»Aus einer Ära, in der HipHop noch Werte vermittelt hat« // T9 im Interview

Doz9 und Torky Tork haben schon immer einen stabilen Fick gegeben. »Maestro Antipop« fusioniert reduziert-destruktiven Boom-Bap mit experimentellem Swag-Pop.

Ob als Solokünstler oder im Rahmen ihrer gemeinsamen Projekte, Doz9 und Torky Tork haben schon immer einen stabilen Fick gegeben. Während (oder gerade weil) Deutschraps augenscheinliche Taktgeber »im Trikot von Paris« vor Shisha-Bars posen, präsentieren sich die beiden – im Partnerlook wie ein Rentnerpaar – in letzter Zeit fast ausschließlich in trashigen Trainingsanzügen von Ajax Amsterdam.

Vermutlich ist es die Paarung aus speziellem Zynismus und liebenswürdiger Grundarroganz sowie die gewagte Zusammenführung von konfusen Texten und maximal kantigen Beats, die die beiden zu wahren Meistern der Irritation machen. Dieser Tage stehen sie mit einer Doppel-LP in den Startlöchern, in deren Innenleben sie reduziert-destruktiven Boom-Bap mit experimentellem Swag-Pop fusionieren.

Die Veröffentlichung eurer letzten Platte »Plastik aus Gold« ist knappe eineinhalb Jahre her. Habt ihr direkt im Anschluss mit den Arbeiten am nun erscheinenden Doppelalbum begonnen?
Doz9: Genau genommen sogar schon ein bisschen früher, eigentlich direkt nach Abgabe von »Plastik aus Gold« vor knapp zwei Jahren. Dass eine Platte über einen derart langen Zeitraum entsteht, ist in unserem Fall schon besonders … bisher waren die Alben ja eigentlich immer innerhalb eines Monats fertig.

Das lag in erster Linie daran, dass die Entstehungsprozesse bislang immer an gemeinsame Ausflüge und Ortsbezüge gekoppelt waren. »T9« ist in einer Hütte im Wald, »Riffa« selbsterklärend auf Teneriffa und »Palmen aus Gold« ausschließlich im Berliner Großstadtdschungel entstanden.
Torky Tork: Genau! Aber diesmal sind wir anders vorgegangen. »Maestro Antipop« zehrt nicht mehr vom Spirit eines bestimmten Ortes. Ich bin der festen Überzeugung, dass alles immer wieder gebrochen werden muss, auch die Arbeitsweisen. Ein paar Sachen sind während eines Trips ins brandenburgische Niemandsland entstanden, andere bei Fid Mella und Nico von K.I.Z. in Wien und Berlin. Den Rest haben wir in meinem Studio zusammengeschustert.
Doz9: Diesmal war eher das Credo, alles, was uns an Talenten, Kontakten und Möglichkeiten zur Verfügung stand, zu nutzen und anschließend in eine homogene Form zu bringen. Man kann schon sagen, dass wir uns insgesamt mehr Zeit gelassen haben und unsere Fehler dadurch minimieren konnten. Wir haben immer wieder Skizzen beiseite gelegt und sie später ein zweites oder drittes Mal angefasst.

Woher kam der Drang, fokussierter vorzugehen als früher?
Doz9: Man hat uns über die Jahre ja immer wieder vorgehalten, dass keines unserer Projekte ein wirkliches Album sei. Und irgendwie stimmte das auch … das waren eben immer Ansammlungen von Tracks, die zwar irgendwie ein Konzept besaßen, aber in ihrer Gesamtheit keinen roten Faden ergeben haben.
Torky Tork: Unter dem Dach des neuen Projekts haben wir jetzt gleich zwei richtige Konzeptplatten gebündelt, die zwar parallel zueinander entstanden sind, aber jeweils ein eigenes Cover und eine klar erkennbare Linie haben. Die Texte sind organisch zu den Beats gewachsen, und alles ist sehr bewusst so angeordnet, dass sich poppige, düstere und experimentelle Facetten die Waage halten. Dieses Bedürfnis nach Struktur kommt glaube ich auch daher, dass wir einfach konsequenter geworden sind und das Mantra, grundsätzlich keine Kompromisse eingehen zu wollen, weitestgehend abgelegt haben. Es geht ja immer um den Mittelweg zwischen Hinrotzen und Perfektion. Der ist uns diesmal ziemlich gut gelungen.

War von vornherein klar, dass die Arbeiten auf ein Doppelalbum hinauslaufen sollen?
Doz9: Zumindest war uns schon relativ früh klar, dass wir Bock haben, uns in zwei sehr unterschiedliche musikalische Richtungen zu bewegen. Es lag dann nahe, ein Projekt zu machen, das aus zwei sehr unterschiedlichen Teilstücken besteht, die in sich geschlossen sind und Sinn ergeben. Die eine Hälfte ist ziemlich düster und stumpf, da ist viel rougher Scheiß drauf, bei dem ich beim Schreiben weniger nachdenken musste. Die anderen Sachen bin ich deutlich professioneller angegangen, habe Strukturen in die Texte gebracht, um sie nachvollziehbarer zu machen. Natürlich ist meine Schreibweise auch in diesen Fällen ziemlich assoziativ … aber man muss diese Songs zumindest nicht dreimal hören, um gewisse Messages zu kapieren.

Wolltet ihr euren schwer definierbaren Platz innerhalb der Szene damit klarer abstecken?
Doz9: Es ging schon darum, die Ambivalenz abzubilden, in der wir uns selbst befinden: Einerseits haben wir das Gefühl, ausschließlich Musik für den Untergrund zu machen und als Stellvertreter einer angestammten Kultur wahrgenommen zu werden. Andererseits spielen wir aber auch gerne mit den Elementen neuer Strömungen und haben wenig Bock, uns zu begrenzen. Das Doppelalbum besteht jetzt aus einer roten und einer blauen Vinyl. Du musst dich entscheiden, welche Pille du nehmen willst … Das ist Matrix-Shit. (lacht)
Torky Tork: Welche Seite »Maestro« und welche »Antipop« ist, muss der Hörer übrigens selbst entscheiden, das haben wir mit Absicht gar nicht festgelegt.

»Du musst dich entscheiden, welche Pille du nehmen willst … Das ist Matrix-Shit.« (Doz9)

Wofür stehen die beiden Titel?
Doz9: Vom Gefühl her waren die drei vorherigen Platten unsere Ausbildungsjahre. Und »Maestro« ist unser Meister, zumindest nach jetzigem Stand. »Antipop« ist einfach ein cooles Wort, aber auch ein Understatement bei allem, wofür wir stehen … und natürlich eine Referenz an das Anti-Pop Consortium.

In einem Song heißt es, dass das, »was früher noch behindert« war, heute als »was Besonderes« wahrgenommen wird. Wie stark bezieht sich diese Kritik auf die heutige Rap-Szene?
Doz9: In erster Linie geht es mir an dieser Stelle um den allgemeinen gesellschaftlichen Gusto. Ich will nicht haten oder rüberkommen wie jemand, der früher alles besser fand. Aber ich bin in einer Ära zum HipHop gekommen, in der dir das alles irgendwie noch Werte vermittelt hat … und darauf bin ich leider ein Stück weit hängengeblieben. Heute wirkt Rap auf mich oft wie ein einfaches Werkzeug, in das vorschnell viel zu viel Genialität hineininterpretiert wird.

Text: Alex Barbian
Foto: Jerome Reichmann

Dieses Interview erschien in JUICE #193. Aktuelle und ältere Ausgaben könnt ihr versandkostenfrei im Onlineshop bestellen.

 

 

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