Ahzumjot: »Ich dachte, ich sei ein gemachter Mann.«

Ahzumjot_credit_Amin Oussar

Vorschusslorbeeren sind so eine Sache. Weißt du dem Druck standzuhalten und zu überzeugen, will nachher jeder gewusst haben, dass du ein Star bist. Doch läuft die Sache nicht nach Plan, lässt man dich schneller fallen, als Internetkids ihre Youtube-Kommentare in die Tastatur kloppen können. Kurzum: Es ist nicht leicht, Künstler zu sein.

Gerade dann nicht, wenn man wie der Wahlberliner Ahzumjot als einer der heißesten Newcomer des hiesigen Rapspiels gehandelt wurde. Nach seinem selbst vertriebenen Untergrunddebüt »Monty« (2011) folgte der Hype – und damit einhergehend das Signing beim Majorlabel Universal. Hieß seine 2012er-Tour noch augenzwinkernd »Keine Sorge Mama«, so musste sich diese nun tatsächlich keine Gedanken mehr um ihren Sohnemann machen. Der monetäre Vorschuss und die mediale Aufmerksamkeit waren sicher, Ahzumjot musste nur noch abliefern. Und das tat er. Nur eben nicht so, wie man es sich erhofft hatte. Keine Eins in den Charts, nicht einmal die heute scheinbar so locker zu knackenden Top Ten waren seinem Majordebüt »Nix mehr egal« vergönnt. Die Absatzzahlen waren solide, aber im Vergleich zum Ziel schwach, die Tour nur mäßig besucht. Am Ende musste Ahzumjot einsehen, dass dieses erträumte Stardasein wohl doch noch etwas Zeit in Anspruch nehmen würde.

 
Im Sommer des Jahres 2015 weiß er nun: Das ist schon ganz okay so. Denn der Weg ist bekanntlich das Ziel, und eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Und deswegen geht Ahzumjot mit seiner neuen EP »Minus« nun einen Schritt zurück, um erneut Anlauf zu nehmen. Denn auch wenn man mal fällt, man muss einfach nur wieder aufstehen.

Hinter dir liegen turbulente Monate, dennoch machst du einen recht entspannten Eindruck. Wie kommt’s?
Als »Monty« damals rauskam und zweihundert Mal mehr Wellen geschlagen hat, als ich gedacht habe – was ja auch irgendwie logisch war, weil es so gesehen überhaupt keine wirkliche Erwartungshaltung gab –, war das natürlich krass. Damit einhergehend gab es dann aber eine gesteigerte Erwartungshaltung an das Majordebüt – und zwar die, dass es durch die Decke gehen wird. Aber das ist nicht passiert. Da habe ich gesehen, dass es überhaupt nichts bringt, Panik zu schieben und sich Stress zu machen. Und das habe ich bei »Nix mehr egal« definitiv getan. Ich hatte sogar manchmal weniger Spaß bei der Produktion dieses Albums als noch bei »Monty« – und das, obwohl ich mir ja durch den Majordeal weniger Sorgen machen musste – aber gebracht hat es nicht das, was dabei hätte rumkommen sollen. Ich bin ganz ehrlich: Ich dachte, dass ich nach der Veröffentlichung dieses Albums ein Star bin. Aber der wurde ich nicht. Und ich will Musik machen, weil es mir Spaß macht. Da gehört Stress einfach nicht hin.

»Ich kam halt regelmäßig aus dem Studio und dachte, ich hätte an der krassesten Platte der nächsten zehn Jahre gearbeitet.«

Hast du durch die gefestigten Major-Strukturen auch ein wenig den Hunger verloren?
Ja, definitiv. Ich hatte durch den Vorschuss eine gute Summe auf dem Konto; Zahlen, die ich zuvor nie gesehen hatte. Und dadurch habe ich gedacht, ich sei ein gemachter Mann.

Ab welchem Punkt war dir klar, dass es nicht so ist?
Als das Video zu »Es ist gut wie es ist« rauskam, das meiner Meinung nach das krasseste Video ist, das es von mir bis dato gab, und das nicht »Easy«-mäßig binnen einer Stunde die Millionen Klicks geknackt hat, da wurde mir schnell bewusst, dass ich doch noch kein Star bin. (lacht) Es ist alles nicht so gelaufen wie geplant. Es sollte noch nicht sein. Und ganz ehrlich: Wenn ich durch das Album doch ein Star geworden wäre, wäre ich sicherlich ein komplettes Arschloch geworden.

