber nicht geklappt. Und daher kamen auch die ganzen Gerüchte mit G Unit. 50 und ich verstehen uns super. Er ist einer von den Guten. Aber ein Deal stand nie zur Debatte, wir ­haben lediglich zusammengearbeitet.

Dann gab es dieses Album “Streetz Is Mine”, das RBC Records ohne dein Einverständnis veröffentlicht haben.
Das waren einfach ein paar Leute, die mit mir ­eigentlich nur ein Mixtape machen wollten. Wir sind aber nicht auf einen Nenner gekommen, weil da ­einiges hinter meinem Rücken gelaufen ist. Ich habe da nie einen Vertrag unterschrieben, aber sie ­haben behauptet, sie hätten einen Vertrag. Ich war einfach ein wenig zu leichtsinnig. Das war das erste Mal, dass mir so was passiert ist. Es war auf jeden Fall übel, aber wir haben das durchgestanden.

“The Stimulus Package” erscheint nun bei der Indie-Institution Rhymesayers. Unterscheidest du als Künstler, ob du mit einem Label wie Rhymesayers zusammenarbeitest oder mit Roc-A-Fella?
Eigentlich macht es keinen großen Unterschied. Ich mache das Gleiche bei Rhymesayers, was ich auch bei Roc-A-Fella gemacht habe. Beides läuft sehr professionell ab. Der größte Unterschied ist, dass wir mittlerweile in einer ganz anderen Zeit leben. Schon beim letzten Album, das auf Def Jam erschienen ist, hatte ich wegen der Trennung von ­Roc-A-Fella nicht die volle Unterstützung des Labels. Bei Roc-A-Fella hatten wir unsere eigenen Büros, unser eigenes Marketing-Team. Ich kannte alle, die dort gearbeitet haben. Nach der Trennung kannte ich bei Def Jam keine Sau. Ich wusste nicht, an wen ich mich wenden sollte, als ich merkte, dass ich keinen Rückhalt hatte. Aber so läuft das ­Business eben.

Ein Baby-Feature auf einem Rhymesayers-­Album hätten sich viele niemals vorstellen können.
Mann, ich weiß. So was können wir eben aus dem Hut ziehen. Ich war mit Baby in Miami im Studio und wir haben den Song aufgenommen. Er ist richtig gut geworden. Baby hatte kein Problem damit, dass wir den Song aufs Album packen und jetzt machen wir eben ein wenig Welle. (lacht)

Die Zusammenarbeit mit Rhymesayers geht nur über ein Album?
Ja. Ein Album von Freeway und Jake One, das HipHop gut tun wird. Ich freue mich darauf, meine ­Fangemeinde zu erweitern. Ich glaube, die Rhymesayers-Fans passen richtig gut zu mir.

Fühlst du bei Rhymesayers weniger Druck, kommerziell erfolgreich zu sein als sonst?
Ehrlich gesagt, mache ich mir beim Aufnehmen über so was überhaupt keine Gedanken. Ich gehe nicht in die Aufnahmekabine und denke: Das ist es jetzt meine Radiosingle und das ist für die Straßen. Ich nehme auf, was ich fühle.

Es gibt ja auch das Gerücht, dass du bei Cash Money Records unterschreiben wirst.
Ich habe dort noch nicht unterschrieben, aber wir haben darüber gesprochen. Die Option liegt auf ­jeden Fall auf dem Tisch. Wir werden sehen, ­vielleicht Mitte des Jahres, was daraus wird.

Kannst du eigentlich die Reaktionen auf die Möglichkeit, dass Freeway bei Cash Money ­signt, nachvollziehen?
Ich glaube, es würde HipHop richtig gut tun. Cash Money haben gerade einen Lauf. Sie machen richtig gute Musik, und ich glaube, ich könnte ihnen auf jeden Fall eine neue Facette geben. Etwas, das sie normalerweise nicht machen würden. Und genauso könnten sie mir sicher eine neue Facette geben, die man von mir nicht kennt. Wir werden sehen.

