Deutschrap 2000 – 2003 // Feature

deutschrap_2000_2003_juice_133

“In der Redaktion vermutet man bei manchen Platten, dass da schon mit einem Auge auf den Hit und die Charts produziert wurde.” (JUICE 03/2000)

Liest sich heute komisch, so ein Statement, in einer Zeit, in der fast jede deutschsprachige Rap-Platte mit beiden Augen auf den Hit und die Charts produziert wird, ja: in der vielen schon eine Platzierung im letzten Drittel der Top 100 eine stolze Erfolgsmeldung via Newsletter wert ist. Vor zehn Jahren sah das alles freilich anders aus. HipHop war im Jahr 2000 auf seinem ersten kommerziellen Peak angelangt. Gerade erst hatten die ­Beginner von ihrer “Bambule” über 200.000 Einheiten abgesetzt. Freundeskreis und Massive Töne spielten vor ausverkauften Stadien, Bands wie Fettes Brot, Die Fantastischen Vier oder Fünf Sterne Deluxe hatten deutsche Rapmusik längst auch in Popland salonfähig gemacht. Wenn die ­Achtziger die subkulturelle Pionierzeit waren und die Neunziger den langsamen Aufbau einer nationalen Infrastruktur zum Ziel hatten, so war 2000 in jeder Hinsicht die Spitze erreicht. Folglich konnte es nur noch bergab gehen. Doch der große Knall, von dem man in der Rückschau gerne spricht, kam in Wahrheit schleichend. So schleichend, dass viele Akteure für lange Zeit überhaupt nichts davon mitbekamen.

Das letzte Mahnmal der Alten Schule

Exemplarisch für den Wendepunkt im deutschen Rap steht “Blauer Samt”, das späte Solodebüt des Heidelberger MC-Veteranen Torch. Im Herbst 2000 erscheint es beim Indie- und Dance-Label V2 und wird in der JUICE zum “Album des Monats” gekürt, doch schon damals hängt die Platte seltsam im luftleeren Raum. Sie mag sich nicht so recht einfügen in die aktuelle Szene, der vom damaligen Chefredakteur Sven Christ in der dazugehörigen Rezension unterstellt wird, sie habe “sich in den letzten Jahren auf ein derart niedriges Level begeben, dass es geradezu sensationell ist, ein Album wie dieses zu hören.” Kulturpessimisten würden sagen: Er wusste ja nicht, was noch kommen sollte. Andererseits zeigt dieses Statement: Gejammert wurde schon immer. Und gerne wird der aktuelle Output als besonders niveau- und einfallslos gegeißelt. Wobei ausdrücklich festzuhalten bleibt: “Blauer Samt” war tatsächlich genial. Dass die Platte trotzdem keine entscheidende Auswirkung auf den Deutschrap der Nullerjahre haben konnte, war allein dem Umstand geschuldet, dass sie schlicht und einfach zu spät erschien. Aus heutiger Sicht ist sie ein Klassiker, doch zum Veröffentlichungszeitpunkt klang sie überholt. Der Fokus der deutschen Szene lag längst auf anderen Themen, anderen Flows, anderen Beats. Bei den JUICE Awards 2000 gewann Torch noch die Auszeichnung als “Bester Rapper national”. Bald sollte er dort ­jedoch von anderen Namen abgelöst werden.

Die Geburtsstunde der Complete MCs

Von Abwärtsbewegung war im Sommer 2000 noch nichts zu spüren. Die späten Neunziger waren ein einziger Erfolgstaumel gewesen, nicht nur für den deutschen HipHop, sondern für die Plattenbranche generell. Nun sollte deutscher Rap ­endgültig amerikanische Dimensionen annehmen, so der generelle Tenor. Jan Delay toppte mit dem Nena-Cover “Irgendwie, irgendwo, irgendwann” die deutschen Singlecharts, Ferris MC erhielt den “Echo” als ­bester nationaler Nachwuchs-Act, die FK Allstars spielten vor ausverkauften Hallen. Alles fragte sich, wer der nächste MC sein würde, der kommer­ziell richtig durch die Decke geht. Die einen setzten auf den Hamburger Samy Deluxe, der bereits mit ­seinem Demotape und einem furiosen Gastpart auf “Bambule” für Aufsehen gesorgt hatte. Die anderen setzten auf Curse aus Minden, der mit zwei Maxis und einem Feature bei den Stieber Twins ebenfalls klare Punkte auf der Realness-Habenseite verbuchen konnte. Obwohl die beiden sich nicht mal persönlich kannten, wurde ein medialer Konkurrenzkampf inszeniert, dem sich auch die Künstler selbst nicht entziehen konnten.

