Deutschrap 2007-2010 // Feature

deutschrap_2007-2010_juice_k.i.z.

Die letzten drei Jahre waren für deutschen HipHop nicht gerade einfach: Von der breiten Öffentlichkeit als Soundtrack für die Unterschicht ­belächelt bis verteufelt, fehlte es zeitweilig sogar innerhalb der Szene an Bemühungen, den eingefahrenen Status Quo aufzubrechen. Doch mit der Zeit ­begannen einzelne Künstler, das Genre an den Rändern aufzuweichen und mit anderen Einflüssen zu fusionieren. In die Charts und ins Bewusstsein der Gesellschaft haben es freilich nur die wenigsten dieser neuen Phänomene geschafft. Dort hielten sich auch in den letzten Jahren ­beharrlich die alteingesessenen Größen der Aggro-Ära, doch muss man sich auch vor Augen halten, dass sich die HipHop-Kultur vor Anbruch jener Zeit nie wesentlich über Erfolge im Mainstream definiert hatte. Bevor es schick wurde, in mehrseitigen Fotostrecken in Teenie-Gazetten zu posieren und mit materiellen Errungenschaften zu prahlen, war eine geerdete Bodenständigkeit nicht nur erwünscht, sondern sogar zwingend erforderlich, wenn man in der Szene respektiert werden wollte. Daher war es nur eine Frage der Zeit, bis sich Gegenbewegungen aus dem Untergrund auch kritisch mit Rütli-Rap und Hochglanz-HipHop auseinandersetzen würden.

Die große Krise

Im Jahr 2007 begann der kommerzielle Abstieg des deutschen Rap. Nach den enormen Erfolgen des ersten Hypes von 1998 und des zweiten Frühlings von 2003/2004 hatte inzwischen die gesamte Musik­industrie mit enormen Problemen zwischen File­sharing und Streaming-Diensten zu kämpfen. Daneben machte sich langsam aber sicher auch inhaltliche Resignation breit: Der Hype um deutschen Straßenrap war längst abgeflacht, das Schockmoment aufgebraucht und das öffentliche Bild von HipHop bis ins Bodenlose abgerutscht. Mit den Schüssen auf Massiv oder der Messerattacke auf Fler erreichte das vorherrschende Phänomen der letzten Jahre, namentlich Gangstarap aus Deutschland, zu Beginn des Jahres 2008 seinen traurigen Tiefpunkt. Zu diesem Zeitpunkt wollte kein Veranstalter, kein Vermarkter, kein Promoter das schmuddelige Thema auch nur mit der Kneifzange anfassen.

Gleichzeitig hatten die Bordstein-Poeten natürlich ein neues Vokabular und eine neue Ästhetik in den HipHop eingeführt, die auch auf kreativ interessante Weise nutzbar waren. Das beste Beispiel für diesen Crossover: Snaga & Pillath. Zu Beginn ihrer Karriere von 3p-CEO Moses Pelham unter die Fittiche genommen, hatten die beiden Schwergewichte aus dem Ruhrgebiet mit ihrem Mixtape “Die linke und die rechte Hand Gottes” richtig Welle gemacht und waren, um es mal jener Ära entsprechend zu formulieren, offiziell im Gebäude. Die mitunter sinnfreien Eindeutschungen salopper Slangphrasen des Diplomats-Geschwaders machten Spaß und kreierten in Kombination mit dem sympathisch-proletenhaften Kohlepott-Charme der beiden Glatzköpfe einen Buzz, der im Deutschrap lange seinesgleichen gesucht hatte. Ein Labelwechsel zu Deluxe Records, ein weiteres Mixtape und ein JUICE-Cover später droppten Snaga & Pillath im Sommer 2007 ihr Debütalbum “Aus Liebe zum Spiel”. Und auch wenn das Cover sich stark an das in den USA zu der Zeit vorherrschende Mischkassetten-Artwork anlehnte, versuchten die beiden Schalker auf dem Album den Spagat zwischen überzogenem Punchline-Rap und einer neuen, melancholischen Gangart. Ein Schuss, der ordentlich nach hinten losging: Das Duo blieb in puncto Verkaufszahlen deutlich hinter den (auch eigenen) Erwartungen zurück. Allerdings flachte auch die Euphorie über ignorant-dreiste Ami-Adaptionen so schnell wieder ab, wie sie gekommen war. High Society, Sentino, Taichi, Robird Styles – die Liste derer, die plötzlich in farblich abgestimmten Übergrößen-Uniformen händeringend ignorante Reime in ihre Sidekicks tippten, war für exakt einen Sommer interessant und verschwand dann wieder in der Versenkung. Nicht umsonst merkte der ehemalige JUICE-Chefredakteur Davide Bortot im Roundtable vom September 2007 an, dass es zum deutschen Rap “derzeit nichts fundamental Wichtiges” zu sagen gebe.

