Casper: »Als alles auf mich eingekracht ist, da hab ich gedacht: Ich will das nicht mehr!« // Titelstory

»Lang lebe der Tod« – der Song- und Albumtitel von Caspers neuem Großwerk darf, wie bei ihm üblich, durchaus auf mehreren Ebenen als programmatisch verstanden werden. Nicht nur, dass dem ursprünglich vor einem Jahr anvisierten Release-Date keine lange Lebenszeit beschieden war und sich das Warten auf den neuen Longplayer im Anschluss in die Länge zog wie Gitarrensoli von Richie Blackmore, auch inhaltlich steckt in diesem einen Titel bereits mehr drin als in manch einem üppigen Doppelalbum: Das Ringen mit den daseinsbestimmenden Gegensätzlichkeit von Leben und Tod, mit dem Versuch, beim Balanceakt zwischen Angst und Hoffnung nicht in die bodenlose Schlucht zu stürzen, die durch den kometenhaften Aufstieg vorher überhaupt erst diese bedrohliche Tiefe geschaffen hat, und mit dem existenzbestimmenden Umgang mit dem abstrakten Faktor Zeit. Beim Treffen mit Casper in Berlin, bei seinem ersten Interview, das er zur neuen Platte gegeben hat, haben wir über all das gesprochen, was es an Elementarem zwischen den beiden Polen Leben und Tod zu besprechen gab: Über die kleinen Freuden und großen Dramen des Seins, den undefinierbaren Schwebezustand zwischen purem Glück und Melancholie. Und über so vieles mehr, dass es die Zeit fast nicht überlebt hätte. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Keine Angst.

Berlin 2017, Ende Juli. Eine diffuse Stimmung liegt über der Stadt. Der soziopolitische Wahnsinn der letzten Wochen und Monate drückt dumpf aufs Gemüt: die AfDegeneration der Moral und des guten Gewissens, dieser beschämende Ruck von rechts, der sich unaufhörlich seinen Weg Richtung gesellschaftliche Mitte walzt. Die täglichen Schlag-in-den-Magen-Zeilen über die Erdogans und Trumps dieser welkenden Welt, die sich fortfressende Furcht: vor Terror, dem politischen, wirtschaftlichen und meteorologischen Klima – und der lähmenden Unfähigkeit, noch adäquat mit den damit einhergehenden Herausforderungen umzugehen. Unser Leben, unsere privilegierte first world existence, das fühlt sich dieser Tage häufig an wie eine Dystopie; so als hätten wir inmitten dieses Nebels des Grauens aus Versehen und blind ins Rote-Pillen-Glas gegriffen, das unser schönes, vermeintlich sorgenfreies Dasein mit einem Schlag zunichtegemacht hat. Die Feelgood-Komödie, die wir lange unser Leben nannten, scheint ausgespielt. Und im Abspann läuft die neue Casper-Single: »Es ist, als ob man den Verstand verliert/Immer Wege voller Steine wären/Trotz all den Hallelujas hier/Keinem was heilig mehr«. Der Soundtrack zum Untergang.

Auf dem Weg zum anberaumten Interviewtermin in den Räumlichkeiten von Caspers Management/PR-Agentur schieben sich die Gedanken darüber brüchig und quälend hin und her wie ein paar Untote bei der ersten Tanzkursstunde auf dem Grab der gewohnten Gegenwart, stumpf um sich selbst kreisend, hüftsteif und leer. Wie, so die zwingend offen­sichtliche Frage, verortet sich Casper zwischen all dem? Welche Position nimmt er ein im Hier und Jetzt, zwischen all den Irrungen der Welt und den Wirrungen in ihm selbst, dem grandiosen Gestern und dem maroden Morgen? Unwahrscheinlich zumindest, dass ihn all das kaltlässt; dass er die Party, die er 2011 gestartet hat, einfach weiterfeiert – zumal auf seinem Piratensender noch nie die käsigen Hits der Achtziger, Neunziger und das Beste von Heute liefen, sondern stets eine stimmige Tracklist aus vielschichtigen Heartcore-HipHop-Slash-Indie-Hymnen, die das Überlebensgefühl der Generation XOXO in unbegreiflich griffige Vierminüter pflanzte. Und die ersten Single-Auskopplungen aus seinem endlich fertigen »Lang lebe der Tod«-Album lassen beileibe nicht darauf schließen, dass es den neuen Stücken an Bedeutung fehlen würde. Ganz im Gegenteil.

