Freddie Gibbs im Interview: »Es wird Zeit, das Rap-Ding zurück auf die Straße zu bringen« // Feature

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Foto: Nick Walker

Dafür spricht auch die Auswahl der ­Features auf der neuen Platte: Pusha T, Yasiin Bey, Black Thought, Killer Mike, Anderson .Paak. Wie kamen diese Kollabos zustande?
Das sind alles Legenden; Leute, für die ich großen Respekt habe und die mich auch respektieren. Am Anfang wollte ich überhaupt keine Features auf der Platte haben, aber dass es nun doch so gekommen ist, ist ein Segen. Der Song mit Pusha und Killer Mike ist mein Lieblingstrack geworden – und Pusha hätte es nicht nötig gehabt, mir diesen Gefallen zu tun. Ich glaube, es gibt viele andere MCs, die Schiss davor haben, mit mir auf einem Song stattzufinden. Schau dir das Freshman-Cover an, auf dem ich war: Außer mit Jay Rock habe ich mit keinem dieser Typen zusammengearbeitet.

Lass uns über deine Gerichtsverhandlung und die Zeit im Gefängnis in Österreich sprechen.
Fuck Austria! Es tut mir leid – es gibt bestimmt auch gute Menschen dort, aber die österreichische Regierung und die Staatsanwaltschaft hätte mich gerne für etwas bestraft, das ich nicht getan habe – vor der ganzen Welt, meiner Familie, meiner Tochter. Und das, obwohl ihnen von vornherein klar gewesen sein müsste, dass ich damit nichts zu tun hatte. Ich bin es auch leid, darüber zu reden. In jedem Interview werde ich darauf angesprochen. Ich hätte gerne, dass ihr diese Hure, die ich nicht mal umarmt habe, darüber befragt, was damals passiert ist. Ich bin nicht R. Kelly, ich bin nicht Bill Cosby! Ich behandle Frauen mit Respekt, da kannst du jede Frau fragen, die mal etwas mit mir hatte. Und jetzt wollt ihr von mir wissen, wie es mir damit geht? Ich wurde für etwas eingesperrt, das ich nicht getan habe. Versetz dich mal in meine Situation! Und versteh mich nicht falsch, ich war schon oft im Knast – aber bis dahin wegen Straftaten, die ich wohl tatsächlich begangen hatte: Wahrscheinlich hatte ich den N**ga vermöbelt, wahrscheinlich besaß ich die Waffe, wahrscheinlich hatte ich einen Haufen Drogen dabei – damit konnte ich leben. Aber mir so etwas Abscheuliches wie Vergewaltigung vorzuwerfen? Fuck that bitch! Als sie ursprünglich Anzeige erstattet hat, wurde ich nicht mal erwähnt. Als ich dann wieder in Europa auf Tour war, änderte sie ihre Aussage. Ich saß deswegen mit einem Haufen Nazis im Gefängnis – die hätten mich umbringen können. Diese Bitch wollte mein Leben ruinieren. Das ärgert mich extrem. Die österreichische Regierung hatte keine konkreten Beweise, um mich anzuklagen. Es hätte gar keinen Prozess geben dürfen. Trotzdem haben sie mich wie ein Tier behandelt. Ich war im selben Zellentrakt wie ein Haufen Leute, die Kinder missbraucht haben! Das sind keine Menschen, in deren Nähe ich mich aufhalten möchte. Die wollten mich demoralisieren.

»’Bandana‘ wird mir den Respekt in der HipHop-Welt verschaffen, der mir gebührt«

Warst du seit dem Urteilsspruch und ­deiner Freilassung wieder in Europa?
Ja, ich habe seitdem zwei Europatourneen gespielt. Viele Leute fanden es verwunderlich, dass ich freiwillig wiederkomme. Aber ich muss mich ja für nichts schämen. Ich nehme jetzt eben keine Dudes mehr mit, die haufenweise Frauen aufreißen wollen. Ich mache meine Arbeit, danach haue ich ab. Wenn ich Lust auf eine Frau habe, dann lass ich sie mit dem Flieger kommen. Was anderes habe ich nicht nötig. Ich bin Mitglied der Vice Lords [ursprünglich aus Chicago stammende Straßengang; Anm. d. Verf.], wir haben mit Vergewaltigungen nichts am Hut. Ich bin ein Playboy.

