»Ich habe den Eindruck, dass ich mit fortschreitendem Alter immer verrückter werde« // Gangrene im Interview

juice_gangrene_jasongoldwatch

Als Gangräne bezeichnet man eine Gewebs-Nekrose, meist infolge von Blutunterversorgung, bei der das betroffene Gewebe durch Verwesung und Selbstverdauung zerfällt und sich als Folge von Hämoglobin-Abbau verfärbt“. So wird die Krankheit auf den deutschen Wikipedia-Seiten beschrieben, die im Volksmund auch Wundbrand genannt wird. Was schon beim bloßen Lesen unangenehme Gefühle hervorruft, potenziert sich bei der Betrachtung entsprechender Bilder. Nicht einmal seinem ärgsten Feind wünscht man diese Krankheit an den Hals. Oh No und Alchemist störte das bei der Namensfindung für ihr gemeinsames Projekt offensichtlich nicht, und als ob das nicht reichte, haben sie ihr erstes Album zudem noch »Gutter Water« getauft. Was sie da genau geritten hat, erzählten die beiden in einem Konferenzgespräch zwischen Oxnard, Detroit und Hamburg, zu dem sich der gerade in Detroit weilende ­Alchemist erst verspätet zuschaltete. Zunächst also Gelegenheit, mit Oh No über Familie, Lieblingssportarten und seine große Liebe zu sprechen: Computerspiele, seit neuestem auch in 3D.

Woran arbeitest du gerade?
Oh No: Ich schließe die Arbeiten zu meinem nächsten Soloprojekt ab, für das ich ausschließlich Musik des Blaxploitation-Schauspielers und Musikers Rudy Ray Moore verwendet habe, vor allem aus seinen Filmen »Human Tornado« und ­»«Dolemite«. Ich habe auf Basis der Filmmusik rund 60 Beats produziert, auf die nun Künstler wie Talib Kweli, MF Doom, Sticky Fingaz von Onyx, Chino XL oder Termanology rappen.

Also wieder ein klar umrissener ­Rahmen ­bezüglich der Samplequellen – wie bei ­»Ethiopium«, auf dem du ausschließlich ­traditionelle äthiopische Musik gesamplet hast.

Genau, das ist mein Ding. Ich studiere die Musik, beschäftige mich ausführlich mit ihr und versuche, kreativ mit ihr umzugehen. Ich würde aber dennoch sagen, dass es eher »Exodus Into Unheard Rhythms« ähnelt, da es kein Instrumental-Album, sondern eher eine Compilation meiner Beats mit diversen Rappern ist.

Wo wir gerade beim Thema sind: Wo ist Alc ­eigentlich?
Er ist gerade in Detroit und trifft sich dort mit ­Eminem. Er ist ja sein Tour-DJ. Er wird sich hoffentlich gleich zuschalten.

Du meinst die Tour mit Jay-Z, bei der sie jeweils zwei Konzerte in Detroit und New York spielen?
Mit Jay-Z? Das wusste ich nicht.

Ja, in New York spielen sie im Yankees Stadium.
Echt? Verdammt, ich mag das Stadion. Ich war dort mal mit 88-Keys, bei einem meiner ersten New York-Besuche. Unter anderem gingen wir zu einem Spiel der Yankees. Wobei mich all die Ballsportarten nicht wirklich interessieren. Ich bin Box-Fanatiker.

Boxt du auch selbst?
Nein, ich bin Musiker. Das bedeutet aber nicht, dass ich ein schlechter Kämpfer wäre. Ich lege auch mal Hand an, mein Name ist nicht umsonst Oh No. ­Früher bin ich oft ausgerastet und habe mich sogar in meinem Studio mit Leuten geprügelt. Mittlerweile zwinge ich mich, ruhig zu bleiben. Ich habe aber den Eindruck, dass ich mit fortschreitendem Alter immer verrückter werde. Ich versuche, mich zu entspannen und meine Energien auf die Musik zu ­fokussieren. Sonst würde ich ständig ausrasten. Auch meine ­Familie hilft mir, auf dem Boden zu bleiben.

Hast du Kinder?
Ja, drei im Alter von neun bis 14. Ich war gerade 17 geworden, als ich zum ersten Mal Vater wurde. Durch sie habe ich eine Ernsthaftigkeit entwickelt, die mich hart arbeiten lässt. Viele meiner Freunde, die keine Kinder haben, hängen nur rum und wissen mit ihrem Leben nichts anzufangen. Ich musste für meine Familie sorgen, also bin ich dafür arbeiten ­gegangen. Sieben Jahre habe ich mit behinderten Menschen gearbeitet. Ich kann für meine Familie ­sorgen, ihnen fehlt es an nichts.

Hast du die Vorliebe für das Boxen weitervererbt?
Nein, die Kinder spielen Football und Baseball, wobei ich sie natürlich unterstütze. Wirklich interessiert haben mich aber immer nur Kampfsportarten. Daran hat sich nichts geändert. Meine eigentliche Leidenschaft ist aber eine andere: Computerspiele. Ich habe eine unfassbare Sammlung und besitze praktisch jede aktuelle Konsole. Hauptsächlich spiele ich aber auf dem Computer, weil es für die Konsolen erst wenige bis gar keine 3D-Spiele gibt. 3D, das ist der heiße Scheiß! Ich emuliere die Dreamcast auf meinem Rechner und spiele nicht nur mit 1080p-Auflösung, was die Dreamcast normalerweise gar nicht schafft, sondern auch in 3D! Das ist wirklich Next Level Shit. Das 3D-Bild an der Wand ist wie eine Höhle, in der sich einem eine komplett neue Welt eröffnet.

