Cam’ron: »Lass mich dir eines sagen: Ich war der Erste« // Feature

Oh Boy! Vor genau 15 Jahren erschien »Diplomatic Immunity«, der Startschuss der Dipset-Ära. Aus diesem Grund veröffentlichen wir unsere Titelgeschichte über Cam’ron​ und die Diplomats aus dem Jahr 2004 erstmals online.

Seine Autos sind pink, seine Ohrringe Ice, seine Alben Platin und sein Gras Purple. Er revolutio-niert Rapstyles, das Mixtape-Business, verdient sein Geld mit Friseursalons und Spirituosen. Er ist nicht Gangster, nicht Rapper, nicht Hustler. Er ist ein Player. Ein Major Player. Er ist Cam’ron.

Harlem, der nordliche Teil der Halbinsel Manhattan, ist ein Paradoxon und das schon immer gewesen. Ab 1870 wurde dieser Teil New Yorks besiedelt, natürlich von Weißen, die sich dort die archetypischen Brownstone Houses bauten, die auch heute noch das Stadtbild New Yorks prägen. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts aber hatten sich die Spekulanten übernommen. Trotz der unglaublichen Nähe zum Central Park, zu den Häusern der Superreichen an Upper West und Upper East Side brach der lmmobilienmarkt zusammen und die billigen, schwarzen Arbeitskräfte aus dem Süden der USA zogen in Scharen in das ehemalige Reichenviertel. Schnell entstand das erste große innerstädtische Ghetto New Yorks. Später zogen Latinos zu, machten sich einen Teil der Gegend als Spanish Harlem zu eigen und schufen neue Probleme, keine Lösungen. 1976 wird Cameron Giles in dieses Loch hineingeboren, in seine Ausweglosigkeit, seine Schicksalhaftigkeit. Der Weg, den er bis zum Ende der High School geht, ist gesäumt von den drei Säulen des jungen schwarzen amerikanischen Eskapismus: Musik, Sport, Verbrechen. Seit dieser Zeit hat sich Harlem verändert: Ein Haus, dass in den achtziger Jahren noch für 38.000 Dollar verschleudert wurde, findet sich heute für 695.000 Dollar wieder auf dem Markt; seit ein paar Jahren hat Bill Clinton ein Büro an der 125. Straße. Es sind wieder weiße Spekulanten, die die besten Häuser aufkaufen, aufwendig renovieren und weiterverhökern, natürlich an eine hauptsächlich weine Klientel. Seit dieser Zeit hat sich auch Cam’ron verändert. Seine Street Tales sind nur noch Erinnerungen an eine Zeit ohne Privatjets und Boardroom Meetings. Harlem und Cam’ron, das sind zwei Erzählstränge derselben Geschichte.

Wenn man über die frühen Jahre von Cameron Giles spricht, dann spricht man über einen Sportler. Der junge Cam’ron glänzt nicht mit schulischen Leistungen, sondern auf dem Basketball Court. Ein großartiger Point Guard hätte aus ihm werden können, in der High School überzeugt er die Scouts der Colleges und wird trotz seines eher durchschnittlichen Abschlusses abgeworben. Ziel ist das renommierte Navarro College in Texas. Vielleicht hätte ihn sein Talent irgendwann in die NBA geführt, wäre er nicht irgendwann über seine Ghetto-Wurzeln gestolpert. Man findet Waffen und Drogen in seinem Zimmer, so stellen sich seine Trainer einen Leistungssportler nicht vor. Cameron wird vom Campus verstoßen, Mitte der Neunziger ist er wieder in Harlem. Der A-Plan ist also gescheitert, der B-Plan hingegen schon seit seinem 16. Lebensjahr auf einem guten Weg. Da nämlich gründet Cam’ron mit ein paar Jungs aus dem Viertel die Rapcrew Children of the Corn». Lamont Coleman und Mason Betha heißen seine Mitstreiter, die bürgerlichen Namen werden jedoch bald abgelegt und durch Pseudonyme ersetzt. Big L, Murder Mase und Killa Cam – jeder von ihnen gilt auch heute noch als einer der besten Rapper, die New York jemals hervorgebracht hat. Das gemeinsame Album erblickt leider nie das Licht der Welt, aber immer wieder tauchen in den notorischen Zirkeln einzelne Fragmente auf, die das schon damals unglaubliche Talent der Teenager-Supergroup untermauern.

