Interview: F. R.

 

F.R

 

Sein Name fällt seit Jahren immer dann, wenn es um die Zukunftsfähigkeit des Modells Deutschrap geht. Den endgültigen Beweis ist Fabian Römer mit seinen letzten Alben dennoch schuldig geblieben – Achtungserfolge hin oder her, immer gab es für uns Kritiker was zu kritteln: zu glatt, zu sehr an deutschen Pop-Standards orientiert, zu harm-, ecken- und kantenlos. Unentschlossenheit kann man seinem fünften Album »Ganz normaler Wahnsinn« nun nicht mehr vorwerfen: Der 21-Jährige scheint genervt vom Image des technisch perfekten, aber latent langweiligen Rap-Strebers. Brachiale Beats zwischen Synthie-Pomp und Stahldrums, emotionale Themen zwischen Erwachsenwerden und Orientierungslosigkeit – das ehemalige Technik-Wunderkind hat die nötige Distanz zur Szene und auch das Selbstbewusstsein entwickelt, um ein mutiges Zeitgeist-Statement abzugeben. JUICE war erstaunt über den musikalischen Quantensprung und besuchte F.R. in seiner Berliner Wohnung.

 

 


»Ganz normaler Wahnsinn« ist mit Abstand das beste Stück Musik deiner bisherigen Karriere. Stimmt es, dass dieses Album innerhalb von nur zwei Monaten entstanden ist?

Der Ausgangspunkt war mein Umzug nach Berlin im letzten Dezember, kurz nach der Tour zu meinem letzten Album. Ich hatte einen kleinen Selbstbewusstseinsschub, weil die Tour echt gut lief, und hatte daher einfach Bock, Mucke zu machen. Das passte zufällig auch mit den Plänen der Beatgees zusammen, die ja schon meine letzten beiden Alben produziert haben. Mit diesem Schwung bin ich in die Albumproduktion gegangen und dann ging es extrem schnell. Das war wie in einem Rausch. Früher habe ich zwei Jahre für ein Album gebraucht, und trotzdem bin ich mit dieser Platte zufriedener als jemals zuvor. Auch das Feedback aus internen Kreisen sagt einhellig, dass es das stimmigste Album ist, was ich bisher gemacht habe.

 

Hat es mit den neuen Eindrücken zu tun, die mit dem Umzug in eine ­Großstadt wie Berlin kommen?
Vor allem hat man hier ein Gefühl von Freiheit. In Braunschweig hat man sich immer eingeengt und beobachtet gefühlt. Das hat nichts damit zu tun, dass ich eine kleine Lokalberühmtheit wäre oder so – auch meine Freunde erleben das. Hier in Berlin herrscht eine gewisse Anonymität, da fühle ich mich wohler als in Braunschweig. Diese Freiheit und der Auftrieb von der Tour haben mir geholfen, selbstbewusster an so ein Album heranzugehen. Sonst bin ich eher ein pessimistischer Typ, dieses Album ist für meine Verhältnisse extrem positiv geworden.

 

Dieses Selbstbewusstsein schlägt sich auch in einer gewissen ­Entschlossenheit nieder.
Ich habe mir mit diesem Album quasi die Antwort auf die große Frage meines letzten Albums »Wer bist du?« gegeben, das sehr zerrissen und von Selbstzweifeln geprägt war. Viele Leute in meinem Umfeld sind halt einfach diesen ganz geraden Lebensweg gegangen, die hatten dann ihre Ausbildung fertig oder waren schon im was-weiß-ich-wievielten Semester. Ich fiel da immer ein wenig raus, weil ich eben Musik gemacht habe, während sie »was Vernünftiges« machen. Mittlerweile kann ich zu dieser Leidenschaft hundertprozentig stehen. Ich bin durch und durch Musiker und könnte auch nicht anders. Weil mir das klar geworden ist, klingt dieses Album auch intensiver und entschiedener. Ich wollte und durfte einfach nur Künstler sein.

 

 

Sprich, du hast auch für dein privates Leben eine Entscheidung getroffen?
Ja. Ich habe schon 2006, mit 16 Jahren, ein Album namens »Mittelweg« gemacht. Über die Jahre habe ich aber versucht, mich immer mehr von Kompromissen und eben gerade diesen Mittelwegen zu verabschieden. 2009 habe ich Abi gemacht, da habe ich mir gedacht: Wann, wenn nicht jetzt? »Wer bist du?« ist noch in einer Phase des Zweifelns entstanden. Nach dem Schulabschluss hat man ja das Gefühl, jetzt müsste alles ganz schnell gehen. Man muss sich sofort in irgendein Studium stürzen, um ja nicht den geraden Lebensweg zu verlassen. Ich hingegen habe viele ältere Freunde, die viel entspannter sind und mir gesagt haben: »Du hast alle Zeit der Welt! Du bist gerade mal 21 Jahre alt, also kannst du jetzt erst mal Musik machen und auch mit 26 noch studieren gehen.« Das habe ich verstanden und mir zu Herzen genommen.

