»Es wird zu wenig über Rassismus gesprochen« // Mortel im Interview

Mortel spricht im Interview mit JUICE über seine neue Rolle als Mentor, sein erstes Treffen mit Azad, französischen Rap und seine zweite Leidenschaft, die Schauspielerei.

Foto: Memo Filiz

Wer Mortel in Musikvideos und auf Pressefotos sieht, vermutet einen rücksichtslosen Gangster. Zwar hat der in Bitburg als Sohn kongolesischer Eltern geborene Rapper die DNA der Straße in sich, doch seine Vita machte aus ihm einen reflektierten Mann, der nach diversen Mixtapes, auf denen er bereits die halbe Rap-Prominenz versammelte, und einem starken Debütalbum im vergangenen Jahr als etablierter Künstler inmitten der Szene steht.

Als ich mit Mortel telefoniere, ist er gerade auf dem Weg zum Kindergarten, um seinen Sohn abzuholen. 20 Minuten Fachsimpelei über Memphis-Rap später sprechen wir über Frankreich, seinen Umgang mit Rassismus – und sein neues Crew-Projekt, für das er anderen die Bühne überlässt.

Wer sind die »Racailles«?
Ich könnte dir jetzt alle Namen nennen, aber das würde den Rahmen sprengen. Wir sind eine Gang, eine Straßenbande. Außerdem sind die Racailles Familie: Meine zwei Brüder sind Teil davon, meine Cousins, deren Brüder; und Freunde, die ich seit zwanzig Jahren kenne und mit denen ich aufgewachsen bin. Wir sind also mehr Familie als Crew. Und manche von uns rappen eben auch. Die machen alle ihr Ding und werden in Zukunft auch ihre EPs und Mixtapes veröffentlichen.

Und du hilfst ihnen dabei?
Ich versuche, den Jungs eine Plattform zu bieten. Heute haben alle zu große Egos, keiner will mehr teilen. Für mich kommt so was nicht in Frage. Ich mache das, damit es uns allen gut geht, nicht nur mir. Das ist mir wichtiger als meine Solo-Projekte, wichtiger als alles andere. Ich will erreichen, dass die Jungs ein normales Leben führen können, was gerade definitiv nicht der Fall ist. Die Hälfte von denen hat einen Haftbefehl offen wegen irgendwelcher Straßengeschichten. Vielleicht sind die bald weg vom Fenster, manche werden möglicherweise bald abgeschoben. Das sind alles Faktoren, wegen denen ich mich verpflichtet fühlte, jetzt eine Platte zu machen, die uns keiner nehmen kann – egal, was passiert. Weil die Musik bleibt.

Ein Blick in deine Biografie verrät, dass du Ähnliches durchgemacht hast.
In meiner Jugend sind ziemlich viele krasse Sachen passiert. Als ich 15 war, wurde ich festgenommen. Allerdings wurde entschieden, dass ich nicht ins Gefängnis muss, sondern stattdessen in eine Jugendeinrichtung. Da war für mich klar: Ich habe eine zweite Chance bekommen.

Bist du dankbar für die Entscheidung?
Ja, sehr. Wäre ich damals in den Knast gegangen, weiß ich nicht, ob ich jetzt heute hier stehen würde. Ich sehe ja, was mit den Jungs passiert, die aus dem Gefängnis kommen: Entweder die haben einen miesen Haftschaden, oder sie bauen Scheiße und wandern wieder rein. Dass ich so knapp am Knast vorbeigeschlittert bin, hat mir gezeigt, dass ich was aus meinem Leben machen muss. Also haben sich meine Prioritäten verschoben: Schule, Ausbildung, Leben in den Griff bekommen.

Und Musik machen?
Gerappt habe ich eigentlich schon immer, allerdings nur für mich selbst. Ich wollte erst auf sicheren Beinen stehen, bevor ich all in gehe. Auch meiner Mum zuliebe. Auch wegen ihr bin ich nicht im Knast gelandet, weil sie vor dem Haftrichter in Ohnmacht gefallen ist. Ich konnte sie nicht alleine lassen, ich musste die Familie miternähren, weil kein Vater da war. Als ich die Ausbildung abgeschlossen hatte, konnte ich mich ganz der Musik widmen.

Du hast anfangs noch auf Französisch gerappt.
Ja, weil ich die Franzosen immer realer fand als die Deutschen. Ich konnte mit deutschem Rap nicht viel anfangen – abgesehen von Azad. Er war der einzige, der auch gesagt hat, was wir gelebt haben. Wir konnten uns damit identifizieren.