Curse und Samy waren trotz oder gerade wegen ihrer offen zur Schau getragenen Ablehnung kommerzieller Anbiederungsversuche die beiden Figuren, auf die der Scheinwerfer gerichtet war. Zwei komplett verschiedene Charaktere mit ebenso unterschiedlichen Images. “Wahre Liebe” und ­“Ladies & Gentlemen” hießen ihre Hitsingles, die in ihrer stilistischen Ausrichtung auch bereits die spätere Entwicklung beider Künstler vorwegnahmen. Hier der sensible, selbstreflexive Conscious-Poet mit latentem Hang zum Pathos, dort der dauerbekiffte Styler-MC mit offensichtlichem Hang zur Selbstdarstellung. In derselben JUICE-Ausgabe, in der “Deluxe Soundsystem” als “eines der derbsten HipHop-Alben deutscher Zunge” bezeichnet wurde, kürte die Redaktion “Feuerwasser” zum “Album des Monats”. Über eine Tatsache war man sich weithin einig: Hier platzten zwei Künstler auf den Markt, die deutschen HipHop für immer verändern sollten. Die Rap-Szene hatte zwei neue Helden, die bis heute nicht an Bedeutung eingebüßt haben – Curse wegen seiner kunstvollen, durchdachten Texte und der stets geschmackvollen musikalischen Untermalung, Samy nicht zuletzt wegen seiner unbestreitbaren Live-Qualitäten und seiner Vorreiterfunktion in der Adaption amerikanischer Standards.

Mit nur geringer Verspätung tauchten zwei weitere MCs im Bewusstsein der HipHop-Nation auf, die die nächsten zehn Jahre entscheidend mitprägen sollten. Kool Savas war zwar bereits durch seine Formation Westberlin Maskulin und kontroverse Songs wie “LMS” und “Pimplegionär” als Tabubrecher bekannt geworden. Mit “King Of Rap” vom Plattenpapzt-Album “Full House” landete er im Jahr 2000 jedoch seinen ersten richtigen Hit, der von der gesamten Rap-Szene akzeptiert und gefeiert wurde. Nur wenige Monate später berichtete die JUICE erstmalig über den Frankfurter “Pitbullstyler” Azad, der nach seinen ersten Gehversuchen Anfang der Neunziger mit den Asiatic Warriors inzwischen als Solokünstler bei 3p gesignt worden war, was man damals noch in einem nicht unerheblichen Teil der Szene für Totalverrat und eine “180-Grad-Wendung” hielt. Doch als seine Single “Napalm” nebst bedrohlichem Video erschien, waren alle Ängste vor einem weichgespülten Sabrina-Setlur-Sound komplett vom Tisch gefegt. Im Interview mit der JUICE konstatierte Azad seinerzeit stolz: “Ich habe Moses gleich auf den Kopf zugesagt, dass ich nicht mal einen Hauch von dem abweichen würde, was ich all die Jahre gemacht habe.” Passend dazu hielt er auf dem begleitenden Foto seinen Unterarm in die Kamera, auf dem in Schreibschrift jenes Group Home-Zitat prangt, das auch in seinem Song “HipHop” gesamplet wurde: “Can’t stop hip hop running through these veins.” (“Tha Realness”, 1995)