 

Was war denn der konkrete Grund für den Umzug nach Berlin?
Es war von meinem musikalischen Umfeld sehr naheliegend. Meine Produzenten, mein Management und mein Label sitzen hier. Ich habe mir schon immer gesagt: Wenn ich umziehe, dann nach Berlin. Von Hannover bin ich ohnehin kein Fan, nicht nur wegen der Fußballfeindschaft zu Eintracht Braunschweig. (lacht)

 

Du beschreibst auf dem Album auch recht schlüssig den Widerspruch ­zwischen dem Tourleben eines Künstlers mit Hotels, Groupies und Catering und dem Alltag in Berlin, wenn man wieder S-Bahn fahren muss.
Ich kenne es halt nicht anders. Natürlich höre ich von Leuten, die schon länger im Geschäft sind, immer Geschichten aus den goldenen Zeiten der Musikindustrie. Damals hätte ich an jeden meiner Vorschüsse noch mal zwei Nullen dranhängen können. Aber im Grunde genommen bin ich sehr zufrieden. Ich sehe es schon als Privileg, dass ich meine Miete mit Musik bezahlen kann. Ich brauche und will momentan gar kein High Life. Ich bin froh, dass ich keinen hohen Lebensstandard habe, weil ich weiß, dass sich das auf meine Musik niederschlagen würde. Letztlich unterscheidet sich mein Lebensstandard nicht von dem, was andere in meinem Alter haben. Aber ich kann es eben selbst finanzieren und muss nicht meine Eltern anpumpen. Das ist schon mal ein gutes Gefühl.

 

 

Stimmt es, dass du vom Charakter her ohnehin nicht so der Typ für rauschende Partys bist?
Ich bin schon eher ein introvertierter Typ. Mit Oberflächlichkeit hatte ich schon immer ein Problem. Daher bin ich sicher nicht der perfekte Socializer. Wenn ich mich aber erst mal geöffnet habe, dann bin ich auch ein geselliger Mensch, mit dem man bestimmt auch ganz gut feiern kann. Vor allem in Berlin kommt man nicht drum herum, feiern zu gehen. Es gibt fast jeden Tag einen Anlass und sehr gute Möglichkeiten, und das nehme ich auch mit. (grinst) In Braunschweig war es einfach so, dass ich schon mit 20 jeden Club der Stadt kannte.

 

Zum Sound des Albums: Es ist klingt elektronischer und zeitgeistiger als deine bisherigen Alben, die doch von einem eher klassischen Sound geprägt waren. Wo kommen die Einflüsse her?
Es ist richtig, dass das Album teilweise sehr elektronisch klingt – gleichzeitig hat es ­extrem harte Drums und ein sehr solides Fundament aus echten, eingespielten Sounds. Die Beatgees sind ja ein Team aus vier Produzenten. Bei »Wer bist du?« hatten alle das gleiche Mitspracherecht, und so kam ein Album heraus, das alle cool fanden, wo aber Kompromisse gemacht wurden. Dieses Album habe ich mit Philip von den Beatgees erst mal alleine vorproduziert. Erst später kamen Einflüsse von den anderen Beatgees und auch von ZPYZ dazu. Dadurch sind Ecken und Kanten da geblieben, die bei den Alben zuvor nicht mehr vorhanden waren. Die waren einfach glatter produziert, damit am Ende wirklich alle cool damit sind. Unser Credo diesmal war: Einfach machen, keine Kompromisse.

 

Ist Philip der HipHop-Head unter den Beatgees?
Das kann man schon so sagen. Die kommen zwar alle aus dem HipHop, bringen aber auch noch ganz andere Einflüsse mit, weil sie eben viel Pop produzieren und einen krassen musikalischen Weitblick haben. In unserem Studio ist auch immer viel los, da laufen die verschiedensten Künstler herum und das gibt uns viel guten Input. Deswegen war es diesmal die perfekte Mischung, gerade mit Ivan von ZPYZ, der auf fast jedem Song noch Gitarren eingespielt hat und bestimmte Arrangements umgeworfen hat. Das ZPYZ-Album war im letzten September einfach unser kompletter Tour-Soundtrack.

