Interview: Haftbefehl

 

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Schon der Rap-Name des Offenbachers klingt zu sperrig, um ihn zu den anderen 08/15-Reimaufsagern in eine Schublade zu stecken, die das Game mit ihren Doppelreimeskapaden zu overtaken gedenken. Tatsächlich reichte Haftbefehl nur ein einziges Jahr, um mit seiner ­Kombination aus Koksticker-Flows, ­abgedrehtem ­Humor, ureigener Vortragsweise und unterhaltsamem Vokabular zum Hoffnungsträger aller Straßenrap-Fans zu werden. Mehr noch: So ziemlich jeder deutsche Rapper, Produzent, ­Journalist und Blogger ist derzeit von Hafts Osama-Flow fasziniert. Für alle, die ­deutschen Straßenrap am liebsten 6 ­Meter 90 tief in der Restmüllhalde der Subkulturen vergraben würden, ist Haftis Hype hingegen so schwer zu ertragen wie ein Tag am Offenbacher Marktplatz. Doch wenn man es gut und eigen macht, lässt sich eben auch ein totgesagtes Genre wiederbeleben.

 

Du bist im letzten Jahr zum ersten Mal als MC einem größeren Publikum aufgefallen. Aber mit Rap kamst du doch sicher schon früher in Berührung.
Ja, das fing Mitte der Neunziger an. Mein älterer Bruder hat damals ohne Ende Rapalben nach Hause gebracht. Wir hörten vor allem New Yorker Hardcore-Shit wie Biggie. Als ich 18 war, habe ich angefangen, selbst Texte zu schreiben. Zu dem Zeitpunkt lebte ich in Istanbul. Kurze Zeit später habe ich mit dem HipHop-eJay so was wie Beats gemacht, was simpel war, weil alles schon eingestellt ist. So habe ich sogar ein ganzes Album aufgenommen. Doch das soll nie jemand hören. Das war so schlecht! Damals habe ich vor allem geübt, an Punchlines gefeilt und vor allem für mich selbst Musik gemacht. Trotzdem hatte ich von Anfang an meinen eigenen Style. Das war mir immer wichtig. Als ich wieder nach Deutschland kam, habe ich ­einfach weitergemacht.

 

Hat dir deutscher Rap gefallen?
Das war für mich eigentlich nie so wichtig. Natürlich fand ich Azad und Bozz-Music geil, Massivs “Blut gegen Blut” oder Bushidos “Vom Bordstein bis zur Skyline” sind für mich auch Klassiker.

 

Wie ging es dann zurück in Deutschland mit deinen Ambitionen weiter?
In Offenbach habe ich erst mal auf Ami-Instrumentals aufgenommen, dann bekam ich meine ersten Beats von dem Frankfurter Producer Jamal. Über ihn habe ich Üba3ba kennen gelernt. Als ich eine LP fertig hatte, wollte er das Album rausbringen, aber am Ende hat das nicht funktioniert. Danach hatte ich erst mal keine Lust mehr auf Musik. Irgendwann habe ich trotzdem wieder angefangen aufzunehmen. Bei einer Session im Studio von DJ Release habe ich schließlich die Jungs von Echte Musik überzeugt. Chan [Labelmanager, Anm. d. Verf.] wollte mich sofort signen.

 

Wie viele Alben gibt es, die noch ­unveröffentlicht in der Schublade liegen?
Es gibt keine Alben, diese Sachen dürfen niemals rauskommen. Ich habe damals zwar auch dope Sachen gemacht, aber vor allem war ich noch auf der Suche nach meinem Style. 2006 habe ich zum ersten Mal einen Track aufgenommen, mit dem ich wirklich zufrieden war. Damals habe ich auf einen Mobb Deep-Beat 30 Bars gerappt und war zum ersten Mal mit meinem Flow komplett zufrieden. Das war eigentlich sogar noch ein krasserer Haft-Style, weil die Stimme noch mehr Energie hatte als heute. Ich bin nicht mehr so kompromisslos wie früher, sondern überlege mir mittlerweile, wie ich meine Stimme einsetze, wenn ich den Beat höre oder über ein Thema nachdenke. Auf meinem Debütalbum sind fünf bis sechs Songs, die aggressiver kommen, aber bei den nachdenklichen Songs nutze ich die Stimme ganz anders. Wenn der Beat eher düster ist, wird auch meine Stimme nachdenklicher. Wenn du ruhiger rappst, hören die Leute eher zu, als wenn du laut bist.