Jetzt erzähl mir bitte noch von der Zusammenarbeit mit Jake One. Was macht ihn aus?
Oh Mann, Jake ist unglaublich. So eine gute Chemie hatte ich mit einem Produzenten nicht mehr, seit ich mit Just Blaze im Studio war. Es ist die gleiche Art von Chemie. Er schickt mir einen Ordner mit Beats, und nach einer Woche habe ich über jeden einzelnen Beat gerappt, weil der Vibe einfach stimmt. Seine Musik ist genau das, was ich brauche. Wir haben bereits acht neue Tracks für mein nächstes Album aufgenommen. Mit manchen Produzenten arbeitest du einfach nur und machst zwei, drei Songs. Aber dann gibt es eben diese Produzenten, mit denen du einen Track nach dem anderen machen kannst. So geht es mir mit Just Blaze – und mit Jake One.

Der Produzent: Jake One

Wie ist es dazu gekommen, dass du mit Freeway ein ganzes Album aufnimmst?
Den ersten Kontakt gab es, weil ich ihn auf meinem Album “White Van Music” haben wollte. Ich habe sein Management kontaktiert, ein paar Beats geschickt und einer davon landete auf seinem letzten Album “Free At Last” auf Def Jam [“It’s Over”, Anm. d. Verf.]. Irgendwann haben wir es dann geschafft, uns mal persönlich zu treffen. Er war gerade dabei, seine neue Platte aufzunehmen und wollte Beats von mir. Auf jeden Beat, dem ich ihm schickte, hat er aufgenommen. Irgendwann hatten wir dann die Idee, ein ganzes Projekt gemeinsam zu machen, weil fast alle Beats seines geplanten neuen Albums von mir waren. Mir war auch schnell klar, dass es besser für uns beide wäre, wenn wir es independent veröffentlichen. Du kannst so einfach viel mehr ­verwirklichen als auf Major-Ebene.

Du hast ihn also zu Rhymesayers gebracht?
Ja. Ich bin mir nicht mal sicher, ob er Rhyme­sayers überhaupt kannte. Er hat sie ständig “Rhyme­slayers” genannt. (lacht) Aber die Leute dort waren schon große Fans von ihm. Es war eine gute Möglichkeit, mit dem Label in eine andere Richtung zu gehen. Wir konnten ihnen ja schon ein paar Songs zeigen, die ihnen auf Anhieb gefallen haben. Es hat einfach gut gepasst – ich als Teil des Teams übernehme die ganze Produktion. Natürlich ist es ein Experiment. Aber man sieht immer mehr Leute, die eigentlich auf einem Major sind, immer noch einen Haufen Fans haben, aber keine Platten mehr verkaufen. Gut, keine Sau verkauft mehr Platten. Aber diese Leute haben immer noch eine erfolgreiche Karriere und machen eben jetzt auf eigene Faust die Musik, die ihnen gefällt.

Hast du das Gefühl, dass du den Freeway bekommen hast, den du wolltest?
Auf jeden Fall. Und das hat mich ehrlich überrascht. Ich kannte ihn ja anfangs gar nicht. Aber in den letzten eineinhalb Jahren sind wir recht enge Freunde ­geworden. Ich hätte niemals gedacht, dass er so offen ist. Wenn es etwas gab, mit dem ich nicht so zufrieden war, hat er es noch mal neu aufgenommen oder war zumindest offen für Verbesserungsvorschläge. Das macht das Album auch so gut. Es ist ein Kollaborationsalbum. Er hätte so etwas nicht alleine gemacht und ich hätte so etwas auch nicht alleine auf die Beine stellen können.

Hast du denn speziell für ihn produziert?
Bei ein paar Beats hatte ich ihn auf jeden Fall im Hinterkopf. Auf “Microphone Killa” wollte ich ihn zum Beispiel richtig aus der Reserve locken. Bei einigen Tracks hab ich ihm auch nur eine Idee ­geschickt und dann einfach um seine Raps herum weiterproduziert.

Hast du wieder mit Live-Musikern wie auf “White Van Music” gearbeitet?
Ja, und zwar wieder mit den gleichen Musikern. Das Gute war diesmal, dass es nur eine Stimme gab. So ist es ein richtiges Album geworden, weil es wirklich schwierig ist, ein kohärentes Album mit verschiedenen Rappern zu machen. Wir haben auch genau die Gäste bekommen, die wir wollten. Sie passen zu den jeweiligen Songs. Wir haben niemanden nur wegen des Namens genommen. Wir hatten sogar ein paar Kollaborationen mit großen Namen, die dann aber einfach nicht zur Platte gepasst haben und daher nicht drauf gelandet sind. Das Album ist zu tausend Prozent HipHop geworden.

