Deichkind: »Einfach Hits schreiben, das können wir gar nicht« // Titelstory

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Seht ihr das auch?

2017 stehe ich im ausverkauften SO36 in Berlin-Kreuzberg. Fatoni gibt das bis dato größte Konzert seiner Karriere, und Kryptik Joe von Deichkind ist für einen Feature-Part als Gast geladen. Ich spotte ihn in der Menge, wie er gemütlich vorbei an den Fans zum Merch-Stand spaziert. Unbemerkt kauft er ein Fatoni-Shirt. Zwanzig Minuten später steht er auf der Bühne, um seinen Part zu performen. Das muss man sich mal vorstellen: Welcher Rapper kann heute in einer Zehntausender-Halle den Klassenclown geben und am nächsten Tag unbehelligt und in aller Ruhe durch eine dichte Menge Rap-Fans wandern? Die Anonymität, so scheint mir, ermöglicht den Bandmitgliedern von Deichkind eine unglaubliche Freiheit; kreativ, aber auch ganz konkret in ihrem Leben, in ihrem Alltag. Ich meine, wer will schon wirklich erkannt werden, wenn man Fan-Merch kauft? Eben. In Deutschrap stehen Deichkind mit diesem Konzept der Anonymität durch Masse schlichtweg alleine da. Was nicht heißt, dass hinter der Projektionsfläche keine Menschen stecken, ganz im Gegenteil. Man braucht keine fünf Minuten mit den Köpfen hinter Deichkind, um zu verstehen, dass man es hier mit ziemlichen Persönlichkeiten zu tun hat. Das Spektrum reicht vom sensiblen Sympathieträger über den fokussierten Denker bis zum impulsiven Empathen, um es mal zu überzeichnen. Philipp alias Kryptik Joe ist seit Tag eins Teil von Deichkind und war früher mal derjenige, der weniger Bock auf Veränderungen hatte. Heute produziert er einen Großteil der DK-Bretter und schreibt One-Liner, die jeden Marketingstrategen neidisch machen. Sein erstes Geld als Musiker verdiente er übrigens mit einem Achtzeiler für ein längst wieder eingestelltes Langnese-Eis. Henning alias DJ Phono alias La Perla kam 2000 als Live-DJ zu Deichkind, veröffentlichte zwischendrin ein wunderbar feinfühliges Elektronikalbum und ist über viele Jahre zum konzeptionellen Brain der Gruppe gewachsen. Mit der Neuerfindung von Deichkind wurde seine Rolle als HipHop-DJ auf der Bühne irgendwann obsolet; Henning erfand die Bühnenshow daraufhin einfach grundlegend neu. Und Porky, der ursprünglich als Bassist zu Deichkind stieß, trägt die Gruppe heute zusammen mit Philipp als Rapper und enthusiastischer Live-Performer. So verschieden die Charaktere sind, die am Experiment Deichkind sitzen, so verschieden sind die Vorstellungen davon, wie man das Spiel mit der Masse spielt.

»Wir haben diesmal auch Songs übers Alter angefangen, aber das Selbstmitleid war uns immer zu präsent« – Kryptik Joe

Phono: Für mich war das Thema Mainstream immer wichtig. Natürlich hat das was total Unheimliches, wenn alle im Takt hüpfen. Da schaffst du eine Gleichschaltung, eine Synchronisierung, und dem gegenüber habe ich ambivalente Gefühle: Im einen Moment klinke ich mich mit ein, im anderen Moment ist es mir ungeheuer.
Kryptik Joe: Wenn man hinten im Backstage sitzt und unten stehen Fans, die schreien »Hört ihr die Signale, die Saufsignale!?!«, dann ist das schon auch unheimlich. Ich hab da manchmal das Gefühl, die Stimmung könnte jetzt hier kippen. Wir wollen aber auch nicht einfach nur ne Saufband mit stumpfer Massenshow sein und ab dafür.
Porky: Aber keine Saufband will ich auch nicht mehr sein.
Kryptik Joe: Genau, das ist ja das Ambivalente bei uns. Wir diskutieren auch darüber, ob man den Stumpfsinn abfeiern will oder doch lieber zeigt, dass man ein denkender Mensch ist.
Phono: Ich glaube, das Ganze wäre unheimlicher, wenn alles von Null auf einmal käme, aber bei uns hat sich das ja über die Jahre entwickelt. Wir haben nicht einen Song geschrieben und dann gemerkt: Oh, da sind ja krass viele Leute.
Kryptik Joe: Stell dir vor, du gründest ne Band, und einer deiner Songs wird zum Überhit, obwohl er dich nicht wirklich repräsentiert. Dann bist du nur noch dieser eine Song und hast das gar nicht mehr im Griff, wie unheimlich. Zum Glück ist uns das nicht passiert.
Porky: Obwohl, mit »Leider geil« schon ein bisschen.
Kryptik Joe: Ja, stimmt, »Leider geil« wurde teilweise echt falsch interpretiert: Burger sind geil, Autofahren ist geil, danke für die Bestätigung – wir meinten das ja eher andersherum.
Phono: Aber über zwanzig Jahre als Band lernt man auch von einem Konzert zum nächsten, wie Songs und Showeffekte funktionieren. Und dann kannst du das immer wieder anpassen. Wir können entscheiden, Songs einfach nicht mehr zu spielen. Natürlich haben wir keine totale Kontrolle über unser Publikum, aber wir können schon bewusst steuern, was wir anbieten. Und mit der Bühnenshow oder den Musikvideos kann man auch bei entsprechenden Songs ein bisschen in der Interpretation gegensteuern.

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