Azad, Curse, Samy und Savas – diese vier Namen sollten so schnell nicht aus den Köpfen in diesem Land verschwinden. Azad war beileibe nicht der einzige, der einen Plattenvertrag bei einem größeren Label unterzeichnete. Curse hatte sein Debüt bei Jive veröffentlicht, die letztlich von Sony aufgekauft wurden. Kool Savas signte bei Subword, einem Sublabel der BMG, das später dem Merger SonyBMG einverleibt wurde. Und Samy Deluxe steht sowohl als Solokünstler wie auch im Team mit Dynamite Deluxe bis heute bei der EMI unter Vertrag. Letztlich bedeutete die erste Hälfte der Nullerjahre die letzte echte “Game-Übernahme”, bevor solche Wortungetüme von Rappern selbst überhaupt in den Mund genommen wurden. Die Helden der Neunziger, vorwiegend im Verbund von Gruppen und Crews aktiv, wurden von diesen “großen Vier” als Leitfiguren der Subkultur abgelöst. So gesehen markierte 2000 auch die Geburtsstunde der “complete MCs”, jener vier Rapper, denen man zugestand, dass sie hierzulande aufgrund ihrer Fähigkeiten und ihrer Vielseitigkeit eine vergleichbare Position wie Jay-Z oder Nas in Amerika einzunehmen imstande wären. Sido und Bushido vertickten zu diesem Zeitpunkt übrigens noch ihre Kassetten auf Berliner Straßen.

Kommerz und Sellout

Auch die breite Masse steckte im Jahr 2000 noch komplett im HipHop-Fieber. Deichkind und Nina MC feierten mit “Bon Voyage”, Das Bo mit seiner Miami-Bass-Adaption “Türlich, Türlich (Sicher, Digger)” und DJ Tomekk mit seinen Transatlantik-Kollabos “Rhymes Galore” und “Ich lebe für HipHop” lukrative Chart-Erfolge. Auch wenn der harte Kern der Szene diese kommerziellen Höhenflüge zum Anlass für die üblichen Stammtischdiskussionen nahm, zeigten sie doch, dass eine ganze Nation vom Virus infiziert war. Beim dritten Splash!-Festival in Chemnitz fanden sich 25.000 Besucher ein, beim “Battle Of The Year” in Hannover immerhin ganze 10.000, wobei 4.000 weitere Breakdance-Fans vor der Tür standen und keine Karte mehr bekamen, weil die Veranstaltung restlos ausverkauft war. Die wirtschaftliche Bedeutung von HipHop in Deutschland war so groß wie nie zuvor. Dieser kommerzielle Erfolg musste medial begleitet werden. Erste Online-Medien hatten sich auf dem Markt etabliert, daneben gab es in der Boom-Zeit zahlreiche vergleichsweise kurzlebige Magazinprodukte. Die JUICE hatte bereits 1997 die “Backspin” auf dem Markt für HipHop-Printmedien ergänzt und relativ schnell an Relevanz überholt. Schließlich war auch das Musikfernsehen auf den Geschmack gekommen. Nach Viva-Formaten wie “Freestyle”, “Wordcup” und “Supreme” wurde nun “Fett MTV” geboren. Die Sendung zündete allerdings mit einem Fehlstart: Zunächst hatte man als Moderatoren den ehemaligen Verschaoten-MC Dida Dodder und anschließend Patrice Bouédibéla ­verpflichtet, die beide vom Publikum nicht angenommen wurden. Am Ende entschied man sich für eine Variante ohne Moderator, bei der die Künstler selbst durch die Show führten.

Zu den zahlreichen, meist von Aktivisten gegründeten und geführten Indie-Labels sollte sich bald auch ein eigener Major-Ableger gesellen: Im Mai 2000 wurde Def Jam Germany aus der Taufe gehoben. Das erste Signing waren die Spezializtz, doch auch das renommierte Underground-Label Put Da Needle To Da Records, geführt vom HipHop-Veteranen Fast Forward, unterschrieb einen Vertriebsdeal mit Def Jam Germany. Noch im selben Jahr erschienen über dieses Konstrukt die Alben von Der Klan und Creutzfeld & Jakob, für das Folgejahr wurden RAG und Kool Savas angekündigt. Der Jahresrückblick in der JUICE schloss mit den Worten: “Was wird uns also das Jahr 2001 bringen? Den totalen ­kommerziellen Overkill? Neue Richtungen? Hört Samy auf zu kiffen? Wird Curse heiser? Macht ­Savas eine Kollabo mit der Band ohne Namen?”

