Kanye West – The Life Of Pablo // Review

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(G.O.O.D. Music/Def Jam)

Darf man ein Mammutprojekt, ein Kunstwerk, das nie fertiggestellt wird, überhaupt rezensieren? Den BER-Flughafen? Das Leben des Pablos? Kurz vor Redaktionsschluss tat Mr. West es schon wieder: Er fixte kleine Details an der unendlichen Dropbox-Geschichte. Für diese Review sei mal nebensächlich, ob und wie oft Kanye seine Gotteshand noch anlegen wird. Gefühlt waren wir ja alle anwesend bei der Albumentstehung, die in Echtzeit und aller Öffent­lichkeit dokumentiert wurde, wie die – laut Gala kriselnde – Promi-Ehe von KimYe: Im Studio, wo 2 Chainz Snapchat erklärte und Larry Graham lief, im Privatjet nach Paris, wo Kanye seine Bars für »No More Parties In L.A.« verfasste oder eben im Madison Square Garden zur verfrühten Generalprobe, bei der sich die beteiligten Künst­ler die Aux-Klinke in die Hand gaben. Während die Feuilletonisten und A&Rs noch rätselten, ob das Drumherum nun genialer Promo-Coup oder doch miesester Majorflopp der jüngeren Popgeschichte war twitterte Kanye, ganz der Yeezus, von einer »living breathing changing creative expression #contemporaryart«. Und lässt man die Zahlen sprechen, die Fast-Bestnoten der Hipsterpresse und den kulturellen Impact, dann hat West mit der unklaren Exklusivität alles richtig gemacht: Sein siebtes Soloalbum wurde in den ersten zehn Tagen 250 Millionen Mal geklickt – »scary«! Streamingzahlen, mit denen sich gutes Geld verdienen ließe, wäre Kanye nicht sowieso Mitbegründer der Plattform. »The Life Of Pablo« ist tatsächlich der versprochene Riesenwurf, das karriereumspannende Werk, das die verschiedenen Schaffensphasen des Louis Vuitton Don zusammenfasst: Der rucksacktragende Benzfahrer, der auf »30 Hours« so hungrig klingt, als habe er gerade erst das College geschmissen; der Orchester- und Chor-Bombast im »Late Registration«-Chic, der von »Ultralight Beams« in vulgären Gospel übergeht; die elektroide Verspieltheit und Basslines (!) aus der »Graduation«-Ära (»Highlights«); der Maschinen-Soul aus »808s & Heartbreak«-Tagen (»Wolves«) und nicht zuletzt der übergeordnete »Dark Twisted«-­Gedanke, Raphymnen fürs Stadion zu schreiben, durchzogen von der verzerrt-sperrigen »Yeezus«-Störkulisse, die im psychedelischen Outro der alternativen Radiosingle (»FML«) kulminiert. Kanye geht den gewohnten Schritt weiter – und darin liegt die Genialität von »T.L.O.P.«: Dem »38-year old, eight year old« gelingt es, über fünfzig Künstlerköpfe um sich zu scharen, daraus seine Essenz für GOOD Music zu destillieren und sich mit dem Zeitgeist zu befrieden. Wie er sich auf »Pt. 2« den Soundcloud-Hit seines Schützlings Desiigner aneignet, »Panda« dann in einem Daft-Punk-ähnlichen Outro von Caroline Shaw aufgehen lässt, um schließlich wieder die Gebete von Pastor T.L. Barretts einzubetten, ist Next-Level-Meta-Samp­ling. Ebenso die Verflecht­ung von Rihanna, Nina Simone und Sister Nancy, die nie dazu bestimmt waren, in einem Song (»Famous«) zu verschmelzen. Eine Textebene tiefer jedoch gleicht »Pablo« dem Psychogramm eines notgeilen Megalomanen, der Lexapro und Xanax zur neuen Modedroge erklärt und über gebleachte After, Penis-GoPros und Handjobs philosophiert – Khaled’sche Verschwörungs­theorien à la »they don’t wanna see me love you« inklusive. Lyrisch ist die Abkehr seines Co-Autors Rhymefest, der durch Cyhi Da Prynce ersetzt wurde und Kanye spirituelle Hilfe ans Herz legte, kaum zu verkraften. So scheint der Antrieb hinter »Pablo« tatsächlich im Wahn zu liegen. Doch für die überlebensgroße Inszenierung war Yeezus schon immer bereit, sich zu opfern.