»Ping«, klingt es durch die Leitung. The Alchemist ist dazugeschaltet und platzt sogleich in die Runde: ­»Announce yourself! Announce yourself«! Alc scheint auf Krawall gebürstet zu sein. Wenige Tage vor dem Gespräch hatte er seine Twitter-Gefolgschaft gefragt, ob es überhaupt noch Menschen gäbe, die heutzutage Magazine kaufen und lesen.

Schön, dass du es geschafft hast. Lohnt es sich in deinen Augen doch noch, in Promotion­phasen mit Printmagazinen zu sprechen?
Alchemist: Ich habe diese Frage gestellt, weil ich selbst eben nur noch äußerst selten ein Magazin zur Hand nehme. Alle Informationen, die ich benötige, ziehe ich aus dem Netz. Da ich aber weiß, dass sich die Welt nicht ausschließlich um mich dreht, wollte ich wissen, wie andere darüber denken und habe ­gefragt. Und das Ergebnis war: Die Menschen lesen immer noch gedruckte Magazine. Ich lag also ­komplett falsch.

Wie ist eure Kollaboration eigentlich zustande gekommen?
Alchemist: Wir haben uns auf einem Konzert von Oh No und Evidence kennen gelernt. Danach schickten wir uns hin und wieder Beats über das Internet zu. Als ich dann mal wieder in L.A. war, haben wir uns getroffen und begonnen, gemeinsam im Studio zu arbeiten.

»Gutter Water« erinnert an Jaylibs “Champion Sound”, auf dem J Dilla und Madlib jeweils über die Beats des anderen rappten.

Alchemist: Natürlich drängt sich dieser Vergleich auf, auch weil Madlib Oh Nos großer Bruder und Dilla unser aller großer Bruder ist. Und natürlich war »Champion Sound« eine Inspirationsquelle, aber eher unterbewusst. Wir haben nie eine vergleichbare Regel aufgestellt. Wer gerade konnte und wollte, hat einfach losgelegt. Deshalb steht auf dem Album auch »komponiert und produziert von Gangrene«.

Ihr schlüsselt also nicht auf, wer welche Stücke geschrieben hat?
Alchemist: Vielleicht werden wir das noch tun. Vielleicht auch nicht. Ich glaube, dass unsere Fans, die ja meinen sowie Ohs Stil kennen, nicht sagen können werden, wer welchen Beat gemacht hat. Wir haben unsere Stile miteinander vermischt und das Ergebnis heißt Gangrene.

Wie seid ihr eigentlich auf diesen fiesen Namen gekommen?
Oh No: Unser Sound war so grotesk und scheußlich, dass es einfach gepasst hat.
Alchemist: Ich war sofort einverstanden damit. Gute Ideen bedürfen nie einer langen Entscheidung. »Gangrene« ist eine Metapher für entzündete, kranke und verrottete Musik. Und wenn du Abflusswasser [»Gutter Water«, Anm. d. Verf.] trinkst, läufst du eben Gefahr, Wundbrand zu bekommen. Zudem ist Oh No auch als Doctor No und ich als Alan The Chemist bekannt. Wir sind allerdings richtig schlechte Ärzte. Ich würde nicht zu uns kommen, denn wir arbeiten mit unsterilem Besteck. Wenn du dich von uns behandeln lässt, bist du allerlei erdenklichen Bakterien ausgesetzt. Das kann ich keinem empfehlen.

Bis auf Raekwon und Big Twins sind alle Gäste auf dem Album von der Westküste. Ist das nur Zufall?
Alchemist: Wir haben praktisch die gleichen Freunde und luden ein, wer eben gerade in der Stadt war. Wir mussten bei niemandem über dessen ­Manager anfragen. Das sind einfach die Typen, mit denen wir ohnehin rumhängen. Natürlich stammen da mehr aus dem Westen, da dort eben unsere Crew, unsere Familie herkommt – Leute wie Planet Asia, DJ Romes, Evidence, Roc C oder M.E.D.

War das jetzt ein einmaliges Projekt?
Oh No: Wir haben bereits das zweite Gangrene-­Album praktisch fertig.
Alchemist: Die Arbeit geht uns im Team leicht von der Hand, es ist wie beim Einschlagen auf dem Baseballplatz. Wenn Oh einen Beat baut, wirft er mir den Ball ganz einfach zu, so dass ich keine ­Probleme habe, ihn richtig mit Schmackes wegzuhauen. Wir haben eine Formel gefunden, mit der wir immer sofort hören, welche unserer Beats für Gangrene bestimmt sind, denn unsere Sachen unterscheiden sich stilmäßig durchaus. Oh hat sicher um die 15 Alben, an denen er zeitgleich arbeitet. Und auch ich habe diverse Dinge laufen, etwa mit Planet Asia und natürlich das Step Brothers-Projekt mit Evidence. Dafür wünsche ich mir übrigens eine an die Beastie Boys erinnernde Atmosphäre – natürlich ohne dabei ihre Raps und Beats zu kopieren.

Text: Johannes Desta
Foto: Jason Goldwatch

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here