Degenhardt & Kamikazes – Krahter // Review

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(Vinyl Digital)

Manchmal braucht es die eine Platte, die einem vergegenwärtigt, dass im Deutschrap-Schatten von Limited Editions und hochbudgetierten Musikvideos auch dieser Tage Platz ist für eigensinnige Künstler, die nicht alle ­Marktregeln mitspielen. Degenhardt und die beiden Kamikazes haben sich genau dieses Release vorgenommen. Dabei ähneln sie in ihren melancholischen bis tieftraurigen Produktionen den Soloausflügen von grim104, ohne sich dessen textlichen Anspruch gesellschaftspolitischer Analyse zu Eigen zu machen. Vielmehr behandelt »Krahter« die Themenkomplexe Emotion und Poesie, Vergänglichkeit und Glauben. Zwei rein instrumentale Stücke, »Tag 0« und »Tag X«, bilden nicht nur den musikalischen Rahmen der EP, sondern markieren gleich auch den Beginn der Welt und ihren Untergang. Dazwischen ­zeichnen die Außenseiter ein leidvolles Bild eines Planeten, der unweigerlich auf den ­Abgrund zusteuert. Die Texte bieten breiten Deutungsspielraum, womit die drei ­Antagonisten die Uneindeutigkeit der Sprache im Allgemeinen sowie der Lyrik im Speziellen verdeutlichen wie wenige vor ihnen. Augenscheinlich wird dies in »Jabberwocky«, benannt nach einem Gedicht von »Alice im Wunderland«-Autor Lewis Carroll, in dem sich ein zusammenhängender Sinn hinter den Worten zunächst verschließt und analog zur Dichtung frei interpretierbar bleibt. Daneben tauchen immer wieder religiöse Metaphern auf, wenn­gleich Degenhardt in »Namen« erklärt: »Es gibt keinen Gott«. In »Muttis Jesus« inszeniert das Trio seine eigene Geburt als göttliches Ereignis, nur, um unmittelbar an diese Selbstüberhöhung die pessimistische Ahnung folgen zu lassen, dass ihr Werdegang kein schönes Ende nehmen wird. Die atmosphärisch musikalische Untermalung der Kamikazes harmoniert dabei erstaunlich gut mit den religiösen Symbolen, insbesondere »Oben herab« klingt geradezu spirituell. Auch wenn Degenhardt in Interviews beteuert, keine Akzeptanz genießen zu wollen, wäre es ihm und den Kamikazes-Brüdern nach »Krahter« zu wünschen, sie würden als poe­tisch verschachtelte Alternative Gehör finden.


 

Text: Dominik Lippe

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