Die Übergangsphänomene

Das kollektive Achselzucken und die spürbare Stag­nation fanden allerdings schnell ihr jähes Ende. Als letztes Release des legendären Berliner Royal Bunker-Labels von Marcus Staiger veröffentlichten K.I.Z. nach zwei mehr oder weniger durch die Decke geschossenen Mixtapes ihr Debütalbum “Hahnenkampf”. Das Novum: Nach jahrelangem Indie-Status und der nahenden Schließung des Bunkers wagte man den Schulterschluss mit dem Major-Riesen Universal und kam dort in der Rock-/Pop-Abteilung unter. Der Plan ging auf, das Album stieg auf Platz 9 der deutschen Charts ein und hielt sich ganze sieben Wochen in den Top 100. Was auf den Mixtapes schon im großen Stil betrieben wurde, setzte sich hier kompromisslos fort: Sex mit Rentnerinnen, eine Ode an den Glimmstängel oder die längst überflüssige Verballhornung der eingangs schon erwähnten Dipset-Kopien auf “Herbstzeitblätter”. Die Redaktion wählte “Hahnenkampf” kurzerhand zum Album des Monats, Rezensent und JUICE-Redakteur Markus Werner attestierte der “menschenverachtenden Untergrundmusik” das Prädikat: “Street ohne platt, intelligent ohne abgehoben, witzig ohne albern.”

Aber nicht nur in HipHop-Kreisen wurde das Debüt der vier Vandalen Tarek, Nico, Maxim und DJ Craft angenommen. Die von Sarkasmus und Ironie durchzogene Herangehensweise an das eigene Sujet “Rap in der Öffentlichkeit” war neu und brachte K.I.Z. eine mediale Aufmerksamkeit sondergleichen – und so fanden die Kannibalen in Zivil sich wenig später in den Feuilletons der Tagespresse, bei “Rock am Ring” oder als Dauergast bei MTV wieder. Die Fangemeinde setzte sich von jeher nicht nur aus dem gemeinem Flexfit-Rapnerd und seinen Kumpels zusammen, sondern holte gleich auch noch den pöbelnden Punkmob mit ins Boot. Der Wahnsinn wurde 2009 auf dem Nachfolger “Sexismus gegen Rechts” noch weiter vorangetrieben – ein Ende ist vorerst nicht absehbar.

In der November-Ausgabe von 2007 subsumierten wir die am meisten erwarteten Alben des Quartals unter den Aufmacher “Heißer Herbst”. Neben den Interviews zu den soliden VÖs von gestandenen Platzhirschen (Savas, Sido, Fler, Azad) kam darin auch ein neuer Künstler zu Wort. Die Rede ist von Kollegah. Seine bildlichen, amüsanten Schilderungen aus dem Zuhälteralltag verknüpfte er mit enormen (Doubletime)-Skills und einem schier unerschöpflichen Fundus an Wortspielen und Homonymen. Nach seinem im Untergrund arg gefeierten “Zuhältertape” und dem Nachfolger “Boss der Bosse” stand er nun beim aufstrebenden Düsseldorfer Indie-Label Selfmade Records unter Vertrag, das von Elvir Omerbegovic aka Slick One, einem ehemaligen Rapper aus dem Dunstkreis von Creutzfeld & Jakob, betrieben wurde. Seinen Anfang nahm die Karriere des selbsternannten Bosses allerdings, und dabei unterschied er sich elementar von all seinen Vorgängern, im Internet: Als einer von vielen Headset-Helden reimte er sich mit Punchline-gespickten Sechzehnern bis in die obersten Riegen der Reimliga Battle Arena (RBA), ehe Selfmade auf ihn aufmerksam wurde. Dass sich die Mär vom stofftickenden Zuhälter dabei alle dreieinhalb Minuten aufs Neue wiederholte, störte dabei niemanden so richtig. Sein Debütalbum “Alphagene” schaffte es als Indie-Release auf einen beachtlichen 51. Platz der Albumcharts und das Video zur Single “Kuck auf die Goldkette 2007” immerhin bis zu MTV TRL.

