Fler Interview


Fler ist begeistert. Er ist gerade wieder in Berlin gelandet. In New York hat er das erste Video zu seinem Mixtape »Airmax Muzik 2« abgedreht und ist dafür in einem gemieteten weißen Bentley durch Harlem gecruiset. Fler scheint es gut zu gehen. Er hat sich geschäftlich von EGJ gelöst, hat mit Psalm23 seine eigene Clothing-Line inklusive Ladengeschäft gelauncht und ist schon letztes Jahr aus dem rauen Schöneberg ins noble ­Zehlendorf umgezogen. Und wer trotz des vielsagenden Cameos in Savas‘ »Rapfilm«-Video immer noch nicht eingestehen will, dass der ehemalige Graffiti-Writer Patrick ­Losensky ein waschechter HipHop-MC mit der vielleicht besten Rap-Stimme Deutschlands ist, der muss schon ein besonders Ewiggestriger sein – oder leidenschaftlicher Kollegah-Fan.

Im Intro deines letzten Albums »Flersguterjunge« hast du den »alten Fler« symbolisch beerdigt. Bleibt es dabei?
Dass ich mein altes Ich begrabe, ist meine Art der Vergangenheitsbewältigung. Bei mir funktioniert das oft so, dass ich einfach einen Teil davon verleugne. Nimm meine schlechte Kindheit – irgendwann habe ich gesagt, Patrick ist jetzt tot, es gibt nur noch Fler. Dadurch schaffe ich mir eine neue Identität. Das ist dieser ewige Kampf, den ich mit mir selbst führe. Das bezieht sich nicht nur auf Rap. Es geht auch um mein privates Leben. Ich schaue nach vorne und gehe neue Wege.

Wie ist seitdem deine persönliche und musikalische Entwicklung weiter­gegangen?
Meine Musik ist insgesamt persönlicher geworden. Ich lasse auch Themen zu, die sich nicht nur darum drehen, wie cool oder hart ich bin. Ich erkläre den Leuten vielmehr, warum ich manchmal so hart sein muss. Die sollen diesen Gegensatz auch verstehen. Ich meine, ich bin hier in Berlin immer klargekommen und empfinde allein das schon als Leistung. Wenn Rapper aus anderen Städten kommen und meine Härte anzweifeln, dann sage ich: Mach’s doch erst mal nach, aber bitte in dieser Stadt. Weißt du, was ich meine? Wenn du aus Düsseldorf kommst, ist das ein ganz anderes Leben. Zieh mal nach Berlin und mach diesen Lifestyle mal eine Zeit lang mit. Und dann erreiche aber auch das, was ich erreicht habe. Das hat einfach viel damit zu tun, wo du herkommst und mit wem du dich auseinandersetzen musst in deinem Leben. Und deshalb kommen die coolsten Rapper meiner Meinung nach immer noch aus Berlin, weil wir hier eben Dinge sehen und durchmachen, die andere nicht kennen und deswegen auch nicht so viel zu erzählen haben. Hier wird geschossen, gestochen und gedisst. Hier ist einfach viel Hass. Aber am Ende des Tages geht es darum, dass ich damit klargekommen bin. Natürlich gibt es in jedem Dorf auch ein paar Gangstertypen mit Pistolen, aber darum geht es einfach nicht. Mit einem Rapper, der im Leben nicht so viel durchgemacht hat wie ich, setze ich mich gar nicht erst auseinander.

Du kommst ja auch ursprünglich aus der Graffiti-Szene, die in Berlin nun mal härter und gewalttätiger als in anderen Ecken Deutschlands ist.
Genau. Und die Haltung, die ich als Rapper heute habe, hatte ich auch schon als Writer. Wir mussten dafür kämpfen, dass wir einen Zug bemalen konnten. Dafür sind Leute bei uns gestorben. Und ich glaube nicht, dass das in anderen Städten genauso krass war. Natürlich gibt es auch schlimme Erfahrungen außerhalb von Berlin. Wie gesagt, es gibt überall Scheißgegenden und Scheißorte. Aber diese Hardcore-Szene, die war hier eben extrem. Hier hat man Graffiti gelebt und das wirklich durchgezogen. Das habe ich in Berlin erlebt wie nirgendwo anders.