Der Anfang vom Ende

Alles Unfug, nur der Overkill sollte kommen. Beim Splash!-Festival 2001 reisten 30.000 Menschen aus ganz Europa an. Ein enormes Wachstum, wenn man bedenkt, dass die Macher vier Jahre zuvor mit einer Hallenveranstaltung mit gerade mal 1.300 Besuchern gestartet waren. 2001 verwalteten die Splash-Veranstalter ein Gagenbudget von 4,5 Millionen Mark. Klar, dass auch szenefremde Wirtschaftszweige die Subkultur als Vehikel für Werbebotschaften entdeckten. Der totale Sellout war die logische Folge. In das Jahr 2001 fiel daher vor allem “Peinliches bis Bodenloses wie das Album von Nina MC oder der HipHop-Tatort” (JUICE-Jahresrückblick). Selbst einer derjenigen, die die Szene damals als Hauptverantwortlichen für den großen Ausverkauf ausgemacht hatten, beklagte sich im Interview zu seinem Album “Return Of HipHop” über mangelnde Substanz: “Gegenwärtig besteht HipHop aus Gimmicks, und Gimmicks sind das, was HipHop töten wird. (…) Wenn es nur noch um Effekte geht, dann fehlt der Inhalt.” Seltsame Worte aus dem Mund des späteren Dschungelcamp-Bewohners DJ Tomekk – Worte allerdings, die durchaus klarstellen, an welch kritischem Punkt die Szene inzwischen angelangt war.

Dass deutscher HipHop sich verändern ­musste, um seine Relevanz zu behaupten, lag auf der Hand. Von deutschem Gangster- oder Straßen-Rap sprach zu dieser Zeit noch kein Mensch, auch wenn das Rödelheim Hartreim Projekt und 44 Da Mess/Da Fource bereits erste Vorläufermodelle geliefert hatten. Ferris MC, von Mainstream-Medien als chauvinistisch-kaputter Asozialer abgekanzelt, agierte als Vorbild für den später alles dominierenden Unterschichten-Rap und landete mit der Drogenjugend-Anklage “Zur Erinnerung” sogar einen beachtlichen Chart-Erfolg. Doch während sich Ferris bereits im gedanklichen Abschiedsprozess von der Rap-Welt befand, sollte eine andere Crew das Jahr 2001 als Übergangszeit zwischen der True School und den Aggro-Jahren maßgeblich prägen: M.O.R., der Berliner Zusammenschluss aus Rappern und Produzent(inn)en, der den als brav und bieder empfundenen Rap aus Hamburg und Stuttgart als Zielscheibe für seine Verbalattacken nutzte. Plötzlich war Battle-Rap das allgegenwärtige Thema.

Battlereimprioritat

Unter diesem Stichwort konnte man zunächst die cleveren Metaphern von Samy Deluxe ebenso wie das wortgewaltige Stakkato von Creutzfeld & Jakob wie auch die harten, direkten Disses von Kool ­Savas, Taktlo$$ oder Azad verhandeln. In der JUICE-Review zu Azads Maxi “Gegen den Strom” heißt es: “Es werden keine Namen genannt, aber so direkt wurde in Deutschland bis jetzt selten ­gedisst.” Azad und Samy lieferten sich daraufhin ­einen ­legendären Schlagabtausch auf Platte, daneben hatte Azad auch Beef mit MC René, Samy Deluxe mit der JUICE, DJ Desue mit DJ Tomekk, Savas mit Spax, Deichkind und überhaupt halb Rap-Deutschland. Die “Mixery Raw Deluxe”-Freestyle-Battles hatten Hochkonjunktur und können als Vorläufer der ­späteren “Feuer über Deutschland”-Erfolgswelle ­gesehen werden.

