»Wenn wir im Mainstream unsere Werte vermitteln könnten, wäre die Welt ein besserer Ort« // Witten Untouchable im Interview

Für ihr neues Album »Trinity« sind wir mit Al Kareem und Lakmann von Witten Untouchable in einer Telefonkonferenz gelandet, um über fehlendes Jak, Gruppendynamiken und 300-Euro-Gucci-Caps zu reden.

Witten Untouchable erinnerte Rap-Deutschland einst daran, dass die 100.000-Einwohner Stadt eine HipHop-Hochburg ist. Nach Creutzfeld-&-Jakob-Zeiten mischt Lakmann zusammen mit Magic Mess und Al Kareem Szenedeutschland auf. Für ihr anstehendes drittes Album »Trinity« landen wir in einer Telefonkonferenz mit Al Kareem und Lakmann. Der freut sich erst mal für seinen Kollegen über dessen neue Bude.

Al Kareem: Ich bin da noch gar nicht drin! Erst ab Mai.
Lakmann: Das Video war killer, Mann!

Um was geht’s?
Al Kareem: Ich suche gerade eine ­Wohnung. Alle wissen das, weil ich schon lange suche. Jetzt habe ich endlich eine. In Witten. Das war mir wichtig.

Rechtzeitig zum Albumrelease. Am 10. Mai kommt »Trinity«. Ich kann mir nicht helfen: Ich verbinde die Drei oft mit einem Abschluss – wie bei einer Trilogie. Euer Albumcover zeigt ja auch eine Art Theatervorhang. Müssen sich Fans Sorgen machen, dass danach Schluss ist?
Lakmann: Nö.
Al Kareem: Tatsächlich fragen das auch immer viele Freunde von mir. Aber wir haben uns darüber gar keine Gedanken gemacht.

Auf dem Song »Zusammen singen« rappt Magic Mess: »Über Gedanken, ob Mess sich verabschiedet – weil er bis jetzt nicht sein Hak sieht.« Wisst ihr, ob Magic Mess wirklich Abschiedsgedanken hatte?
Lakmann: Ich tippe mal ins Blaue: Das ist eher ein Ausdruck oder Symbol dafür, dass jeder mal schwere Zeiten hat, wo er das alles hinterfragt und Zweifel hat.

Als jemand, der schon sehr lange dabei ist: Kommen diese Gedanken noch oft, oder wird man da irgendwann entspannter?
Lakmann: Das hängt davon ab, wie du gestrickt bist. Bei mir gibt es diesen Moment jedes Mal, wenn ich aufs Konto schaue. Dann denke ich: Oh, Scheiße!

Al Kareem, im Dezember kam dein erstes Soloalbum »AL on Earth«. Wie war es für dich, parallel an den Sachen zu arbeiten?
Al Kareem: Ich mache ständig Sachen gleichzeitig. Bei dem Projekt gab es zum Glück gute Freunde, die sehr gute Musiker sind und mir immer Input geben. Ich versuche stets, viel Musik zu machen, weil es das Einzige ist, das mich glücklich macht; was schön ist in meinem Leben. Deswegen versuche ich auch, eine Menge umzusetzen.
Lakmann: Gut gesagt, Brother – voll positiv. Ich sehe das sogar so, dass das heute notwendig ist. Alles ist so schnelllebig geworden. Ich recorde auch schon wieder mein nächstes Soloalbum nebenbei und denke mir: »Mann, früher konntest du dir viel mehr Zeit lassen und die Sachen viel länger genießen. Jetzt musst du alles schnell parallel machen.« Aber so wie Kareem das sagt, hört sich das viel besser an.

Wann steht das nächste Lakmann-Album an?
Lakmann: Das weiß ich noch nicht. Es wird nämlich zum allerersten Mal ein Feature-Projekt. Das mache ich mit Leuten, die mir so viel Love gegeben haben und die nicht von der Untouchable-Crew sind. Das sind teilweise größere Namen, Leute, mit denen ich durch Touren, Festivals oder Kollabos zu tun hatte; Menschen, die ich auch schon früher kannte, wo sich der Kontakt wieder intensiviert hat. Vielleicht ist das auch mal eine Möglichkeit, um Dankbarkeit, Props, Love und Fame, den man bekommen hat, zurückzugeben. Alle unter ein Dach zu kriegen, schaffe ich aber nicht. Wenn ich ein Album machen würde und von Savas über Sido bis zum Letzten, der mir geholfen hat, alle auf ein Album packen müssen – dann würden fünfzig Tracks nicht reichen. Aber es gab ja viele Momente, die cool waren. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, wie wir 2014 oder 2015 auf dem splash! Festival waren. Megaloh hat Philipp [Flipstar; Anm. d. Verf.] und mich auf die Mainstage geholt. Der hatte um 15 oder 16 Uhr noch einen Slot frei. Das war quasi die erste Begegnung mit Megaloh. Danach haben wir mit Witten Untouchable jahrelang mit Megaloh auf Festivals gespielt und zusammen abgehangen. Das ist nur ein Beispiel von vielen. Ich möchte die anderen Namen gar nicht verraten, aber wenn man so sieht, was in letzter Zeit als Ausrufezeichen kam, wo ich in Erscheinung getreten bin, kann man bei den Namen auch leicht eins und eins zusammenzählen.

