»Ich will nicht unbedingt ‚trans*‘ sein, ich will ein Dude sein, that’s it« // Mavi Phoenix im Interview

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Als österreichische R&B- und Pop-Hoffnung stieg Mavi Phoenix vor sechs Jahren mit den EPs »My Fault« und »Young Prophet« schnell zum Auskennerliebling und Geheimtipp auf. Sein eklektischer Mix aus Trap, Pop und Electronica und Mavis spielerische Vocal-Perfromances zwischen Autotune-Sing-A-Longs und versierten Flow-Abfahrten stieß auch schnell außerhalb der Alpenrepublik auf offene Ohren. Ende 2019 erschien dann die Single »Bullet In My Heart«, auf der der 24-Jährige zum ersten Mal darüber rappte, transidentiär zu sein. Eine Kahlschlagsanierung? Nicht ganz. Für die Öffentlichkeit mag sich sein Geschlecht geändert haben, die spielerischen Leichtigkeit aus astralem Synthie-Arrangements und offenherzigem Sing-Sang-Rap ist geblieben. Anfang April hat Mavi Phoenix sein Debütalbum »Boys Toys« veröffentlicht, auf dem der Linzer sein trans*-Mann-Sein intim, detailliert und schonungslos in der Öffentlichkeit thematisiert. Ein Gespräch über TikTok, Trolls und Tyler, The Creator.

Wie nimmst du es als Künstler*In wahr, nicht mehr an Labels, Magazine oder andere Gatekeepern vorbeikommen zu müssen, um releasen zu können und präsent zu sein?

Ich finde es schon irgendwie traurig, dass manche Printmedien wie zum Beispiel die JUICE aussterben. Aber man muss auch mal ehrlich sein: Wer kauft sich noch wirklich ein Magazin, selbst wenn du es gut und unterstützenswert findest? In meiner Schulzeit sind wir noch Bravo kaufen gegangen und auf dem Schulhof Dr. Sommer angeguckt, aber die Zeiten ja auch vorbei. Mein Bruder ist 14, den habe ich noch nie ein Magazin lesen sehen. Du kannst ja heute alles googlen.

Hast du da manchmal bedenken, er könne mit Sachen in Kontakt kommen, für die er u.U. zu jung ist?

Wir reden da nicht so drüber, ich kann mir das aber vorstellen. Ich bin ja auch recht früh ins Internet gekommen, so alt bin ich ja nun auch wieder nicht. Ich schätze, es liegt aber auch teilweise an dir, was du aus dieser Internet-Maschine rausholst. Ich habe zum Beispiel jetzt nicht so häufig komische Sachen gesehen, auch weil ich gar nicht danach gesucht habe. 

Du hast mal gesagt, Menschen neigen dazu, Personen des öffentlichen Lebens auf ein Podest zu stellen, ihnen auch Arroganz und Andersartigeit zu zuschreiben. Welche Bedeutung hat Fame für dich?

Fame hat für mich zwei verschiedene Paar Schuhe. Ich bin seit ein paar Monaten auf TikTok. Da gibt ein paar User, die superschnell super-fame werden. Dein Video hat zwei Millionen Likes binnen weniger Stunden, das ist völlig crazy. Aber das ist halt nicht echter Fame. Das wissen auch alle in der App. Du hast nach dem Video vielleicht viele Follower, aber außerhalb der App bist du immer noch unbekannt. Das erinnert mich an Drake, der auf »Life Is Good« rappt: »B*tch, this is fame, not clout«. Das meint genau diese Unterscheidung. Ein Internethype ist immer noch etwas anderes, als der richtige Fame, wie er im Buche steht. Old-School-Fame, wo man zum Beispiel auch zu Interviews eingeladen wird. Der Brad-Pitt-Jennifer-Aniston-Fame, wenn man so will (lacht). Für mich persönlich ist es aber viel wichtiger iconic Musik zu machen. Dinge, die einen Bestand haben. Bevor ich 50 TikToks poste, mache ich lieber Kunst. Ich glaube ja auch an meine Kunst. Ich möchte etwas mit Substanz machen.

»Ein Internethype ist immer noch etwas anderes, als der ‚richtige‘ Fame

Ist es denn eine Belastung für dich? Du bist auf Social Media sehr aktiv.

Ich glaube, es belastet mich nicht so sehr, wie es sich für andere Künstler*Innen und Bands darstellt. Das ist vermutlich auch eine Generationsfrage. Ich bin aber auch vom Typ her so, dass mir das Spaß macht. Ich filme einfach gerne und mache gern Stories, ich verspüre keinen Druck. Ich kenne aber auch die Phasen, wo man länger nichts gepostet hat und sich dann zwingen muss. Aber man muss sich da einfach den Druck nehmen, einfach machen. Das Internet ist das Internet, es hat seine eigenen Regeln.

