Curse – Innere Sicherheit (2003) // Review

(Jive / Zomba)

Wertung: Viereinhalb Kronen

Das »Innen« von Curse war für mich -im Gegensatz zu vielen anderen -immer ein eher schwieriges Unterfangen. Irgendwie war mir das Ganze zu klar artikuliert, die Texte schienen mir zu sehr im Vordergrund zu stehen und letztlich auf Kosten der Musik zu gehen. Jetzt hat er sich geöffnet: mir, dem Hörer, der Musik als Transportmedium, das verdammt noch mal auch catchy sein kann und darf. Nach „außn“ eben und – Sellout-Alarm! -hin zu einem breiteren Publikum. Zu verdanken haben wir das der «Inneren Sicherheit», die sich nach dem Erfolg seiner Seelenspiegelungen eingestellt hat, und natürlich dem ungeheuren Mut und Selbstbewusstsein des Mindeners, die es ihm erlauben, einfach alles in sein Rap-Verständnis zu integrieren, was ihn und seine Kunst weiterbringt. Das kann dann zu viel diskutierten Beiträgen wie seiner irgendwie »We Are The World«-mäßigen Gospel-Single »Hand Hoch« führen, die ich -jetzt beweise ich mal Mut – trotz allem richtig gut finde. Oder, trotz allem guten Willen, auch mal in die Hose gehen wie bei der (musikalisch, nicht textlich) etwas kitschigen Vater-Hommage »Apfel« (feat. Reno und Germany). Weitaus offener und eigentlich den Geist des Albums bestimmend kommt die musikalische Vielseitigkeit aber positiv zum Tragen. Das lässt das Album zwar wenig homogen erscheinen, führt aber zu einem Facettenreichtum. der sich so bislang auf kaum einem Rap-Album deutscher Zunge finden ließ. Und dass hier immer noch »Rap« gesprochen wird, daran lässt Curse keinen Zweifel. Siehe der gleichnamige Battle-Track, in dem über verschiedene Beat-Patterns in verschiedenen Rap-Styles geflext wird, was das Zeug hält. Und das Beste ist: Er gewinnt nicht durch Fremdanklage an Profil, sondern durch die auf Songlänge gestraffte Präsentation der eigenen Skills. Oder das ausschließlich über Patrick Ahrends Pianopassagen eingerappte Dynamik-Monster »Und was ist jetzt?«, das den Hörer emotional dermaßen geschockt zurücklässt, dass selbst die folgende Crossover-»Schocktherapie« (die man laut Curse nur scheiße oder genial finden kann) daran nicht mehr viel ändern kann. Womit – nicht zu vergessen die musikalisch überaus einnehmende und lyrisch konzeptuell durchdacht strukturierte Gentleman-Kollabo – die jeweils dramatischen Eckpunkte eines Albums genannt waren, aber noch nichts über das durch die Bank Single-taugliche Material gesagt ist, das dank Sieben, Busy und vor allem den Kroaten um Dash neben lyrischer Tiefe v.a. durch gnadenlos gute Beats besticht. Das elektroide »Das versteh ich nicht« konnte als Instrumental auch Clubber jenseits von Gut und HipHop begeistern, Simon Vegas zaubert für »Ich verlass dich nicht« ein sickes Funkmonster, das seiner eigenen EP durchaus gut zu Gesicht gestanden hatte, und für das jazzige »Gleichgewicht« grIff III Will sogar höchstpersönlich zu Bass und Gitarre. Überhaupt, das Live-Element: Curse hat für einen Großteil der Tracks auf Live-Instrumentierung gesetzt und so ein Maß an organischer Wärme erreicht, das es nicht schwer macht, das Herzblut pumpen zu hören, das in dieser Albumproduktion steckt. Curse ist an einem Punkt angekommen, an dem ihn – im HipHop-Kontext wohlgemerkt – nicht mehr viel vom grenzüberschreitenden Anspruch eines Naidoo oder sogar Grönemeyer trennt. Das ist gut für HipHop. Und ein ähnlich qualitativer Quantensprung wie der von Frantis Disposable Heroes zu Spearhead. Rap-Gesetze? Sind immer noch da. Aber auch, um mal übertreten zu werden.

Text: Christopher Büchele

Diese Review erschien erstmals in JUICE #051 April 2003. Back-Issues können versandkostenfrei im Shop nachbestellt werden.

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