Team Avantgarde – Erwartungen // Review

Team Ava

(edit ent.)

Wertung: Vier Kronen

Eskapismus im Rap ist der Gegenentwurf zum jugendlichen Hunger und der Veröffent­lichungswut stetig nachrückender Newcomer. Und genau dafür entschied sich der Berliner Rapper Phase vor sechs Jahren, kurz nachdem das letzte Album von ihm und seinem Team Avantgarde erschienen war: kein Image-Move, sondern eine reflektierte Entscheidung nach vorsichtiger Betrachtung der Gesellschaft über einen Zeitraum von vie­len Jahren im berüchtigten Berlin-Schöneberg. Schon damals waren die jazzigen Untermalungen von Produzent Zenit aus der Zeit gefallen und weit weg von Hypes. Und auch nach sechs Jahren Pause gibt sich das Team Avantgarde – diesmal von DJ s.R. produziert – frei von den Einflüssen der ­be­schleu­nigten Rapwelt anno 2016. Noch immer hat Rapper Phase eine leichte Neigung, den Takt gelegentlich zu ignorieren, während er erzählt, warum er seine Zigaretten lieber im Softpack in der Tasche trägt oder Kritik am geschönten Instagram-Lifestyle übt, der in der Welt dieser Avantgarde keinen Platz hat. Phase lehnt eine Gesellschaft ab, die Unwörter wie »Smombie« erschaffen hat. Dabei pendelt er von Weis­heiten zu Banalitäten, von Pointen, die mitten ins Hipster-Herz treffen, bis zu langweiligen Passagen, die nebenherplätschern ohne große Wellen zu schlagen. Das Klavier sorgt für die nötige Dramatik bei oft angenehm zurück­haltenden Produktionen, die an große Alben wie »Zeichen & Muster« von Justus erinnern, um dann plötzlich auf die Opulenz eines Curse-Liebesliedes aufgeblasen zu werden (»Erwartungen«) – ohne jedoch immer dieselbe Intensität zu erreichen. Schon deshalb nicht, weil Phase so viele Insider einstreut, dass er einen Außenstehenden nicht immer erreicht (»Jahren«). Auf Albumlänge funktioniert das Ganze am Ende vor allem, weil Phase fast demütig und schonungslos offen über sein Leben berichtet. Damit macht er ­»Erwartungen« zu einer ambitionierten Platte, die dem Hörer genau das zu bieten vermag, was Phase für sich selbst als sein Schicksal gewählt hat: einfach aussteigen.

Text: Arne Lehrke

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