Die Wege der Kindheitsfreunde aber trennen sich recht bald: Big L gründet sein eigenes Flamboyant Label, wird mit dem Album »Lifestylez Ov Da Poor & Dangerous« stadtweit und mit der Single »Ebonics« weltweit bekannt, bevor er sich 1998 einer weiteren Supergroup, D.I.T.C., anschließt. Das Leben des wahrscheinlich versiertesten Lyricists, den Harlem je gesehen hat, findet am 15. Februar 1999 ein tragisches Ende, als er nur wenige Blocks von dem Haus, in dem er lebt, erschossen wird. Der andere von Cam’rons damaligen Mitstreitern schlägt dagegen einen völlig anderen Weg ein. Nach dem Ende der »Children of the Corn« unternimmt Mase eine Reise nach Atlanta, um dort beim erfolgreichen Plattenproduzenten Jermaine Dupri vorstellig zu werden. Wie es der Zufall so will, trifft er an Dupris Stelle auf Puff Daddy, der den Jungen mit dem einzigartig relaxten Flow sofort unter seine Fittiche nimmt. Puffy ist zu dieser Zeit noch ein ganz heißes Eisen und es gelingt ihm, mittels eines Starfeuerwerks von Busta über DMX bis hin zu den Neptunes (!) Ma$e‘ erstes Album »Harlem World« auf Wolke Vier im Platin-Himmel zu katapultieren. Aus Murder Mase wird Ma$e, der junge Prinz von Harlem. Einen Sommer lang rollte er mit Bad Boy, den strahlenden Königen der Stadt. Jams wie »Feels So God« oder »Mo‘ Money, Mo‘ Problems« werden ihren Schatten bis an den südlichsten Zipfel Brooklyns und von dort aus auf die ganze Welt. Im Sommer 1998 ist er ein vorerst letztes Mal gemeinsam mit Cam’ron auf einem Track zu hören, »Horse & Carriage«, das ebenfalls ein massiver Hit wird. Noch vor der Veröffentlichung seiner zweiten LP »Double Up« aber fühlt Ma$e sich aufgrund einer extrem obskuren Vision dazu berufen, die Rapkarriere zugunsten des Priesteramts aufzugeben, und zieht sich als Pastor Mason Betha ins angeblich geistige Leben zurück. Erst nach fünfjähriger Abstinenz kündigt sich 2004 eine Rückkehr als Rap-Artist an. Dass Cam’ron die verschlungenen Lebenspfade des ehemaligen Kindheitsfreunds nicht mehr zu schätzen weiß, lässt sich an den zahlreichen verbalen Giftpfeilen der letzten Monate leicht erkennen. Cam’rons altes Harlem ist tot, es lebe das neue Harlem.

D.I.T.C. sind eine Seite der New Yorker Rapszene in den Neunziger Jahren: rough, hart, glaubwürdig. Puffy repräsentiert eine völlig andere: Mit Hits beladen, in Anzüge gekleidet, die schnelle Straße zum Welterfolg herunterrasend. Es gibt zu dieser Zeit nur einen Mann, der sowohl Erfolg und Lifestyle als auch Skills bis zum Ohrenbluten unter seinem Hut vereint: Biggie Smalls rulet die Stadt von Staten Island bis zur Bronx. Ma$e macht Cam’ron mit B.I.G. bekannt und der große Mann hinterlässt selbstverständlich Eindruck. »Wenn du zu dieser Zeit von Biggie persönlich gesagt bekamst, du seist dope und deine Raps seien crazy, dann dachtest du nicht mehr an Basketball und nicht mehr an den Hustle auf der Straße. Dann dachtest du nur noch an Rap«, erinnert sich Cam an diese Begegnung. Noch bevor er von seinem neuen Mentor profitieren konnte, lag dieser allerdings schon wieder unter der Erde. New York hatte seinen König und damit seine Leitfigur verloren – aber im Lager des Notorious B.I.G. erinnerte man sich noch an Harlem’s Finest. Lance »Un« Rivera nahm den jungen Cam bei seinem Label Untertainment unter Vertrag, ein auf-strebender Karrierist mit Namen Damon Dash kümmerte sich um das Management.

Lance Rivera bleibt bis heute eine extrem undurchschaubare Figur, neben den Verbindungen zu Biggie und Cam’ron sind als künstlerische Hinterlassenchaft vor allen Dingen zweit- bis drittklassiges Material von Junior M.A.F.I.A. und Charli Baltimore sowie eine Messerstecherei mit Jay-Z in Erinnerung geblieben. Das aus der Zusammenarbeit resultierende erste Solo-Album, »Confessions Of Fire«, schaffte allerdings relativ überraschend den Sprung in die Top 10 der Billboard Charts und wurde sogar mit Gold veredelt. Dabei war es wohl allein »Horse & Carriage«, das die ansonsten eher mittelmäßige Platte nach oben zog. Zur Verteidigung Cam’rons gilt allerdings anzufügen, dass die Platte zu einer Zeit entstand, da man Rap im Allgemeinen und New Yorker Rap im ganz Besonderen keine besondere Innovationskraft zubilligen konnte. Der Underground formierte sich erst wieder, im Mainstream wusste niemand so recht, wohin. Auch »Confessions of Fire« pendelte unentschlossen zwischen zwei Polen, die damals noch wirklich welche waren: Es war weder ein großer Crossover-Wurf noch ein boomendes Hardcore-Album. Besagtes »Horse & Carriage« jedoch stellte Cams Fähigkeiten aufs Feinste zur Schau – und macht auch im 2004er Remix, der Anfang des Jahres auf diversen Mixtapes seine Runden drehte, immer noch eine verdammt gute Figur.

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