Auch als irgendwann jedem klar war, dass Kollegahs Zuhältergeschichten nicht immer zwingend eine fundierte Basis in der realen Welt hatten, tat das seinem Erfolg keinen echten Abbruch mehr. Davide Bortot konstatierte in der JUICE-Review, dass “‘Alphagene’ (…) die rasante Entwicklung der letzten drei Jahre souverän und unterhaltsam auf den Punkt” bringe. Kollegah wurde mit seinen musikalischen Münchhausiaden in einer sonst doch sehr auf Realness bedachten Deutschrap-Szene erstaunlich schnell als deutsche Variante von Rick Ross akzeptiert und gewann gleich zwei der spektakulärsten Battles der letzten Deutschrap-Dekade: Eines gegen den damals aufstrebenden Mainzer Rapper Separate, und eines gegen das sinkende Gangstarap-Schlachtschiff Aggro Berlin. Zusammen mit Farid Bang, einem weiteren Beispiel für die Anfang 2008 allerorten als “nächstes großes Ding” bezeichnete Kreuzung von Straßenrap-Attitüde und technischen Rap-Skills, veröffentlichte er “Jung, brutal, gutaussehend” und schaffte es in diesem Zuge dann sogar auf das JUICE-Cover – ein Umstand, der zahlreichen “realen” Straßenrappern bis heute ein Dorn im Auge ist. Aber auch ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie wenig Authentizität manchmal zählt, wenn man stattdessen auch Spaß und gute Musik haben kann. Am Ende waren K.I.Z. und Kollegah wohl die zwei souveränsten Deutschrap-Acts der Post-Gangstarap-Zeit, die als Übergangsphänomene zwischen der Aggro-Ära und den neuen Wegen der Jetztzeit fungierten.

Die neue Schule

Anfang 2008 stieß ich als freier Mitarbeiter zur JUICE und rutschte mitten hinein in den tatsächlichen Umbruch. Casper hatte gerade sein Debütalbum “Hin zur Sonne” releaset und kritisierte schon damals im Interview, dass es deutschem HipHop an Identifikationsfläche mangeln würde. Sein Album schlug nach seinem “Die Welt hört mich”-Mixtape jene von ihm selbst eingeforderte Richtung ein: Vom Mainzer ­Beatgenie Shuko exekutiv produziert, kehrte der Bielefelder auf Songs wie “Unzerbrechlich” oder “Hin zur Sonne” sein Innerstes nach außen und spielte sich dank einer souveränen und energetischen Live-Show in die Herzen der Fans – die wiederum waren nicht selten weiblich und somit der von Machismo durchzogenen männlichen Fan-Fraktion immer wieder ein Dorn im Auge. Mit dem daraus folgenden Etikett des “Emo-Rappers” hatte Casper lange zu kämpfen, genau wie mit den Vorurteilen gegenüber seinen engen Hosen, Karohemden und musikalischen Fremd­anleihen von Indierock bis Deathcore. In der JUICE-Rubrik “vs. The Beats” demonstrierte der Bielefelder etwa eine erstaunliche musikalische Offenheit genau dort, wo deutsche Rapper bis dato eher die Augen und Ohren verschlossen hielten. Wer hätte gedacht, dass das knappe zwei Jahre später schon ganz anders ­aussehen würde?

