»Die Zeit des Blues ist vorbei« // Mavie Gagnoa im Interview

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In »Obacht«, dem ersten Solo-Release des Korn-Kreis-Mafia-Members Mavie, werden skandalträchtige Themen besprochen, die viel zu selten als jene behandelt werden. Unter anderem bezieht sich der Song mit dem Untertitel »Beuge- statt Freistaat« auf den Fall von Fatou, bei dem eine geflüchtete Frau u.a. rassistische Polizeigewalt erfahren hat. Zum Release der ersten Single erzählt uns Mavie, warum er zurzeit solo unterwegs ist und was sich dadurch für ihn verändert.

Deine erste Solo-Single ist erschienen, beschreib doch mal, wie sich das für dich anfühlt.
Ich fühle mich gut und bin glücklich. Um ehrlich zu sein, fühlt es sich für mich bei jedem Release so an, als würde ich meinen ersten Song veröffentlichen. Vor allem jetzt, wo ich als Rapper eigenständig auftrete. Es ist definitiv ein neues Kapitel in meinem Weg als Künstler, aber das Duo Kana & Mavie besteht nach wie vor.

Woher kam der Wunsch, auch mal etwas solo zu veröffentlichen?
Der Wunsch war schon immer da. Ich bin im September letzten Jahres nach Berlin gezogen und seitdem hat sich sehr viel verändert. Vieles ist einfacher geworden. Wir haben nun ein Studio, dass wir regelmäßig nutzen und haben eine viel größere Infrastruktur. In Bayern, dem Beugestaat, war ich oft mit der Polizei konfrontiert und hatte das Gefühl, dass die dortige Gesellschaft mir Steine in den Weg legt. Jetzt bin ich freier und offener, weil ich respektiert werde und zugleich viele Möglichkeiten sehe. Ich denke es ist eine gute Zeit, um sich auch unseren Solo-Projekten zu widmen. Allerdings ist das nächste Album von Kana und mir so gut wie fertig und wir konzentrieren uns komplett darauf – es soll Anfang nächsten Jahres erscheinen.

Was hat sich durch das Solo-Sein für dich verändert?
Eigentlich verändert sich nicht viel, weil Kana und ich schon immer eigenständige Künstler waren, die meiner Meinung nach genauso gut alleine, wie gemeinsam funktionieren. Solo bedeutet, dass ich im musikalischen Prozess unabhängiger werde, aber gleichzeitig liegt die Organisation und Struktur auch allein in meiner Hand, damit das Resultat stimmt.

Ist der Track »Obacht« eine Art Abrechnung mit der Gegend, aus der ihr kommt?
(lacht) So würde ich es nicht nennen. Es ist viel mehr als das. Mit dem Song will ich Menschen darüber informieren, was im Süden passiert. Aber vor allem will ich den ganzen Leuten Hoffnung schenken, die noch dort sind. Sehr viel habe ich erst verstanden, als ich weggezogen bin. Es gibt genug Menschen wie mich, die da unten mit der Gesellschaft einfach nicht zu recht kommen können. Ihnen will ich zeigen, dass sie nicht alleine sind und dass sie stark bleiben müssen. Für mich war klar, dass ich wegmusste, aber trotzdem liebe ich den Süden, weil er meine Heimat ist. Genau deswegen spreche ich diese Dinge an – mit der Hoffnung, dass ich damit etwas bewirken kann.

»Ich persönlich stelle den Blues dem Funk gegenüber ,oder wie man in meinen Kreisen sagt: Dem ‘Phonk’«.

In dem Song rappst du direkt zu Beginn »Die Zeit des Blues ist vorbei«. Das ist ein übersetzter Titel eines Buches, der weitergeht mit: »Geschichte ist eine Waffe. Band 1: Der Mord an George Jackson und die Schwarze Gefangenenbewegung in den USA«, von Comrade George und Attica. Was bedeutet diese Aussage für dich?
Ich persönlich stelle den Blues dem Funk gegenüber, oder wie man in meinen Kreisen sagt: dem »Phonk«. Ich will damit sagen, dass die Zeit, in der man sich selbst als Opfer darstellt, vorbei ist und man anfängt, etwas aus sich zu machen. »Aus Scheisse Gold machen«, wie man so schön sagt. Ich denke, viele Menschen sollten die Hoffnung nicht verlieren, weil sie benachteiligt werden, sondern erst recht etwas aus sich machen und es als Motivation verstehen. Ich möchte aber an der Stelle erwähnen, dass die Missstände, die ich anspreche, kein Vergleich zu dem sind, was in vielen Teilen der Welt heute noch passiert und ich das Privileg habe, darüber zu reden.

In »Obacht« wurde viel chiffriert, erhoffst du dir dadurch, dass deine Hörer sich mit den Themen bewusster auseinanderzusetzen?

Definitiv. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten Zuhörer nicht immer verstehen was ich sage und das ist auch gut so. Ich habe meine eigene Realität und meine eigene Art mich auszudrücken.

Text: Zina Luckow

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