Gerade Azads Debütalbum “Leben” wurde von einer ganzen Generation als Befreiungsschlag gesehen, als Monolith in einer Flut aus gleichförmigen Veröffentlichungen. Der als brav empfundene Mittelstands-Rap der neunziger Jahre hatte subkulturell mit einem Mal keine Bedeutung mehr. Rap war zwar kommerziell erfolgreich, dabei aber handzahm geworden. Man sehnte sich nach einer härteren Gangart, einem neuen pubertären Abgrenzungsmoment vom Mainstream, einer neuen Form von “realem” Rap. Exemplarisch dafür steht der Umstand, dass “Interview”, das Debütalbum von Tefla & Jaleel, im Sommer 2001 zwar genau wie “Leben” fünf Kronen in der JUICE erhielt, jedoch trotz seiner offensichtlichen Qualitäten nicht zur Platte des Monats gewählt wurde. Warum nicht? “Vielleicht liegt es daran, dass Azads ‘Leben’ einen Tick aufregender war”, konstatierte der Rezensent achselzuckend.

Inmitten dieser ideologischen und inhaltlichen ­Umwälzungen schaffte es ein bis dato weitgehend unbekannter MC, seinem Profil die entscheidende Schärfung zu verleihen, um aus der Regionalliga in die zweite Bundesliga aufzusteigen: Olli Banjos erste Maxi “Rotlicht/Du und mein Penis” verband bis dahin nur selten in dieser Kunstfertigkeit dargebotene Rap-Skills mit eigenwilligen Betonungen, unverblümt-direkten Inhalten und tonnenschweren Beats aus der renommierten Headrush-Schmiede. Der einleitende Satz der Rezension in der JUICE vom Mai 2001 lautete: “Okay, alle können heimgehen. Olli Banjo ist dermaßen tight, dass es einem den Schalter raushaut.” Später im Jahr sollte seine “Schleudersitz”-EP, eineinhalb Jahre später schließlich das bahnbrechende Debütalbum “Erste Hilfe” erscheinen und Olli sich durch diese Releases an die Fersen der vier großen MCs heften, die ihm gegenüber noch einen geringen Zeitvorsprung ­besaßen.

Auch wenn es also bereits die ersten Ausschläge in jene Richtung gab, die später den Mainstream übernehmen wollte, waren die großen Alben des Jahres 2001 bis auf “NLP” eher in klassischer Deutschrap-Tradition zu verorten. Eins, Zwo veröffentlichten mit “Zwei” ein geschmackvolles, aber unspektakuläres Tüftler-Rap-Album, ABS mit “Kinderspiel” und RAG mit “Pottenzial” zwei späte Meilensteine des alten Pott, Die Firma mit “Das dritte Auge” sowie Blumentopf mit “Eins A” jeweils einen weiteren Baustein zu ihren unbeirrbaren Bandkarrieren. Das Album des Jahres lieferte Curse mit dem introspektiven “Von innen nach außen” ab. Der kommerzielle Erfolg vieler Protagonisten ließ Jungsträume von Neunziger-Sozialisierten wahr werden: Curse, Tefla & Jaleel und Square One masterten ihre Alben etwa beim legendären Tony Dawsey in New York, was den Durchschnittshörer freilich nur peripher interessierte. Wichtiger war da schon der Umstand, dass wieder Inhalte auf die Agenda kamen. Der antirassistische Musikerzusammenschluss Brothers Keepers landete mit “Adriano” eine Hitsingle, während Afrobs politisch geprägtes zweites Album “Made in Germany” an den Kassen floppte. JUICE-Kolumnist Florian Siepert sah im Jahresrückblick 2001 gar ein “Comeback of Consciousness” und verwies in diesem Zusammenhang auf Jan Delay, Curse und die Brothers Keepers, aber auch auf die Schattenseiten wie den bei Def Jam Germany gesignten Phillie MC, dessen wacke Gegen-Nazis-Single “Unkraut” von Ahnungslosen in die Charts gekauft wurde.