Ich habe in der Szene mit Leuten gesprochen, die dir Anerkennung dafür ausgesprochen haben, auch wenn sie keine Fans von deiner Musik sind.
(grinst) Du kannst das schon vergleichen mit meiner Rap-Karriere. Ich bin gekommen und habe es richtig gemacht. Und irgendwann war ich plötzlich weg. So werde ich es im Rap auch machen. Ich haue mit meiner Axt so lange eine Kerbe in den Baum, bis er umfällt. Und dann mache ich was Neues. Ich habe in der Graffiti-Szene auch immer Feinde gehabt, genau wie jetzt im Rap-Game. Das waren meistens Leute, die ich auch irgendwie bewundert habe. Ich habe dann gedacht: Whoa, der kann krass malen, aber warum respektiert der mich nicht? Ich kann doch auch krass malen. Natürlich gab es da welche, die gesehen haben, wie ich mir meinen Fame erarbeitet habe und mich einfach nicht an sich vorbeilassen wollten. HipHop war für mich immer ein Konkurrenzkampf, damals im Graffiti und heute eben im Rap.

Du hast in unserem letzten Interview gesagt, dass dir die Anerkennung der Rap-Szene nicht so wichtig ist wie die Anerkennung von Rappern wie Kool Savas, Azad oder Olli Banjo, die du respektierst.
Auf jeden Fall. Es gibt meiner Meinung nach Typen in Deutschland, die es richtig machen und sich den Arsch für die Sache aufreißen. Und dann gibt es so ein paar Typen, die vor fünf Jahren noch als Fans auf unseren Konzerten waren, richtige Eierlecker. Typen wie Farid Bang. Die kamen Godsilla und mir aufs Klo hinterher gerannt und wollten uns ­vollfreestylen – was mich sowieso nicht interessiert. Jetzt nehmen die gleichen Leute sich was heraus und behaupten, sie wären die neuen Kings. Das ist eine Ratteneinstellung, das kann ich nicht cool finden. Aber wie gesagt, es gibt auch Typen, die ich bewundere, weil sie der Anlass dafür waren, dass ich mit Rap angefangen habe. Leute wie Frauenarzt, Kool Savas, Bushido oder Taktlo$$. Von denen habe ich mir die Tapes geholt und dachte: Krass, das will ich auch machen. So etwas vergesse ich nicht. Andere bekommen einen Höhenflug, wenn sie selbst erfolgreich werden und scheißen dann auf Savas oder Bushido – aber egal, wie erfolgreich ich jemals sein werde, ich werde diesen Leuten immer Props geben. Das ist für mich ein sehr wichtiger Teil von HipHop.

Kannst du über deinen Tellerrand schauen und auch Künstler feiern, die einen ganz anderen Sound machen?
Klar. Da müsste viel mehr passieren. Ich will einfach nur gute Musik machen, da ist es mir doch egal, in welche Schublade die reinpassen oder eben nicht. Peter Fox oder Marteria sollten mal ein Feature mit einem Gangsta-Rapper machen. Wir sollten alle mehr aufeinander zugehen. Das kann man doch heute so leicht über Facebook oder Twitter regeln. Aber allgemein gibt es für mich in Deutschland nicht viele Künstler, wo ich denke, es würde mir auch was bringen, mit ihnen zu arbeiten. Oder die Berührungsängste bei denen sind so groß, dass sie so ein heißes Eisen wie Fler nicht anfassen würden.

Aber du würdest schon erwarten, dass ein jüngerer oder weniger erfolgreicher Rapper zuerst bei dir anfragt, oder?
Nö, nicht unbedingt. Wenn ich das Gefühl habe, jemand ist es wert, ihn zu pushen, dann gehe ich auch auf ihn zu. Jedenfalls wenn ich denke, er kann damit umgehen und bekommt dann keinen Höhenflug. Die müssen es halt zu schätzen wissen, weil das ja auch für ihre Karriere gut sein kann. Zum Beispiel wäre Nate57 jemand gewesen, mit dem ich sofort einen Song gemacht hätte, weil ich ihn echt bombe finde. Ich bin auch zu Bushido gegangen und habe ihm das gezeigt. Bushido fand das nicht so gut, aber ich fand das überkrass. Ich hoffe wirklich, dass Nate57 weitermacht und dabei bleibt. Ich bin auf jeden Fall immer noch Fan von manchen Rappern.

Ich habe Nate auch darauf angesprochen, aber er sagte, er wolle sich nicht am Fame anderer Rapper hochziehen, sondern es aus eigener Kraft schaffen.
Das habe ich mitbekommen. Ist ja auch die richtige Einstellung. Ich respektiere das, denn zu Aggro Berlin-Anfangszeiten hätten wir auch nie ein Feature mit einem etablierten Rapper gemacht. Ich war sogar noch viel krasser drauf – ich wollte mit nichts und niemandem was zu tun haben und niemandem Props geben. Die Einstellung ist schon verständlich, und irgendwann wird man sich ja ohnehin über den Weg laufen.