 

 


Wie bist du denn mit den gespaltenen ­Reaktionen auf deinen ersten größeren ­Auftritt in dem Criz-Video zu “Unter Tatverdacht” ­umgegangen?

Ganz am Anfang habe ich nur die Klicks auf YouTube verfolgt, die Kommentare habe ich mir nie angeschaut. Heute checke ich auch verschiedene Blogs, aber um Foren mache ich weiterhin einen Bogen. Ich fand den Hate aber nie schlimm. Das gehört dazu. Wenn dich Leute hassen, ist das doch nur Neid. Das sind doch oft selbst Rapper, die nichts zustande gebracht haben. Am Ende kaufen sie trotzdem mein Album und lernen dann vielleicht auch, wie man rappt.

Heute feiern dich von Kollegah über Kaas und Marteria bis zu Audio88 so gut wie alle ­deutschen Rapper.

Das freut mich sehr. Ich denke, das liegt ­daran, dass ich eben was anderes mache. Ich habe ­meinen eigenen Style, meinen eigenen Flow und meine eigene Stimme. Und diese Leute haben ­natürlich Ahnung. Denn wer Ahnung hat, dem ­gefällt meine Musik. Leider habe ich es nicht ­geschafft, das Feature für Kaas aufzunehmen. Das tut mir wirklich leid, aber ich hatte sehr viel zu tun. Ich bin ohnehin ein Mensch, der es gerne schleifen lässt. Ohne meinen Manager würde ich das Album ­vermutlich erst 2017 veröffentlichen. Ich will eben einen Klassiker machen.

 

Wieviel Wert legst du auf Flows und ­Taktgenauigkeit?
Sehr viel. Wenn ich einen Text schreibe, sitze ich erst mal da, höre den Beat und summe auf Außerirdisch Flows vor mich hin. Dann erst fange ich an, den Text zu schreiben. Oft sagen die Leute, dass meine Betonung so außergewöhnlich ist, aber ich betone immer nach dem Beat. Ich folge der Melodie des Instrumentals. Bei meinem Kollegah-Feature habe ich zum Beispiel einen ganz anderen Style ausgepackt. Der Beat war eben düster und ich wollte etwas anderes probieren. Vor ein paar Tagen habe ich dann eine Review zum “Hoodtape” gelesen, in der stand, dass ich den Takt nicht getroffen hätte. Alter, ich hab dem Takt seine Mutter gefickt! Aber mir ist am Ende scheißegal, was die Leute sagen. Ich experimentiere weiter mit meinen Flows und scheiße auf die Haterei. Diese Leute haben keine Ahnung von Musik. Einen Flow wie ich hat sonst keiner in Deutschland. Die anderen klingen doch alle gleich. Alle biten nur Ami-Rap. Das finde ich schade. Ich sag’s mal so: Ich gehöre derzeit auf jeden Fall zu den fünf besten deutschen Rappern. Egal, wie viel ich verkaufe. Scheiß mal auf Verkäufe. Das sagt wirklich nichts mehr aus.

 

Was macht für dich denn einen guten Rapper aus?
Ein eigener Style, eine gute Stimme und ­Authentizität sind sehr wichtig. Man muss dir abkaufen, was du erzählst. Wenn du vom Drogenverkaufen redest und nichts dahinter steckt, bist du für mich ein Vogel – egal, wie gut du rappst.

Was ist denn mit Humor und Selbstironie? Das ist einer der größten Unterschiede zwischen dir und vielen anderen Straßenrappern.

Das stimmt, aber ich bin jetzt nicht gezielt witzig. Das kommt eben immer darauf an, wie ich gelaunt bin. Wenn ich eine lustige Nacht hatte und am Tag darauf gut gelaunt bin, schreibe ich einen lustigen Text. Wenn ich zwei Wochen Krisen habe und nur Probleme, dann kommen eben auch nur deepe Sachen raus. Ich kann keine lustigen Texte schreiben, wenn es gerade nichts zu lachen gibt.

 

Keiner zieht deutsche Prominente so ­exzessiv durch den Kakao wie du.
Diese Bilder kommen einfach so. Ich mache mir da wirklich keine großen Gedanken. Sonst macht das ja keiner in Deutschland. Das ist mein ­Geheimrezept. Warum sollte ich irgendwelche ­Rapper dissen? Ich nehme mir lieber Prominente vor. Wer sind diese Rapper?