Die große Langeweile

Dem totalen Ausverkauf durch Mainstream-Medien und Majorlabels wie Def Jam Germany stellten sich tapfere Aktivisten mit ihren Indielabels entgegen: Beatz aus der Bude , Wu-Tal, Showdown, Eimsbush, Ming Dynasty, Chiefrocker, Lacosamia, Uprock, Deck8 oder Masters On Broadway hießen diese Firmen, von denen heute kaum noch eine existiert. Von ihnen wurden sämtliche Release-Kanäle mit mittelmäßigem, wenngleich selten wirklich schlechtem Material verstopft: Mr. Schnabel, Analphabeten, City Nord, Digger Dance, Twisted, Das Department, Moqui Marbles, Echorausch, Skills En Masse, Gianni, Underground Source, Ventura Brothers, Underdog Cru, Dabru Tack, Breite Seite, Nimzwai, Defekte Dichtung, Ruhrlabor, Korrekt’Echnique, Nico Suave, Feinschmecka, Dejavue, MB1000, Die L.P., Schreiner, Nordmassiv, Jamil & Jamal, FFMCs, Glanz FX, Originalton, Lyroholika, Schlechta Umgang… Die Liste könnte ewig weiter gehen. Keiner von ihnen schaffte es, sich neben den wenigen Leitfiguren als echte Größe im Spiel zu etablieren. Dabei hatten die meisten von ihnen das Herz am rechten Fleck und konnten den nötigen Background in der Kultur vorweisen. Doch die Zeiten standen auf Veränderung. Keiner von ihnen hatte das Patentrezept für eine inhaltliche Neuausrichtung geliefert, stattdessen rieb man sich an höchstens marginalen Anpassungen der vermeintlich funktionierenden Formeln auf.

Im März 2002 war deutscher HipHop so langweilig geworden, dass die JUICE aus akutem Themenmangel eine “OldSchool Issue” veröffentlichte. Der Fokus verlagerte sich allgemein wieder in Richtung USA: Man pumpte Eminem, Nas und Jay-Z, wahlweise auch El-P, Cannibal Ox und Aesop Rock. Zu Hause wurden verzweifelte Ausfälle wie MC Renés “Scheiß auf euren HipHop” mit einem gleichgültigen Schulterzucken kommentiert, ein kreativ-chaotischer Haufen wie Moabeat (sozusagen die Proto-Orsons) hingegen schon mal verfrüht zur “Rettung von deutschem HipHop” hochstilisiert. Durchhalteparolen wie “Deutschrap strikes back – Totgesagte leben länger” prägten die Berichterstattung, doch die Grabgesänge auf die deutsche HipHop-Kultur rissen nicht ab. Parallel zum schwindenden Interesse an Rapmusik ging der gesamte Musikmarkt mit dem Aufkommen von MP3 und DSL für jedermann den Bach runter. Label-Insolvenzen machten die Runde, das Splash! trotz Rekordbesucherzahlen 800.000 Mark Miese – einfach, weil man zu schnell gewachsen war, wie Organisator Mirko Roßner damals selbst analysierte.

Ein paar Helden der alten Garde versuchten es trotzdem noch mal mit Angriff: D-Flame etwa mit seinem autobiografischen Album “Daniel X”, das ähnlich wie Afrobs “Made in Germany” zu politisch für die Masse war, oder Germ mit seinem Soloalbum “Bewusstsein”, das ähnlich wie Torchs “Blauer Samt” aus einer anderen Ära zu stammen schien. Kommerziellen Erfolg hatten lediglich die Massiven Töne mit ihrem Album “MT3”, steckten dafür aber reichlich Schelte von der Basis ein. Zu platt war die Adaption amerikanischer Phänomene, zu offensichtlich die Anbiederung an die neuen Strömungen. Man “durfte” jetzt ruhig ein bisschen prollig sein. Man durfte auch Swizz Beatz und die Neptunes ­kopieren, anstatt sich wie die vergangenen Jahre an Pete Rock und DJ Premier zu vergehen. Die Folge waren zahlreiche beschämende Versuche, einen deutschsprachigen Club-Hit zu landen. Die ­Massiven Töne gingen “Cruisen”, DJ Tomekk, ­Tatwaffe und G-Style katapultierten sich mit der legendären Zeile “Tu mir den Gefallen und bleib Gangster” einmal mehr auf die oberen Ränge der Singlecharts. Mich persönlich berührte das alles eher unangenehm.