2008 brodelte es aber nicht nur in Ostwestfalen. Im Süden der Republik formierte sich lose durch das Stuttgarter Label Chimperator Productions zusammengehaltene Kollektiv Die Orsons, bestehend aus Tua, Kaas, Maeckes und Plan B. Die mitunter nur knapp am Dadaismus vorbeischrammende Masche der Schwaben trug Früchte und brachte neben zwei erfolgreichen Alben, ausverkauften Touren, Props von Soulja Boy und einer bedingungslosen Akzeptanz seitens der Generation SchülerVZ auch die Ehre mit sich, in diesem Jahr im Vorprogramm von Fettes Brot den Anheizer vor bis zu 15.000 FB-Fans zu mimen. Und während Maeckes und Plan B seit jeher mit den Kulturschaffenden und -interessierten des Landes flirteten und vom Theaterstück bis übers Wohnzimmergitarrenkonzert so ungefähr alles machten, schaffte es Kaas nach der Auflösung von Optik Records mit seinem zwischen Eurodance, LSD und Schlager angesiedeltem Love-Movement und dem Album “TAFKAAZ :D” genauso zu einer erstaunlich großen Fanbase wie Tua. Der zeitweise beim mittlerweile ebenfalls inaktiven Label Deluxe Records untergekommene Schwabe lieferte mit “Grau” Anfang 2009 ein eindrucksvolles Zeugnis seines musikalischen Schaffens ab, das sich durch textliche Tiefe und einen enormen musikalischen Weitblick zwischen klassischen Klavierpassagen, Balkan-Folklore, experimentellem Drum & Bass und allerlei weiteren elektronischen Einflüssen auszeichnete. Sein bereits fertiggestelltes Electro-Album wartet derzeit noch auf eine Veröffentlichung.

Casper, Kollegah, K.I.Z. und den Orsons sei Dank – neuer deutscher Rap hatte wieder eine Identität, deren Marktwert und mediales Interesse beileibe zwar nicht so groß war wie zu den ersten Aggro-Hochzeiten um 2004. Aber ­immerhin tat sich etwas.

Verstrahlt und fokussiert

Den bisher größten Achtungserfolg der neuen Schule konnte bis dato aber wohl der Titelheld unserer letzten Ausgabe verbuchen. Marterias “Zum Glück in die Zukunft” ist Ende August geradewegs auf einem grandiosen 7. Platz der Media Control Charts eingestiegen. Der Grund: Marteria hat mit Unterstützung von hochkarätigen Künstlern wie Peter Fox, Jan Delay, Miss Platnum oder Casper sowie ausgefeilten Produktionen von The Krauts eines der besten deutschen Rap-Alben der letzten Dekade abgeliefert. Hinzu kommt die interessante Vita des gebürtigen Rostockers, von ­einer Beinahe-Fußballkarriere für Hansa Rostock über seine Model-Zeit in New York über die Schauspielschaule in Berlin bis hin zu Stefan Raabs Bundes­vision Songcontest im letzten Jahr. Mit “Zum Glück in die Zukunft” hat Marteria nun ein zeitloses Dokument des Mittzwanzigerlebens in der deutschen Hauptstadt geschaffen, irgendwo zwischen charmanten Momentaufnahmen aus dem Kreuzberger Kiez, verstrahlten Partynächten in der Bar 25 und dem Vaterwerden.

Eine ähnlich starke Performance wird auch Casper in Aussicht gestellt. Der Bielefelder und Neu-Berliner soll es Marteria Anfang nächsten Jahres gleichtun und endlose VÖ-Verschiebungen und mittlerweile knapp zwei Jahre nach seinem starken Debüt “Hin zur Sonne” den lang erwarteten Nachfolger lancieren. Wie im Interview in dieser Ausgabe (S. 46ff.) deutlich wird, ist Benjamin Griffey musikalisch endlich dort angekommen, wo er hinwill. Mit einem Umfeld, das diese Vorstellungen teilt und in den entscheidenden Momenten zu optimieren weiß, arbeitet Casper gerade intensiv an den Songs, die musikalisch wohl grob im Post-Rock angesiedelt werden dürften. Wir gaben dem Sound der neuen Generation bereits in unserem Jahresrückblick 2009 den Oberbegriff “Deutschrap 3.0”. Die Abwendung von festgefahrenen HipHop-Formeln hin zur offengeistigen Kreuzung mit allerlei Genres zwischen Indie und Hardcore durch MCs der dritten Generation ist wohl diejenige Bewegung, die nach dem großen Knall und dem Ende von Aggro Berlin in HipHop-Deutschland am spürbarsten war.

