»Es ist hart, den Leuten so viel von dir zu zeigen« // SiR im Interview

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Dein Album heißt »Chasing Summer« und hat auch einige wetterbezogene Lyrics, die sich auf Stimmungen münzen lassen. Auf »New Sky« rappst du zum Beispiel: »Some things you can’t run away from/ I wanted the weather to change/ Tried my best to outrun the rain/Only way I deal with the pain/ I know you feel the same«. Bist du eine Person, die sich leicht vom Wetter beeinflussen lässt?
Im echten Leben nicht wirklich, aber ich benutze solche Vergleiche gerne in Texten, weil sie ein einfacher Weg sind, um Emotionen auszudrücken. In meinem Leben in L.A. scheint normalerweise die Sonne. Ich bin traurig, wenn die Sonne scheint, ich bin depressiv, wenn die Sonne scheint, ich bin glücklich, wenn die Sonne scheint. Ich bin immer froh, Regen zu sehen, weil wir den alleine schon für die Luftqualität in L.A. brauchen. Wir haben dann drei Tage durchgängigen Regen und danach wieder Pause für neun Monate. Daher bin ich auch glücklich, wenn es regnet. Aber als Songwriter schaut man nach passenden Lines, die alle verstehen können. Wenn du über Wachstum sprichst, kannst du Pflanzen benutzen, Emotionen lassen sich gut über Farben ausdrücken. Und selbst Jahreszeiten können genutzt werden, denn das Leben besteht aus Jahreszeiten. Es ist also immer eine Frage, in welcher Form man die Emotionen ausdrücken möchte, und ich habe mich dafür entschieden.

Wenn das Leben aus Jahreszeiten besteht und du den Sommer jagst, jagst du dann das Glück?
Im Grund genommen jage ich Freiheit und Glück. Auf dem Album suche ich das, von dem ich geglaubt habe, dass es Freiheit ist, aber tatsächlich habe ich etwas gesucht, das ich längst hatte: Glück und Liebe. Im echten Leben ist der Sommer, den ich jage, Respekt. Ich glaube, das ist alles, was ich von der Musikindustrie und meinen Peers möchte. Dass sie wissen, dass es mir etwas bedeutet. Dass ich mehr sein möchte als nur ein bekannter Musiker oder das Gesicht von irgendetwas. So eine Person war ich nie, an erster Stelle bin ich ein N***a aus Inglewood und das wird sich niemals ändern. Ich glaube mein Sommer ist Respekt und die Möglichkeit, das zu tun, was ich liebe. Am besten für den Rest meines Lebens.

Du hast Features auf dem Album, von denen einige selbst bei TDE gesignt sind. Was muss ein Künstler haben, damit er für dich ein passendes Feature ist? Ein bestimmter musikalischer Stil, eine persönliche Beziehung?
Ich glaube von beidem etwas. Ich habe nur persönliche Beziehungen mit Leuten, deren musikalischen Stil ich auch mag. Bei Jill Scott war es eine persönliche Beziehung, aber auch obligatorisch, dass ich zumindest gefragt habe, weil es für sie eine Ehre war, an diesem Album mitzuarbeiten. Sie ist eine phänomenale Songwriterin, eine phänomenale Arrangerin, eine phänomenale Denkerin. Was sie für das Album getan hat, geht weit über das hinaus, was ich erwartet habe. Sie übertrifft meine Vorstellungen mit ihrer Persönlichkeit und sie liebt es immer noch zu singen und zu performen. Darüber bin ich sehr froh. Auch über Lil Wayne. Ich meine, ey, ich habe einen Lil Wayne-Verse auf meinem Album, Alter! Das macht mich immer noch fertig. Als ich meinen Highschoolabschluss gemacht habe, war Wayne sowas wie ein Gott. Ich bin so froh, dass er auf dem Album ist, auch wenn ich ihn nicht persönlich getroffen habe. Das war ein Geschenk von Top Dawg [Anthony Tiffiths, CEO von TDE, Anm. d. Verf.] himself. Ich habe danach gefragt und Top hat es klar gemacht. Ich kann es gar nicht erwarten, ihn zu treffen und ihm dafür zu danken, dass er etwas zum Album beigetragen hat.

