Verschiedene Dinge: Deutscher Rap-Journalismus und die JUICE // Kolumne

Wie hat sich deutscher Rap-Journalismus entwickelt und was bedeutet das Print-Ende der JUICE? Darüber schreibt Falk Schacht.

Es ist Ende 2019, und ihr haltet die letzte JUICE in Händen. Einer der ersten Macher der JUICE, Chris Maruhn, wollte 1989 im HipHop-Entwicklungsland BRD ein Rap-Magazin starten. Denn damals waren Informationen über HipHop und Rap in einer Welt ohne Internet extrem schwer zu bekommen. In Ermangelung eines vernünftigen Budgets und bei totalem Desinteresse von Verlagen fing er an, Reviews über Rap-Platten und Konzerte zu schreiben. Dann kopierte er die Texte mit einem Kopierer und tackerte die diversen Seiten zusammen. Fertig war das »In Full Effect«-Fanzine. Dieser Do-It-Yourself-Ethos der damaligen HipHop-Aktivisten war es, der die notwendigen Infrastrukturen und ein wichtiges Informationsnetz legte, ohne das Deutschrap wohl niemals existiert hätte.

»Journalist, Plattenaufleger und Verkäufer«

In den 90er Jahren gab es noch so etwas wie eine »HipHop-Szene«. Und eigentlich waren damals alle Aktive, reine Konsumenten gab es wenige. Sie alle kämpften mit den normalen Mainstream-Medien. Denn wenn diese überhaupt mal ein wenig Aufmerksamkeit für HipHop zeigten, dann mit ziemlich viel Unwissenheit. Deshalb findet man in 90er-Deutschrap-Tracks viele negative Verweise an Journalisten und Medien.

Torch rappt beispielsweise in »Kapitel 1«: »Journalist, Plattenaufleger und Verkäufer/Erkenne Deine Position, denn Du bist nur der Läufer«. Die Gefühle gegenüber Medien aus den eigenen Reihen hingegen thematisieren etwa die Beginner auf »Die Platten der Kritik können die Kritik an Platten nicht ersetzen« ganz anders. »Respekt jedoch an alle Untergrund-Fanzines/An alle die kontinuierlich schreiben und authentisch auf dem Boden der Tatsachen bleiben/Macht weiter und berichtet über den Untergrund, damit dieses einzigartige Sprachrohr niemals verstummt«. Deshalb wurde jedes HipHop Medium, vor allem eines, das regelmäßig erschien und einfach zu konsumieren war, zu einem zentralen Info-Treffpunkt für die gesamten Szene, ein virtuelles Lagerfeuer.

»Was für’n gefühl mich in der juice zu sehen/ ich brauch nur ein blatt papier um in der juice zu stehen«

Bushido

Diese enorme Bedeutung eigener Medien für die Szene wird zum Beispiel darin deutlich, dass es für viele Rapper ein besonderes Gefühl war, sich in der JUICE zu sehen. Es war für viele sogar das oberste Ziel. Es gab Relevanz und den Status, den sie sich immer wünschten. Medien wie die JUICE, aber auch diverse TV-Formate auf Viva und MTV sowie lokale Radiosendungen waren dadurch so etwas wie die Schlüsselwächter der Szene. Die fast schon romantisch anmutende, naive Realität der Neunziger sigelt sich ziemlich gut wieder im Song »Saftig« von Blumentopf von 2003, wo es heißt: »It was all a dream, ich las immer das MZEE-Magazin/Mit Cora E und LSD und auch den Stiebers drin/Ich hatte Poster an der Wand/Jeden Montag: ›Viva Freestyle‹ mit Scope und Torchman«. Wer hätte damals je gedacht, dass HipHop so weit kommt?

Was ist geblieben?