 

Und was genau ist dein Problem mit Mark Medlock?
Ganz ehrlich: Der Typ ist ein Depp. Sein Bruder gammelt in Offenbach rum und arbeitet in einem Baumarkt als Ein-Euro-Jobber, während sein Superstar-Bruder in Berlin das Leben genießt. Wie kannst du deinen eigenen Bruder in den Blocks von Offenbach abkacken lassen? Medlock hat in einem Interview gesagt, dass er diese Stadt hasst und wegen dieser Stadt so kaputt sei. Aber er sollte ­wissen, dass wir ihn genauso wenig mögen wie er uns. Oder nein, wir mögen ihn noch viel weniger. Mark ­Medlock, wir hassen dich zehnmal mehr als du uns!

Du sagtest gerade, dass du keine Rapper disst. Was passiert, wenn einer mal in deine ­Richtung schießt?

Bisher gab es das noch nicht. Aber dafür bin ich natürlich bereit. Auf diesem Album werden sich bestimmt ein bis zwei Leute angesprochen fühlen. Ich denke, da wird auch auf jeden Fall noch was gehen. Ich glaube, ich weiß auch schon, in welche Richtung. Aber ich will nicht zu viel verraten. Wenn einer kommt, werde ich jedenfalls bereit sein. Aber es wird nicht in einem sportlichen Wettkampf enden. Wenn einer aufmuckt, werde ich ihn ­testen. Wer sich mit mir anlegt, muss mit Konsequenzen rechnen. Die anderen Rapper sollen einfach nicht meinen Namen in den Mund nehmen, sonst gibt’s Ärger. Die sollen einfach ihr Ding machen.

 

Auf dem Echte Musik-Labelsampler musste ja die eine oder andere Line von dir zensiert werden. Lässt du so etwas heute noch zu?
Wenn es zu hart ist, muss man Aussagen eben piepen oder rückwärts laufen lassen. Eigentlich wollte ich ein kompromisslos hartes Album machen, aber das kauft dann ja auch keiner. Ein paar Sätze auf der Platte könnten problematisch werden, und das Booklet vielleicht auch. Da werden ein paar harte Fotos drin sein, die nicht so einfach aus dem Kopf gehen. Die Leute sollen ja einen richtigen Film schieben.

 

In dem Track “Meine Stadt” hattest du die kontroverse Line: “Ich verkaufe Kokain an die Juden von der Börse.” Kannst du die mal erläutern?
Alter, Frankfurt ist die Drogenhauptstadt. Wenn du dir hier am Hauptbahnhof nachts einen Döner holst, kommen die Reichsten der Reichen mit ihren Bitches und sind total verschnupft. Und viele reiche Börsianer sind nun mal einfach Juden. Aber das heißt ja nicht, dass ich etwas gegen Juden habe. Überhaupt nicht. Ich habe nichts gegen andere Völker, ich respektiere jede Kultur. Für mich sind alle Menschen gleich. Als Kurde weiß ich auch, was es bedeutet, verfolgt zu werden. Ich kenne meine Grenzen. Ich würde Juden niemals ­beleidigen oder mit irgendwelchen Judenwitzen um die Ecke kommen. Wenn jemand einen Kurdenwitz macht, bekommt er richtig Probleme mit mir. Dann bin ich wieder der kurdische Bauer. Natürlich bin ich ­modern, aber mit so was ist nicht zu spaßen. Trotzdem bin ich am Ende auch ein freier Künstler.

 

 


Jonesmann hat Echte Musik verlassen, dein Album kommt aber weiterhin über das Label?

Ja, klar. Jones hat mir das Zepter übergeben. Er geht jetzt in die Pop-Szene und wird ein R&B-Star. Aber Blaze, Twin und ich machen weiter. Jones ist ein guter Mensch. Er wird auf meinem Album mit ein paar Bars und Hooks vertreten sein.

 

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass so viele ernsthafte Tracks auf deinem Album landen.
In der Zeit, in der ich das Album aufgenommen habe, sind viele miese Sachen passiert. Kollegen wurden verhaftet oder kamen ins Gefängnis, und ich kam ins Grübeln. Irgendwann lief mein Leben wirklich vor meinem inneren Auge an mir vorbei, Bild für Bild. So kam ich auf den Track “Azzlackz sterben jung”. Darin fällt die Line: “Scheiß auf die Schule/nur der Knast macht dich hart.” Die ­Kinder denken heute wirklich so. Ich meine das aber nicht positiv.