 
Wie kommst du zu diesem Schluss?
Ich habe in manchen Phasen gemerkt, wie ich mich verändert und eine gewisse und grundlose Arroganz aufgebaut habe. Das hat man nach außen hin bestimmt nicht registriert, wahrscheinlich nicht einmal in meinem engsten Freundeskreis. Aber ich kam halt regelmäßig aus dem Studio und dachte, ich hätte an der krassesten Platte der nächsten zehn Jahre gearbeitet und wäre jetzt der Mittelpunkt aller Gesprächsthemen. Dadurch habe ich manche Unterhaltungen belächelt und Probleme anderer als unwichtiger empfunden als meine eigenen – obwohl das oft Themen waren, die mich selbst noch ein Jahr zuvor beschäftigt haben. Dabei habe ich jetzt natürlich nicht einen auf Big Pimpin gemacht, aber innerlich drehte sich schon alles um mich. Und das war kein gutes Gefühl. Insofern bin ich sehr froh, dass ich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wurde.

Nachdem »Nix mehr egal« erschienen war und die Erwartungen nicht erfüllen konnte, hast du deine Strukturen komplett geändert: Du hast dich von deinem damaligen Management getrennt, das musikalische Team verkleinert und auch nicht die Option eines weiteren Releases bei Universal gezogen.
Das passierte aber alles in gegenseitigem Einvernehmen. Ich habe mit Universal gesprochen, und wir haben uns gefragt, ob Ahzumjot ein Majorkünstler ist. Und dabei bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass dem nicht so ist. Noch nicht. Universal hat zwar angeboten, dass man an meinem nächsten Release auch anders würde arbeiten können, aber brauche ich dann ein Majorlabel? Natürlich bietet dir so ein Unternehmen eine große Sicherheit, aber genau das wollte ich nach »Nix mehr egal« nicht mehr. Denn diese Sicherheit hat mir am Ende meinen Hunger genommen.

Und der ist nun wieder da?
Total! Ich will jetzt auch nicht auf den großen Major schimpfen oder behaupten, dass das Nicht-Funktionieren des Albums nur mit äußeren Umständen zu tun gehabt hätte. Ich bin ein Künstler, will Musik machen, mich weiterentwickeln und neue Wege gehen. Diese Wege funktionieren manchmal, und manchmal auch nicht. In meinem Falle habe ich einfach gemerkt, dass ich diese Unsicherheit und diese DIY-Attitüde brauche, um vollkommen in dem Release aufzugehen. Ich bin mit »Nix mehr egal« unfassbar zufrieden. Das war genau das, was ich machen wollte. Aber für den neuen Release musste ich wieder einen Schritt zurückgehen.

»Wir haben uns gefragt, ob Ahzumjot ein Majorkünstler ist. Und dabei bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass dem nicht so ist. Noch nicht.«

Und dieser Schritt hat dich zu der »Monty«-Zeit zurückgeführt.
Exakt. Denn alles, was bei der EP nun schiefgeht, trifft mich direkt finanziell. Nun steht kein Major hinter mir, ich zahle vom Presswerk über Videos hin zur Promo alles aus eigener Tasche. Man hätte also mutmaßen können, dass ich musikalisch auf Nummer sicher gehe und »Nix mehr egal« oder meinetwegen auch »Monty« kopiere. Aber das ist nicht mein Anspruch an Musik und Kunst. Und ich glaube auch nicht, dass die Leute damals »Monty« und mich gefeiert haben, weil ich der Typ für Hits bin, sondern vielmehr, weil ich ein Typ mit einer gewissen Vision bin und eben nicht nach Schema F Musik mache.

 
Bist du mit »Nix mehr egal« gescheitert?
Nein. Natürlich hat es nicht so funktioniert, wie wir uns das alle erhofft haben. Aber wenn du erwartest, dass dieses Album mein »XOXO« wird, dann kannst du eh sofort deine Sachen packen und aufhören. (lacht) Und ja, es gab den Moment, in dem ich dachte, dass ich gescheitert bin. Aber dann gab es direkt auch den Moment, bei dem mir klar wurde: Hätte mir vor drei Jahren mal jemand erzählt, dass ich mal mit einem Release charten würde, ich hätte ihn ausgelacht. Und ich bin immerhin auf die 32 gegangen. Das ist definitiv kein Scheitern. Es war lediglich der nächste Schritt; der nächste Schritt nach einem Album, das ich allein bei mir zu Hause gemacht, eingetütet und verschickt habe. Eigentlich war es nur gesund, dass es so gelaufen ist.

Ist »Minus« nun ein Neuanfang?
Ja. Es trägt mehr »Monty« als »Nix mehr egal« in sich, und dennoch ist es keine Weiterführung von irgendetwas. Ich bin als Künstler wie auch als Mensch gewachsen und ich denke, das fasst die EP sehr gut zusammen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es das Beste, was ich jemals gemacht habe. ◘

Text: Amadeus Thüner
Foto: Amin Oussar

Dieses Interview ist erschienen in JUICE #170 (hier versandkostenfrei nachbestellen).JUICE-Cover-170-groß