»Ich kenne kaum eine Crew, die an allen vorbeizieht und Rekorde bricht. Es ist immer ein Solotyp« – Lakmann

Hilft euch die Arbeit als Gruppe, um eure Soloprojekte schneller fertigzustellen, weil ihr sowieso im kreativen Fluss seid?
Al Kareem: Für mich war das schon eine Entwicklung aus der Crew heraus. Ich war vorher nie solo unterwegs, deswegen hat es auch ein bisschen gedauert – und da war ja dann wieder eine Crew, da hatte ich morten und andere Leute. Musik ist für mich nichts, was man alleine macht. Letztlich stimmt es ja auch nie, wenn nur ein Name auf der CD steht, weil es meistens doch eine Band oder Crew gibt, die dahintersteckt. Und: Jedes Album, das ich bis jetzt gemacht habe, war immer mit nur einem Produzenten. Für die Arbeitsweise ist mir das wichtig. Aber ganz allgemein: Es ist immer inspirierend, Musiker um sich zu haben und nicht alleine in seinem Zimmer zu sitzen.
Lakmann: Das ist auch der Ursprung von HipHop. Ich komme auch aus dem Teamplayer-Gedanken: erst mit Creutzfeld, dann mit Untouchable. Das ist, wie ich gerne Musik mache. Soloprojekte entstanden bei mir immer aus einer Not heraus, immer aus schlechten Zeiten. Wenn es einem mies geht, macht man Musik. Und wenn man genug Songs hat – wie ich bei meinem allerersten Soloalbum – bringt man das raus. Und was du vorhin meintest mit dem Finanziellen: Da muss man als Gruppe halt durch. Das ist auch dem Umstand geschuldet, dass Rap natürlich immer den Superstar sucht – so wie Deutschland immer den Superstar sucht. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Ich kenne kaum eine Crew, die an allen vorbeizieht und Rekorde bricht. Es ist immer ein Solotyp.

Ihr seid bekannt dafür, generell eher kritisch auf die Entwicklung und vor allem Vermarktung von HipHop zu schauen. Wenn ihr Musik macht, versucht ihr ja aber doch auch, die bestmöglich zu vermarkten. Wo setzt ihr euch da eine Grenze?
Lakmann: Wenn ich da jetzt anfange … Wer sagt denn, dass man Musik vermarkten muss? Viele machen Musik einfach im stillen Kämmerlein. Für mich ist es auch Therapie. Ich kann ein ganzes Fass aufmachen, was das kritisch betrachtet. Deshalb verweise ich da lieber an Kareem.
Al Kareem: Wir haben auf jeden Fall nicht diese Mechanismen, wir entscheiden das immer aus dem Bauch heraus. Nur wenn alle das möchten, macht man etwas. Uns wird aber auch nie gesagt, wir müssten jetzt dies oder das machen. Es wird immer vorsichtig angefragt. Und wenn wir uns gut dabei fühlen, dann machen wir es, wenn nicht, dann nicht. Aber der Großteil ist schon so … dass wir es nicht machen. (beide lachen)

Lakmann, du meintest mal, dass Mess, Kareem und du drei unterschiedliche Generationen vertreten. Wenn ihr auf den Rest der Szene schaut: Seid ihr euch einig oder seht ihr Künstler ganz unterschiedlich?
Lakmann: Am Anfang war das noch recht einheitlich. Im Laufe der Entwicklung einer Band und auch eines Charakters differenziert sich das. Ich bin von allen wohl der Festgefahrenste. Wobei ich gar nicht weiß, ob Mess mal seine Meinung ändert. Der sagt ja nie was. (lacht) Man weiß nicht, ob der überhaupt jemanden gut findet!
Al Kareem: Es gibt Sachen, auf die wir uns auf jeden Fall einigen, die wir alle feiern. Aber jeder hat auch für sich Sachen, die nur er gut findet.
Lakmann: Das ist doch auch aus dem Bauch. Wenn mir jemand einen Track zeigt, und ich höre, das ist von dem und dem, denke ich doch nicht direkt: »Ja, das ist ­scheiße!« – nur damit ich eine andere Meinung habe. Musik ist Gefühlssache. Wenn mir etwas gut gefällt, bin ich der erste, der Props dafür gibt.
Al Kareem: (zu Lakmann) Aber kennst du noch den Fall, dass man jemanden feiert, und dann sieht man den mal, diesen »Superhelden«? Und dann denkt man sich so: »Uh!«
Lakmann: Ey, ja! Das gab es mit so vielen Ami-Typen, die ich live gesehen habe. Ich habe mit meiner damaligen Booking-Firma die ganzen Amis herübergeholt: Pete Rock, Guru, Xzibit – wen auch immer. Es waren so viele kleine Legenden, deren Status dann gebröckelt ist. Das ist aber ganz normal. Das passiert sicher auch, wenn Leute mich kennenlernen. Wenn man Künstler trifft, fallen oft Illusionen in sich zusammen. Schade eigentlich, aber ich kann mich ja nicht von etwas freisprechen, was ich empfunden habe. Ich behalte die Legenden lieber auf Platte. Wenn man sie so sieht, denkt man: »Okay, wenn ihr so unspektakulär im Alltag seid, seid ihr vielleicht auch unspektakulär in der ­Musik.« Es ist ein komisches, zweischneidiges Schwert. Es kommt vieles mit Erwartungshaltung, dem Überraschungsmoment und auch er inneren Überzeugung. Diese drei Sachen können einem Künstler dann in die Karten spielen – oder dagegen. Deshalb schere ich mich inzwischen einen Dreck darum, wie ich dargestellt werde. Viele sagen auch, sie möchten ihre Musik für sich sprechen lassen. Aber dann machen sie Musik, die ein Fake-Image ist. Das passt nicht zusammen.

