Kings of HipHop: A Tribe Called Quest

Native Tongues

Natürlich hatten 1990 zur VÖ des Debütalbums die Jungle Brothers bereits das Dickicht gelichtet und De La Soul gute drei Fuß vorgelegt, aber »People’s Instinctive Travels« manifestierte – ganz im besten HipHop-Stil – eine neue Richtung: ­Absorption der Vorteile des Gegebenen, Ablehnung des ­Überflüssigen und Addition des gänzlich Eigenen. So was wie A Tribe Called Quest hatte es noch nicht gegeben. Die »Source« attestierte »a completely original musical and spiritual approach« und feierte Beats, die man sofort liebte, aus Samples, die man noch nie gehört hatte. Auch wenn der »Rolling Stone« die Platte zum »am wenigsten tanzbaren Rap-Album überhaupt« degradierte, als »Pseudo-Jazz« und »nutritiously eclectic adult-contemporary comedy rap« abtat, war das die Basis für den besten Mainstream-Rap aller Zeiten.

Einer breiten Fan-Basis biederte man sich deswegen noch lange nicht an – mit so einem ungelenken Titel und diesem Styling. In Dashikis, bunten Schals und runden Brillen spielte man das Weirdo-Image voll aus, durfte aber wegen der Nähe zur Zulu Nation diese Freiheit genießen. Darüber hinaus war der Native Tongues-Stempel mittlerweile schon ein Selbstläufer, was die Qualität, aber eben auch das Anderssein anging.

Überhaupt, Native Tongues. Die Mutter aller gescheiterten Bewegungen. Ein lose zusammengewürfelter Haufen – gefeiert, einflussreich, irgendwann ausgefranst von den Neumitgliedern und zerfleischt von den Gründervätern. Eines Tages saß Q-Tip daheim bei Afrika Baby Bam und flippte die eine Line von »African Cry« der The New Birth-Platte »Coming Together« immer und immer wieder: »…they took away our native tongue«. Dass die neu gefundene gemeinsame Sprache von De La, Latifah, Monie Love, ATCQ, Jungle Brothers et al. dabei bei weitem nicht nur sozialpolitisches Vokabular lieferte, sondern auch den Applebum bewegen sollte, verstehen viele bis heute nicht. (Auch der größte Native Tongues-Posse­cut – De La Souls »Buddy«-Remix – ­beschäftigte sich mit der primitivsten aller ­Quests: der Suche nach dem willigen Partner im Club. »Meany, meany, meany, meany. Say what?«)

Eigentlich verendeten die Native Tongues bereits 1991, zum Zeitpunkt der VÖ des zweiten Tribe-Albums. Die Gründe waren, man mag es glauben oder nicht, die üblichen Rapper-Wehwehchen Respekt, Loyalität und Geld. Nach ihrem ersten Album erkannten Ali, Phife und Tip, dass ihr Management um Red Alert über 30 Prozent ihrer Einnahmen einstrich. Tribe verdankten Red Alert, dem Onkel ihres Jugendfreundes, ihren Weg ins Business, aber mit der Volljährigkeit und der neuen Vorliebe für Polo und Hilfiger interessierte man sich eben auch mal für die Verträge. Und laut Chris Lighty und Lyor Cohen, zwei Vertretern einer neuen HipHop-Geschäftsmänner-Generation, konnten die weit besser sein. Tribe wollten also ein neues Management und baten Red Alert um die Entlassung aus dem alten Vertrag. Red – schon immer mehr Sympathisant als Geschäftsmann – willigte enttäuscht, dennoch wohlwollend ein. Geschäftspartner Ed Chalpin hingegen nicht, wovon er fast zwei Jahre voller rechtlicher Auseinandersetzung nicht abwich. Am Ende konnte Jive A Tribe Called Quest aus ihrem alten Vertrag freikaufen und Tribe in Chris Lightys neuem Powerhouse Violator in Stellung bringen. Doch jedweder Glauben ans Business war verloren. Vielleicht lag es daran, dass Jive nur unter der Bedingung eines weiteren Albums die Kohle abdrückte.

 
Das Hü und Hott brachte Q-Tip schließlich auf eine der größten Wahrheiten (lies: größten Ausreden) des HipHop-Genres – auf »Check The Rhyme« rappte er: »Industry rule #4080: record company people are shady« und verpackte – so wie es nur der Tribe konnte – große Aussagen in einfache Worte. Der Bruch mit Red Alert führte zum Bruch mit den alten Brüdern. Mike G fühlte sich hintergangen. Der Posse ohne ein Wort den Rücken zu kehren, war für ihn ein Verrat. Von der Breitenwirksamkeit des Tribes hätten die Jungle Brothers eben doch noch gerne profitiert.

Natürlich, immerhin war »The Low End Theory« tatsächlich das weltbewegende Album, zu dem das Debüt erst im Nachhinein gemacht wurde. Auch hier war der Grund simpel: Während Phife auf dem Erstling nur auf vier Songs auftrat, gehörte »The Low End Theory« zur vollen Hälfte ihm. Und wie. »Yo, microphone check one two, what is this? The five foot assassin with the ruffneck business.« So einfach werden Rapper zu Legenden. Endlich gab es für Phife nur noch Tribe und unendlich meißelte sich die Symbiose Tip/Phife in die Rap-Historie. Musikalisch wurde dazu die Bassline zum definierenden Element – auf den Thron gehoben durch die Kollaboration mit Jazz-Größe Ron Carter am Live-Bass. Auch wenn die Inspirationsquellen schrecklich konstruiert klangen, bestand Q-Tip darauf, dass ihn N.W.A.s »Straight Outta Compton« zu »The Low End Theory« inspirierte. (Dr. Dre steckte Tip wohl Jahre später, dass ihm wiederum »The Low End Theory« die Idee für »The Chronic« gab.) Wie dem auch sei, das Mittel des Zitats – der obersten Maxime von HipHop – wurde selten schöner auf den Punkt gebracht als von Q-Tip zu Art Blakey-Sample auf »Excursions«: »Back in the days when I was a teenager/Before I had status and before I had a pager/You could find The Abstract listening to HipHop/My pops used to say, it reminded him of bebop/I said: well, daddy don’t you know that things go in cycles?«

Diese »Cycles«-Argumentation machte Tribe endgültig zum Kritikerliebling, zur besten ­Beweisgrundlage für Kulturverfechter, Ethnic Studies-Professoren, Musiktheoretiker und
Müsli-Rapper, für die HipHop eben doch Hochkultur in einer Zeitleiste mit Blues, Jazz und Rhythm & Blues war. Natürlich waren genau die aber auch die Ersten, die die Nase rümpften, als ihr Posterboy Q-Tip in den Produktions-Credits von Gewalttätern, Misogynisten und Rüpelrappern auf der bösen Seite der Macht auftauchte. Konnte der Chef vom Stamm wirklich »Gangsta Bitch« von Apache produzieren? Und wie er das konnte.

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