Freddie Gibbs – Shadow Of A Doubt

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(ESGN/Empire)

 
Mal ehrlich: durchdachter Lyricism und ign’ant Rap? Entweder Kendrick Lamar oder Young Thug, richtig? Nicht so in der Welt von Freddie Gibbs. Der inzwischen 33-jährige MC legt mit »Shadow Of Doubt« sein drittes und bislang reifstes Werk vor – und spielt dabei wie ein junger Hund mit den vielseitigen Ausdrucksmöglichkeiten der Kunstform Rap. Es ist ein unerwartetes Album. Zuletzt puzzelte Gibbs seine Verse auf die anspruchsvollen Sampling­-Manifeste von Produzentengenie Madlib. »Piñata« war ein sehr musikalisches Album, Gibbs Ausflug ins Leftfield – state of the art und good ol’ days in einem. Der Neuling klingt dagegen brachial. Madlibs fliegende Sample-Teppiche weichen Fünftonner-Beats der aktuellen Produzenten-Prominenz à la Boi-1da, Tarentino von der 808 Mafia oder Kanye-Kollaborateur Mike Dean. So klingt Gibbs dann an der Seite von Miami/Toronto-Singer Tory Lanez nach »Days Before Rodeo«, schämt sich auf »Packages« nicht für den Migos-Flow oder macht auf »Cold Ass Nigga« den Harlem Shake in einer Leichenhalle. Es sind diese Songs, an denen man sich anfangs stößt. Doch wo Minima­lismus bei anderen das Ende der Fahnenstange ist, ist er bei Gibbs nur ein weiterer Trick in seinem Repertoire. Denn um diese Songs baut er ein Album, das Story, Stimmung und Muskeln hat. Das Intro fliegt den Hörer erstmal über Palmen. Landung in LAX. Die Drums setzen kurz aus. Ein letztes kurzes Durchatmen, dann ein »I remember…«, das Flugzeug gleitet rückwärts durch die Luft. Landung in Gary, Indiana: Drogen, Stick-ups, Nächte im Auto. »Hit a nigga…« heißt es auf dem zweiten Song immer wieder – der darauffolgende beginnt mit einem George-Michael-Sample. Also, wenn das nicht saulustig ist?! Und weil Gibbs so ein ­smarter Typ ist, war das bestimmt Absicht. Wie es Absicht war, den Schulterschluss zwischen jenen Styles, die man als Alteingeses­sener unter Gangstarap verbucht, mit dessen aktuellem Pendant zu schaffen: Trap. Alles macht hier Sinn. Es macht Sinn, mit einem Sample aus der Über-Serie »The Wire« den Storytelling-Anspruch zu untermauern und gleichzeitig zu verdichten. Es macht Sinn, erst mit Black Thought einen Ausflug in die Politik zu machen, um wenig später mit Tory Lanez bei einem Mexiko-Trip Kilos zusammenzupacken. Oder: Ein Sample der Ferguson-Rede von Louis Farrakhan, Anführer der Nation Of Islam, auf der einen, ein Gucci-Mane-Feature auf der anderen Seite. Das ist: a) scheuklappenfrei und b) so US-ameri­kanisch wie ein Hummer in der Einfahrt eines McDrive. Gibbs will abbilden, Atmosphäre erzeugen. Man merkt der inneren Spannung des Albums an, dass der Künstler eine zusammenhängende Vision hatte. So entschlüsselt »Shadows Of Doubt« am Ende den Rapper Freddie Gibbs wie noch kein Album zuvor. Mit der Feinheit einer Dokumentation und der gleichzeitigen Wucht eines Blockbuster-Films.

Text: Philipp Kunze

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