Trotzdem ist es ja so, dass große Kunst häufig davon lebt, dass der Künstler eine schwierige Zeit durchgemacht hat. Einige der Songs, die du über die Situation geschrieben hast, gehören sicher zu den besten deiner Karriere.
Ja, ich denke generell, dass ich mit »You Only Live 2wice«, »Freddie« und »Fetti« bewiesen habe, dass ich es immer noch kann und auch mental dazu in der Lage bin, weiter gute Musik zu machen. Das waren alles gute Veröffentlichungen, aber »Bandana« wird mir den Respekt in der HipHop-Welt verschaffen, der mir gebührt. Gott hat mich gesegnet. Fick die Hoes und fick die Hater. All jene, die mir im Laufe meiner Karriere immer wieder Steine in den Weg gelegt haben, werden jetzt sehen, zu was ich imstande bin. Viele tun so, als hätten sie einen neuen Freddie Gibbs entdeckt – herzlichen Glückwunsch, ihr habt mich verpennt. Ich hatte bisher eben nur noch nicht diese Maschinerie hinter mir. Und seien wir mal ehrlich: Die Industrie baut sich doch ihre Künstler, wie sie sie will. Und ich bin nun mal kein Künstler, den sie groß machen wollen. Wehe, es gibt einen neuen Jay-Z. Die würden uns gerne alle auf einem bestimmten Level halten. Aber inshallah werde ich das schaffen.

Hattest du andere Angebote, bevor du bei deinem neuen Label Keep Cool unterschrieben hast?
Ich bekomme seit zehn Jahren Verträge angeboten. Aber bisher war alles Bullshit. Ich hatte nie das Gefühl, dass da jemand am anderen Ende des Tisches sitzt, der meine Vision versteht. Und selbst wenn das Geld gestimmt hat, wäre das meistens mit zu großen Opfern verbunden gewesen. Ich würde für kein Geld der Welt meine Rechte oder die Kontrolle an meinem Schaffen sowie meine künstlerische Identität aufgeben.

Was hat dich dazu bewogen, mit Keep Cool nun, nach deiner schlechten Erfahrung mit Interscope zu Beginn deiner Karriere, wieder bei einem Major zu unterschreiben?
Erstens bin ich mir sicher, dass sie das Album rausbringen werden. Bei Interscope habe ich damals Songs aufgenommen, von denen niemand wusste, was er damit anfangen soll. Dementsprechend wurde ich gedroppt. Als ich dann bei Young Jeezy unter Vertrag stand, war es ähnlich. Er hatte auch keine Ahnung, was er mit mir anstellen sollte. Dementsprechend bin ich abgehauen. Mit meinem jetzigen A&R Tunji bin ich schon lange befreundet. Er hat meine Vision verstanden.

Du bist jetzt seit über zehn Jahren dabei. Wie schaffst du es, auf kreativer Ebene nicht zu stagnieren?
Ich glaube, es liegt daran, dass ich immer noch tief in der Straße verwurzelt bin. Das ist diese Gary-Mentalität [Gibbs’ Heimatstadt im US-Bundesstaat Indiana; Anm. d. Verf.]. Es gibt niemanden, der so geht wie ich, der so rappt wie ich. Ich bin ein Einhorn, so was siehst du nicht oft.

Foto: Nick Walker

Dieses Feature erschien in JUICE 192. Aktuelle und ältere Ausgaben könnt ihr versandkostenfrei im Onlineshop bestellen.

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