Es bleibt zu erwähnen, dass es natürlich auch nach 2007 noch interessante Phänomene im Bereich des Gangsta- und Straßen-Raps gab: Nate57 oder Haftbefehl sind zwei Namen, die erst in diesem Jahr aufgetaucht sind und bereits eine amtliche Followerschaft im Internet hinter sich wissen. Godsilla, Fard, RAF Camora oder Chakuza verbinden Street-Attitüde mit interessanten neuen musikalischen Ansätzen und bauen sich teilweise auch enorme Fanscharen jenseits der HipHop-Szene auf. Und natürlich haben sich die großen Platzhirsche der Streetrap-Ära, also Sido, Bushido und Fler, längst ihr Areal gesichert. Generell bleibt zu sagen, dass der Einfluss dieser Zeit nicht mehr aus dem deutschen HipHop wegzudiskutieren ist. Die Zeiten, in denen ein ordentliches Vorstrafenregister wichtiger als die musikalische Sozialisation war, sind allerdings auch vorbei.

Eine harmlose, partyorientierte Variante von Berlin-Rap lieferten am Ende des Jahres 2008 zwei Veteranen aus dem ­Bassboxxx-Camp: Frauenarzt und Manny Marc, der Unverfänglichkeit halber plötzlich unter Die Atzen firmierend, schafften mit “Das geht ab” und “Disco Pogo” nach mehr als zehn Jahren Untergrund-Hustle plötzlich den großen Durchbruch im Mainstream und in den Charts. Die Diskussion darüber, wie viel das noch mit HipHop zu tun hat, überlassen wir an dieser Stelle den üblichen Foren.

Brand New You’re Retro

Neben der stetigen Weiterentwicklung und der Flucht aus dem eigentlichen Konventionskorsett der Rap-Szene gab es in der Mitte der Nullerjahre, primär abseits der üblichen Foren und Blogs, auch eine Gegenbewegung im Sinne einer Rückbesinnung auf die eigentlichen Werte und Vorstellungen des HipHop der Neunziger. Losgetreten wurde diese Bewegung 2007 von dem Kölner Duo Huss & Hodn, die auf ihrem wegweisenden Debütalbum “Jetzt schämst du dich!” klassischen BoomBap mit harten Drums und reichlich Samples versahen, während MC Retrogott kompromiss- und schonungslos jeden wack MC an die Wand nagelte. Mit einer offen zur Schau getragenen Anti-Industrie-Haltung erinnerten sie daran, dass es im HipHop auch mal um andere Dinge ging als um Chart-Einstiege, farblich abgestimmte Outfits und Tanzvideos. Dabei orientierte man sich inhaltlich und stilistisch ganz klar an Lord Finesse und den Stieber Twins statt an Cam’ron und Snaga & Pillath. Wenngleich das von Huss & Hodn propagierte HipHop-R(h)einheitsgebot nicht überall Anklang fand, wurde doch klar, dass mit der aktuellen Situation niemand so richtig ­zufrieden war.

Den Kölnern gleich taten es auch Rapper wie Audio88 & Yassin, deren etwas andere Herangehensweise an das gewöhnliche Konstrukt eines HipHop-Tracks aus Beats und Reimen manchem Forum-User übel aufstieß und stilistisch gar als “Poetry Slam” gewertet wurde, sich schlussendlich aber bei genau denjenigen durchsetzte, die misanthropische Manifeste und kritischen Lyricism im deutschen HipHop lange vermisst hatten. In dieselbe Kerbe hatte zuvor bereits der Leipziger Battle-Panzer Morlockk Dilemma geschlagen – 2006 mit “Index Finest” bereits als “Demo des Monats” in der “Next Generation” geadelt und danach vom JUICE-Kolumnisten Falk Schacht in den Himmel gelobt, erspielte sich Dilemma zusammen mit seinem Rap-Partner Hiob (vormals V.Mann) eine bundesweite Fangemeinde. Düsterer, bollernder Bummtschack plus schnurgerader Battle-Rap mit außergewöhnlichem Stakkato-Flow und misanthropische Atmosphäre – das alles hatten wir in dieser Dichte und dieser (Un-)Perfektion zuletzt beim Wu-Tang Clan gehört. Gerade auf den beiden Kollabo-Alben mit Hiob bewies Morlockk Dilemma, dass die angekündigte Postapokalypse weit mehr als nur simple Kammermusikadaption aus dem alten Osten der Republik war.