Es ist auf jeden Fall verrückt, Baby auf einem Rhymesayers-Album zu hören.
(lacht) Ja. Als er mir erzählt hat, dass er mit Baby ins Studio geht, hab ich nur gefragt: Welcher Baby? Ich hatte ihn gar nicht auf dem Schirm. Ich dachte mir nur: Scheiße, Baby rappt auf einen meiner Beats. Erst war ich ein wenig skeptisch, ob das überhaupt Sinn macht, aber der Track ist super geworden.

Wie haben denn die Rhymesayers-Leute reagiert, als du ihnen von Baby erzählt hast?
Die fanden das in erster Linie interessant. Sie konnten auch gar nicht glauben, dass sie einen Baby-Song rausbringen. (lacht) Sie hatten aber überhaupt nichts dagegen. Sie wollten den Song erstmal hören. Meinem Chef geht es in erster Linie darum, wie ein Song klingt und nicht wer drauf ist. Er würde, glaube ich, sogar MC Hammer auf ein Album ­nehmen, wenn ihm gefallen würde, was Hammer abliefert.

Der Baby-Song hat auch diese typischen 808-Synthiedrums. War das Absicht?
Der Beat ist relativ alt. Den hab ich gemacht, als T.I. so erfolgreich mit seinem DJ Toomp-Sound war. Ich konnte ewig lang nichts mit dem Beat anfangen, aber als Freeway anrief und sagte, er ist mit Baby im Studio, wusste ich, dass ich ihn rausholen muss. Aber wenn ich so einen Beat mache, dann klingt er immer noch irgendwie oldschool. Wenn ich mit der 808 arbeite, muss ich eben immer eher an Mantronix oder diesen Techno-Hop-Scheiß denken.

Ist der Süden denn einer deiner Einflüsse?
Ich stehe schon auf den Mittneunziger-Sound aus dem Süden, den ganzen Rap-A-Lot-Kram. Ich ­feiere auch den 808-Sound, aber er wird halt ­schnell monoton. Shawty Redd hat ja diese Keyboard-­Symphonie-Hymnen populär gemacht. Aber irgendwie war dieser Style einfach zu leicht nachzu­machen. Und als irgendwann alle anderen genau gleich klangen, hab ich das Interesse verloren. Deswegen vermische ich gerne die 808 mit ­Samples. Ich stehe total darauf, wie DJ Paul und Juicy J, Mannie Fresh oder eben auch Pimp C das machen. Aber ich höre mir den Kram eher als Fan an, als dass ich selbst solche Beats produziere.

Was inspiriert dich außerdem?
Eigentlich alles. Als ich “Microphone Killa” produziert habe, hörte ich die ganze Zeit Ice Cubes ­“AmeriKKKa’s Most Wanted”. Diesen Bomb Squad-Vibe wollte ich auch schaffen, diese chaotischen Beats aus vielen verschiedenen Samples. Ehrlich gesagt, höre ich mir eher die alten Sachen an. Von den aktuellen Sachen gefällt mir Rick Ross’ letztes Album ziemlich gut. Die Beats sind der Hammer.

Liegt es zum Teil auch an Seattle, dass du so unterschiedliche Inspirationsquellen hast?
Hier gab es halt nie wirklich was. Sir Mix-A-Lot ist das Größte, das wir hatten. Er ist aber auch zwei Generationen älter als ich. Ich hab als Kind Mix-A-Lot gehört, aber da hab ich noch keine Musik gemacht. Wir hatten hier nie einen speziellen Sound. Die Leute hier haben sich immer entweder an der Ostküste oder der Bay Area orientiert. Death Row war auch richtig groß. Ich persönlich baue Basslines wie an der Westküste und choppe ­Samples wie an der Ostküste.

Dir wird immer zugute gehalten, dass du den schmalen Grat zwischen Mainstream und ­Underground meisterst.
Das Lustige ist ja, dass ich eigentlich immer die gleichen Beats mache. (lacht) Es ist einfach nur so, dass ein Künstler einem Song eine ganz andere Richtung geben kann. Das perfekte Beispiel ist der Song “All Of Me” von 50 Cent und Mary J Blige. Der Beat war eigentlich für Brother Ali bestimmt. Genau das ist ja auch das Gute an dem Album mit Freeway: Freeway gilt als Mainstream-Rapper, aber für mich repräsentiert er den Style und die Herangehensweise eines Underground-­Künstlers.

Text & Interviews: Alex Engelen

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here