Ein schöner Zug von dir war, dass du Megaloh via Twitter Props gegeben hast.
Ja, ich habe mir seine »Monster«-EP ­heruntergeladen. Ganz krass. Ich kenne ihn ja schon seit sieben Jahren. Es ist sehr schade, dass da bislang nicht viel passiert ist und dass nicht mehr daraus gemacht wurde. Gut rappen kann er jedenfalls immer noch. Aber man wartet und wartet bei ihm halt schon sehr lange, dass endlich was kommt.

Du veröffentlichst im April »Airmax Muzik 2«. Warum jetzt eine Fortsetzung dieses legendären Aggro-Mixtapes?
Nach diesen ganzen Kollabo-Alben wie »CCN2« und »BMW« wollte ich endlich mal wieder wie ein Einzelgänger an die Sache rangehen. Zu Zeiten von »Airmax Muzik 1« war ich ja bei Aggro Berlin auch der Einzelgänger. Da war ich mit dem Label und der dortigen Arbeitsweise schon nicht mehr so krass zufrieden. Ich habe mich alleingelassen gefühlt und dachte, ich müsse gegen die ganze Welt in den Krieg ziehen. Das ist heute nicht mehr so, ich habe meinen Status, aber ich bin jetzt zum ersten Mal komplett unabhängig. Ich mache alles alleine, kümmere mich selbst um meine Angelegenheiten, habe mein eigenes Label mit eigenem Vertriebsdeal, mache das Merchandise selbst. Ende des Jahres wird meine Biografie erscheinen, die seit über einem Jahr in Arbeit ist. Ich nehme wirklich alles selbst in die Hand. Ich entscheide selbst, dass ich dir ein Interview geben möchte und da sagt dann auch keiner, dass das nicht geht.

Das heißt, dein vertragliches Verhältnis zu EGJ ist komplett beendet?
Ja, das war schon nach »Flersguterjunge« beendet. Für »BMW« haben wir dann noch mal einen neuen Vertrag gemacht. Aber jetzt sage ich mir: Einfach mal alleine machen. Es fühlt sich gerade einfach richtig an.

Hast du dir denn einiges von ­Bushido abschauen können, was die ­geschäftliche Ebene angeht?
Ja, in dieser Hinsicht ist er ein Vorbild. Dem macht in Deutschland als Geschäftsmann keiner was vor. Aber was die künstlerische Seite angeht, stehe ich vollkommen auf eigenen Füßen. Da sehe ich viele Dinge anders als er. Genau wie in der Zeit bei Aggro, wo ich auch vieles gerne anders gemacht hätte. Aber sowohl bei Aggro als auch bei EGJ war ich eben Teil eines Teams, und da muss man sich auch unterordnen können. Das gehört eben dazu.

Wie sehen deine Strukturen jetzt aus?
Ich habe einen sehr guten Vertriebsdeal bei Groove Attack bekommen. Mir wurde umfangreiche Unterstützung zugesagt. Alles, was ein Label sonst macht, mache ich selbst besser. Ich war bei vielen Labels, und die kochen letztlich alle nur mit Wasser. Ich habe mittlerweile in den sieben Jahren so viele Erfahrungen gesammelt, dass ich weiß, was man machen muss. Außerdem will ich natürlich lieber für meine eigene Tasche verdienen als für einen Major. Zumal man das teuer aussehende Video, für das der Major unglaublich viel Geld bezahlen muss, selbst viel billiger bekommt. Und wenn du selbst als HipHopper deine Finger im Spiel hast, wird das Ergebnis ohnehin automatisch cooler. Die Majors haben bei uns oft Dinger verzapft, wo wir am Ende die Rechnung gesehen und uns nur an den Kopf gefasst haben.

Wie hast du es aufgenommen, dass Sido und Bushido sich via Twitter ­»angenähert« haben?
Das war längst überfällig. Ist doch super, dass sie endlich mal über ihren Schatten springen können. Es war ja ursprünglich auch mal mein Anliegen, dass ich nach der Versöhnung mit Bushido auch Sido irgendwie dazu gewinnen kann. Ich wollte mich mit ihm vertragen, aber er musste einfach immer sticheln und ist immer wieder gegen mich in Erscheinung getreten. Deswegen bin ich in dieser Hinsicht gerade ein bisschen reserviert. Aber dass die beiden sich vertragen, finde ich trotzdem super. Die haben doch beide so viel erreicht, dass sie sich nicht mehr gegenseitig in der Öffentlichkeit runterbuttern müssen. Das macht für beide keinen Sinn mehr. Die stehen beide für immer außer Konkurrenz. Ob sie nun gleich gemeinsam Songs machen oder so, weiß man natürlich nicht. Ob die da überhaupt Bock drauf haben, bleibt ja völlig denen überlassen. Nötig haben sie es beide nicht. Aber an den Reaktionen der Fans konnte man ja sehen, dass sie diese Versöhnung auch begrüßt haben.

