B.o.B. [Interview]

B.o.B - Main Pub 3 - Photo Credit - Hannibal Matthews

 

Trotz Mainstream-Pop a la »Airplanes« in der Vergangenheit, kann B.o.B. wohl ohne jeden Zweifel zu den waschechten Vollblutmusikern der Rapszene gezählt werden. Von Kindesbeinen an überaus musikalisch, lernte Bobby Ray Simmons schon früh, verschiedene Instrumente zu spielen. Anstatt sich langfristig der Trompete zu verschreiben, verlor er sein Herz allerdings an Rap und fing an, auf dem elterlichen Keyboard erste Beats zu produzieren. Knapp zehn Jahre später ist mit »Underground Luxury« sein drittes Studioalbum über Grand Hustle auf dem Markt und neben amtlichen Clubsongs gibt es auch die ein oder andere Reise tief in Bobbys Vergangenheit. Kaugummi-Pop und klassische Instrumente, Untergrund und Luxus, Dancefloor-Bretter und aufgearbeitete Kindheitstraumata – Zeit, sich mit dem Mann unterhalten, der trotz aller Widersprüche so tief in sich ruht.
 
Du hast in einem anderen Interview gesagt, dass du aus eher ärmlichen Verhältnissen kommst. Magst du uns einen Einblick in deine Jugend geben?
Ja, ich hatte eine sehr … interessante Kindheit. Ich habe in gar keinem richtigen Haus gelebt, es gab keine Heizung oder einen Teppich. Damals hatten wir auch keine Treppe, ich musste über eine Leiter nach oben in den ersten Stock klettern. Wenn man ein Bad nehmen wollte, musste man vorher zunächst mal Wasser aufwärmen. Also haben wir das Wasser mit der Mikrowelle warm gemacht und dann in einem Eimer nach oben getragen. Das hat dann so ungefähr eine Stunde gedauert und war, wie man sich vorstellen kann, natürlich unglaublich mühselig. So ungefähr lebten wir, bis ich 17 Jahre alt war. Natürlich hatten wir irgendwann temporären Strom, aber die meiste Zeit verlief meine Kindheit so.
 

 
War das ein Grund dafür, dass du schon so früh mit der Musik angefangen hast und Erfolg haben wolltest?
Auf jeden Fall. Diese ganze Situation war sehr motivierend für mich. Du kannst es nicht verhindern, dass bestimmte Umstände einen großen Einfluss auf dich ausüben. Ich hatte den Traum, etwas Großes aus mir zu machen, am liebsten im künstlerischen Bereich. Aber auch wenn ich als Wissenschaftler oder Koch erfolgreich geworden wäre, wäre Musik für immer und ewig meine große Leidenschaft geblieben. Das Klügste was mein Vater je gemacht hat, war mich schon in meiner Kindheit für Musik zu begeistern. Deswegen ist mir Musik auch in Fleisch und Blut übergegangen. Meine Schwester hat Klavier gespielt, mein Bruder Saxophon und ich Trompete. Jeder von uns hat Instrumente gespielt und deswegen war es eine ganz natürliche Sache für mich, an einem späteren Punkt meines Lebens damit anzufangen, Gitarre oder Klavier zu spielen.
 
War es hart für deinen Vater, als er realisiert hat, dass du kein klassischer Musiker, sondern eben ein Rapper werden willst?
Am Anfang war er neugierig, aber auch ein bisschen besorgt, aber wenig später haben meine Eltern zum Glück begriffen, wie viel Leidenschaft ich in Musik gesteckt habe und mir sogar mein erstes Keyboard gekauft. Darauf habe ich dann auch einen Beat gemacht, den ich verkauft habe. An einen Künstler, der damals in unserer Gegend ausgesprochen populär war. Den ersten Beat, den ich in meinem Leben verkauft habe, habe ich auf diesem Keyboard produziert. Damals war ich gerade erst 15 Jahre alt.
 

 
Gibt es irgendeinen Musiker oder eine Musikgruppe, die du auf rein musikalischer Ebene wirklich verehrst?
Ich mag Coldplay. Die Musik, die die produzieren, ist fantastisch. Ich höre die nicht die ganze Zeit, aber sie sind meine Lieblingsband. Ich habe an einem sehr schwierigen Punkt in meinem Leben Coldplay gehört und jetzt erinnern sie mich an … Also, jedes Mal wenn ich Coldplay höre, erinnern sie mich an meine Vergangenheit und die Dinge, die ich durchgemacht habe. Kennst du das, wenn Musik dich an bestimmte Abschnitte deines Lebens erinnert? Musik oder Kunst im Allgemeinen bringt in dir bestimmte Emotionen hervor, die du gar nicht richtig beschreiben kannst.
 