 

 

Was lief außerdem während der ­Albumproduktion auf deinem iPod?
Ganz unterschiedliche Dinge. Das letzte Kanye West-Album fand ich extrem gut. Ich höre vor allem nicht nur neue Sachen, sondern auch alte Klassiker, zum Beispiel ist »Von innen nach außen« von Curse für mich das beste Deutschrap-Album aller Zeiten. Das habe ich damals totgehört, dann eine Zeit lang nicht mehr angerührt, aber vor einem Jahr wieder ausgegraben.

 

Als das Album 2001 rauskam, warst du elf Jahre alt.
Ja, das war eines der Alben, die mich extrem geprägt haben. Hätte mir damals jemand gesagt, dass ich mal einen Song mit Curse mache oder mit ihm im Studio chille, hätte ich das nie geglaubt.

 

Du hast alle Schritte eines ­»normalen« Rapper-Daseins nicht im stillen Kämmerlein, sondern bereits vor einer gewissen Öffentlichkeit ausgelebt. ­Bereust du das machmal?
Es ist Fluch und Segen zugleich, das habe ich ja in einem Song namens »Truman Show« schon mal thematisiert. Einerseits denke ich: Klar, du hättest einiges in deinem Kinderzimmer auch noch ein bisschen mehr ausbrüten können. Andererseits bin ich immer noch stolz auf mein erstes Album »Mundwerk«. Das kam 2004 raus, in der Produktionsphase war ich 13 Jahre alt. Jetzt habe ich mit 21 Jahren schon so viel erlebt, so viele wertvolle Erfahrungen gemacht und hatte so viele Auftritte, dass ich das auf keinen Fall missen will. Daher war es auch richtig, dass ich seit meinem 13. Lebensjahr mit meiner Musik an die Öffentlichkeit gegangen bin.

 

 

Du bist eigentlich das erste HipHop-Kind der Generation Internet.
Ich habe sogar den Zugang zu Rap erst durch das Internet bekommen. Ich hatte nie Freunde, die Rap gehört haben, keinen großen Bruder, dessen Plattensammlung ich durchstöbern konnte. Für mich waren die Foren und die RBA die ersten Kontakte mit HipHop.

 

Das einzige Feature auf dem Album ist Tim Bendzko. Bist du ein Einzelgänger, siehst du dich innerhalb der HipHop-Szene als Außenseiter?
Ich feiere andere Rapper und war ja auch schon mit einigen auf Tour. Ich laufe nicht mit Scheuklappen durch die Welt und höre auch Deutschrap. Bei dieser Produktion waren wir aber einfach in einem Tunnel. Da war kein Raum für irgendwelche Features. Das Feature mit Tim Bendzko hat einfach Sinn gemacht, weil ich mit ihm zusammengewohnt habe und weil er auch mit seinem Album gerade durch die Decke geht. Ich verstehe mich mit ihm sehr gut und wir planen auch schon weitere Projekte.

 

Woher kennt ihr euch denn eigentlich?
Als ich letztes Jahr von Braunschweig aus eine Wohnung in Berlin gesucht habe, gestaltete sich das recht schwierig. Ich war dann froh, als mir mein Manager sagte, dass Tim einen Mitbewohner sucht. Tim hatte da schon mit den Beatgees gearbeitet, also bin ich mal auf gut Glück eingezogen. Und das hat gut funktioniert – wir haben gechillt, »Pro Evolution« gezockt und eine wirklich gute Zeit gehabt. Mittlerweile bin ich aber in eine eigene Wohnung gezogen.

 

Mit den Erfolgen von Marteria, Prinz Pi und Casper setzt sich endgültig eine neue Form von Deutschrap ohne den vorher unabdinglichen Street-Background durch. Du hast schon 2008 ­einen Song namens »Rap braucht Abitur« gemacht. Siehst du dich als Vorreiter?
Ich glaube, dass es damals einfach diese polarisierende Aussage mit der Brechstange gebraucht hat. Ich weiß, dass ich damit extrem angeeckt bin und dass mir das viele noch krumm nehmen. Aber im Endeffekt ­stehe ich heute mehr denn je zu dem Song, weil die Entwicklung genau dort hingegangen ist. Dieses Gleichgewicht, von dem ich damals immer gepredigt habe, hat gefehlt und ist jetzt wieder da. Daher würde ich nicht sagen, dass ich der Vorreiter für diese Entwicklung war, aber ich habe schon meinen Teil dazu beigetragen.

