Future Brown – Freedom Of Speech // Feature

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Ist das Kunst oder kann das Rap? Vier Clubmusik-Avantgardisten schließen sich zu einer »Underground Supergroup« zusammen und bitten für den ersten Langspieler ihre illustren Lieblinge aus dem US-Rap, Grime, R’n’B, Reggeaton und Dancehall ins Studio. Von einem Konzept hinter ihrer Platte wollen Future Brown aber nichts wissen.

 

»Manchmal habe ich das Gefühl, dass Leute zu viel in Dinge hineininterpretieren, die keine größere Bedeutung ­haben«, meint Fatima Al Qadiri – jene ­Musikerin, die im letzten Jahr mit ihrem ­Album »Asiatisch« über die britische Trendmaschine Hyperdub die ­Feuilletons ­aufmischte und sich neben ihrer ­Interpretation von Grime auch diversen Kunstprojekten widmet. Ihr neuestes ­Unterfangen: eine Produzenten-Supergroup mit dem befreundeten Musiker­paar ­Nguzunguzu – frag mal in L.A. nach den hipsten Partys – und Kollege J-Cush, der mit seinem Label Lit City Trax ­regelmäßig die jüngsten Clubtrends vorhersagt und etwa Footwork-Legende DJ Rashad (R.I.P.) zu ­seinem ersten ­größeren Release verhalf. Hinter vorgehaltener Hand arbeitete das Quartett in den letzten zwei Jahren an einem Album, das nun auf Warp Records erscheint und Musikstile aus aller Herren Länder miteinander vermählt – darunter Drill, Grime, R’n’B, Dancehall und Reggaeton, um nur die prominenteren zu nennen.
 
Eine musikgewordene Bestandsaufnahme der internationalen Clubmusik – das wirft erst einmal jede Menge Fragen auf, die ­Fatima Al Qadiri im Gespräch mit nüchterner Ernsthaftigkeit abschmettert: »Das ist keine konzeptionelle Platte!« Allein den Hauch jeglichen Konzepts entlarvt Al ­Qadiri als leere Vermutung, münzt ihn gar zum Vorwurf um. Man möchte ihr ­entgegnen, dass nicht jedes Musikprojekt, das sich ­aktuellen Rap-Trends widmet, im PS1, der kleinen Schwester des MoMA in New York, Premiere feiert. Und dass das Logo dieses Kollektivs doch das ikonische Facebook-F ­zitiert – ­Corporate Culture, ­anybody? Und dann wäre da noch das Video zu »­Vernáculo«, einem Reggaeton-­Track mit der New Yorker Sängerin Maluca – die ­perfekte Persiflage auf Werbeclips der Beauty-Industrie. Das alles scheint viel zu clever und überspitzt, um einfach nur schön auszusehen und sich wunderbar ­anzuhören. Doch Fatima Al Qadiri insistiert: »Jede Gruppe kann ein Logo haben. Das ist nur ein visueller Aspekt, davon sollte man nicht auf die ganze Platte schließen.« ­Außerdem sei »Vernáculo« bislang nun mal das einzige Bewegtbild zum Album. Das ganze Projekt deswegen in eine Schub­lade zu ­stecken, halte sie für übereilt. Vielmehr mache »jeder einzelne Track auf dem Album seine eigene kleine Welt auf«.

 

 

Nun gut. Setzen wir also noch mal im ­Kleinen an. Als sich die vier Freunde vor ziemlich genau zwei Jahren in Los ­Angeles im Studio zusammenfinden, gibt es nicht viel mehr als die Idee, gemeinsam ­Musik aufzunehmen. Man tauscht sich über ­Vorlieben für bestimmte Artists aus und kommt schließlich zu der Erkenntnis, dass Vocals in den Solo-Arbeiten aller ­Beteiligten bis dato reichlich zu kurz kamen: Das ­Projekt Future Brown war geboren. In ­mehreren Studiosessions produziert das Quartett zwei Handvoll Beats, stellt eine Feature-Wunschliste zusammen und ­verschickt massig Mails. Aus den ­Zusagen kuratiert man letztlich eine Gästeliste, ­sendet Beats raus, bekommt Strophen zurück und lädt ein paar Künstler ins Studio ein.