Der Beat-Club

Nicht nur im Rap, sondern auch in instrumentaler Hinsicht fand eine Rückbesinnung auf den Sound der alten Schule statt. Während Beatfrickler wie der leider viel zu früh verstorbene J Dilla, Madlib oder Flying Lotus in den USA als genreübergreifende Gurus an der MPC gefeiert wurden, formierte sich auch in Deutschland eine selbstbewusste und talentierte Blase aus Produzenten, die klassische HipHop-Breaks mit Raritäten aus der Plattenkiste verschnitten und dieser althergebrachten Technik durch interessante Strukturen und abseitige Samplequellen neues Leben einhauchten. Als Erstes zu nennen wäre der in Rumänien geborene und mittlerweile in Köln lebende Beatfrickler Hubert Daviz, der auf seinem “Beatnicks”-Tape oder “Proceduri de Rutina” rumänische Jazz-Cuts durch die MPC jagt und dabei Beatskizzen produziert, die an Madlib gleichermaßen wie an Large Pro erinnern. Genau wie der Heilbronner Dexter, der zuletzt gemeinsam mit Maniac für das in den Blogs gefeierte “Raw Shit”-Album verantwortlich zeichnete. Mit Jazz-, Soul- und Funk-Breaks und einer unaufgeregten Portion an knarzenden Bassläufen schraubt man hier am neuen Sound der alten Schule. Nicht zuletzt steht auch der Berliner Suff Daddy für retrospektive Produktionen zwischen angestaubtem Soul, vertracktem Jazz und liebevoll gesampleten Drums – all jene Elemente, die sich in ihrer Verdichtung zu genau den neo-klassizistischen Instrumentals kanalisieren, die mittlerweile eine eigene Szene darstellen: Spätestens als in Köln beim von Melting Pot Music initiierten “Beat BBQ” fast 800 Besucher auftauchten, war klar, dass hier nicht bloß eine winzige Nerd-Szene vor sich hinwerkelte. Musikalisch liefert diese Beat-Achse Köln-Heilbronn-Berlin einen Gegenentwurf zum immer uninspirierter vor sich hintröpfelnden Synthie-Preset-Sound der vergangenen Deutschrap-Jahre.

The Future Is Now

Lag der Fokus in den letzten drei Jahren gleichermaßen auf der Neuorientierung und der Rückbesinnung auf klassische Strickmuster der alten Schule, zeichnet sich auch für die Zukunft diese Dualität und ihre immer stärker auseinanderdriftenden Ströme ab. Während Künstler wie Morlockk Dilemma oder Huss & Hodn weiterhin den genuinen Untergrund-Sound zelebrieren, sind es vor allem die neuen MCs, die sich stellvertretend für eine ganze Generation nicht mehr zwischen HipHop-Dogmen und Rap-Konventionen wohl fühlen. Röhrenjeans und Dilla-Raritäten auf dem iPod scheinen genauso möglich wie der Backpack-Rapper mit Atzen-Shirt oder der Cordhosen-Rocker, der auf der nächsten WG-Party die gesamte Kollegah-Diskografie rezitieren kann. 2010 hat bisher wohl am deutlichsten gezeigt, dass ein einheitlicher Richtungswechsel gerade nicht stattfinden wird. Vielmehr macht man an vielen Ecken in Deutschland ein ganz eigenes Ding.

Selbst wenn die Außenwirkung von Rap in der ­Gesellschaft noch längst nicht vollständig wiederhergestellt ist, tut sich etwas. Es gibt nur eben nicht mehr die eine HipHop-Szene, die einen Konsens über musikalische oder inhaltliche Werte und ­Normen finden könnte. Vieles bewegt sich gerade vorsätzlich aus diesem Referenzrahmen heraus – ob es nun Die Atzen sind oder eben Marteria und Casper, die in Interviews stets mit breitem musikalischen Horizont kokettieren und diesen auch in ihren Sound einfließen lassen. HipHop ist es dennoch alles, nur eben jeweils auf seine eigene Weise. Denn HipHop bedeutet per Definition nicht Regelwerk und Stillstand, sondern Genre-Mash-up und Rosinenpickerei. Und somit repräsentieren sie alle den Zeitgeist im Jahre 2010: Die Straßenrapper mit Köpfchen, das verstrahlte Atzenvolk, die altklugen Kulturbewahrer, die Skinny-Jeans-Träger mit Emo-Attitüde. So entwickeln sich vielerorts ganz eigene (Neu-)Definitionsversuche von HipHop – auch wenn man das Kind teilweise gar nicht mehr so nennen will.

Text: Jan Wehn

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