Kommen wir zurück zu eurem Album. Auf »Fantasien & Melodien« rappt Lakmann: »Wenn sich Gegensätze anziehen, wieso kann ich mir die meiste Zeit meine Gegend nicht mehr reinziehen.« Auf was bezieht sich das?
Lakmann: Auf das alltägliche Umfeld, wie man als normaler Mensch ist – und wie das im Widerspruch steht zu dem, wie man als Musiker dargestellt wird. Davon kannst du dich nicht immer freisprechen. Obwohl du das Resultat deiner Umwelt bist, musst du oft den Gegensatz zwischen dir und deiner Umwelt vereinbaren. Es ist ein ganz schwieriges Thema, und es hat sich mir beim ersten Mal nicht erschlossen. Daran knabbert man sein ganzes musikalisches Leben lang.

Es geht also mehr um das eigene Umfeld, weniger um einen Ort?
Lakmann: Ja! Die Gegend ist in diesem Sinne kein örtlicher Raum. Witten ist für mich eine Komfortzone. Auch wenn es in jüngster Vergangenheit ein paar negative Sachen gab, aber die Welt ändert sich halt, die Menschen ändern sich, dein Umfeld kann sich auch ändern. Das hat mit Rap dann gar nicht mehr so viel zu tun.

»Ohne Scheuklappen zu haben, muss man nicht so viel nach links und rechts gucken, wie man da reinpasst« – Al Kareem

Was ist denn Negatives in Witten passiert?
Lakmann: Ich habe sonst immer positive Resonanz bekommen und bin dann auch gerne freundlich zu den Leuten, letztens habe ich aber zum ersten Mal negative Erfahrungen in Witten gemacht. Aber ich habe es satt, dass Freundlichkeit als Schwäche ausgelegt wird. Das geht wirklich nicht mehr klar. Ich bin lieber freundlich, als mit Ellenbogeneinsatz nach vorne zu kommen, als andere klein zu halten, damit ich mich selbst besser fühle. Lass mich bitte nicht dieses Fass aufmachen, sonst schweifen wir noch mal ab …

Zum Abschluss: Was macht euch Hoffnung, wenn ihr die Szene anguckt?
Lakmann: Ich mache mir keine Hoffnungen. Da müsste sich erst etwas in der Gesellschaft verändern. (lacht) Rap ist immer ein Spiegel der Gesellschaft. Wenn das Umdenken auf anderen Ebenen beginnt, kann Rap das widerspiegeln. Wenn ich da wieder anfange … Ich habe nur zu meckern!
Al Kareem: Es ist wichtig, dass wir konstant für eine Wiederkehr unserer Werte sorgen, wenn wir alle jahrelang ein Album zusammen machen. Jeder muss für sich seine eigenen Werte vermitteln. Ohne Scheuklappen zu haben, muss man nicht so viel nach links und rechts gucken, wie man da reinpasst.
Lakmann: Ich würde gerne einen Kommentar, den ich auf Instagram gelesen habe, auf Untouchable münzen: Wenn wir mit unserem Album in den Mainstream gelangen und unsere Werte vermitteln würden, dann würde sich auch die Welt zu einem besseren Ort drehen; dann würden auch andere Werte mal wieder eine Rolle spielen als eine 300-Euro-Gucci-Kappe zu tragen oder eine Chanel-Tasche oder Versace-Klamotten; Sachen, die früher Leute getragen haben, die HipHop und die Leute, die HipHop gemacht haben, verachtet haben. Jetzt hat sich das alles gedreht – das kann nicht richtig sein. Dieses Statement habe ich in einem Instagram-Kommentar zu meiner Musik gelesen und ich denke, für Untouch­able gilt das auch. Wenn wir länger in den Mainstream-Fokus geraten würden oder es mehr Bands gäbe und Leute anfingen, sich für diese Werte zu begeistern und denen nachzueifern, dann wäre das auf jeden Fall ein schöneres Miteinander.

Text: Niklas Potthoff

Dieses Feature erschien in JUICE 192. Aktuelle und ältere Ausgaben könnt ihr versandkostenfrei im Onlineshop bestellen.

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