Kings of HipHop: A Tribe Called Quest

Got ‘Til It’s Gone

Während der Aufnahmen zu »The Love Movement« fiel der Großteil von Tips Platten einem Feuer zum Opfer. Fortan hatte er sich in den Kopf gesetzt, nicht mehr auf die Musik anderer Leute angewiesen zu sein, sondern selbst Musik zu machen. »Die Musik in mir brennt nicht, wenn mein Haus brennt«, erklärte er Jahre später den ­Gedanken im JUICE-Interview. Tatsächlich brannte die Musik in ihm lichterloh und entzündete sich fulminant auf seinem Solodebüt »Amplified«, das er unter der Federführung Dillas aufnahm. »Eines der schönsten Abenteuer der HipHop-Geschichte« nannte J Dilla einmal so treffend The Ummah, sein Produktionsteam mit Q-Tip und Ali Shaheed. Und auch wenn die Vergabe der Credits in diesem Zusammenschluss oft keine Priorität hatte, gehören die Produktionen bis heute zur besten Post-Tribe-Musik überhaupt. Tribes musikalische Enkel – Mos, Common und The Roots – standen Tip bei seiner neuen Suche genauso zur Seite wie die großen Damen Janet Jackson und Norah Jones. Q-Tip war endlich frei. So frei, dass es sogar für eklektische Psychedelic Funk-Ausflüge reichte, die dann jedoch (völlig zurecht, könnte man ätzen) jahrelang nicht das Licht der Welt erblickten. (Eh klar, Industrieregel viertausendachtzig!)

Phife Dawg startete das Leben nach dem Tribe mit einem Wortspiel. Mit einem schlechten, muss man leider sagen. Die Single »Bend Ova« sickerte 1999 fast ungehört durchs Netz, ebenso das dazugehörige Album »The Ventilation« – trotz Beats von Pete Rock, Dilla und Hi-Tek. Dabei sprach er – im Gegensatz zum seinem originalen Alias The Abstract alle Ehre machenden Tip – von all den Dingen, für die Genre-Fans zur Jahrtausendwende ihre Dollars rauswarfen – Vergleiche mit NFL-Größen, Songtitel wie »The Club Hoppa« und Rap-Skills an sich. Der Grund, wieso Phife an dem Fortbestand der Band so festhielt, wurde offensichtlich. Ali fand in Raphael Saadiq und En Vogue-Chanteuse Dawn Robinson neue Partner und zauberte als Lucy Pearl schönste Soul-Tanzmusik. Danach setzte er zurückhaltend wie eh und je mit seinem Soloalbum »Shaheedullah and Stereotypes« 2004 die Tribe-Tradition fort, Musik zu machen, die so schön ist, dass man sie gerne mal unterschätzt.

 
Im Präsens sprach man vom Tribe schon lange nicht mehr. Auch als man die Band 2007 bei den »VH1 Hip Hop Honors« auszeichnete und der vermeintlich direkte Tribe-Nachfahre Lupe Fiasco es wagte, an der Einflusshoheit des Stamms auf ­sämtliche Nachfahren mit halbpositiven Inhalten auf Boombap-Sound zu zweifeln. Lupe verkackte auf der Bühne seinen Einsatz beim Tribe-Tribute und rang sich die Erklärung ab, dass sein »Midnight Marauders« eben eher 8Ball & MJGs »Comin’ Out Hard« wäre. Ein ausgeklügelter Marketingplan hätte ein Tribe-Comeback nicht besser einleiten können. Auf seiner Solotour spielte Q-Tip bereits Songs seines in Kürze erscheinenden ersten Soloalbums in neun Jahren, die eine »Renaissance« versprachen – nicht nur die eines Sounds, der an alte Tage erinnerte, sondern eben auch des Gefühls. Ging es noch besser? Im Sommer 2008 spielten A Tribe Called Quest für neun Dates auf der »Rock The Bells«-Tour durch die USA.

Tatsächlich gingen Tribe nur aus einem Grund auf Tour: Phife, dem »funky diabetic«, waren seine Arztrechnungen über den Kopf gewachsen. Die alten Brüder, inklusive Jarobi, erhörten seine Bitte und wagten das Comeback, das schon von Beginn an unter keinem guten Stern stand. Die alten Unstimmigkeiten hatte man nicht aus dem Weg geräumt, zusätzlich musste sich Phife unter der Woche in ärztliche Behandlung begeben, um am Wochenende den Headliner-Slot nach Nas, De La Soul und Mos Def spielen zu können. Auf dem Weg zur Bühne bei der Show in L.A. platzte die Bombe – Phife und Tip gerieten aneinander und die Wunde platzte auf. Im Interview mit »Spin« hatte Tip kurz zuvor gesagt: »I never had a problem with Phife, he has a problem with me.« Und fertigte Phife ab, als wäre er ein Niemand in der Band. Die Reunion war gescheitert, Tribe wieder tot.

Diese Tage erscheint mit »Beats, Rhymes & Life«, eine Dokumentation über A Tribe Called Quest, die der Frage auf den Grund geht, ob Tribe jemals wieder gemeinsam Musik machen. Seit 13 Jahren schulden sie ihrer Plattenfirma noch ein Album. Der Film liefert neben der Historie einer Band auch die Geschichte einer Familie, die sich liebt und die sich hasst, der es dabei aber gelungen ist, eine Magie zu schaffen, die größer ist als sie selbst. Eine Magie, die sie zu echten Kings of HipHop macht. Die Dokumentation endet positiv, und damit steht auch die Geschichte von A Tribe Called Quest zumindest vorläufig vor einem guten Ende. Phifes Frau spendet ihm eine lebensrettende Niere, es kommt zur lange überfälligen Versöhnung von Phife und Tip, gemeinsam spielen sie im August 2010 Gigs in Japan. Eine Szene des Films zeigt die Proben für diese Shows und bringt die Magie von A Tribe Called Quest wunderbar auf den Punkt: Zu »The Chase Pt. II« stimmen Phife und Tip eine Choreografie ein und tanzen dabei mühelos synchron, in lässiger Harmonie, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Haben sie ja eigentlich auch nicht – zumindest nicht in unseren Erinnerungen.

Text: Alex Engelen
Foto: Ernie Paniccioli

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