Glaubst du, dass du als Rapper das für andere Leute tust, was Coldplay für dich getan hat?
Absolut. A$AP Rocky hat mir zum Beispiel mal gesagt, dass mein Song »I’ll Be In The Sky« ihm an einem sehr schwierigen Punkt in seinem Leben geholfen hat. So etwas zeigt mir, wie real Musik ist, wie wir alle eine Einheit sind. Es ist egal, ob wir berühmt sind oder nicht oder reich oder arm, Musik ist Musik.
 

 
War es dir wichtig, auf deinem aktuellen Album mehr in die Tiefe zu gehen und Dinge aus deiner Vergangenheit zu erzählen? In der Vergangenheit wurdest du für deine poppigeren Sachen ja eher kritisiert.
Meiner Meinung nach erfüllt Musik immer einen Zweck, jeder einzelne Song. Es gibt Musik, die hörst du im Auto. Andere Songs willst du vielleicht lieber hören, wenn du in einem Club bist, und wiederum gibt es auch Musik, die du hörst um dich inspirieren zu lassen. Ich glaube, ich schreibe einfach gute Songs. Mittlerweile habe ich einen entscheidenden Vorteil auf meiner Seite: Wenn es anfängt dir egal zu sein, was andere Leute denken, ist es dir egal, ob zehn oder eine Million Leute dich kritisieren. Weil es für dich nicht mehr wichtig ist. Ich ignoriere Kritik nicht, sie hat nur keinen negativen Einfluss mehr auf mich. Ich glaube, jeder bemüht sich, nicht darüber nachzudenken was andere von ihm halten und einfach nur er selbst zu sein und ich glaube, dass du als Künstler genau diesen Punkt erreichen und du selbst sein musst. Manche Menschen kommen nicht an diesen Punkt, bevor sie richtig berühmt werden und ich denke, dass das für die eine sehr schwierige Situation ist. Ich war bei so was aber schon immer anders, deswegen kann ich gar nicht anders als mich nicht darum zu kümmern, was andere sagen. Ich war mein gesamtes Leben eine … na ja, einzigartige Seele.
 
Du hast angekündigt, an einer Rock-EP zu arbeiten. Könntest du dir vorstellen, anschließend auch mit Live-Band aufzutreten?
Ich habe so was tatsächlich schon sehr viel auf meinem ersten Album gemacht, »The Adventures Of Bobby Ray«. Ich hatte für meine beiden ersten Alben eine Band. Die haben jetzt nicht unbedingt das gemacht, was man als Rockmusik bezeichnen würde, aber wir hatten alle Instrumente und wir haben alle Musik gespielt. Bei »Underground Luxury« war meine Band nicht dabei, weil ich ein urbaneres Album mit mehr Clubsongs machen wollte. Meine Rock-EP wird aber meine Interpretation von Rockmusik. Eine Sache, die ich schon eine ganze Zeit lang studiere. Warum ich eigentlich nicht von »studieren« sprechen möchte: Das ist kein Projekt, das ich einfach machen kann. Es muss echt sein. Deswegen dauert das gerade auch so lange, weil manche Songs erst entstehen können, nachdem man bestimmte Erfahrungen gemacht hat. Ich mache Musik nicht nur im Studio, ich mache sie, wenn ich mit Leuten spreche oder wenn ich andere Leute beobachte. Ich nehme das im Studio dann einfach nur noch auf.
 
Wenn du also einen Rocksong schreiben möchtest, setzt du dich in eine verrauchte Bar?
Ich glaube, das werde ich machen. Entweder in eine verrauchte Bar oder in einen Stripclub. Oder auch ins Orchester oder ich starre stundenlang ein Kunstwerk an. Oder ich setze mich einfach hin und meditiere. Alles davon würde funktionieren.
 
Bist du ein spiritueller Mensch?
Das Leben an sich ist ja eine spirituelle Erfahrung. Wir sind einfach nur Seelen in einem menschlichen Körper, deswegen kann ich eigentlich gar nichts dagegen tun, spirituell zu sein. Ich glaube, ich bin eine ausgeglichene Person. Jeder, der sich den ganzen Tag über mit seinem Kopf in anderen Sphären befindet oder den ganzen Tag nicht mit seiner Seele im Einklang ist, lebt nicht gesund. Man muss eine Balance schaffen.
 

 
Fehlt vielen in der Hip Hop-Szene diese Balance?
Ich glaube schon, aber manchmal müssen Leute erst bestimmte Dinge erfahren und es hilft nichts, wenn man ihnen einfach nur Ratschläge gibt. Dann würde ja nichts passieren. Wenn jeder sagen würde »Oh, jetzt habe ich es verstanden!«, wäre das Leben einfach nur ein riesiger, langweiliger Ort.
 
Text: Lisa Ludwig
Foto: Hannibal Matthews
 
Dieser Artikel ist erschienen in JUICE #157 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
 

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