Battle Of The Ear: Kool Savas – KKS // Review

Souveräne Titelverteidigung oder fehlende Vision? Sebastian Berlich hat »KKS« für uns aus zwei recht unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet.

(Essah Entertainment/Sony Music)

PRO

Wertung: Fünf Kronen
Kool Savas hat beharrlich auf »KKS« hingearbeitet, ohne dass es jemand wirklich mitbekommen hat. Sowohl das Mixtape »Essahdamus« als auch die Sido-­Kollabo »Royal Bunker« waren geprägt von Appetit auf die Szene, zurückgelehntem Elder-Statesmen-Gebaren und milder Nostalgie gleichermaßen. Abgesichert hatte den Status zuvor »Märtyrer«, und wer heute noch Beweise dafür sucht, dass Savas »diese Mucke« ist, dem sollte ein Blick auf den Videoclip zu »Deine Mutter« genügen. In dem kommen einander nicht unbedingt grüne Rapper indirekt auf einen gemein­samen Nenner: den Respekt vor dem King. Diese Sicherheit kann lähmen, bei Savas hat sie für eine neue Souveränität gesorgt, die dem ­aggressiven Vorgänger ebenso abging wie dem Epos »Aura«. Bemerkbar macht sich der aktuelle Modus schon im Opener »KDR«, dessen Klavierballaden-Setting ein Savas auf Autotune kurzerhand in Richtung Battlerap dreht, »808s & Heartbreak«-Referenz inklusive. Locker wirken auch die angenehm pathosfreien Hooks von Nessi und Karen Firlej (auf »Ende der Vernunft«), das Zusammenspiel zwischen Savas und seinen Gästen in der eng verzahnten ersten Hälfte des überlangen »Universum/Hawkings« oder das als lässige Skizze vollkommen schlüssige »Gatekeeper«. Gemeinsam mit der thematischen Öffnung in Richtung Familienleben geht das auf, weil das Fundament mit Trademarksound und raffinierten Querbezügen stabil steht. Dem Gag »KDR« verleiht der Titeltrack, in dessen zweiter Strophe Savas den Geldfetisch der Szene beiläufig ausstellt, Nachdruck, das rührselige »S auf der Brust« findet seinen wütenden Spiegel in »Batman«. Damit treibt Savas ein Prinzip auf die Spitze, das all seine Soloalben seit »Der beste Tag meines Lebens« trägt: Zeitlos eine Lebensphase abbilden, ohne sich dabei zum Sklaven einer stringenten Geschichte zu machen. Es ist eben dieses beständige Wandeln zwischen eingängiger Hook und schrägem Einfall, zwischen Realkeepen und Pathos, das Savas so nachhaltig seinen Status als Rap-Superstar ermöglicht hat. »KKS« ist eine Titelverteidigung, so selbstverständlich, dass sie nicht mal mehr ausbuchstabiert werden muss.

Text: Sebastian Berlich

Contra

Wertung: Drei Kronen

Es ist aber auch eben dieses hier auf die Spitze getriebene Wandeln, das bereits nach fast allem, was Savas zuletzt abgeliefert hat, einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt. Nur folgerichtig also, dass »KKS« auch als Perfektion all der nervigen Entwicklungen durchgehen kann, die sich in den letzten Jahren angehäuft haben. Man muss kein hängengebliebener »Battlekings«-Ultra oder dem Schaffen des Rappers gänzlich abgeneigt sein, um die austauschbaren Hooks, schalen Provokationen oder Manierismen im Vortrag zunehmend öde zu finden. Besonders deutlich treten diese Makel nun hervor, weil dem aktuellen Material eine Vision abgeht. Manche Tracks trifft es in dieser Hinsicht besonders hart: Die Hook in »Batman« lebt von einem elf Jahre alten Gag, den Superheldenvergleich haben andere nicht nur früher, sondern auch inspirierter umgesetzt, zudem wirken die Lines schlaff, unkoordiniert. Grob ist das Feindbild der Platte zwar konturiert, irgendwie geht es gegen die hedonistische ­Generation Soundcloud-Rap, doch fehlen Savas nicht nur die kreativen Schellen, sondern vor allem der passende Gegenentwurf. Was der Opener noch karikiert, bedienen später Refrains, die zwischen Belanglosigkeit (Nessi, Jamule) und Kitsch schwanken. Wer sich mit Nico Santos Neo-Schlager und mit Vincent Stein den bis zur Unkenntlichkeit aufgeweichten Crossover SDPs ins Studio holt, steht nicht nur unter Pop-Verdacht, sondern erweckt den Eindruck, zwei bis drei Entwicklungen im Hook-Game verpasst zu haben. Auf der anderen Seite steht der Technikfetisch, der spätestens in der zweiten Hälfte von »Universum/Hawkings« vollkommen hohldreht, sich mit referenzloser Selbststilisierung und abgetakeltem Sexismus begnügt. All das wäre für sich genommen schon fad, gemeinsam mit dem permanenten Sticheln gegen die Gegenwart fragt man sich jedoch, was genau Savas eigentlich real halten will? Zuletzt konnte man all das noch auf Kollabo-Kompromisse oder Mixtape-Experimente schieben, doch »KKS« lässt gerade mit gelungenen Tracks wie »Essah ist zurück« als Kontrast keinen Zweifel daran, dass sich hier jemand unbemerkt festgefahren hat.

Text: Sebastian Berlich

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