Abschiedsbrief an die Deutschrapszene: Kaum noch zu ertragen // Kolumne

Für jeden Menschen kommt früher oder später der Moment, in dem man sich trennen muss. Von schlechten Gewohnheiten, falschen Freunden oder einer ungesunden Liebe. Die große Liebe, von der ich spreche, ist die Deutschrapszene.

Foto: William Minke

Für jeden Menschen kommt früher oder später der Moment, in dem man sich trennen muss. Von schlechten Gewohnheiten, falschen Freunden oder einer ungesunden Liebe.

Meist passiert so was nicht von heute auf morgen, es ist ein schleichender Prozess. Jeden Tag fallen einem weitere Dinge auf, die einen stören. Vom Rauchen werden die Finger gelb. Die angeblichen Freunde sind nur da, wenn der Rubel rollt. Die große Liebe ist in Wirklichkeit ein Pornokanal. Und irgendwann erkennt man: Das tut mir nicht mehr gut. Deshalb folgt nun ein offener Brief an meine große Liebe, in der Hoffnung, dass sie bereit ist, sich zu ändern. Denn auch in meinem Fall haben die störenden Ereignisse in den letzten Monaten überhand genommen: Ich fühlte mich unwohl. Das ganze Drumherum wurde mir immer suspekter. Beinah sämtliche Beteiligten in dieser polygamen Beziehungskiste waren und sind entweder unglaublich belastend, komplett nervig oder ebenfalls frustriert. Ihr ahnt es bereits, denn ihr seid schlau. Die große Liebe, von der ich spreche, ist die Deutschrapszene.

Das Problem an meinen bisherigen ungezählten Versuchen, unsere Beziehung durch Statements oder Artikel zu ändern: Meine große Liebe ist offenbar blind und taub. Ob die immer wieder gestarteten Appelle, Vergewaltigungsfantasien in Raptexten vielleicht einfach mal bleiben zu lassen, die tausendste ekelhafte Insider-Story über Rapper XY, die man gesteckt bekommt, wahnwitzige Verschwörungstheorien von Leon Lovelock oder, wie jüngst im Fall des Kollegah-Signings Jigzaw, die komplette Entgleisung eines Rappers, der sich regelmäßig mit von mir verehrten Szenegrößen auf Instagram zeigt – es fällt mir von Tag zu Tag schwerer, die Menschen im Rap-Kosmos zu lieben, zu respektieren, ernst zu nehmen. Aber all das ist nun mal die Basis für jede Beziehung. Und wir reden hier nicht über die gemeinsamen Musikvorlieben, denn die gibt es nach wie vor.

Meine große Liebe ist offenbar blind und taub

Doch auch abseits von (für viele Fans wahrscheinlich unglaublich nervigen) Sexismus-Debatten ist die deutsche Rapszene kaum noch zu ertragen. Man muss den HYPE Awards eigentlich dankbar sein, dass sie uns noch mal so konzentriert vorgeführt haben, was alles schief läuft in dieser angeblichen Gemeinschaft. Selbstverständlich war diese gruselige Show eine komplett misslungene Veranstaltung, die in sämtlichen Bereichen ungefähr jeden Fehler gemacht hat, den man machen kann. Peinlichkeitslevel unendlich. Aber zur Wahrheit gehört eben auch, dass sich ein Großteil der Rapper ganz einfach zu fein ist, eine an sich gute Idee wie diese zu unterstützen. Von wegen Community. Von wegen Zusammenhalt. All das, was stets eingefordert wird, wenn irgendein peinlicher »WELT«-Redakteur mal wieder HipHop an den Pranger stellt, löst sich in Luft auf, wenn es darum geht, den Worten Taten folgen zu lassen. Das Umfeld soll die Künstler verteidigen, das ist die in Stein gemeißelte Aufgabe. Zurückgeben wollen diese Künstler meist wenig. Oft strengt es sie schon an, sich vor oder hinter der Kamera nicht wie riesige Arschlöcher aufzuführen.