Hast du dir je überlegt, den Weg über die dortige Szene zu gehen?
Das kam erst mal nicht infrage, weil die Verbindung zu Booba und Ünkut damals noch nicht da war. Das Miese war: Alle fanden das immer cool und haben den Vibe gefühlt, aber keiner hat was verstanden. Ich habe irgendwann eingesehen, dass es keinen Sinn macht. Also bin ich den Mittelweg gegangen: Deutsche Lyrics mit französischen Einflüssen. Weil ich dazu noch Ünkut-Klamotten in den Videos getragen hab, sind Booba und seine Jungs auf mich aufmerksam geworden.

»2012 war ich in Paris. Die ganzen Kids kannten nicht einen einzigen deutschen Rapper außer Bushido. Wenn du jetzt dort bist, nennen sie dir mindestens zehn«

Wieso ist französischer Rap deutschem Rap in Sachen Innovation, Sound und Style seit jeher voraus?
Ich glaube es ist recht banal: Die französische Kultur afrikanischer oder arabischer Herkunft hat schon sehr viel mit Rhythmusgefühl und somit mit HipHop und seinen Subgenres zu tun. Nimm zum Beispiel Afro-Trap: Dieser Sound kommt aus unseren Heimatländern. Dort haben wir Superstars, die diesen Sound schon immer machen, die hier in Deutschland aber keiner kennt. MHD hat eins zu eins kopiert, was in Westafrika abgeht, und die Deutschen haben wiederum MHD kopiert. Es ist ja auch okay: Man lässt sich von einer Sache inspirieren und gibt seinen Senf dazu. Aber die deutschen Artists sind faul. Allerdings würde ich inzwischen gar nicht mal mehr sagen, dass Deutschland da noch so weit weg ist. Die Beats in Deutschland sind krass, die Artists entwickeln sich mega schnell. Ich glaube, dass inzwischen auch französische Artists rüber nach Deutschland schauen und sich inspirieren lassen. 2012 war ich in Paris. Die ganzen Kids kannten nicht einen einzigen deutschen Rapper außer Bushido. Wenn du jetzt dort bist, nennen sie dir mindestens zehn.

Du bist inzwischen Vater. Was hat das mit dir gemacht?
Vieles. Wie ich Vater geworden bin, war viel zu krass. Meine Frau war hochschwanger zu Hause, und es hätte jeden Moment passieren können. An dem Abend hatte ich aber die Möglichkeit, Azad zum ersten Mal persönlich zu treffen – auf einem Konzert von Booba! Das war, als würde ich Biggie und Pac gleichzeitig treffen. Ich habe zu meiner Frau gesagt: »Bleib einfach im Bett liegen und beweg dich nicht zu viel. Du weißt, wie viel mir das bedeutet.« Also habe ich den Abend mit Booba und Azad verbracht – und ein Tag danach kam mein Sohn zur Welt.

Gab es eine Person, die dich endgültig davon überzeugt hat, Rap zu deinem Beruf zu machen?
Keine bestimmte Person, nein. Aber das Feedback von meinen Jungs hat mich dazu gebracht, weiterzumachen. Ich hab schon früh Feature-Anfragen ohne Ende bekommen, habe die aber einfach nicht wahrgenommen. Bonez MC hat mich damals schon gefragt, Fler ist auf mich zugekommen, 385ideal wollte mich signen – ich hätte schon 2013 am Start sein können. Aber ich hab das einfach nicht ernst genommen und wollte erst mal mein Ding alleine durchziehen, damit mir am Ende auch keiner vorwerfen kann, ich hätte mich an irgendjemandem hochgezogen. Manchmal male ich mir aus, wo ich jetzt stehen würde, hätte ich das alles schon früher in Angriff genommen. Aber trotzdem ist alles gut, wie es ist. Ich bereue nichts.

Bist du glücklich?
Übertrieben glücklich. Wir sind gesund, wir ziehen unsere Sachen durch, die Musik läuft. Klar habe ich nicht die Klickzahlen und das Standing von anderen, aber ich bekomme Respekt von der ganzen Szene und gebe den zurück. Man darf auch nicht vergessen, dass es für mich als Schwarzen auch nochmal schwerer ist als für einen Newcomer, der zum Beispiel eine arabische Herkunft hat.

Wobei sich die schwarze Community im Deutschrap über die letzten Jahre gefestigt und mehr connectet hat.
Ja, das stimmt. Die ganzen Schwarzen kommen plötzlich aus ihren Löchern raus und versuchen auch was zu reißen. (lacht) Der Kuchen ist groß, man muss sich sein Stück nur nehmen.

Man könnte hinter dem Titel des kommenden Racaille-Tape »Schwarz auf Weiss« auch politische Inhalte vermuten.
Politisch ist es eigentlich gar nicht. Uns wurde schon vorgeworfen, der Titel wäre rassistisch – totaler Schwachsinn. Es soll einfach nur bedeuten: Das hier ist unser Projekt, und es ist der Beweis dafür, dass wir abliefern und was verändern. Mehr nicht.

