Umse: »Musik ist nicht nur für den Kopf, sie ist auch zum Feiern da« // Interview

Dass sich bei Umse etwas ändern würde, war nach dem Release-Marathon der Anfangs­jahre bei Jakarta klar. Drei Jahre lang suchte er mit Intimus Deckah nach Alternativen – diesen Prozess kann man »Durch die Wolkendecke« anhören. Doch so sehr sich Hindernisse in der Soundfindung und politische wie private Hürden in das Album eingeschrieben haben: An den Grundfesten aus feiner Alltagsbeobachtung, positivem Vibe und stabilem Deutschrap-Handwerk hat sich nichts geändert.

Elementare Fragen nach dem Sinn des eigenen Treibens führen nicht nur bei durchschnittlichen Bürgern schnell zu Krisen – auch Rapper finden sich regelmäßig in Phasen depressiven Stillstands oder hektischer Orientierung an aktuellen Trends wieder, wenn es gerade mal kreativ, finanziell oder persönlich nicht rundläuft. Wenn Umse von solchen Momenten der Orientierung spricht, klingt das erfreulich wenig nach pathetischer Hybris oder überhöhtem Künstlermartyrium, sondern nach dem Boden der Tatsachen. Beziehungen gehen zu Bruch, ein Privatleben will organisiert werden, Kreativität funktioniert nicht immer auf Knopfdruck, kurz: Scheiße passiert. »Man muss auch mal Zeit vergehen lassen, damit der Bock nicht flöten geht«, fasst der MC die drei Jahre zusammen, die seit »Hawaiianischer Schnee« vergangen sind.

Mehr Details braucht es weder im Gespräch noch auf »Durch die Wolkendecke«, das nicht nur mit sicherer Hand Stellung in ­Sachen Rechtsruck, Raubtierkapitalismus und Weed-Legalisierung bezieht, sondern mit Hilfe des Kölner Produzenten Croup noch ein wenig »dicker« als gewohnt klingt. Vor allem gelingt eine schlüssige Erweiterung des bekannten Samplesounds um frische Details und Einflüsse, die in der Zukunft noch ausbaubar scheinen.

Musstet ihr wegen eurer Experimente mit zeitgenössischem Sound eigentlich viel Material wegschmeißen?
Nicht unbedingt wegen der Experimente: Es gab einfach Songs, die wir nicht so stark fanden. So krass experimentiert haben wir dann auch nicht, dass dadurch Schwierigkeiten entstanden wären. Deckah ist da noch nicht so interessiert wie ich, das passiert bei uns also peu à peu – kein plötzlicher Umschwung wie bei anderen, die jetzt komplett den Trapsound fahren. Uns sagt unser Bauchgefühl, dass es besser ist, alles langsamer zu gestalten. Wir haben uns auch gefragt, wie man mehr Abwechslung in die Hooks bringen kann, wer als Feature funktionieren könnte – solche Dinge. All das hat viel Zeit gekostet.
Du verfolgst aktuelle Entwicklungen anscheinend sehr genau. Wie nimmst du die Szene gerade wahr?
Eigentlich positiv. Manche machen es besser als andere, klar. Ich bin Fan davon, wenn der Soul nicht ganz verloren geht. Trap ist oft sehr synthetisch, das finde ich von der Rhythmik her cool, ist aber nicht ganz mein Sound. Der Inhalt ist oft eher zweitrangig, es geht um Party und Turn-up. Dem stehe ich nicht abgeneigt gegenüber, es muss nicht alles eine Message haben. Aber wenn ich das adaptiere, fände ich es low, nur auf Atmosphäre und Party zu machen. Ich werde nicht einfach die Elemente annehmen, die Trap einem vorgibt. Ich hab Bock auf Lines schreiben, auf Reime – das macht mir Spaß.

Bietet Trap dir auch Raum, dich als Texter neu auszuprobieren?
Voll! Die Rhythmik ist eine andere, das bietet neue Möglichkeiten. Ich neige auch dazu, auf solchen Beats mehr Wörter in eine Zeile zu packen. So ergeben sich schnell neue Denkweisen. Der Grund-Vibe sollte aber bleiben, das haben die Wenigsten bisher hinbekommen. Es ist natürlich auch eine Frage, ob die Leute Beats picken oder mit ihrem Produzenten in diese Richtung wandern.

Leidet unter solchen Moves die ­Glaubwürdigkeit?
Da ist immer die Frage, wie die Fans das aufschnappen. Man hat schon eine große Narrenfreiheit als Rapper, es gibt nicht mehr so viele hängengebliebene Oldschooler. Wenn Leute natürlich immer mit einer Message gearbeitet haben und jetzt umgeschwenkt sind, geht vielleicht auch die Glaubwürdigkeit verloren, aber in der Regel seh ich das nicht. Musik ist nicht nur für den Kopf, sie ist auch zum Feiern da, und vielleicht ist das jetzt gerade so eine Phase. Das wird nicht flötengehen wie Crunk, aber es wird wieder abflachen – und dann kommt wieder mehr Message.

Auf deiner neuen Platte gibt es ziemlich viel Message…
Ja, oft auch nur in einzelnen Lines. Ich fände es auch komisch, wenn das nicht stattfinden würde. Alleine was die letzten zwei, drei Jahre politisch passiert ist, ist bedrückend. Ich habe mich verpflichtet gefühlt, das zu erwähnen und einen Standpunkt einzunehmen.

Inwiefern beschäftigt dich die Lage ­persönlich?
Jeder hat mal das Internet oder den Fernseher an, liest Zeitung oder ist einfach mal draußen unterwegs und kriegt das direkt mit. Es hat viel mit dem Größerwerden der rechten Seite zu tun, der Flüchtlingsthematik und was dazu gesagt wird, mit Trump. Man ist dem Ganzen ausgesetzt und weiß nicht, was man tun kann. Ich hab die Möglichkeit, in einem Text was zu sagen und einen Standpunkt einzunehmen. Ich wollte aber einen positiven Vibe, nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen.

Welche Rolle hat denn dein eigener Mindset dieses Mal gespielt? Wolltest du den auch abbilden?
Ja, voll. Ich hab zurückgeblickt: Die letzten Alben sind in relativ kurzer Zeit entstanden, und ich hab gemerkt, dass ich da nicht so viel von meinem Inneren preisgegeben habe. Gerade weil jetzt so viel Zeit zur Verfügung stand, war es mir wichtig, dass da mehr von mir einfließt. Das hab ich jetzt auch nicht so extrem detailliert gemacht, ich hab eher generell über Probleme gesprochen. Wenn’s zu sehr ins Detail geht, ist mir das zu privat.

Auf der »Flammenwerfer« EP, die du im Mai veröffentlicht hast, gibt es einen Track über staatliche Überwachung. Achtest du bei diesen Themen darauf, nicht zu sehr in Verschwörungstheorien abzurutschen?
Ich bin gar kein Freund von Verschwörungstheorien, da steck ich nicht drin. Natürlich kenn ich manche, aber von der Seite flieg ich nicht nochmal über die Texte drüber. Solche Sachen passieren eher intuitiv; reflektieren, wie ich selbst darüber denke. Ich quatsch da auch nicht mit Kollegen drüber. Das passiert alles in meiner Birne.

Text: Sebastian Behrlich
Foto: Robert Winter

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #188. Aktuelle und ältere Ausgaben könnt ihr versandkostenfrei im Shop bestellen.

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