»Im echten Leben ist der Sommer, den ich jage, Respekt. Ich glaube das ist alles, was ich von der Musikindustrie und meinen Peers möchte.«

Lil Wayne hat mit seinem Autotune auch eine neue musikalische Note zur instrumentalen Soulmusik hinzugefügt. Wie hat sich das angefühlt, so ein modernes Element für deine Musik zu nutzen?
Ich habe es geliebt. Was ich noch mehr gefeiert hätte, wäre eine Spur gewesen, die noch unbearbeitet ist und bei der ich Anpassungen vorgenommen hätte. Das hätte dann anders geklungen. Aber er hat mir die Vocals direkt mit Autotune geschickt, was ich dann nicht mehr runternehmen konnte und deswegen damit gearbeitet habe. Aber ich sage Leuten immer wieder, dass ich sehr lange überlegt hätte, ob ich den Vers trotzdem nehme – selbst wenn es ein wacker Verse gewesen wäre, was er nicht ist. Denn es ist Lil Wayne! Hättest du »Nein« gesagt? Ich war einfach froh, dass ich den Part mochte und ihn mir gerne angehört hab. Ich weiß auch nicht, es ist surreal. Das Release war vor über einem Monat, aber das ist die eine Sache am Album, die mich immer noch fertig macht. Ich hab einen verdammten Lil Wayne-Verse! Er hört sich an wie der »Lollipop«-Lil-Wayne und das ist einer meiner Lieblingssongs aller Zeiten.

Lass uns über Drogen sprechen. Du erwähnst sie oft in den Songtexten, sie kommen in den Videos vor und manchmal wirkt es, als ob sie das einzige wären, auf das du dich wirklich verlassen kannst. Wie konsumierst du Drogen und hast du ein gesundes Maß gefunden?
In meinen frühen Zwanzigern war ich wild. Jede Nacht getrunken, geraucht und verdammt viele Pilze genommen. Außerdem Molly und Lean, was auch immer ich in die Finger bekommen habe. Das hat mich auf einen sehr düsteren Weg gebracht, ich musste auf Reset drücken. Das habe ich mit 22 gemacht. Seitdem bin ich es langsamer angegangen und mittlerweile ein etwas älterer Mann. Ich bin zwar immer noch jung, aber ich habe schon viel erlebt. Ich genehmige mir ab und zu noch einen Mushroom und trinke Alkohol, wenn mir jemand etwas anbietet. Aber im Leben geht es um Balance und man sollte Dinge in Maßen genießen. Das einzige, von dem ich aktuell denke, dass ich es zu viel mache, ist kiffen. Ich habe trotzdem Tage, an denen ich darauf keine Lust habe. Je älter ich werde, desto weniger möchte ich berauscht sein. Ich genieße nüchterne Tage, deswegen rauche ich eher, wenn ich in Studios gehe oder zu Hause arbeite. Aber wenn ich entspannen will, dann ist das meist ein nüchterner Tag. Das hilft, wenn man dann doch wieder was nehmen will, denn man wird schneller high. Pausen sind definitiv wichtig. Jemanden, der am Herumexperimentieren und Probieren ist, dem kann ich nur empfehlen, es im eigenen Zuhause zu machen oder mit Leuten, bei denen man sich sicher fühlt. Das ist besser, als auf einer Party komplett durchzudrehen. Es ist wichtig, dass man Leute um sich hat, die nur das Beste für einen wollen. Be safe and be careful!

Bei all den Höhe- und Tiefpunkten, die sich auf deinem Album finden: Wie sieht es insgesamt aus? Bist du zurzeit glücklich?
Ja, das würde ich schon sagen. Ich würde aber auch sagen, dass ich nicht zufrieden bin. Viele Leute verwechseln Glück mit Zufriedenheit und ich bin glücklich, weil ich mir aussuche, glücklich zu sein. Aber es gibt noch so viel, was ich erreichen will, so viel, was ich noch tun will. Ich bin definitiv dankbar für die Liebe und die Rückmeldungen, die ich für das Album bekommen habe. Aber das ist nicht mein letztes Album und ich will nicht, dass Leute sagen, wie toll es ist und dabei nicht erwarten, dass ich das noch übertreffe. Mein Ziel ist ein Album, das noch besser ist als das letzte. Nicht nur genauso gut, sondern besser.

Interview: David Regner
Foto: Christian San Jose

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