Musikjournalismus im Wandel: Wer braucht heute noch Reviews? // Kommentar

Sterne, Daumen oder Kommentare: die Bewertung ist allgegenwärtig heutzutage. Ausgerechnet in diesem Klima erlebt die Review eine Krise.

Wertung: Sechs Kronen

Dass das Internet unseren Alltag und unsere Kulturen umkrempelt, ist keine neue Entwicklung, aber eine, die immer weitere Kreise zieht. Einer der vielen Effekte ist die Allgegenwart von Bewertungen: Lieferdienste, Filme, Menschen, Institutionen und Songs fordern Einschätzungen in Form von Sternen, Daumen oder Kommentaren. Viel braucht es dazu nicht, die Schwelle ist niedrig, außer an den Orten, die solche Optionen bewusst abgeschaltet haben – doch das ist ein anderes Thema, ebenso wie Big Data, deren Speisung ein wichtiges Motiv dieser Suche nach Meinung ist. Nicht zuletzt drückt sich im Liken und Favorisieren jedoch auch der Versuch aus, in einer zunehmend unübersichtlichen Landschaft den Überblick zu behalten. Das gilt insbesondere für Rap: Wie in keinem zweiten Genre haben sich Produktion und Vertrieb hier durch Streamingdienste und Portale wie Soundcloud oder (like, wer sich erinnert) DatPiff verändert. Etablierte Strukturen haben sich geöffnet, Hypes sind zunehmend unvorhersehbar geworden, zumindest nach alten Mustern, und ausgerechnet in diesem Klima erlebt der Musikjournalismus, vor allem jedoch die Review, eine Krise. 

Die Rede ist dabei immer wieder davon, dass es Gatekeeper nicht mehr braucht, wenn ohnehin alles permanent verfügbar ist und sich ein mündiges Publikum damit selbst eine Meinung bilden kann. In der Tat: Sollte sich im Zuge der Digitalisierung elitäres Gehabe erledigt haben, ist das zu begrüßen, ebenso wie gesteigerte Diversität, die sicher durch die Gründung von Blogs befeuert wurde. Wer in der Öffentlichkeit stattfindet und wer nicht, wird jedenfalls noch weniger als früher in den Redaktionen entschieden, sondern über Public Relations ausgehandelt – was der Review umso mehr Raum gibt, ihre eigentlichen Stärken zu entfalten. Würdigungen etablierter Klassiker können ebenso darunterfallen wie der kritische Blick auf den etablierten Kanon oder das Ausgraben fast vergessener Schätze. Sowieso kann in der Review nerdiges Expertenwissen zum Zug kommen, die Samples, Querverweise und Soundreferenzen aufgeschlüsselt werden, ebenso wie es manchmal einfach ein unterhaltsamer Schreibstil und gezielte Pointen sind, die den Text auszeichnen.

ES GIBT KEINEN KODEX, DER OBJEKTIV FESTLEGT, NACH WELCHEN KRITERIEN WIR MUSIK BEWERTEN.

Entscheidend ist, dass die Review nichts von alldem leisten muss. Es gibt keinen Kodex, der ihre Form regelt oder objektiv festlegt, nach welchen Kriterien wir Musik bewerten. Zum großen Teil hängt das damit zusammen, dass Geschmacksurteile am Ende subjektiv und auch Reviews nur bis zu einem gewissen Grad objektiv sind. Rap trägt den Gedanken des Contests zwar in sich, doch wie wenig objektive Qualitätssteigerung bewirken kann, zeigt sich wohl an keinem Rapper so deutlich wie an Eminem, der bezeichnenderweise kein Freund der Review ist. Gerade im Umfeld permanenter Ratings, die mit einem Punktesystem ja oft einen rationalen Anspruch vermitteln, ist es wichtig, diese fließende Grenze zwischen objektiver Beobachtung und subjektivem Urteil im Kopf zu behalten – und in den eigenen Texten transparent zu machen, selbst wenn sie am Ende mit Kronen auf eine Zahl gebracht werden.

An Bedeutung gewinnt diese Unterscheidung, weil die Felder der Bewertung vollkommen unterschiedlich sein können – neben der Produktion, der Zusammenstellung von Sounds und Themen oder der Reimtechnik können etwa auch inhaltliche Fragen in den Blick geraten, teils auch mit Blick auf die moralischen oder politischen Implikationen von Lyrics. Auch dies kann in den Aufgabenbereich der Review fallen, und gerade hier wird es spannend, weil Rap-Journalismus an diesem Punkt eine Funktion erfüllt, die weder Booker noch Promoter, A&Rs oder andere Künstler in der Regel übernehmen. Der Vorwurf der Zensur ist schnell gezückt, wenn Lines auf links gedreht oder Begriffe zur Diskussion gestellt werden, doch das Gegenteil ist der Fall. Die Review kommt hier ganz in ihrer alternativen Bezeichnung als Kritik zum Zuge: Eine differenzierte Betrachtung der Dinge, die dort ansetzt, wo es komplex und problematisch wird, aus welchen Gründen auch immer. Mundtot gemacht werden soll niemand, ganz im Gegenteil geht es um Auseinandersetzung, um Gespräche innerhalb der Szene – was eben nicht immer am besten in Form eines inszenierten Interviews mit mehr oder minder klar abgesteckten Rollen erzielt wird.

Tatsächlich ist es in den letzten Jahren nicht nur innerhalb von Rap schwieriger geworden, in Reviews Kritik zu üben.

Tatsächlich ist es in den letzten Jahren nicht nur innerhalb von Rap schwieriger geworden, in Reviews Kritik zu üben, aber auch das ist keine ganz neue Entwicklung. Sie ist nur bislang ohne weitere Konsequenzen geblieben, wie sie nun die Krise des Formats oder auch Beiträge wie Morlockk Dilemmas öffentlich artikulierter Wunsch, sein Album »Herzbube« möge nicht rezensiert werden, anstoßen könnten. Der Abstieg in Phrasen sollte dabei ebenso vermieden werden wie in Objektivität gekleidete Subjektivität oder die Annahme, eine Review dürfe sich nicht empören. Denn dann verliert sie ihre Funktion als Korrektiv und Diskussions-
plattform zu einer Zeit, in der beides massiv benötigt wird.

Text: Sebastian Berlich

1 KOMMENTAR

  1. 1. Weiß ich mit einem Review was ich nicht (grob betrachtet) anhören oder kaufen brauch.
    2. Läuft an mir auch mal unbemerkt eine Platte vorbei die meine neue Lieblingsscheibe geworden sein könnte.
    und 3. Mister Review es ist Teil deines Job´s mach mal bitte mehr schwarz auf weiß anstatt diese manchmal lästigen – manchmal guten YT Videointerview´s.
    Wenn du nicht mehr lesen tust kommt so was heraus. „Hey Bruda ich geh Stadt. Zieh mit, alter!“

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