 

Überhaupt erzählen Future Brown am ­liebsten von anderen Künstlern. Voller ­Begeisterung berichten sie etwa von der Arbeit mit Tink, dem jüngsten Protegé von Produzent ­Timbaland, der das Talent der Rapperin respektive Sängerin aus Chicago gerade ­regelmäßig per Vine unter Beweis stellt. »Tink schreibt ihre Songs in einem wahnsinnigen Tempo«, beschreibt Daniel von ­Nguzunguzu die Situation im Studio. »Sie schnappt sich einen Beat, lässt sich ­darauf ein und hat in kürzester Zeit einen Track stehen.« Jene ­Begeisterung führte wohl auch dazu, dass Tink gleich mit zwei Tracks auf »Future Brown« vertreten ist. »Room 302« ist dabei nicht nur das Intro, sondern vielleicht sogar der eindrucksvollste Song der Platte. Auf Future Browns Version eines Glockenbeats – eiskalt, stählern, schleppend und irgendwie dreidimensional – offenbart das Chi-City-Girl nicht weniger als die Dialektik einer Affäre: »I’m trying to seduce you/I got a couple hundred ways I can use you«, rappt sie selbstbewusst im Refrain, um sich kurz darauf in bester R’n’B-Manier als ­Untergebene zu inszenieren: »You make me feel like an addict/Just tell me when I can have it«.

 

 

Dass sie dabei nicht nur spielerisch ­zwischen den Rollen der Erzählerin, sondern ebenso ­zwischen gesprochenem und ­gesungenem Wort switcht, als seien hier zwei ­verschiedene Artists am Werk – ­geschenkt. Doch noch mal zum Album. »Room 302« stellt nicht nur das Können dieser (noch) so unscheinbaren Künstlerin unter Beweis, ­sondern leitet auch das eigentliche ­Motiv der Platte ein: ­Gleichstellung. Future Brown bestehen zunächst aus vier ­Personen – zwei Männern, zwei Frauen. Dann die Tracklist: elf Songs, davon vier mit weiblicher, vier mit männlicher und drei mit heterogener ­Beteiligung. Future Brown scheinen die Gleichstellung jedenfalls eher als praktizierte ­Maxime auszulegen, als sie konkret auf textlicher Ebene einzufordern. Zur Arbeit auf Augenhöhe gehöre eben auch die ­künstlerische Freiheit, wie Fatima Al Qadiri klar macht. ­Künstlern ­reinreden? So weit kommt’s noch! Man könne doch keine ­Zusammenarbeit ­anfragen, um Künstlern dann das Ergebnis vorgeben zu wollen. Fatimas ­Kollege ­Daniel ­pflichtet ihr bei: »Mit einigen waren wir im Studio, da arbeitet man natürlich ­zusammen an Tracks und passt die Vocals hier und dort an die Musik an. Aber die ­eigenständige Kreativität der ­Künstler – sie schreiben zu lassen, was auch immer sie wollten – war uns wichtig.«

 
Und so geht es auf »Future Brown« neben Tinks gefährlichen Liebschaften auch um dicke Egos und Bargeld, wenn etwa Ludacris’ Ex-Kollegin Shawnna und Chicago-Mixtape-Host-ternt-Sanga DJ Victoriouz auf einem bedrohlichen Beat ihre Zeitgeist-Flows zur Schau stellen. Oder aber um die innige Beziehung zum Schieß­prügel, wenn die durchgeknallten Chiraqis vom Sicko Mobb zur Autotune-Ballade »Big Homie« anstimmen. Future-R’n’B-­Protagonistin Kelela und Queer’n’B-Held Ian Isaiah alias The Love Champion lassen mit »Dangerzone« wiederum auf einem Halftime-Beat den Tränen freien Lauf, bevor Grime-MC und Roll-Deep-Member Riko Dan all den »Pussyboys« da draußen mit ­inbrünstiger Patois-Arroganz verklickert, dass sie die Patronen mal schön im Lauf lassen können.
 

 
»Future Brown« ist textlich wie musikalisch ein Querschnitt durch das aktuelle, Club-geprägte Musikgeschehen in den Straßen und auf den Bildschirmen westlicher Großstädte. Ein Projekt, das ­regionale Unterschiede kennt und respektiert, sie jedoch auch zu antizipieren weiß und in einem eigenen Entwurf aufgehen lässt. Das klingt zu jeder Zeit synthetisch, aber nie unangenehm anbiedernd. Der Zeitgeist im Albumformat? Jedenfalls ganz schön viel Inhalt für so eine konzeptlose Platte. ◘
 

Foto: Benjamin Alexander Huseby

 
Dieses Interview ist erschienen in JUICE #165 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
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