Neue Ära

2003 war das Übergangsjahr. Die Großen mussten ran. Kool Savas und seine Produzentin Melbeatz hatten mit “Der beste Tag meines Lebens” zum Ausklang des verwirrten Jahres 2002 einen Meilenstein erschaffen, der ganz souverän für sich selbst stand, ohne bestimmte aktuelle Entwicklungen aufzugreifen. Daneben hatte er mit dem hungrigen Mönchengladbacher Rapper Eko Fresh die Neuentdeckung des vergangenen Jahres zu sich ins Camp geholt und baute sich die Optik Crew als neues Umfeld auf. Samy tat sich zeitgleich mit Afrob zur Supergroup ASD zusammen und veröffentlichte das wegweisende Album “Wer hätte das gedacht?”, auf dem sich amerikanische Beatfrickler wie Waajeed, D/R Period oder J Dilla tummelten. Curse experimentierte auf “Innere Sicherheit” mit vielerlei musikalischen Einflüssen und lieferte das von Fans wohl am wenigsten geliebte, dafür aber innovativste Album seiner Karriere ab. Und die Beginner warfen mit “Blast Action Heroes” ihr letztes gemeinsames Album auf einen Markt, der sich mittlerweile vor allem jenseits der Szene befand. Auf ihren Konzerten tummelten sich in erster Linie Menschen, deren subkulturelle Vergangenheit bereits ein paar Jährchen hinter ihnen lag.

Letztlich war allen klar, dass ein neues Zeitalter im Anbruch begriffen war. Die großen Vier würden ihren Weg gehen. Jenseits davon brodelte es. Der kommerzielle Overkill hatte eine neue Gegenkultur im Untergrund zum Leben erweckt. Die ersten “Aggro Ansagen”, ein Minialbum der Sekte und Bushido & Flers “Carlo Cokxxx Nutten” waren zwischenzeitlich erschienen und hatten kleinere Wellen geschlagen. Eins, Zwo hatten sich aufgelöst, Eimsbush war pleite, “Fett MTV” schon wieder Geschichte und auch die “Wicked” vom Kiosk verschwunden. Dort hatte ich übrigens im Sommer 2002 meine erste Tätigkeit als Musikjournalist aufgenommen. Während ich in der Redaktion in Hamburg-Bergedorf leidenschaftliche Artikel über Savas, Cam’ron und Public Enemy verfasste, liefen im angeschlossenen Tape-Mailorder die Telefone heiß: Die Leser bestellten “Tanga Tanga” von Frauenarzt, “Radiumreaktion” von Prinz Porno, “Lyrischer Hooligan” von MC Bogy oder “Obscuritas Eterna” von MC Basstard. In meiner Ignoranz hielt ich das alles zunächst für Unfug, der mit meiner dogmatischen Vorstellung von HipHop wenig bis nichts zu tun hatte. Dass genau dieser Untergrund die öffentliche Wahrnehmung von deutschem Rap in den nächsten fünf bis sechs Jahren maßgeblich prägen sollte, war mir nicht klar. Noch nicht.

Im Sommer 2003 lenkte Bushido mit seinem Album “Vom Bordstein bis zur Skyline” über das neue, erfolgreiche Indie-Label Aggro Berlin ein Genre in den Fokus des Mainstreams, das bis dahin nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit funktioniert hatte: deutschen Gangster-Rap. Im Frühjahr 2004 zierte Aggro-Maskenmann Sido anlässlich seines Debüt­albums “Maske” erstmalig das Cover der JUICE. Nichts sollte mehr so sein, wie es war.

Text: Stephan Szillus

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here