Tereza: Hauptsache immer weiter, Hauptsache alles neu // Feature

Tereza hat sich über die letzten Jahre zu Deutschlands innovativstem DJ und kreativster Party-Kuratorin der Szene entwickelt und mit ihrer Veranstaltungsreihe ­»WATERS« zuvor ungehörte Sounds in Deutschland etabliert. Warum sie die Reihe nun trotz ihrer Erfolge vorerst abschließt? Es muss vorangehen!

Ihr Mathematikstudium hat Tereza gerade erst abgeschlossen, aber auch exmatrikuliert sind es oftmals die bloßen Zahlen, die Eindruck bei ihr hinterlassen. Zum Jahresabschluss teilte sie ihre ganz persönliche DJ-Bilanz des letzten Quartals 2018: sechs Länder, vierzig Shows, über 23.500 zurückgelegte Kilometer, 195 Stunden Reisezeit für 81 Stunden Setzeit, 29 Hotelnächte und zwei verlorene Koffer (ein wieder aufgetauchter) sind verbucht. Eine nicht ganz ernst gemeinte Auflistung, die jedoch gut illustriert, welchen Stellenwert sich die Chemnitzerin über die vergangenen Jahre erkämpft hat. Es sind nur ein paar Zahlen, aber aus dem Spiel mit ihnen lässt sich eine empowernde Formel ableiten: die Risikobereitschaft, sich andauernd neu zu erfinden und immer dem eigenen, nie dem allgemeinen Geschmack die Treue zu schwören, plus jahrelanges Hustlen zahlen sich langfristig aus für Tereza. Dabei hätte es genug Anlässe gegeben, sich auf den eigenen Erfolgen auszuruhen. Überfliegerin war sie auch auf den einschlägigen DJ-Contests, wo ihr Ausnahmetalent als Juggler aufblitzte. Doch ihr Ausflug in die auf Technik und Turn-up fixierte Subkultur blieb nur ein kurzer. Ebenso schnelle Erfolge feierte Tereza in den großen HipHop-Diskotheken der Nation, doch auch hier fühlte sie sich nach kurzer Zeit nicht mehr wohl. Den einseitigen Erwartungen der Clubgänger und deren Hunger auf überstrapazierte Drops und Hooks wollte sie nicht gerecht werden.

Stattdessen wurden Selektion und Publikum ausgesuchter – und Tereza selbstbewusster in ihrer Rolle als Boschafterin für stilsicheren HipHop. Ihre selbstgewählte Massenuntauglichkeit katapultierte die Wahlberlinerin bis ins Berghain, wo sie vor Skepta spielte. Ihr ambitioniertes Mixtape-Projekt »Baduology. An Ode To Erykah Badu« ging um die ganze Welt. Und »WATERS« entwickelte sie zur spannendsten urbanen Party-Alternative der Nation. Mühsam und voller Liebe zum Detail wurde die Veranstaltungsreihe in den vergangenen drei Jahren zum Herzstück ihrer Identität als DJ und Kuratorin. Über vierzig Stopps führte sie die Serie nach Hamburg, Stuttgart, Berlin, München, Köln und zurück in ihre Heimatstadt Chemnitz. Sogar eine Expansion aufs splash!-Festival gelang 2017, wo sie im Namen von »WATERS« eine eigene Bühne programmierte.

Langeweile am Status quo und die ewige Lust auf Innovation

Die Liste der gebuchten Künstler liest sich wie eine Anleitung für guten Musikgeschmack. Einerseits geprägt durch die Faszination für klassische Beatmaking-Kunst von Acts wie den Betty Ford Boys und Onra. Auch den Sound der Soulection-Crew, etablierte Tereza schon auf ihren Partys, als hierzulande noch kaum einer auf dem Schirm hatte, dass zeitgleich in L.A. die Zukunft der Popmusik mit modernen HipHop-Sounds und warmen Soul-Samples umgeschrieben wurde. Andererseits sind die Line-ups geprägt von der Begeisterung für urbane Musikexporte aus England. Das BBK-Member DJ Maximum und die Garage-Innovatoren Lil Silva und JD. Reid holte sie zu »WATERS«, genauso wie Kojey Radical, der knapp zwei Jahre später längst kein Geheimtipp mehr ist, sondern die strahlende Zukunft von UK-Rap. Darüber hinaus erkannte Tereza auch nationale Rap-Talente frühzeitig: LGoony, Kelvyn Colt und als jüngstes Beispiel Skinnyblackboy sind Hoffnungsträger mit dem Anspruch, Rap aus Deutschland unabhängig von »Modus Mio«-induzierten Hörgewohnheiten und Erwartungshaltungen zu produzieren. Die Langeweile am Status quo und die ewige Lust auf Innovation vereint Tereza mit den von ihr gebuchten Acts.

