Casper: »Als alles auf mich eingekracht ist, da hab ich gedacht: Ich will das nicht mehr!« // Titelstory

Gab es einen konkreten Ansatz, den du nach all dem Hadern versucht hast, auf »Lang lebe der Tod« zu verfolgen?
Ich wollte eine laute Platte machen. Nach dem Motto: Unbequeme Musik für unbequeme Zeiten. Ich wollte meinen privaten Hörstiefel durchziehen, alles etwas zerriger, wilder, avantgardistischer machen; auf keinen Fall so klingen wie davor. Wenn ich mir die Platte aber jetzt anhöre, ist sie ganz eindeutig eine unbewusste Reaktion auf die vergangenen Jahre geworden. Im Tornado selbst ist mir das gar nicht so aufgefallen.

Kannst du dein Gefühl zum Album ­beschreiben?
Ich bin sehr stolz darauf, aber es ist sehr schwer, eine irrsinnig positive Bindung zu etwas aufzubauen, mit dem man so lange gerungen hat. Ein bisschen so, als ob man in der 92. Minute noch das Siegtor zum 3:2 schießt, sich am Ende aber darüber ärgert, die zwei Dinger kassiert zu haben. Da muss man sich einfach klarmachen: »Ey – wir haben gewonnen!« (lacht) Ich habe mir die Songs aber gerade gestern mal wieder angehört, nach zwei Monaten, und muss sagen: Das ist ne gute Casper-Platte geworden.

Hat sich die Albumabgabe dann wie eine Erlösung angefühlt?
Ja, auf jeden Fall. Aber ich muss sagen: Jede Platte hat mich müde gemacht, früher oder später. Jedes Album ist ein Kampf. Ich habe ein heftiges Impostor-Syndrom [ein psychologisches Phänomen des Selbstzweifelns, bei dem man seine Leistungen dem Zufall zuschreibt, nicht dem eigenen Können; Anm. d. Verf.] und bewundere Künstler, denen das so wahnsinnig leichtfällt. Ich habe bei jeder Platte immer den unerreichbaren Anspruch an mich selbst, die »Mona Lisa« zu malen. Ich brauche immer die Story drum herum; eine tiefere Bedeutung; die Geschichte, die noch nie erzählt wurde; die Art und Weise, wie’s gemacht wurde; die Innovation. Am liebsten wäre es mir, wenn die Platte maximal experimentell wäre, supersperrig, dabei aber komplett hittig.

»Will ­untergehen in Wellen von ­Applaus.«

Das aufzuteilen, also ein Hit- und ein Avantgarde-Projekt zu machen, käme für dich aber nicht in Frage?
»Lang lebe der Tod« ist in meinen Augen nun dieses Kunstprojekt, das ziemlich sperrig ist, trotzdem aber viele einprägsame Momente besitzt. Natürlich hätte ich auch den 2011er-Stiefel locker bis 2020 durchkloppen können. Jedes Jahr. Aber ich habe keinen Bock auf die sichere Mittelmaßnummer. Das nervt mich eh an deutscher Popmusik: Es gibt keine Wagnis mehr. Auch im HipHop nicht. Rap ist so sehr dafür gemacht, Grenzen zu sprengen – aber keiner macht’s. Ich finde: Wenn es dir am Ende nur um die Sicherheit geht, ist Musik der falsche Ort dafür.

Die Texte auf der neuen Platte sind sehr direkt. Liegt das daran, dass du dir diesmal einen noch größeren Kopf um alles gemacht hast?
Ich habe auf jeden Fall nicht mehr den unbedingten Willen zum tumblr-Spruch gehabt. Bei den Platten davor habe ich häufig versucht, einfache Dinge in maximal poetische und verschachtelte Worte zu packen. Diesmal habe ich eher einfache Worte gesucht, um komplexe Sachverhalte auszudrücken. Oder anders gesagt: Ich hatte das Bauchgefühl, eine Kopfplatte machen zu müssen. (grinst)

»Lang lebe der Tod« ist auch dein ­politischstes Album bisher.
Das ist ein Resultat dessen, was mich – neben all dem Casper-Kram – in den letzten Jahren am meisten beschäftigt hat. Dieses unbestimmte Gefühl von: Beginnt morgen der Dritte Weltkrieg? Oder rollt uns vorher schon das Klima die nächste Sintflut vor die Tür? Ich meine: In Amerika ist gerade ein absolut Verrückter an der Macht, Homophobie ist immer noch salonfähig, der Druck von rechts wird immer stärker, Terrorismus. Ich finde das beängstigend, weil ich das Gefühl habe, dass jeden Moment alles passieren kann. Und dieser innere Aufruhr kommt auch auf dem Album zum Ausdruck.

»Ich hatte das Bauchgefühl, eine Kopfplatte machen zu müssen.«

Würdest du dir dahingehend mehr ­Stellungnahmen von Künstlern ­wünschen?
Natürlich. In der Musik findet dieser Aufruhr nicht statt. Die Leute wollen sich lieber unterhalten und von dem ganzen Scheiß ablenken lassen, der um sie herum brodelt und kurz vorm Explodieren ist. Es passiert gerade so viel Scheiße, und was ist Deutschraps Antwort darauf? Der Turn-up.

