Tightill – Infinity // Review

»Infinity« balanciert zwischen Turn-up-Trap, NDW-Zitaten und Eurodance-Trash über die Verschwendung der Jugend. Das ist manchmal sexy, manchmal verstörend, manchmal albern, aber immer real.

(Erotik Toy Records)

Wertung: Viereinhalb Kronen

Achtung, Gedankenexperiment: Nicht Leipzig, sondern Bremen ist das neue Berlin. Dafür muss man nicht gleich von Gentrifizierung, Mietpreisen und Lonley Planet schwafeln, sondern sich beispielsweise vor Augen führen, dass seit November 2018 der BND seinen neuen Ge­schäftssitz in der Hauptstadt bezogen hat. Berlin ist längst kein Ort mehr zur Selbstverwirk­lichung, keine Enklave für Freigeister, Berlin ist 2018 Franchise-Metropole, Start-Up-Mekka und ja, ein Hotspot des Kapitalismus. Bremen hingegen ist Bremen geblieben: Auch hier hat Freak-Sein Tradition (s/o Immo), auch hier gibt es diesen etwas schroffen, aber liebenswerten Lokalkolorit, auch hier leben Menschen ohne Regeln in den Tag hinein. Auf seinem ersten Album »Infinity« redet Tightill zwar mit keinem Wort über das (Steintor-)Viertel, Neustadt oder das unterschätzte Walle (Grüße nach Wedding), doch konnte das Solodebüt des schrulligen Spargeltarzans in all seiner Freakness nur an der Weser entstehen. Hier, wo er, Young Meyerlack, Doubtboy und die anderen vom Sielwall vor zwei Jahren mit Erotik Toy Records ein Movement zwischen Graffitti, Rap, Anarchie-R&B und Softie-Sein starteten, das deutschem Rap die Härte nehmen und die Lässigkeit (zurück-)geben will. »Infinity« balanciert entsprechend zwischen Turn-up-Trap, NDW-Zitaten und Eurodance-Trash über die Verschwendung der Jugend. Der Sound der Freaks. Das ist manchmal sexy, manchmal verstörend, manchmal albern, aber immer real – und oft bewusst ein Spiel mit angeblichen Symbolen von Männlichkeit. Denn wenn Tightill mit seinem Flow im Cartoon-Falsett Weisheiten übers Onanieren in den Vocoder nuschelt, auf chemischen Drogen den inneren Punker kanalisiert oder mit LGoony den Synthie-Strand entlangspaziert, hat das mehr mit Nina Hagen als mit Kool Savas zu tun. »Mir egal, ob du scurrst, burrst oder lällst/Ich mache mir die Welt widde-widde-wie sie mir gefällt.« In Zeiten von Playlist-Diktaten und synkopierten Drums pulsiert die Vakuole »Infinity« das unbedingt notwendige Chaos in deine (Streaming-)Algorithmen. Bremen, Home of da Freaks.

Infinity [Explicit]
  • Erotik Toy Records
  • MP3-Download

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