»Ich will nicht unbedingt ‚trans*‘ sein, ich will ein Dude sein, that’s it« // Mavi Phoenix im Interview

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Du spielst bei »Boys Toys« mit verschiedenen Männlichkeitsbildern. Wenn man sich öffentlich als trans*identitäre Person ausgibt, wird einem schnell gerne eine repräsentative Rolle oder Vorbildfunktion aufgedrückt. Wie gehst du damit um?

Stressig. (lacht) Ey, am Ende des Tages will ich einfach nur mein Leben leben. Ich will am Ende auch gar nicht so viel darüber reden, weil es mich irgendwie unrund macht und es ja auch ermüdet, immer alles hundert Mal durchzukauen. Man kann die Dinge ja auch annehmen, wie sie sind. Ich will ja gar nicht unbedingt »trans*« sein. Ich will ein Dude sein, that’s it. Andererseits verstehe ich natürlich auch, dass du in der Öffentlichkeit in so eine Ecke geschoben wirst. Meine Fans gehen damit aber zum Beispiel cool um und geben selbst Sachen von sich preis. Wir sollten alle mehr miteinander reden. Ein Vorbild zu sein, ist für mich auch eine viel zu große Bürde. Ich mache Fehler, ich werde sicher auch mal etwas machen, wo sich vielleicht viele aufregen. Ich will kein Vorbild sein.

Du könntest ja eine Form von Orientierungshilfe sein für Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Vielleicht auch einfach, um diese Furcht davor zu nehmen, ein Leben in Tragödie zu leben, wie du es vorhin beschrieben hast.

Das wäre nice! Das wäre eine Ehre.

Nimmst du Einsamkeit als Problem war?

Nein, ich mag alleine sein. Manchmal ist es vielleicht ein bisschen zu viel. Aber ich brauche regelmäßig Zeit für mich, um alles auch Revue passieren zu lassen. Aber, wie alles im Leben, geht es um Maßhaltigkeit. Es ist schon auch wichtig, soziale Kontakte zu haben. Durch meine Arbeit laufe ich aber nicht so sehr Gefahr, mich komplett zu verkriechen. Ich bin ständig umgeben von Leuten. Dadurch freue ich mich eher, mal alleine zu sein.

Du produzierst nach wie vor auch eigene Beats. Welche Funktion hat das produzieren für dich?

Ich produziere mit Ableton, angefangen habe ich allerdings mit GarageBand. Ich bin leider in letzter Zeit nicht mehr so oft dazugekommen, zu produzieren, weil von mir mittlerweile auch andere Dinge erwartet werden und ich dann eher den Text zu Ende schreiben muss, bevor ich einen Beat anfangen kann. Rap und Gesang sind auch nach wie vor meine Hauptfelder, ich nehme mich als Rapper, Songwriter und Sänger wahr, nicht als Producer. Auf dem Album habe ich aber auch oft Producer-Credits und war involviert ins Arrangement oder Vocal-Production.

»Ich habe den Eindruck, Autotune-Hate kommt eher von unmusikalische Leuten.«

Du arbeitest auch immer viel mit Stimmeneffekten. Wie nimmst du die immerwährende Diskussion über Autotune war?

Langweilt mich. Es ist für mich kein Kriterium, ob ein Song schlecht oder gut ist, wenn er Autotune hat. Ich habe auch den Eindruck, das sagen eher unmusikalische Leute, wenn sie einen Song ablehnen, auf dem jemand Autotune benutzt. Die verstehen Musik nicht. Ein Lied ist doch viel mehr als ein Effekt. Da geht es doch um Songwriting, Arrangement und Performance. Wenn dich der Klang stört, okay. Aber diese Haltung, das kategorisch auszuschließen, ist für mich eher eine Ausrede, für immer in seinem Indie-Rock-Ding zu bleiben und nichts anderes zuzulassen.

Autotune egalisiert die Frage nach Geschlecht ja eigentlich auch. Es entmenschlicht den Gesang, sagen manche.

Das stimmt ein bisschen. Das war auch ein Grund für mich, das immer wieder zu verwenden, weil ich meine Stimme dadurch stark verfremden und verformen kann. Teilweise habe ich meine Stimme auf manche Songs nicht wiedererkannt und es wirkte wie eine fremde Person. So habe ich eine Distanz dazu schaffen können, die mir am Ende wieder mehr Möglichkeit gab, mich mit dem Inhalt zu identifizieren.

Andersherum: Kommt dir sein Song ohne Autotune altbacken vor?

Nein, überhaupt nicht. Für mich war es voll erfrischend, einen Song wie »12 Inches« zu machen. Das ist ja voll die HipHop-Nummer, da hätte Autotune die Stimmung wohl eher kaputtgemacht. Das ist sehr real, raw und echt. Die Hook-Spur ist ja auch sehr simpel mit ein paar Takes gelayert. Das war so old school, ich fand das fresh. Bei »Family« war es genau dasselbe, wo ich die Gitarre eingespielt und nach den Aufnahmen der Vocals das Gefühl hatte, wir müssten es korrigieren, da ich etwas schief singe. Genau das war aber das Geile, weil es so nahbar wurde.

Fotos: Nils Müller

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