Doch was ist davon heute geblieben? Heute werden so viele HipHop-Medien produziert wie nie zuvor. Wir haben mehr Informationen, als wir verdauen können, und bekommen sie überall, wo wir wollen, wie Fastfood oder Billigmode. Heute gibt es nicht mehr diese eine Deutschrap-Szene, heute gibt es viele Deutschrap-Szenen. Dementsprechend gibt es auch für diese diversen Szenen diverse mediale Angebote. Eine Konsequenz, die der unfassbaren Größe der heutigen HipHop-Kultur geschuldet ist – und natürlich diesem Internet.

Durch diese enorme Größe und die Zunahme der Medien findet eine Art Zerfaserung statt. Es gibt jetzt viele hunderte Lagerfeuer, und diese erschaffen innerhalb ihrer Blasen auch ihre eigenen Realitäten. Die gemeinsame Realität, die einmal existierte, beginnt zu schrumpfen, weil einen einfach die schiere Größe schon davon abhält, alle Feuer zu sehen und zu verfolgen. Die Schlüsselwächterposition der Medien ist verlorengegangen und liegt nun an anderer Stelle. 

Es gibt keinerlei Hürden mehr, Teil dieser Kultur zu sein.

Und so haben dieser mediale Wandel und die Größe der Kultur eine ganze Reihe von Effekten erzeugt, die man jetzt beobachten kann. Auf die Frage: »Was ist denn mit der Realness?« gab es früher nur eine vernünftige Antwort. Heute ist die Frage ziemlich egal! Und die Antwort sogar doppelt – und nicht stereo.

Es gibt keinerlei Hürden mehr, Teil dieser Kultur zu sein. Der persönliche Einsatz und der Do-it-Yourself-Ethos, der einmal notwendig war – aus »nichts« »etwas« zu machen –, ist heute unnötig. Weil wir »etwas« sind. Das Ziel ist erreicht. HipHop zu sein, war sehr lange eine Zumutung, die man in Kauf nahm, weil es einem wichtig war. Heute wird einem alles hinterhergeschmissen, als wäre es billige Ramschware.

Deshalb findet inzwischen auch jeder Rapper am Ende sein Publikum. Egal, ob er die zwanzigste Kopie der Kopie ist. Man bekommt sogar den Eindruck, dass es von Vorteil ist, die Kopie der Kopie zu sein. Jeder Rap-Topf hat heute tatsächlich seinen Rap-Deckel – und auch das passende Medium.

»Give the People what they want«

Romantisch gesehen ist das natürlich fair, weil es gerecht, demokratisch und inklusiv ist. Es birgt aber auch den Keim der Beliebigkeit in sich. Es führt dazu, dass beispielsweise die Street Credibility heute kaum noch eine Bedeutung hat. Wenn man früher Fans verloren hätte, weil man fake geworden ist, hat man heute immer noch genug andere Fans, die das auffangen. Das wäre verkraftbar, wenn das nicht gleichzeitig für alle Formen von Kritik gelten würde. Es ist egal, was man sagt.

Viele heutige Rap-Medien sind schnell und oberflächlich. Nur für den Klick, für den Augenblick. Inhaltliche Analysen, Hintergründe oder tiefere Gedanken werden nicht entwickelt, aber auch nicht vom hochverehrten Publikum gefordert. Das Credo ist ausschließlich »Give the People what they want«. So weit, so demokratisch, aber manchmal wissen »the people« noch nicht, dass sie etwas »wanten«. Doch wenn es nicht gezeigt wird, woher soll man es dann auch wissen? Die Frage an dieser Stelle wäre nun, in welche Fresse man die Messerklinge rammt? In die Journalistenfresse oder die Publikumsfresse?

Die JUICE war immer ein virtuelles Lagefeuer, dass einen auch dort wärmen konnte, wo man nicht wusste, dass einem kalt war. Die wärmenden Gedanken der JUICE-Crew müssen und werden sich jetzt andere Wege suchen. Und wer es nicht wusste, weiß es jetzt.

Peace, Falk Schacht

Dieses Feature erschien zuerst in JUICE 195.

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