 

Freust du dich über die Chart-Erfolge von anderen Rappern?
Klar, das öffnet einfach Türen für uns alle. Da ist es auch egal, was man mit denen zu tun hat. Immer mehr Künstler gehen Top 10, dadurch ist deutscher Rap wieder medientauglich und relevant. Vor allem wird diese Relevanz auch erkannt.

 

 

Also ist es dir egal, ob Farid Bang oder Casper chartet?
Ja, das ist mir wirklich egal. Weil beides seine Daseinsberechtigung hat. Auch harter Rap, jetzt sogar mehr denn je, weil eben das Pendel wieder mehr in die andere Richtung ausschlägt. Hauptsache, es ist Rap und es geht weiter.

 

Wie gehst du mit Anfeindungen ­anderer Künstler um?
Das sind ja immer nur einzelne Zeilen oder Anspielungen in bestimmten Songs. Da ist es ganz schwer, mich zu motivieren, darauf zu antworten. (grinst) Wenn allerdings mal ein technisch überragender Musiker einen ganzen Song gegen mich machen würde, dann müsste ich darauf natürlich auch reagieren. Ich komme ja aus dem Battle-Rap.

 

Würdest du zustimmen, dass sich Jugendliche heute weniger als Teil ­bestimmter Subkulturen sehen als noch vor zehn Jahren?
Das stimmt. Ich merke das auch bei meinen Freunden und mir selbst. Wenn du bei uns in die Mediathek schaust, dann findest du ganz sicher nicht nur eine Musikrichtung, sondern ganz verschiedene Sachen. Es gibt nicht mehr den Rockhörer, den HipHop-Hörer und so weiter. Das vermischt sich alles. Ich finde, das ist eine sehr gute Entwicklung.

 

Man spürt am aktuellen HipHop, dass da immer mehr andere Einflüsse drinstecken, weil es melodiöser und emotionaler wird – siehe Drake oder Wiz Khalifa. In diese Richtung scheint auch dein neues Album zu zielen.
Wenn ich ein neues Instrumental bekomme, das mir gefällt, dann freestyle ich in Fantasiesprache drauf, um einen Flow zu finden. Und dann singe ich, um eine Melodie zu finden, die meistens im Refrain aufgegriffen wird. Das kommt einfach aus mir raus. Ich suche nicht nach einer eingängigen Melodie, um den Song kompatibel fürs Radio oder die Charts zu machen. Ich liebe es einfach, auf einem Beat eine geile Melodie zu finden. Das macht mir extrem viel Spaß und zieht sich schon durch meine ganze Karriere. Ich hab sogar in der RBA schon Melodie-Parts gebracht. (lacht)

 

 

Das neue Album ist ohnehin weniger technikfixiert als deine letzten beiden.
Wobei es mir schon wichtig ist, auch die Technik-Fans weiter zu bedienen. Auf der Premium Edition gibt es daher auch ein paar Songs, wo ich einfach nur doubletime abflexe. Ich komme eben aus dem Battle-Rap und das wird immer ein Teil von mir sein. Aber bei diesem Album waren Emotionen schon wichtiger. Ich rappe ja technisch trotzdem gut, also beschränke ich mich nicht. Aber ich benutze hier die Technik um des Inhalts willen – und nicht umgekehrt. So wie in der Literatur. Da setzt man ja auch bestimmte Stilmittel so ein, dass sie auf das Thema und den Inhalt gemünzt sind. Große Schriftsteller hauen nicht einfach unvermittelt die krassesten literarischen Stilmittel raus, ohne Zusammenhang zum Inhalt.

 

»So soll’s sein« ist ein beeindruckender Song, weil du hier den Prozess des Erwachsenwerdens analytisch sezierst, den man eigentlich erst im Rückblick versteht.
Ich stecke ja noch mitten in diesem Prozess drin. Ich merke einfach gerade, wie sich bestimmte Kontakte entwickeln, wie Kontakte zu ehemals guten Freunden plötzlich oder langsam abreißen. Gerade in der Abiturzeit hat man extrem viel mit den Leuten aus seinem Jahrgang zu tun, dann kommt plötzlich so ein Cut und man hat nur noch mit den wenigsten zu tun. Mir war es wichtig darzustellen, dass das ein ganz normaler Prozess ist. Man muss die positiven Seiten sehen: Alle kommen endlich raus, gehen in unterschiedliche Städte, sammeln eigene Erfahrungen. Außerdem kann man ja heute viel leichter lose in Kontakt bleiben oder irgendwann wieder Kontakt aufnehmen, wenn man es will. Man sieht ja auch auf Facebook immer, wo die anderen stecken und was sie treiben – so kann man die Verbindungen zumindest oberflächlich am Leben erhalten, wenn man denn will.