Fühlst du dich nicht hintergangen, wenn du gerade Streit mit Sido hast, Bushido sich aber zeitgleich mit ihm verträgt?
Nein, weil mittlerweile weder Sido noch Bu­shido so extrem wichtig für mein Leben sind, dass es mich interessieren würde, ob sie mir gegenüber loyal sind. Ich erwarte Loyalität von meiner Familie und meinen engen Freunden. Aber Bushido hat sich ja nach unserer Versöhnung auch mit Kollegah und Farid Bang getroffen, und da war für mich eigentlich schon klar, dass es bei uns um eine rein geschäftliche Beziehung gehen wird. Die Freundschaft ist einfach nicht mehr so wie früher. Aber es hat ja trotzdem gut funktioniert. Und Sido war eben voll angepisst von unserer Versöhnung, aber nicht Manns genug, mir das persönlich zu sagen, sondern er musste auf seinen Konzerten Kommentare über mich ablassen. Ich weiß aber mittlerweile, wie ich die Leute zu nehmen habe, und erwarte von ihnen nichts mehr. Das sind für mich Arbeitskollegen. Ich bin 28 Jahre alt und stehe auf eigenen Füßen. Ich mache mein Ding und nach mir die Sintflut. Mir macht niemand Vorschriften, und ich mache auch niemandem Vorschriften.

Mit wem hast du denn für »Airmax ­Muzik 2« zusammengearbeitet?
Als Produzenten habe ich ausschließlich Gee Futuristic, X-Plosive und Beatzarre dabei. Das wird vom Sound her richtig durch die Decke gehen. Auf »Flersguterjunge« waren die Produktionen ja etwas musikalischer und melodiöser, bei »Airmax Muzik 2« habe ich nur synthielastige Banger. Natürlich werden auch ein paar Namen genannt. (lacht) Kollegah war ja eher ruhig in letzter Zeit, aber Farid Bang hat seine Fresse zu weit aufgerissen. Der hat auch einfach eine Nase, da würde man gerne mal draufhauen. Aber ich weiß gar nicht, ob ich die Zeit finde, mich wirklich mit so einem Typen auseinanderzusetzen.

Welche Rapper featurest du auf dem Mixtape?
Eigentlich wollte ich keine Features haben. Aber Silla und MoTrip werden nun doch drauf sein. Man braucht ja immer ein paar Typen, mit denen man gerne im Studio abhängt. Auch Frauenarzt hat Bock – das würde mich natürlich sehr freuen, aber mal sehen, ob wir es zeitlich auf die Reihe kriegen.

Wie sieht es mit einer Fortsetzung von »Südberlin Maskulin« mit Silla aus?
Wir haben gerade vor ein paar Tagen drüber gesprochen. Groove Attack will das unbedingt machen. Die Fans schreiben uns auch, dass sie sich freuen würden. Aber mal sehen, wie wir das alles hinbekommen. Ich will ja Ende des Jahres auch noch mal mit einem großen Soloalbum kommen, zeitgleich mit meiner Biografie.

Zu unserem letzten Gespräch haben wir uns im noblen Südwesten von Berlin getroffen, wo du mittlerweile auch lebst. Du bist mit einem 7er BMW vorgefahren, wir waren in einem Edelrestaurant essen, und anschließend hast du mir gezeigt, dass nur wenige Straßen weiter das Kinderheim war, in dem du teilweise aufgewachsen bist. Hast du es geschafft, das alles hinter dir zu lassen?
Nein, das wirst du nie los. Ich fühle bis heute eine krasse innere Unruhe in mir. Vielleicht ist das die unterbewusste Angst, dass ich nie wieder da landen will, wo ich hergekommen bin. Was ja im Prinzip so gut wie unmöglich ist. Ich habe mir so viel aufgebaut und so viel erreicht, dass ich nie wieder der Penner sein werde, der ich mal war. Aber trotzdem gibt es diese Ängste und Dämonen. Man will eben nie wieder in einer Ein-Zimmer-Wohnung leben, auf einer Matratze schlafen und sein Essen klauen müssen. Vor allem will man von den Leuten nie wieder diese Blicke sehen, die dir sagen: Du bist niemand. Du bist ein Opfer. Das ist der Hauptantrieb für meine Musik. Ich bin vielleicht ein schwieriger Kandidat, aber die Leute müssen mich inzwischen akzeptieren, weil ich heute derjenige bin, der die Kohle auf den Tisch legt. (lacht)

Text: Stephan Szillus
Fotos: Murat Aslan

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