Widerstand ist zwecklos – Joey Bargeld über sein Debüt »Punk Is Dead« // Feature

Drei EPs mit KitschKrieg, Props von Megaloh bis 102 Boyz und Touren mit Trettmann. Jetzt ist das Debütalbum »Punk Is Dead« von Joey Bargeld erschienen.

Seit Joey Bargeld mit Haiyti vor zwei Jahren aus dem Berliner Nachtleben ins KitschKrieg-Studio stolperte und dort »Zeitboy« aufnahm, ticken die Uhren anders in der Welt des Joel Moser. Drei EPs mit dem aktuell wohl heißesten Producerkollektiv der Republik, Szeneprops von Megaloh bis 102 Boyz und mehrere Touren mit Everybody’s Darling Trettmann stehen bereits auf seiner Habenseite. Nun erscheint sein Debütalbum »Punk Is Dead«.

Über den Ruf als »Kritikerliebling«

»Das bin ich bei einigen bestimmt, vor allem seit der KitschKrieg-Zeit. Ich kriege aber generell recht wenig Hate ab. Viele Szenekenner sagen ja, dass das groß wird, aber das Lob macht sich bei mir noch nicht klickmäßig bemerkbar. Ich lese aber auch kaum Sachen und mache mir da nicht so den Kopf drum. Ich bin einfach froh, dass ich Musik machen kann und sogar ein bisschen Geld reinkommt. Das reicht mir. Ich habe aber auch gar nicht so viel Ehrgeiz. Das liegt wohl auch daran, dass ich fast nur positives Feedback bekomme. (lacht)«

Über Social Media

»Twitter hatte ich aus privaten Gründen deaktiviert. Ich wusste allerdings nicht, dass du nach vier Wochen Inaktivität automatisch gelöscht wirst. Seitdem habe ich kein Twitter mehr, aber es stört mich auch nicht weiter. Facebook habe ich einfach so gelöscht, weil Facebook irrelevant ist. Am liebsten hätte ich auch kein Instagram mehr, aber das hat mir mein Manager verboten. (lacht) Außerdem würde mich vermutlich niemand mehr erreichen – was auch völlig okay wäre. (lacht) Mich langweilt das alles sehr. Ich lese auch nicht viele Kommentare. Vielleicht biete ich auch zu wenig Angriffsfläche oder bin zu unwichtig, dass sich da kaum jemand Mühe macht zu haten. Das ist aber auch geil. Ich habe lieber tausend echte Fans, die alles mitmachen, als 20.000 Mitläufer.«

Über Punk

»Wenn man sich die Lebenseinstellung eines Punks ansieht, ist das mit meiner schon vergleichbar. Ich laufe jetzt aber nicht auf der Straße rum und komme mir vor wie ein Punk. Ich glaube, Davide Bortot, der meine Pressetext damals geschrieben hat, kam mit ‘der letzte echte Punk’ an. Danach haben KitschKrieg das immer bei Auftritten gerufen. Ich habe gar nicht so viel über den Titel nachgedacht, der kam mir irgendwann in den Kopf. Vielleicht, weil ich nicht mehr der ‘letzte Punk’ bin, sondern jetzt ‘richtige’ Musik mache. (lacht) Mir wurde mal gesagt, ich würde oft den Weg des geringsten Widerstandes gehen. In der Schule war es zum Beispiel auch so, dass in mir Potenzial gesehen wurde, aber ich einfach keinen Bock hatte. Ich habe mich da so durchgemogelt. Vielleicht ist Musik der Ausgleich zu dieser Lebenseinstellung. (lacht)«

