Interview: Wiz Khalifa

 

SEANBERRY_WIZKHALIFA_JUICE_MAGAZIN_134

 

Schwarz und Gelb. Die Worte wiederholen sich ständig. Der Song »Black & Yellow« machte Wiz Khalifa endgültig zum Superstar. Dabei geht es abgesehen von der Hook eigentlich nur um ihn selbst und nicht wirklich um die Stadt Pittsburgh. Dennoch fand das Lied den Weg in die Stadien und verkaufte sich alleine digital mehr als zwei Millionen mal. Welch riesige Kuh da entstanden ist. Dieses Vieh gilt es nun zu melken. Und die Milch kommt in Form von ausverkauften Konzerthallen, Werbedeals, faltenlosen Radiohits, Filmplänen mit Snoop Dogg und natürlich Bekleidungslinien. Wiz steht gerade mal am Anfang seiner Zwanziger und hat seine unaufhörlich lachende Persönlichkeit bereits in ein funktionierendes Unternehmen verwandelt.

 

 

Wie machen das diese Wake & Bake-Typen ­eigentlich? Tetrahydrocannabinol wirkt sich auf die Ausschüttung von Neurotransmittern in den zentralen Nervenzellen aus. Und bremst. Normalerweise müsste Wiz Khalifa es nach dem Aufwachen und sofortigen Einbacken gerade mal schaffen, zur Fernbedienung zu greifen, um all die Altersgenossen zu beobachten, die es durch zielstrebigen Drill und Verzicht auf alle Laster der Welt zu Berühmtheit und Erfolg gebracht haben. Nun ist es nicht so, dass der in North Dakota geborene Sohn eines Army-Soldaten als junger ­Investmentbanker in einem aufstrebenden Hedgefonds arbeitet und das Wirtschafts- und Jurastudium an einer ­Eliteuniversität im Jointumdrehen meisterte, ­während der Rest die Abende in der Bibliothek verbrachte. Schließlich ist er Rapper und der Lifestyle des Hängers, auf den jeden Morgen automatisch dreihunderttausend Euro im Chuck Taylor warten, ist eigentlich genau so, wie es sein sollte. Die »Ich verdiene ohne was zu tun an einem Tag mehr als du in einem Jahr«-Zeile wurde von Compton bis Manila sicher schon zur Genüge aufgeschrieben und eingerappt. Doch Wiz Khalifa scheint trotz des wöchentlichen Verbrauchs einer niederländischen Kleinplantage alles unter Kontrolle zu haben. Es ist wahrlich erstaunlich, welchen Weg er seit dem ersten »Prince Of The City«-Mixtape bis »Rolling Papers« zurückgelegt hat. Aus dem jungen, hungrigen MC ist einer der erfolgreichsten Rapper dieser Tage geworden, der dem Verbrennen des Kushs mindestens so viel Aufmerksamkeit schenkt wie dem stetigen ­Erhöhen des eigenen Marktwertes.

 

Als schlaksiger Kerl aus Pistolvania machte er durch aggressive Representer-Songs klar, dass man ihn ernstnehmen sollte. Sein ­Lokalpatriotismus war mit 17 sehr ausgeprägt und so befand sich ­bereits mit »Walk With Me« eine starke Hymne über die Heimatstadt Pittsburgh auf dem ersten Tape. Die Sozialromantik beherrschte noch den Unterton, ebenfalls ließ er hier und da erahnen, dass er Kurse in der Dipset-Schule ­ergattern ­konnte. »Ich liebe Cam’ron. Sein ­Reimstil, die Art zu flowen und sein Humor haben mich sehr ­geprägt. Die ganze Dipset-Zeit war wirklich ­wichtig für mich als MC. Auch die Art wie sie ihre Sachen promotet haben, war genau mein Ding.« Wiz war schon sehr früh ein ­versierter MC, die Stimme damals noch stets nach vorne ­gerichtet, noch nicht so zurückgelehnt und leicht lallend wie heute. Doch die unbefangene Energie, gepaart mit dem Gespür für eingängige Hooks und die passenden Beats machten deutlich, dass nach dem Erfolg des Mixtapes die Frage »Deal Or No Deal« ­berechtigt war und das Album »Show And Prove« ganz passend eine Erwähnung in der ­»Rolling Stone«-Rubrik »Artist to watch« fand.