»Boys Toys« ist vor circa einem Monat erschienen. Warum hast du dich für das Format Album entschieden?

Ich habe eine Weile geglaubt, dass ein Album nicht mehr zeitgemäß ist, das Format sei tot. Wenn man sich aber die Releases der letzten Jahre anschaut, habe ich das Gefühl, dass es wieder einen stärkere Rolle spielt. Nimm mal »Igor« oder »Astroworld«, das sind ja im Grunde genommen Playlists. Diese Playlists können abbilden, was der jeweilige Künstler in diesem Moment gemacht hat. Das interessiert doch eigentlich noch, man möchte ja wissen, was in dem Leben von deinem Lieblingskünstler los ist. Ich höre das aber persönlich auch gar nicht so stringent am Stück, sondern shuffle mich da so durch. Wenn ich dann bemerke, dass mir das Album gefällt, dann ist es doch eine Playlist. Ich habe auch nie selbst darauf hingefiebert, ein Album zu machen. Ich war immer mehr auf Singles konzentriert und daraus ergaben sich manchmal EPs, weil dort ja auch nicht zwingend ein roter Faden stattfinden muss. Das Trans*gender-Thema ist aber etwas, das mich aktuell sehr beschäftigt und daraus hat sich für »Boys Toys« automatisch ein roter Faden ergeben. Ich hatte schon sieben, acht Lieder zusammen und der Rest hat sich natürlich zusammengefügt. Auch bei der Tourplanung, dem Cover und den Videos ging das recht fix. 

Viele Künstler tun sich mit der Abgabe des Debüts schwer, gerade wenn es um die finalen Entscheidungen geht. Wie war das Ende der Produktionsphase für dich?

Der letzte Track, »Who I Am«, war auch der allerletzte Song, der überhaupt für das Album produziert wurde. Den haben wir zwei Wochen vor Abgabe noch recorded. Ich hatte einfach das Gefühl, auf dem Album fehlte noch ein Abschluss. Da darf man sich aber auch nicht zu sehr drängen. Ich hatte Songs, die zwei Jahre alt waren, die in meinem direkten Umfeld als potenzielle Hits angesehen wurden, von denen ist keiner auf dem Album gelandet. Das hatte auch natürlich die Hintergründe, dass es thematisch nicht passte oder einfach mir zu alt war. Dadurch hatte ich aber auch ein unbeschriebenes Blatt vor mir, das mir den Druck genommen hat, an diese potenziellen Hits anknüpfen zu müssen. Meine Frage war: Entweder mache ich ein Album, das ganz viel auf einmal will, oder ich mache ein Album, das sich einfach gut anfühlt. Es ist dann Zweiteres geworden, wir haben ja auch ein paar edgy Songs drauf und ein bisschen experimentiert wie »Player« oder »Choose Your Fighter«. Ich mag es aber auch, wenn sich ein Song, wie ein Hit anfühlt. Das ist trotz allem nice (lacht).

»Choose Your Fighter« ist generell für dich sehr ungewöhnlich im Vergleich zum bisherigen Output. Der Song ist recht aggressiv, ja sogar wütend.

Ich glaube, wütend zu sein, hat etwas extrem Befreiendes. Bei »Los Santos« hatte ich das ja schon ein bisschen gezeigt. Ich habe tatsächlich manchmal auch so was wie Aggressionsprobleme. Ich kann nicht so gut damit umgehen, wütend zu sein, das bringt mich an meine Grenzen und dann werde ich vielleicht sogar zu aggressiv. Gleichzeitig ist es ein total natürliches Gefühl, Wut ist eine sehr ursprüngliche Emotion. Ich finde es auch nicht schlimm, wütend zu sein. Das Wichtigste ist es, das auch mal raus zu lassen. Wenn du es immer versteckst, alles in dich hineinfrisst, nimmt das kein gutes Ende.

So wie auf »Scary Thoughts«.

Die Reihenfolge ist absichtlich. Bei »Scary Thoughts« ging es mir um das Hadern mit den eigenen Gefühlen und Gedanken. Wenn ich anfange über meine Emotionen mit jemandem zu sprechen, trage ich sie nach außen und sie werden ein Stück weit realer. Das ist manchmal scary, weshalb ich mich oft dazu entschließe, das für mich zu behalten. »Choose Your Fighter« ist im Anschluss die Antwort auf dieses Verhalten. Du kannst eben nicht alles in dich hineinfressen.

»Ich hatte Angst, durch meine Bekanntgabe trans zu sein, alles zu verlieren« – weiter geht’s auf Seite 2.

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