Wie Casper schon sagt: »Lang lebe der Tod« ist keine Bauchplatte geworden; kein Resultat eines intuitiven Fließenlassens von Kreativenergien, kein Ergebnis eines leichtfüßigen Vibes. Es gibt zwar diverse Hit-Momente, einprägsame Hooks, Tonfolgen und Melodien, die Platte ist nicht schwermütig durch und durch. Dennoch gleicht das Album, zumindest inhaltlich, eher einem zähflüssigen Strom, der dich mit jeder entschlüsselten Textwelle weiter in die Tiefe reißt. Das gilt insbesondere für die letzten drei Songs des Albums: »Deborah«, »Meine Kündigung« und »Flackern, flimmern« – die Herz(schmerz)stücke, in denen Caspers Innenleben aufklafft wie eine blutige Wunde, die einen mit ihrer betonschweren Offenheit hinabziehen in die Sümpfe der Traurigkeit; in denen Casper tief in die Dunkelheit seiner Seele hinabsteigt und mit einem pulsierenden, schwarzen Etwas seiner selbst zurückkommt. Verängstigend und verstörend zwar, aber immerhin am Leben. Auf dass es uns ewig gibt.

Insbesondere die letzten drei Songs auf dem Album lassen einen ein wenig sorgenvoll zurück. »Deborah« lässt sich als Synonym für Depression interpretieren, es gibt testamentarische Lines, Todessehnsuchtsfantasien, Abschiedsverklausulierungen. Deshalb noch mal die Einstiegsfrage: Geht es dir gut?
Es gibt einige Dinge, mit denen ich zu kämpfen habe, und das hört man in meiner Musik – nicht erst seit dieser Platte: Mangeln­des Selbstbewusstsein, die Diskrepanz zwischen Innen- und Außenwahrnehmung, Druck und Erwartungshaltung.

Reden wir von Depressionen?
Ich weiß nicht, wie leichtfertig man mit diesem Begriff um sich werfen sollte. Denn was sich für mich wie eine Riesendepression anfühlt, wäre für einen Schwerdepressiven vermutlich ein Spaziergang im Park – das möchte ich mir nicht anmaßen. Aber gab es Phasen, in denen es mir unmöglich war, aus dem Bett aufzustehen? Ja. Phasen, in denen ich grundlos Panikattacken bekommen habe? Ja. In denen ich Nervenzusammenbrüche hatte? Ja. Ich hatte so was in meiner Jugend schon, aber in den letzten zwei Jahren wurde es wieder mehr.

Deine Offenheit ehrt dich. Aber hast du keine Angst, dass mit diesem ­sensiblen und persönlichen Thema in der Öffentlichkeit nicht sorgsam umgegangen wird – gerade hinsichtlich deiner negativen Erfahrungen mit der Sensationspresse?
Das ist eine Gratwanderung, ja. Aber ich will Musik machen, die sich mit echten Emotionen auseinandersetzt, da kann ich das nicht ausklammern. Und ich habe kein Problem damit, das so in die Öffentlichkeit zu stellen, weil ich finde, dass Depressionen und psychische Krankheiten dort sowieso schon zu wenig Raum finden – gerade im Rap.

Würdest du von deinem Ruhm gerne etwas zurückgeben?
Ja. Aber nie ernsthaft. Genauso wie ein Typ, der einen hyperkomplexen Roman schreibt, sich wahrscheinlich denkt, dass er ein besseres Leben hätte, wenn er nur noch Aldi-Prospekte betexten müsste. Hätte er de facto aber nicht, denn eigentlich will er ja dieses hyperkomplexe Buch schreiben. So ist das bei mir auch. Trotzdem gab es oft Situationen, in denen die Hysterie an eine Grenze kam, die psychisch belastend war; wo ich mich verfolgt gefühlt habe; fast paranoid geworden bin. Ich bin einfach kein Typ, der die Öffentlichkeit sucht. Das habe ich in den letzten Monaten begriffen.

Wie gehst du dann damit um, wenn du privat irgendwo bist und Leute ein Foto mit dir machen oder ein Autogramm ­haben wollen? Schickst du die dann weg?
Ich habe gelernt: Die anschließende Diskussion darüber ist mühseliger, als schnell das Bild zu machen. Meine Lieblingssituationen sind aber die, wenn Leute mich ­ansprechen mit: »Hat man dir eigentlich schon mal gesagt, dass du aussiehst wie Casper?« Und ich dann: »Jaja, das sagt man mir jeden Tag.« Und die dann: »Ja, witzig. Schönen Tag noch!« Da steh ich dann immer nur so: »Häh?!« (lacht) ◘

Text: Daniel Schieferdecker
Foto: Christian Alsan

Diese Interview erschien erstmals als Titelstory in JUICE #182.

1 KOMMENTAR

  1. Was sollen denn diese Romankurzgeschichten zwischendurch? finde ich richtig unpassend. ich will einfach nur das inetrview lesen man

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