 

 

Wie es sich für einen ordentlichen Businessplan gehört, waren der Kompetenzbereich und die Unternehmensidee früh eingegrenzt. Die Taylor Gang spezialisierte sich auf das Kremieren des grünen Krauts in allen Verfahrensweisen. Von »Grow Season« bis »Burn After Rolling« ging es grob heruntergebrochen um Gras, daheim ist’s am schönsten, Party und Mädels. Immer mehr Kids drückten auf Follow, die Taylor Gang und die Anzahl der Medical Card-Besitzer wuchs und der Junge landete auf dem »XXL«-Freshmen-Cover. So breit so gut. Mit Kiffermusik nach ganz oben zu kommen, war schon einigen Vertretern geglückt. Nur bedarf es neben der Pferdelunge auch einer zweiten Ebene. Sei es das Gangstertum bei Snoop oder die düstere Seite von Cypress Hill. Nur Rauch alleine geht nicht. Bei Wiz schien Fleiß und am Ball bleiben das Geheimnis zu sein. Schon damals sagte er, dass er prinzipiell einfach nur jung und strebsam sei. »Youngin’ On His Grind« war ein enormer Hit und zeigte bereits 2007, welchen Weg er einschlagen wollte: aufnehmen, ­verkaufsfördernde Maßnahmen ausarbeiten und anschließend absahnen.

 

»Ich bin ein ganz normaler Junge, der seine Arbeit ernstnimmt und trotzdem mit Spaß bei der Sache ist. Daran lasse ich meine Fans teilhaben. Sie haben das Gefühl, dass sie auch so sein können wie ich. Ich trage heutzutage mehr Schmuck als damals oder auch mal die einen oder anderen teuren Jordans, aber an und für sich trage ich Sachen, die sich jedes Highschool-Kid leisten kann. Deswegen ist die Taylor Gang auch so eine große Bewegung geworden. Jeder kann dabei sein.« Seine Mixtapes dienten als Bewerbung für ein bezahltes Praktikum bei Warner Records und Wiz konnte wertvolle Erfahrungen im Bereich der Promotion und Zielgruppenoptimierung gewinnen. Aus abscheulichen Häuflein goldene Schätze zu basteln, ist eine große Kunst. Dies gelang ihm mit dem Einsatz eines absurden holländischen Eurodance-Samples in der Single »Say Yeah«. Riesenhit. Doch Warner schien nicht zu wissen, was man damit anfangen sollte und schließlich trennten sich die beiden Parteien. Zurück auf dem Arbeitsmarkt steigerte Wiz durch aufsehenerregende freie Projekte die Nachfrage. Die Roadmap war klar und der Junge aus Pennsylvania revolutionierte dabei das Mixtape in Verbindung mit sozialen Netzwerken als Geschäftsentwurf. In der renommierten »Flight School« absolvierte Wiz einen weiteren Abschluss und schmückte den Lebenslauf aus. Um auf den fließenden Übergang zu achten, schrieb er direkt im Anschluss mit seinem Kompagnon Curren$y einen Essay über die Erkundung der ewigen Frage »How Fly«. Die Arbeit erfreute sich weltweiter Beliebtheit und wurde in der Fachpresse hochgelobt.

 

Den großen Durchbruch ermöglichte allerdings ein weiterer Geniestreich: »Kush & Orange Juice«. Eine detaillierte Aufarbeitung des Wake & Bake-Lifestyles in Anlehnung an David Ruffins musikalisches Schaffen. Selten verbarg ein kostenlos erhältliches Mixtape eine derart hohe Dichte an Hits. Songs wie »Still Blazin’«, »In The Cut« und »Mezmerized« beherrschten den Sommer. Das Hashtag #kushandorangejuice blieb drei Tage lang in den weltweiten Trending Topics bei Twitter. Ein Triumph. So wuchtig, dass sich die Suche nach Investoren erübrigte und er in aller Ruhe den neuen Vaporizer ausprobieren konnte, während sich die Labels die Köpfe einschlugen. Selbst Ricky Rozay wollte den schlank geratenen Herren bei sich haben. Drake lud ihn ein, als Co-Headliner mit auf Tour zu gehen, doch Wiz schlug beide Offerten aus. Atlantic Records hatte die überzeugendsten Argumente. Die Rechnung ging auf, jeder redete über ihn, alle wollten ihn haben.

