Team Avantgarde: »Wenn ich nichts mehr zu sagen habe, ­mache ich keine Songs mehr.« // Interview

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Sechs Jahre sind seit dem letzten Album »Paradox« von Team Avantgarde vergangen; eine Zeit, die Rapper Phase gebraucht hat. Und so ist die neue Platte »Erwartungen« eine detaillierte Auseinandersetzung mit der vergangenen Zeit, in der der Berliner sich intensiv mit sich, seinen Erwartungen an das Leben und der ihn umgebenden Gesellschaft beschäftigt hat. Entstanden ist ein philosophisches Gedankenkonstrukt, das vor Selbstreflexion strotzt und erstmals nicht von Partner Zenit, sondern DJ s.R. produziert wurde.

Phase, »Erwartungen« ist euer erstes Album seit sechs Jahren. Warum?
Die Erklärung gibt das Album ab. Es ist der Endpunkt meines Struggles mit meinen eigenen Erwartungen. Nach dem »Paradox«-Album war ich nicht mehr glücklich. Mein Kopf war vollgestopft mit Gefühlen, wie das Leben zu sein hat. Deshalb habe ich meine Erwartungen getötet und gesagt: Das Leben ist, wie es ist, und ich nehme es so hin. Die Platte erzählt von dieser Zeit.

Das ganze Album hat ein Konzept, aber jeder Song nochmal ein eigenes Thema. Wie seid ihr die Lieder angegangen?
Das ist chronologisch entstanden; aus den Dingen, die mir passiert sind. Es ist der Abriss einer Phase, in der es mir schlechtging – bis alles wieder gut war. Seit diesem Zeitpunkt bin ich ein zufriedener Mensch. Ich hatte ein Erlebnis, bei dem ich wusste, dass die zweite Hälfte meines Lebens beginnt.

Haben die Menschen in der heutigen Zeit eine zu hohe Erwartung an das Leben?
Klar, die Bilder sind riesengroß, gerade durch Instagram. Jeder denkt, der andere hätte das krasseste Leben, und ist selbst unglücklich, weil er es nicht führt. Mit welchen Erwartungen die Leute ins Leben steppen, ist unglaublich. Sie denken, sie werden der größte Star oder furchtbar reich, passen sich der Leistungsgesellschaft an und werden richtige Maschinen. Am Ende des Tages ist das nicht das Leben, das sind nur die Erwartungen. Je größer und unerreichbarer die Erwartung ist, desto unglücklicher wird man. Das ist nicht nur mir so ergangen, sondern jedem, der zu hohe Erwartungen an das Leben hat. Da schließe ich mich nicht aus. Ich bin kein Mensch, der im Wald lebt. Auch ich habe einen Instagram-Account. Leute, die ich kenne und die ein normales Leben haben, tun auf der Plattform so, als wären sie High Society. Der Druck ist enorm, und die Bilder und Ansprüche werden immer größer.

 

Was für Erwartungen hat man denn heute zu entsprechen?
Es geht mir eigentlich mehr um die eigenen Erwartungen. Dann ist eher die Frage, ob du von dir erwartest, dass dein Lebenslauf lückenlos ist. Ich glaube nicht, dass man alles erfüllen muss. Ich habe zwar das Glück eines guten Jobs und einer tollen Familie mit Kind – ein recht konventionelles Leben. Meine Ansprüche sind aber gesunken, und ich rate jedem, sich nicht von diesen großen Bildern leiten zu lassen. Mit dem Album wollte ich jüngeren Leuten vermitteln, dass ich weiß, wie es mit Mitte zwanzig ist, und dass sie sich nicht blenden lassen sollen. Ich war in diesem Struggle und kann aus Erfahrung sprechen. Bekommt Kinder, wenn ihr Kinder bekommen wollt, und nicht dann, wenn die Gesellschaft euch suggeriert, welche haben zu müssen. Folgt nicht irgendwelchen merkwürdigen Bildern und Konventionen. Liebe muss frei sein. Man kann keine Erwartungen daran haben, wie Liebe zu sein hat.

Bist du an einem Punkt, an dem du weißt, wer du bist?
Ich bin zufrieden. Natürlich gibt es immer ­etwas Neues, aber ich spüre keinen Druck mehr. Für mich kann es nur nach oben gehen. Und wenn ich nichts mehr zu sagen habe, ­mache ich keine Songs mehr. Ich brauche diese Musikindustrie und ihr Geld nicht. Früher habe ich viel getrunken, und weil meine Erwartungen den Horizont sprengten, wurde ich leider verrückt. Doch ich lernte jemanden kennen, der mir heute Leichtigkeit gibt.

 
Auf »Utopie« sprecht ihr über einen Ideal­zustand der Welt. Seid ihr nur naiv, oder gibt es wirklich eine Alternative?
Ein wichtiger Satz des Liedes ist »Kein Markt regelt das«. Die Leute schieben die Schuld für negative Entwicklungen immer auf den Markt, der angeblich alles regelt. Wenn man dem Kapitalismus aber keine Selbstverantwortung entgegenstellt, kann sich nichts ändern. Klar, der Markt regelt alles. Aber das kann nicht unser Argument sein. Es geht nicht darum, Leute anzuklagen. Wir sind eigenverantwortlich. Wollen wir in einer Welt leben, in der alles ungleich ist? Jan Delay schickt seinen Sohn bewusst auf eine öffentliche Schule, abseits von Eliten. Das ist eine menschliche Haltung, die ich gutheiße. Er übernimmt Eigenverantwortung. Kinder sollten alle die gleichen Chancen haben, aber es ist vorbestimmt, was aus den Menschen wird. Klar ist mal jemand besser in Mathe oder Musik, aber das sind eben Talente. Ich bin nicht gegen die Auslebung von Talenten, nur die Basis muss gleich sein. Genauso ist es bei Wohnungen und Krankenversiche­rungen. Kauf bestimmte Dinge nicht, mach bestimmte Dinge nicht und lebe nicht materialistisch!

Text: Julius Stabenow
Foto: Bennie Julian Gay

Dieses Interview erschien in JUICE #175 (hier versandkostenfrei nachbestellen).Juice 175 Cover

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