Diese Getriebenheit führt die 27-Jährige nun aber auch dazu, »WATERS« trotz aller Erfolge in den vorzeitigen (wenn auch potenziell temporären) Ruhezustand zu versetzen. Also immer noch nicht angekommen? Niemals. »2019 fühlt sich nach einer Zwischenstation an. Ich bin wieder auf der Suche nach dem richtigen Platz für mich« Ihre junge Liebe zu House lässt sich selbst in alternativen HipHop-Clubs nur bedingt ausleben. »Es ist schade, dass ich meine neuen Entdeckungen vor dem ›WATERS‹-Publikum nicht so gut spielen kann.«

Also mal wieder aufräumen: Den kommenden Monat nutzt Tereza, um der Reihe einen feierlichen Abgang zu ermöglichen. Ambitioniert hat sie als Abschiedsgeschenk eine Compilation mit Tracks ausgewählter »WATERS«-Acts zusammengestellt, die am 22. März, dem Tag des Wassers (ja, den gibt’s), erscheinen wird. Davor hat sie einen letzten Veranstaltungsmarathon angesetzt. Mit ihrem ersten DJ-Gast Hannah Faith, Sampling-Koryphäe Onra, The Streets’ Mike Skinner und Footwork-Queen Sarah Farina gastiert sie in Hamburg, Stuttgart, München und Chemnitz. Abschied und Neubeginn kombiniert sie final in der kleinen Paloma Bar, Berlins wohl wichtigster Spielwiese für neue Entwicklungen in House und anderen Disziplinen organisch-elektronischer Musik. Zur Neurorientierung passend geladen ist NTS-Radio-Selector Sofie, die genau wie Tereza selbst längst das Label des HipHop-DJs sprengt und urbane Einflüsse mit House, Disco sowie obskuren Fundstücken aus allen Genres vereint.

»Ich spiele schon länger genreübergreifend, aber ganz unterschiedliche Geschwindigkeiten. Ich habe aber nie verstanden, warum ich welche Songs auswähle«

In der Paloma Bar hostet Tereza seit Herbst letzten Jahres auch ihre neue Reihe »Blue Space«, wo sie mal begleitet von befreundeten DJs, oft aber auch auf sich allein gestellt und all night long das Partyklientel der Hauptstadt zum Tanzen animiert. Während »WATERS« den Horizont ihrer HipHop-Gefolgschaft erweiterte, stellt sich Tereza mit »Blue Space« nun ganz bewusst einem vermehrt genrefremden Publikum, das ihre neue Leidenschaft für treibendere Produktionen teilt. Ihre alte Leidenschaft für Beats und UK-Garage-beeinflusste Sounds wird dadurch nicht kleiner. Die Kombination von altem und neuem Repertoire treibt sie an. »Ich spiele schon länger genreübergreifend, aber ganz unterschiedliche Geschwindigkeiten. Ich habe aber nie verstanden, warum ich welche Songs auswähle.« Erst Produzentenkumpel Dexter dechiffrierte Terezas Musikgeschmack, als sich die beiden kürzlich ihre Lieblingstracks zeigten: »Für ihn war es ganz offensichtlich, dass diese völlig verschiedenen Songs immer durch ein warmes, jazziges Sample oder Produktionselement zusammengehalten werden.« Auf Grundlage dieses Musters verwundert es kaum, dass Tereza inzwischen so viel House diggt, ein Genre, das – genau wie HipHop – aus Jazz- und Soul-Samples und ihren warmen Harmonien entwickelt wurde. Die Frage ist vielmehr, auf wie viele andere Genres sich dieses Muster noch ausweiten lässt? Und wohin der nächste Ausflug führen wird? Hauptsache immer weiter. Hauptsache alles neu.

Text: Jonathan Nixdorff
Foto: Svenja Trierscheid

Dieses Feature erschien in JUICE 191. Aktuelle und ältere Ausgaben könnt ihr versandkostenfrei im Onlineshop bestellen.

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