 

 

»Bei ‘Prince Of The City’ war ich noch ein junger Artist und hatte noch nicht so viel Erfahrung. Das hat sich mit jedem Release verändert und mittlerweile bin ich an einem Punkt, an dem ich genau weiß, was ich will. Wir hatten so viele Angebote, haben aber trotzdem abgewartet und die Möglichkeit genutzt, das Beste für uns herauszuholen. Mit Rick Ross bin ich weiterhin cool und auch Drake und ich verstehen uns. Sie wissen auch, dass ich mein eigenes Ding durchziehen muss. Ich habe Konzepte im Kopf und setze diese um. Jedes Mixtape, jedes Album bezieht sich genau auf ein Thema. Bei ‘Kush & Orange Juice’ ging es um den Wake & Bake-Lifestyle. Zu einem Joint am ­Morgen passt einfach Orangensaft. Gleichzeitig musst du aber auch sehr konzentriert sein und dich um den nötigen Kram kümmern. Deswegen gibt es auch andere Lieder. ‘Rollin Papers’ ist genauso. Jeder Song passt zum Albumtitel. Ich habe überall diese Linie und mache trotzdem große Platten und große Musik«, so Wiz Khalifa über seine bisherigen Werke.

 

Er sitzt auf einer Berliner Hotelcouch. Sein Jugendfreund und Tourmanager Will Dombazky hockt zusammen mit weiteren Tourbegleitern am Esstisch und starrt auf seinen Monitor. Wiz ist freundlich und spricht sehr ruhig. Sein ­Hauptinteresse gilt allerdings dem Berg von Kraut auf dem Couchtisch. Gelangweilt präpariert er etwa 15 Sportzigaretten und reiht sie ­ordentlich nebeneinander auf. »Das ist mein Mantra, ich ­mache das jeden Morgen zur Vorbereitung, damit ich nicht ständig bauen muss. Ich bin ja von früh bis spät unterwegs und habe zahlreiche Termine, da habe ich einfach nicht genug Zeit, um mir ­meine Spliffs zu drehen.« Man muss schon Prioritäten setzen, da hat er recht. Für den einen ist es der morgendliche Blick auf den Terminplan, für den anderen wohl das Packen der Lunchbox, bevor es auf Montage geht.

 

 

Ob er jemals negative Erfahrungen mit Weed gemacht hat, schließlich ist der Rauch heißer als der einer Zigarette und bei pausenlosem Konsum kann er ohne Frage der Lunge deutlichen Schaden zufügen? »Nein, noch nie. Ich hatte noch nie einen Horrortrip, körperliche Beschwerden oder sonstiges. Ich habe nur Probleme, wenn ich kein Gras habe. Dann denke ich die ganze Zeit daran, welches zu bekommen.« Klingt ja überhaupt nicht nach dem Gerede eines Süchtigen. »Ich weiß, dass ich viele jüngere Fans habe und bin mir dessen bewusst, dass ich eine gewisse Verantwortung trage, aber ich verstelle mich nicht. Ich rauche nunmal viel. Ich sage auch nicht, dass jeder es so tun soll wie ich. Vor allem sollte man darauf achten, dass man nur das gute Gras raucht. Heutzutage packen sie alles mögliche in die Pflanzen, um den Geschmack oder das Gewicht zu ändern. Ich rauche nur California Kush, da kann man nichts falsch machen. Aber jedem das Seine. Wenn es den Tagesablauf negativ beeinflusst, hör auf mit dem Kram.« Seinem scheint es nicht zu schaden. Wiz Khalifa ist ständig auf Tour. Nicht nur einmal im Frühjahr und einmal im Herbst. Ständig. Beinahe ohne Pause. Kaum eine US-Konzerthalle oder ein College-Campus, den er noch nicht besucht hat. Ein Blick auf die Taylor Gang-Homepage zeigt unzählige Clips, die den täglichen Roadtrip-Wahnsinn beschreiben. »Das Ding ist, ich liebe wirklich, was ich tue. Ich liebe es aufzutreten, ich liebe es, mit meinen Fans zu sprechen. Ich könnte gar nicht anders sein. Die Kids merken das und deswegen funktioniert es auch.« Über zehn Millionen Facebook-Verehrer und zweieinhalb Millionen Twitter-Jünger bestätigen dies.