 

Fühlst du dich mittlerweile denn als Vorbild?
Die Kids kommen jedenfalls zu mir und wollen Autogramme. Ich rede dann schon immer mit den Jungs, ich sage ihnen, sie sollen sauber bleiben und die Schule fertig machen. Mehr kann ich auch nicht tun, ich bin ja nicht ihr Vater.

 

Wie hast du Massiv und Manuellsen auf einen Track gebracht?
Mit Manuellsen war ich schon immer cool. ­Massiv hat mich für sein Album angefragt, ich hab das Feature gemacht, also schuldete er mir einen Part. Ich habe ihn gefragt, wie er zu Manuellsen steht. Er meinte, dass kein Streit mehr herrscht, also haben wir den Track zu dritt gemacht. Ein echter Knaller.

 

Ein anderer Straßenrapper, der im letzten Jahr für Furore sorgte, war Nate57. Was verbindet euch, wo siehst du Unterschiede?
Oberflächlich betrachtet, sind wir beide Straßenrapper. Aber seine Songs sind oft sozialkritisch, ­außerdem ist er einige Jahre jünger als ich und erzählt seine Geschichten eher aus der Perspektive einer Person, die noch mittendrin steckt in dem Straßending. Ich erzähle eher aus der Perspektive von jemandem, der das alles schon erlebt hat.

 

Du bist also aus dem Gröbsten raus?
Ich bin jedenfalls kein Kleinkrimineller mehr und würde so was auch nicht mehr machen. Derzeit bin ich nur ein Musiker, der keine Vorschüsse bekommt und daher pleite ist. (lacht)

 

Also hast du auch kein Wettbüro mehr. Wie wäre es mit einem Handyladen?
Alter, bei dieser Oddset-Sache habe ich viel Geld verloren und ein Telecafé mache ich auf keinen Fall auf. Da wartest du, bist irgendein Inder kommt und nach Hause telefonieren will. Ne, das bringt nichts ein. Entweder Musik, oder ich mache ein Restaurant auf. Ich meine das ernst. Ich esse gerne und koche auch selbst gerne. Ich erfinde auch Gerichte und so. Kochen konnte ich schon immer – auch Crack. (lacht) Nur Spaß.

 

Wie stehst du denn zu Drogenkonsum?
Drogen sind nicht gut. Ich kenne Leute, die vom Kiffen in die Klapse gekommen sind. Früher habe ich gekifft, jetzt hasse ich Kiffen. Nate hat ja diesen Track gegen Koks gemacht. Ich finde das gut – ob die Jugendlichen sich dran halten, ist eine andere Frage. Die hören ja nicht mal mehr auf ihre Eltern, da glaube ich kaum, dass sie auf Rapper hören.

 

Sind die Kinder von heute verloren?
Auf jeden Fall. Es wird noch schlimmer werden. Der Grund dafür sind Filme, Medien, die wirtschaftliche Lage und der allgemeine Drogenkonsum. Man kommt immer leichter an Drogen und das Zeug wird immer stärker. Ich kenne 13-Jährige, die Crack rauchen oder Hero spritzen und dann schwanger werden. Kein Spaß. Aber die, die ganz oben sind, wollen nichts verändern. Solange sie ihr Geld verdienen, ist doch alles gut. Mach mal mittags den Fernseher an, da laufen diese Lady Gaga-Videos, was soll ein Mädchen da denken? Uns Rappern wollen sie den Mund verbieten, aber Lady Gaga wird bei ihrer Gehirnwäsche noch unterstützt.

 

Gut, aber wenn 50 Cent in seinem Video von halbnackten Frauen umgeben ist, vermittelt das auch falsche Rollenbilder.
Das stimmt. Aber in Deutschland haben wir dieses Problem nicht. Hier ist doch alles Low Budget. In meinem Video siehst du hundert Kanaken in Lederjacke. Die machen sich zum Affen, und das war’s. Und selbst wenn ich ein Video im Saunaclub mache, ist das etwas anderes. Ich werde niemals so viele Plays auf MTV haben wie ein Major-Künstler. In Deutschland wird ohnehin nie wieder ein Rapper Gold gehen und viele Plays haben. Die Zeiten sind vorbei.

 

Text: Julian Gupta
Fotos: Geturshot

 

 

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