 

Drei Songs im Mittelteil deines Albums beschäftigen sich mit Social Networks, dem Internet und den modernen ­Medien im weitesten Sinne: »Gefällt mir«, »Russisch Chatroulette« und ­»Irgendwas mit Medien«. Warum?
Weil mich das sehr beschäftigt. Ich habe über 40.000 Fans bei Facebook, auf meinem Privat-Account habe ich das Maximum von 5.000 Freunden, davon kenne ich vielleicht 200 persönlich. Da sieht man jeden Tag den Gossip von so ganz verschiedenen Leuten. Die haben teilweise keine Schamgrenze und schreiben extrem intime Sachen. Das finde ich extrem gefährlich, auch wenn das aus dem Mund eines 21-Jährigen ein wenig konservativ klingt. Ich kann mir vorstellen, dass das noch viel uncoolere Ausmaße annimmt. Früher hat man sich über die Stasi beschwert, heute führt jeder sein Tagebuch offen und für jedermann zugänglich im Netz. Heute tauscht man auf Partys ja keine Nummern mehr aus, sondern nur noch Facebook-Namen. Dieses Phänomen ist eben auch »Ganz normaler Wahnsinn«.

 

Es gibt ja noch Totalverweigerer wie Mos Def oder André 3000. Ich habe ohnehin das Gefühl, dass nicht jeder Künstler den richtigen Umgang mit Social Networks findet.
Einerseits ist es cool zu sehen, dass der Künstler auch ein ganz normaler Mensch ist. Dafür verschwindet dadurch auch die Magie. Andererseits hat man als Künstler unglaubliche Möglichkeiten, kann Zielgruppen herausfinden und genau sehen, wer seine Fans konkret sind, wo sie wohnen, was sie ­mögen. Mein Booker und mein Manager freuen sich sehr über diese ­Statistiken. (lacht) Ich selbst versuche aber, eine ­gesunde Distanz zu wahren.

 

 

Ein anderer Song ist »Wir schweigen es tot«. Wie kamst du zu diesem Thema?
Für mich ist das ein sehr persönlicher Song. Der erste Teil beschreibt eine Freundschaft, in der man die gleichen Leichen im Keller hat. Man könnte darüber sprechen und es klären, will es aber umgehen. Daher lacht man sich ins Gesicht, auch wenn beide wissen, dass es falsch ist. Für mich war es immer sehr wichtig, einen kleinen Freundeskreis zu haben. Ich unterscheide sehr stark zwischen Freunden und Kumpels. Die echten Freunde, zu denen man eine starke Vertrauenbasis hat – das sind bei mir drei bis fünf Leute. Freundschaft war für mich immer ein heiliges Thema, bis ich in den letzten Monaten ein paar große Enttäuschungen erlebt habe… In der zweiten Strophe nehme ich die Rolle des Beobachters ein und beschreibe das Zusammenleben eines Ehepaars, das Probleme totschweigt. Am Ende sage ich: »Mama, Papa, was ist hier eigentlich los?« Dadurch bekommt es einen persönlichen Bezug. Ich beschreibe die Situation, dass Eltern um des Kindes willen zusammenbleiben. Sie sind veränderungsresistent und festgefahren, aber das Kind merkt, dass etwas nicht in Ordnung ist.

 

In den beschriebenen Situationen spielt auch Bequemlichkeit eine Rolle.
Viele Freundschaften und Beziehungen sind ja reine egoistische Zweckgemeinschaften. Das kann gesund sein, teilweise führt das aber in die Katastrophe. Ohnehin ist Egoismus ja der Hauptantrieb für die meisten Menschen – selbst wenn man vermeintlich selbstlos einen Gefallen tut, denkt man unterbewusst oder bewusst auch daran, dass man das irgendwann zurückbekommt. Es gibt keine echte Selbstlosigkeit. Das drückt sich ja auch in vielen Religionen aus: Wenn man gut und richtig handelt, wird man belohnt oder besser bewertet.

 

Was wünschst du dir für deine Zukunft, was erwartest du vom Leben?
Ich setze mir immer nur ganz kurzfristige Ziele, hangele mich von Erlebnis zu Erlebnis. Ich habe keinen Fünf- oder Zehn-Jahres-Masterplan, auch wenn viele das denken. Immerhin habe ich eine Entscheidung für die Musik getroffen, denn das ist das, was ich die nächsten Jahre machen will. Dazu stehe ich. Ansonsten bin ich aber immer noch orientierungslos, wie die meisten in meiner Generation.

 

Text: Stephan Szillus

 

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