Autorencharts 2015: Jakob Paur (Redakteur)

Stormzy

Regel Nummer eins für jeden Musikschreiberling: Meinung geht auch ohne »ich«. Der Irrglaube, man müsse die Formulierung »meiner Meinung nach« in Rezensionen verwenden oder über mehrere Absätze konsequent in erster Person Singular schwadronieren, versaut Nachwuchsautoren allzu gern ihre Texte. Aber lassen wir das theoretische Geplänkel an dieser Stelle mal außen vor. Wir sind hier schließlich bei der letzten Ausgabe der JUICE-Autorencharts. Und ich (ja, ich!) habe über die letzten anderthalb Wochen meine wohlverdienten Weihnachtsferien geopfert, um diese schöne Reihe nach und nach online zu stellen. Nach zwölfmaliger Vortrittlassung ist die Zeit also reif für ein bisschen »ich, ich, ich« meinerseits. Bevor’s losgeht, noch geschwind ein Zitat von Tarek K.I.Z., anzuwenden auf alle folgenden zehn Punkte: »Wenn du’s magst, dann bist du cool. Wenn du’s nich magst, bist du ein Bastard«. Let’s get it!

10. Flako – Kuku (Track)
flako_natureboy-2

Komischerweise klingt elektronische Musik in meinen Ohren meist besonders gut, wenn man ihr Leben, Wärme, etwas Menschliches anhört. Gemessen an diesem Kriterium macht Flakos Debütalbum »Natureboy« alles richtig. Der Londoner Beatschmied mit chilenisch-deutschen Wurzeln eröffnet seinem Hörer ein dermaßen breites Klangspektrum, das jegliche Genre-Einordnung überflüssig macht. Das passiert jedoch nicht, ohne klarzustellen, dass das hier keine von irgendeinem Erdkundelehrer geleitete Klangexpedition durch Ableton ist. Mit besonderem Nachdruck verdeutlicht das der Nackenklatscher »Kuku«.


9. Future Brown feat. Sicko Mobb – Big Homie (Track)
future_brown

»Future Brown? Who dat?!«, werden sich die meisten jetzt fragen. Ich wäre mit ziemlicher Sicherheit ähnlich ahnunglos, hätte mich der Homie Wenzel nicht explizit auf das Album des Quartetts hingewiesen (s/o an dich). Nüchtern betrachtet wirkt das Projekt sehr highbrow und ein bisschen aufgesetzt artsy, um hier nicht dje Adjektiv-Wortschöpfung »hipsterig« bemühen zu müssen. Aber die Herangehensweise, mit vielen lokalen Größen aus unterschiedlichsten Szenen rund um den Globus eine Bassmusik-Bestandsaufnahme anno 2015 umzusetzen, geht auf und sorgt für einige absolute Lichtblicke. Einer davon gelingt dem Sicko Mobb aus Chiraq mit »Big Homie«. Der absurde Mix aus Autotune-Singsang und treibenden Steel Drums gepaart mit brummenden Roland-Basslines ist und bleibt ein Ohrwurm, der mir bis zum Jahresende nicht aus dem Kopf gehen wollte. Und das, obwohl ich Steel Drums normalerweise zum Kotzen finde.


8. Bossman Birdie feat. Meridian Dan & Skepta – Wristbands (Track)
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Okay, vorneweg: Man hätte hier natürlich einen x-beliebigen der vielen dopen Solotracks von Skepta anführen können – sein diesjähriges Schaffen hielt Musikblogger rund um den Globus in Atem, ohne dass das lang erwartete Album »Konnichiwa« tatsächlich erschien. Der crew love wegen fällt meine Wahl allerdings auf den Tune mit seinen Langzeit-Wegbegleitern Meridian Dan (of »German Whip« fame) und Bossman Birdie. Letzterer ist zwar kein besonders guter Rapper, hat aber eh die Arschkarte gezogen, da er einen Top-5-UK-MC aller Zeiten zum engen Freundeskreis zählen darf. Besonders gefällt mir der Track allerdings auch, weil Meridian Dan den weiten Weg aus Tottenham nach Brixton Hill auf sich nimmt (bei dichtem Verkehr dauert diese Fahrt gerne mal zwei Stunden), um in einem der vielen (Ex-)Sozialbauten sein »Sexy Ting« zu besuchen. Ich habe selbst anderthalb Jahre in Brixton Hill gelebt, bevor ich nach Berlin zog, um für JUICE zu arbeiten. Allerdings nicht in einer Sozialwohnung und auch ohne Armbandträger Daniel vom Meridian Walk begegnet zu sein. Sei’s drum, Skepta bilanziert die diesjährige BBK-Game-Übernahme hier mit einer simplen Zeile: »We’re not called Boy Better Know no more/We’re called Everybody Better Know Worldwide«. Word the fuck up.

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