Über Politik

»Ich habe mit Politik gar nichts zu tun. Wenn ‘links’ für Offenheit, Freiheit, keine Grenzen steht und bedeutet, dass jeder mit jedem chillen darf und jeder machen kann, was er oder sie will, solange es anderen nicht schadet, dann würde ich mich als links bezeichnen. ‘Rechts’ nehme ich eher als abgrenzend war. ‘Geh mal weg, das hier ist mein Garten!’ Da ist auch alles immer so sauer und grimmig. Wenn ich wählen müsste, wäre es aber vermutlich Die Partei. Die decken mit ihren Aktionen auch auf, wie bescheuert dieser ganze Politzirkus ist. Da steht ein Repräsentant auf dem Podest und spricht eine Rede, die er gar nicht geschrieben hat, die wiederum ein Kompromiss aus verschiedenen Parteimitgliedern ist. Da steigt doch kein Mensch durch.«

Über Trap

»Ich will weg von diesem HipHop-Ding: Pick einen Beat, schreib da einen Zwölfer drauf – Sechzehner schreibe ich eh nicht mehr – nimm den Track auf, fertig. Ich möchte alles musikalischer machen. Dieses Bummtschack ist durch. Deswegen hat mich Trap so abgeholt. Als die ersten Future-Sachen kamen, die etwas verrückter waren und auch mal Schwäche gezeigt haben, war das eine Offenbarung. Rap ist eh verrückter, fast psychopathischer geworden. Das hat mir eine Tür geöffnet.«

»Ich will weg von diesem HipHop-Ding. Es soll musikalischer werden.«

Über Geld

»Ich habe Bürojobs gemacht, war aber auch ewig in der Gastronomie tätig. Am meisten erfüllt mich aber Musik. Ich habe mich die letzten anderthalb Jahre voll darauf konzentriert. Das könnte ich noch die nächsten 20 Jahre machen. Niko von ‘Backspin’ meinte mal zu mir, man bräuchte in Deutschland laut einer Studie 5.000 Euro im Monat, um sorgenfrei leben zu können. Das ist doch eine machbare Zahl, für die du auch keine Klickrekorde erzielen musst. Ich kann mir auch vorstellen, für andere Künstler zu arbeiten. Hauptsache, ich habe mit Musik zu tun. Ich habe mal probiert, einen Schlagersong zu schreiben für einen Newcomer. Wir haben die Deadline am Ende aber leider verstreichen lassen. Doch ich mag die Vorstellung, dass in einem Schlagerlied eine Zeile von mir auftaucht. Du kannst das ja auch hijacken und versteckte Botschaften einbauen, die man nur hört, wenn der Song rückwärts läuft oder so. (lacht)«

Über »Punk Is Dead«

»Ich wollte erst so richtig mit Punkrock, Gitarren und allem auffahren, aber die harten Dinger sind jetzt gar nicht auf dem Album. Es war von Anfang geplant, dass Darko alles produziert. Dieses Mal habe ich mich mehr eingebracht, selbst am Arrangement mitgearbeitet und so weiter. Bei Fizzle war es eher noch so, dass er die Aufnahme geleitet hat und ich in der Postproduktion gar nicht mehr involviert war. Da kam irgendwann der fertige Song an. Mit Darko gab es mehr Absprache. Wir müssen in manchen Dingen aber nicht viel diskutieren, weil wir einen ähnlichen Vibe fahren. Er hat auch die ‘Zücho EP’ damals produziert. ‘Trotzdem’ ist in fünf Minuten entstanden, einfach so. Mein Vater hatte mir mal die ersten The-Wailers-Sachen gezeigt, aber mit Ska habe ich sonst gar nichts am Hut. Ich glaube auch, wenn man das alles zu ernst nimmt, macht man sich angreifbar, auch wenn dieses Hingerotzte auf manche dilettantisch wirkt. Ich finde, auch Dilettanten sollten künstlerisch tätig sein dürfen. Da ist er wieder, der Weg des geringsten Widerstandes. (lacht)«

Foto: Julian Hülser

Dieses Feature erschien zu erst in JUICE #194. Die aktuelle Ausgabe ist versandkostenfrei im Shop zu bestellen.

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