Kings of HipHop: A Tribe Called Quest

Can I Kick It?

Zwei Klassenkameraden von der Murry High – Mike G und Afrika Baby Bam – zeigten Ali und Tip (der sich noch J-Nice nannte und laut Afrika »viel zu sehr nach LL Cool J« klang), in welche Richtung es gehen könnte. Mike und Afrika nannten sich Jungle Brothers, trugen Safari-Hüte und vermissten zwischen den Adidas-Jacken, Kangol-Caps und schweren Goldketten der Kollegen »das intellektuelle Level«. Das klang eigentlich eklig, aber einerseits waren sie musikalisch überraschend geschmackssicher, andererseits hielt Mike Gs Onkel DJ Red Alert seine schützende Hand über sie. Er war zu der Zeit bereits ein einflussreicher HipHop-DJ bei WRKS-FM in New York und veröffentlichte über sein eigenes Label Idlers Records (einer Tochter von Warlock Records) die erste Jungle Brothers-Platte »Straight Out The Jungle«. Hier hatte auch Q-Tip seinen ersten Auftritt. Auf »The Promo« etwas hölzern, dennoch verheißungsvoll am Mic, bei »Black Is Black« produzierend als funky Drummer mit ein bisschen Soul-Swag.

Längst war die Unbeschwertheit der Cyphers auf den B-Ball-Courts in St. Albans, bei denen Tip, Phife und Jarobi ihre Reime kickten, verflogen. Das Musik-Ding nahm ernste Formen an. Vor allem wegen DJ Red Alert. Natürlich halfen seine Kontakte im dank BDP, LL und PE in voller Blüte stehenden HipHop-Netzwerk New Yorks. Aber Red glaubte an diese gerade 18-jährigen Kids. Er sah ihr Potenzial, ihr Feuer. Ganz im Gegensatz zu Geffen, die Tribe zwar versuchsweise für die Aufnahmen an ihrem Demo unter Vertrag nahmen, aber dann knallhart wieder fallen ließen, als die ersten Songs im Kasten waren. Der Grund war simpel: Sie verstanden es nicht. Vielleicht waren ihnen Lou Reeds »Walk On The Wild Side« als Sample für »Can I Kick It?« zu konventionell, vielleicht klang ihnen die salopp gesprochene Shout-and-Response-Hook zu sehr nach der alten Generation der Cold Crush Brothers oder Sugarhill Gang. Vielleicht wirkte der Storytelling-Schmäh von »I Left My Wallet In El Segundo« neben den großen Abenteuern eines Slick Rick zu banal, vielleicht brachten sie den repetierenden Basslauf einfach nicht mit der mexikanischen Gitarre zusammen. Vielleicht war ihnen »Description Of A Fool« auch einfach zu direkt, der offensive Appell an den Dealer, den Gewalttäter, den wütenden Jugendlichen in Zeiten von »Parental Advisory«-Stickern und N.W.A. zu uncool, zu schlecht vermarktbar. Dass gerade diese drei Songs den Grundstein für die nachfolgende Karriere von A Tribe Called Quest legten, verdeutlicht nur, dass ihr neuer Ansatz, ihre Vision einer alternativen und progressiven Form von HipHop, das Genre um eine Facette erweiterte, die für die umfassende Übernahme des gesamten Mainstreams durch Rapmusik Tür und Tor öffnete.

 
Wieso also tatsächlich ein kleiner Bieterkrieg um den mehr künstlerisch als kommerziell vielversprechenden Stamm entflammte, bleibt eine der unerklärlichen Anekdoten einer HipHop-Epoche, in der sich das Genre vom kurzweiligen Phänomen zum ernstzunehmenden popkulturellen Motor mauserte. Den Zuschlag bekam schließlich Jive Records unter der Federführung von Barry Weiss. Er zahlte einen 350.000 Dollar-Vorschuss. Eine kleine Sensation. Weiss war Geschäftsmann, der seine Entscheidungen stets auf Basis betriebswirtschaftlicher Argumente fällte und – im Gegensatz etwa zu einem Russell Simmons – nie anhand seines persönlichen Geschmacks. So vermarktete er bereits erfolgreich BDP, Too $hort und den Fresh Prince. Jive hatte stets die lokalen Märkte im Auge, um dann einen punktuell erfolgreichen Act national zu signen. Weiss setzte auch in ATCQ große kommerzielle Erwartungen. Das von KRS-One nach dem Mord an seinem Partner Scott La Rock ins Leben gerufene Stop The Violence-Movement marschierte durch die Medien. Weiss sah im Tribe eine verkaufbare Gegenthese zum eskalierenden, straßenrevolutionären Gangsta-Rap. Nur waren Tip, Ali und Phife nicht die Typen für Marketingstrategien und die Unterschrift bei Jive markierte den Beginn einer langen und nicht gerade unkomplizierten Label-Ehe.

Die Voraussetzungen für ein perfektes Crew-Album bot »People’s Instinctive Travels And The Paths Of Rhythm« allemal. Q-Tip als der Anführer, Frontmann und Visionär. Die Idee von A Tribe Called Quest stammte von ihm, aus einer Zeit, als er versuchte, das Gefühl der Jazz-Platten seines viel zu früh verstorbenen Vaters in die Sprache seiner Lebenswelt zu übersetzen. Tip hatte ausreichend Talent – sowohl als Rapper als auch als Produzent –, um es als Solokünstler zu schaffen. Dennoch brachte er Phife ins Spiel, weil er wusste, dass er einen Gegenpol brauchte, der seinen zurückgelehnten Style kontrastierte. Phife hatte Tip auf den Rapfilm gebracht, Tip machte ihm klar, dass es mehr war als nur spaßiger Zeitvertreib. »I introduced Tip to the game, while he introduced me to the paper«, erklärte es Phife einmal. Phife war ein Schlendrian, der nur Sport und Rap im Kopf hatte. Q-Tip war The Abstract, Phife der »5 Foot Assassin«. Ohne Phife wäre Tip, nein, wäre der ganze Tribe ein Fall für den Group Home-Stapel gewesen. Gut für ein Album, mehr nicht. Für jeden esoterischen Spruch von Tip schoss Phife eine richtige Rap-Line hinterher und injizierte Tip, dessen künstlerische Avancen bereits latent vorhanden waren, mit seiner nervigen Stimme die nötige Portion Energie. Gemeinsam schaffte man eine perfekte Symbiose, wie sie selten zuvor und noch seltener danach funktionierte.

Ali Shaheed Muhammad gab den Musiker und DJ im Hintergrund. Ali wuchs als gläubiger Moslem auf und überließ Großspurigkeiten seinen Kollegen. Dennoch trug er stets den Beat – auch wenn der Großteil aller Tribe-Produktionen gar nicht auf seine Kappe ging. Deswegen verwundert es nicht, wenn Tip Jahre später mit Sprüchen wie »Yo, I produced the first three Tribe albums« auf großen Macker machte. Ohne Alis Fingerfertigkeit an Saiten- und Tasteninstrumenten ging es dennoch nicht. Und dann war da dieser Jarobi White, der große Unbekannte, der »Spirit« der Truppe (Q-Tip), von dem niemand so richtig wusste, wer er war und was er überhaupt machte. Er war immer da, nur nicht auf den Platten, und entschied sich noch vor dem richtigen Start für die Kochschule und nicht die True School. Dennoch blieb er immer ein Teil der Crew.

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