 

Auch der Auftritt im Berliner Columbia Club ist voller junger Fans, die jede Zeile mitbrüllen, selbst die alten Mixtape-Songs werden abgefeiert. Kids lieben den Wiz. Und es ist schon amüsant zu sehen, wie viel Spaß es ihm bereitet. Sichtbar weggetreten, hat er des Öfteren den seltsam glückseligen Gesichtsausdruck eines grinsenden Roots-Reggae-Sängers, während er mit geschlossenen Augen zur Musik schunkelt. Doch die Fröhlichkeit scheint echt zu sein. Er tanzt, es gibt Pirouetten und gleich danach haut er dicke Synthie-Banger raus. Ein richtig schmusiger und trotzdem cooler Typ. Die Frauen mögen ihn, die Jungs wollen wie er sein. Da passt es, dass Kanyes Ex und vermeintliche Hauptfigur aus dem Song »Blame Game«, Amber Rose, über die Bühne stakselt und die Menge durchdreht. Obwohl die Dame nicht wirklich viel mehr fertiggebracht hat, als einen wunderbaren Hintern zu haben und sich von diversen Rappern flachlegen zu lassen, brüllt die Menge – und hier vor allem der weibliche Teil – ihren Namen. Das Chillen mit Amber bringt Wiz auf den Radar der Boulevardblätter. Alles wird ein bisschen jetsettiger.

 

 

Auch »Rolling Papers« ist – selbst wenn es in den Charts funktionierte – doch etwas zu risikofrei gestaltet. Ähnlich wie bei Nicki Minaj verzichtet man auf Überraschungen und setzt auf den großen Pop-Crossover. Natürlich kann man nach dem Welthit »Black & Yellow« nicht erwarten, dass Wiz eine Avantgarde-Platte aufnimmt. Etwas weniger glatte Stargate-Produktionen hätten ihm allerdings sicher gut getan. Doch was will man ihm vorwerfen? Der Kerl ist nicht einmal 25. Und er ist einfach echt. Es gibt Songs, auf denen er in der ersten Strophe beinahe ernste Themen anreißt, nur um sich dann in der zweiten in belanglosen Zeilen zu verlieren. Aber hey, er ist Kiffer und da kommt es schon mal vor, dass jemand seine Lebensgeschichte erzählt und plötzlich vergisst, worüber er gerade redet, weil der Fleck auf dem Teppich so aussieht wie Hillary Rodham Clinton. Was soll man machen?

 

Dem Produkt »Taylor Gang« hat es nicht ­geschadet. Es läuft weiterhin rund. »Ich habe viel gelernt. Auch Snoop hat mir einiges beigebracht. Er ist so etwas wie mein Vorbild. Snoop ist er selbst geblieben und hat sich trotzdem als weltweite Marke etabliert. So etwas strebe ich auch an. Deswegen entscheide ich auch alles selbst. Das Marketing, die Videos, die Fotos, die Promotion. Alles wird von mir entwickelt und abgesegnet. Natürlich habe ich auch ein starkes Team im Rücken, die meisten sind allerdings Freunde, die ich seit meinen Teenagerjahren kenne. Wenn ich Geld mache, verdienen sie gut mit. Wir sind super aufgestellt und das nächste Projekt wird noch größer, keine Frage.« Bleibt zu hoffen, dass der nächste Wurf etwas mutiger ausfällt. Seinen Stil und das perfekte Rezept scheint er jedenfalls gefunden zu haben.

 

Text: Ndilyo Nimindé

 

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here