Der kleine Konferenzraum, in dem das Gespräch mit Casper stattfinden soll, wirkt ein bisschen steril mit seinen kaltweißen Wänden und einem Interieur, das allein auf Funktionalität ausgelegt ist. Marginal aufgewertet wird die fehlende Gemütlichkeit des Zimmers durch den frisch gebrühten French-Press-Kaffee, der auf dem Tisch steht, sowie eine Auswahl an Obst und zuckerhaltigen Erfrischungsgetränken ­– die passend unpassende Kulisse für eine tiefe Auseinandersetzung mit Casper, seinen neuen Songs und den strobostatischen Eindrücken der letzten Jahre, aber auch mit scharfkantigen Bruchstücken aus dem Innenleben der Privatperson Benjamin Griffey. Die Tragweite, die in den Worten und Sätzen des folgenden Gesprächs zum Ausdruck kommt, sie gewinnt inmitten dieser konturlosen Atmosphäre exponentiell an Gewicht. Schwarz knallt auf Weiß eben mehr als auf Grau. Und Caspers Worte, sie tragen viel Schwarz – »jeden Tag, bis es was Dunkleres gibt«. Der Druck steigt.

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Nach Hören des Albums, insbesondere der letzten drei Songs, muss ich dich zuerst einmal fragen: Geht es dir gut?
(lacht) Ja, danke. Aber die letzten ein, zwei Jahre waren schwierig, und dieser Umstand hat Einzug in die Platte erhalten. Mir wurde irgendwann alles zu viel. Deshalb wird es zum Release auch keinen riesigen Interviewmarathon geben, nur ein paar ausgewählte Gespräche. Hinzu kommt: Ich habe mit der aktuellen Medienberichterstattung oft ein Problem.

Inwiefern?
Alle schlagen so einen widerlichen Clickbait-Ton an. Ich habe einfach keinen Bock auf so ein Niveau von »Wir lagen vier Tage in der Pissrinne vom Berghain – und das ist passiert«.

Aber so ist doch nie über dich ­geschrieben worden.
Nein, aber es gab da einen Präzedenzfall, bei dem ein Medium das »Hinterland«-Album verrissen hat – was prinzipiell vollkommen okay ist. Aber einerseits war das sehr respektlos geschrieben, andererseits haben die mir daraufhin eine Mail geschickt und meinten: »Sorry für den Text, aber so klickt’s halt besser – Zwinker-Smiley. Eine Titelgeschichte würden wir trotzdem gerne machen.« Und ich nur so: »Ist das euer scheiß Ernst?«

Stehst du der Album-Promo von ­Künstlern ebenso kritisch gegenüber?
Mir ist das alles ein bisschen viel Wrestling geworden. Das Brimborium beim Erscheinen einer Deutschrap-Platte erinnert mich heute sehr an QVC. Aber jeder muss natürlich selbst wissen, wie er sein Album anteast.

Nun bist du aber auch jemand, der im Zuge eines neuen Albums stets ordentlich Promo-Welle macht: Mit aufwändigen #CatchCasper-Kampag­nen schickst du Fans seit »XOXO« auf Schnitzeljagd für Geheimkonzerte. Und den ursprünglichen Release von »Lang lebe der Tod« hattest du opulent bei deinem ausufernden Auftritt auf dem letztjährigen Kosmonaut-Festival angekündigt.
Ja, Riesen-Bimbam, Knalleffekt auf der Bühne, zigtausend Shirts gedruckt, Video rausgehauen – und dann alles schön verpuffen lassen. Das musst du dir auch erst mal leisten können.

Casper verzieht seine Mundwinkel zu einem schiefen Grinsen. Sein Lachen klingt unnatürlich heiser – selbst für ihn. Und seine Augen verraten, dass der Grund, warum er die Veröffentlichung von »Lang lebe der Tod« um ein ganzes Jahr verschoben hat, nicht allein im Künstlerischen lag. Rewind.

Chemnitz 2016, 25. Juni. Bei seinem Headliner-Slot auf dem Kosmonaut-Festival sorgt Casper mit der Albumankündigung von »Lang lebe der Tod« für den Gänsehaut­moment schlechthin: Abriss pur, frenetischer Jubel, Fans liegen sich freudentränend in den Armen. Es ist, wie von Casper beschrieben – alles passt: Der Ort, die Zeit, die Präsentation. So perfekt. Zumindest oberflächlich. Aber wie du wächst, so brennst du auch. Und Casper brannte. Brannte aus. Ascheregen.

1 KOMMENTAR

  1. Was sollen denn diese Romankurzgeschichten zwischendurch? finde ich richtig unpassend. ich will einfach nur das inetrview lesen man

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