Casper: »Als alles auf mich eingekracht ist, da hab ich gedacht: Ich will das nicht mehr!« // Titelstory

»Lass mich allein, ich will mein Leben zurück.«

An dieser Stelle verläuft die Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit, das Suchen und Finden der Gründe für die Albumverschiebung, zweispurig:

Der eine Weg weist Richtung Kunst, auf den endlosen Highway unerreichbar hoher Ansprüche, auf dem Casper, wenn auch schlingernd und mit Vollgas und unter Lebensgefahr, stets (s)ein Ziel erreicht hat – bloß letztes Jahr eben noch nicht. »Ich habe mir das bis dahin fertige Material immer und immer wieder angehört, bis mir irgendwann klar wurde: Das ist es einfach noch nicht. Dafür bin ich nicht angetreten«, erinnert er sich. Am 22. August 2016 gab er dann auf seiner Facebook-Seite bekannt, dass der Release des Albums auf unbestimmte Zeit verschoben wird – knapp vier Wochen nach dessen Ankündigung.

Der andere Weg führt ins Leben; hinein in den Karriereschnellzug, der viel zu lange donnernd und ohne Zwischenstopp und viel zu rasant an eben jenem Leben – seinem Leben – vorbeigerauscht ist, ohne dass Casper auch nur einen Blick darauf hätte erhaschen können – geblendet von Spotlight und Blitzlichtgewitter zugleich. Hier führen die beiden Spuren wieder zusammen.

Wie muss man sich den Erkenntnismoment vorstellen, als du entschieden hast, die Veröffentlichung von »Lang lebe der Tod« zu verschieben?
Das war schwer, sehr schwer – und für Außenstehende kaum nachvollziehbar. Du musst dir das vorstellen, als hätte mir jemand einen Stein aufs Gaspedal geschmissen, sodass ich die ganze Zeit nur noch mit zigtausend km/h fahren konnte. Ich meine: Vor 2011, vor »XOXO«, kannte mich keiner. Nach »XOXO« wusste selbst meine Bäckersfrau, wer ich bin – von einem Tag auf den anderen wurde alles so riesengroß, schoss durch die Decke und wurde jeden Tag noch größer! Das hat sich angefühlt, als würde man mit der flachen Hand auf eine ungeöffnete Chipstüte hauen – das Ding ist einfach explodiert.

Gab es zwischendrin gar keine ­Verschnaufpausen?
Nein. Mit »XOXO« bin ich ja wie ein Wahnsinniger getourt, habe erst in 500er-, dann in 1.000er-, dann in 2.000er-Hallen ge­spielt. Danach bin ich direkt nach Mannheim, habe »Hinterland« gemacht und die Platte im Anschluss anderthalb Jahre lang abgetourt – nicht zu vergessen die ganzen Open-Air-Konzerte, meine eigenen Festivals, das letzte im ausverkauften Westfalenpark in Dortmund vor 14.000 Leuten. Dann habe ich sogar noch eine Trap-EP gemacht, die aber wieder verworfen, und mich gleich an »Lang lebe der Tod« gesetzt. Ich bin einfach die ganze Zeit über gerannt und gerannt und gerannt, ohne Halt zu machen. Und als ich dann am neuen Album saß und mal kurz durchatmen konnte, habe ich plötzlich gemerkt, wie müde und kaputt ich eigentlich bin.

Und da hast du realisiert, dass du eine Pause brauchst.
Ich habe kaum noch gegessen, war regelrecht ausgemergelt. Selbst wenn wir die Platte veröffentlicht hätten: Videos oder Pressefotos hätten wir nicht machen können – ich sah richtig, richtig schlimm aus. Ich wäre gar nicht in der Verfassung gewesen, irgendwem Interviews zu geben, geschweige denn auf Tour zu gehen.

Hast du ans Aufhören gedacht?
Ja. Als alles auf mich eingekracht ist und ich angefangen habe, all das Erlebte der letzten Jahre wirklich zu begreifen, da hab ich gedacht: Ich will das nicht mehr! All die Nervenzusammenbrüche auf sämtlichen Ebenen – das ist einfach zu krass!

Was hat dich letztlich weitermachen lassen?
Wir haben uns dann dazu durchgerungen, zumindest die geplante Clubtour zu spielen. Da ist mir wieder vor Augen gehalten worden, dass ich Fans habe, denen das alles wahnsinnig viel bedeutet; und dass auch mir selbst das alles wahnsinnig viel bedeutet. Da habe ich beschlossen: Ich mach diese Platte jetzt fertig.

»Mein sogenannter Scheiß bedeutet mir noch immer die Welt.«

Also hast du dich direkt nach der Clubtour wieder an die Platte gesetzt?
Nicht ganz. Ich brauchte kurz Abstand – und bin nach L.A. geflogen. Der Markus [Ganter, mit dem Casper die Platte wieder produziert hat; Anm. d. Verf.] war eh da, also bin ich ne Woche zu ihm, bevor wir uns wieder ins Haifischbecken Albumproduktion begeben haben. Ich wollte eh die Kanye-West-Show sehen.

Und?
War geil! Am nächsten Tag haben dann auch noch Portugal The Man, mit denen wir befreundet sind, in L.A. gespielt – das haben wir uns auch reingezogen: mega! Irgendwann fragte uns dann der Tourmanager, ob wir nicht Bock hätten, deren nächste Show zu eröffnen. Und wir: »Klar, witzig – machen wir!« Das kam dann so gut an, dass wir den Rest der Tour mitgefahren sind – obwohl die im Bus eigentlich keinen Platz für uns hatten. Ich habe dann hinten in der Bay gepennt, wo alle ihre Taschen reingeworfen haben, und Markus vorne auf dem Sofa, sodass er immer erst schlafen gehen konnte, wenn alle anderen auch müde waren – seine Nächte waren dadurch sehr kurz! (lacht) Das war auf jeden Fall eine tolle Erfahrung! Aber ganz ehrlich: Wenn du einmal in Amerika getourt bist, fällst du hierzulande wirklich auf die Knie und küsst europäischen Veranstaltungsboden.

Ach ja, wieso?
In deutschen Konzert-Locations hast du Räume, in denen du abhängen kannst, Catering, Schnittchen, manchmal sogar ne Saftmaschine – in jedem Fall aber gut zu essen und zu trinken. Bei den Amis kriegst du im ranzigen Backstage ein Sixpack Wasser, drei Handtücher und ein großes Fuck You! (lacht) Da spielt eben jeden Tag irgendwer, die einzelnen Bands sind denen scheißegal: schnell rein, schnell raus – don’t care.

1 KOMMENTAR

  1. Was sollen denn diese Romankurzgeschichten zwischendurch? finde ich richtig unpassend. ich will einfach nur das inetrview lesen man

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