»Ich habe Azad zum ersten Mal persönlich getroffen auf einem Konzert von Booba. Das war, als würde ich Biggie und Pac gleichzeitig treffen!«

Rassismus hat in deinem Leben leider immer eine große Rolle gespielt – und tut es vermutlich heute noch. Hast du inzwischen einen Weg für dich gefunden, damit umzugehen?
Gestern gab es wieder eine klassische Situation: Ich saß im Zug, es war nirgends ein Platz frei und ich saß in einem Vierer alleine. Dann kam eine Frau mit ihrem Kind und setzt sich dazu. Nicht mal eine Minute später steht sie wieder auf und steht lieber, als weiterhin neben mir zu sitzen. Ich werde auch immer noch regelmäßig gefragt, ob ich Deutsch spreche. Und dann wundern sich die Leute, wenn ich akzentfrei loslege. Mittlerweile kann ich über solche Situationen schmunzeln, früher hätte ich mich aufgeregt. Der Mensch ist irgendwo auch ein Gewohnheitstier. Ich muss aber ganz klar sagen: Es ist schlimmer geworden, seitdem mehr Flüchtlinge hier sind. Das hört sich hart an, aber: Die haben uns gefickt, Alter. Ich lebe schon zehn Jahre straffrei, aber jetzt komme ich wieder in viel mehr Polizeikontrollen, bei denen ich mich gleich mal nackig machen kann. Das ist echt extremer geworden.

Fühlst du dich als Musiker und Mensch mit Reichweite dazu verpflichtet, auf das Problem, das unsere Gesellschaft mit Rassismus hat, aufmerksam zu machen?
Ja, definitiv. Es wird zu wenig darüber gesprochen. Wenn ich schon in der Position bin und die Stimme habe, dann verleihe ich die natürlich den Jungs, denen das immer wieder passiert. Natürlich rappe ich viel über die Straße, Drogen, Gewalt – das, was uns im Alltag hier passiert. Aber ich versuche auch, den Leuten was mitzugeben.

Abseits der Musik sieht man dich in Zukunft wohl auch öfter auf der Leinwand, richtig?
Wir drehen gerade das nächste große Filmprojekt, in dem ich auch die Hauptrolle spielen werde. Das wird ein krasser Film! Ich will nicht spoilern, aber die Leute werden sicher geschockt sein, was die Thematik angeht.

Wie ist das zustande gekommen?
Kurzfassung: Der Regisseur des Filmes ist Lars Becker, der mit »Kanak Attack« einen der ersten deutschen Gangsterfilme gemacht hat. Sein Sohn ist Fan von meiner Musik und wollte die Box zu »Arrivé« haben. Also haben die sich meine Box gekauft und sich die DVDs und Musikvideos reingezogen, die mit dabei waren. Lars Becker war begeistert von meiner Attitude, meiner Mimik, dem Look und der Ästhetik der Videos – und hat mich daraufhin gecastet. Parallel habe ich mir bei einer Filmagentur eines Freundes ein Profil erstellen lassen, über das Lars Becker zufälligerweise zur gleichen Zeit gestolpert ist. Er ist auf jeden Fall einer der krassesten Filmemacher in Deutschland. Ich kannte ihn vorher nicht. Aber als ich gegoogelt hab, was für Filme er gemacht hat, dachte ich mir: Krass! Ich bin safe dabei, sogar ohne Gage. (lacht) Ich wollte sowieso immer vor der Kamera stehen. Das Projekt lief dann so gut, dass ich innerhalb des letzten Jahres insgesamt vier Filme mit ihm gemacht habe, die alle nach und nach rauskommen werden.

Solche Dreharbeiten sind sicher auch noch mal was ganz anderes als Musikvideo-Drehs.
Das waren krasse Erfahrungen. Am Set sind 50 Leute, die dir einfach nur zugucken, wie du schauspielerst. Du bist anderthalb Monate jeden Tag zwölf Stunden lang am Drehen. Richtig crazy.

Könntest du dir das hauptberuflich vorstellen?
Safe. Ich versuche mir gerade mehrere Optionen zu ziehen, falls es mit der Musik nicht klappt. Aber das sieht momentan ja ganz gut aus.

Text: Juri Andresen
Foto: Memo Filiz

Dieses Feature erschien in JUICE 193. Aktuelle und ältere Ausgaben könnt ihr versandkostenfrei im Onlineshop bestellen.

1 KOMMENTAR

  1. Was für ein Blödsinn. Man sollte vielleicht mal mehr über Frauenfeindlichkeit, Antisemitismus und Gewaltverherrlichung im Rap sprechen. Rassismus wird im Gegensatz dazu sehr oft thematisiert.

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