Seit Jahren verteidige ich in solchen Fällen die Musik, die ich liebe und die mich sozialisiert hat. Und das werde ich auch weiter tun. Nach wie vor werde ich Anfragen von TV-Sendern ablehnen, wenn mal wieder wer gebraucht wird, der in den sogenannten Mainstream-Medien über den Antisemitismus auf »JBG3« plaudert. Und das, obwohl ich ein Kollegah-Hater mit jüdischem Hintergrund erster Klasse bin und der Nachweis von Kolles Antisemitismus wirklich keinerlei ausgefeilter Beweisführung bedarf. Warum ich mich trotzdem weigere? Einfach, weil diese Leute meist weder Ahnung von der Materie haben, noch etwas dazulernen wollen. Sie wollen oft nur ihre Klischees und Feindbilder bestätigt sehen. Das Feindbild des dummen Rappers.

Die aktuelle Deutschrapszene muss sterben – damit wir leben können

Es ist aber nun mal auch Teil der Wahrheit, dass wir alle (JournalistInnen, Fans, PR-Fuzzis, ManagerInnen, Entourage usw. usf.) dadurch diese zu großen Teilen nur noch abstoßende Szene stützen. Und eben auch die Massen an dummen und ekelhaften Menschen, die sich dort tummeln. Weil wir das Geld brauchen, weil wir die Problematik nicht erkennen können/wollen oder weil wir es einfach megacool finden, endlich mal mit Rappern abzuhängen. Für viele der BerichterstatterInnen erfüllt sich ein Lebenstraum, wenn sie endlich in irgendeinem Backstage mit den MCs abhängen, die sie vor drei Jahren noch auf YouTube bewundert haben. Ich für meinen Teil kann sagen: Ich hab darauf einfach keinen Bock mehr. Nicht, solange die Szene nicht bereit ist, über sich selber nachzudenken. Und deshalb ist dieser offene Brief ein Versuch, mich davon zu lösen. Ihr könnt dieses aus Einschüchterungen, Shitstorms und »Honig ums Maul schmieren« bestehende Spiel gerne weiter spielen. Bis dahin heißt es für mich: HipHop is great. Aber die aktuelle Deutschrapszene muss sterben – damit wir leben können.

Diese Kolumne ist Teil von JUICE #194 – ab jetzt überall erhältlich und versandkostenfrei im Onlineshop bestellbar.

23 KOMMENTARE

  1. für das slime zitat aber ganz schön unbissig und warum auf einmal die erkenntniss?
    waren das wirklich die hype awards?
    weil sind wir mal ehrlich, es war nie bessere und reflektierter als jetzt. was nicht heißen soll das alles coco is, aber vergleich mal die situation mit der vor 10 jahren, oder 20 oder 30.
    ich will nicht wieder mit der alten leier das rap nur spiegel der gesellschafft ist anfangen … aber brudi, was ist denn nun genau dein Problem? das die konsumenten weiterhin den ranz kaufen?!?

  2. Viele haben eine falsche Vorstellung von Rap, für mich sieht es so aus als würden sämtliche Möchtegerne mit aufgepumten Muskeln die US-Mumble Rapper kopieren und das gleichzeitig mit Ghetto Life kombinieren.
    Die bling-bling poser Gesellschaft haben wir vielleicht in Deutschland aber doch keine Ghettos wie in den USA, wo du an jeder Stelle erschossen werden kannst. Rap Texte über Kalaschnikovs in deutschen Städten, also bitte. Dann dieser Autotune Mist noch dazu. Ansonsten klingt das meiste ja wie ein Affe auf Steroide. Nennt dieses Genre eifach um und verbindet die Wörter Hip-Hop und Rap nicht mit diesen Leuten. Würde das Ganze vieleicht Mumbling-Musik oder Posing-Musik nennen, vielleicht ist irgendjemand da kreativer als ich und findet einen guten Namen für diesen Trashtalk.

  3. punkt ist doch, dass – zum Glück! – endlich Hiphop in den Charts ist. Noch nie war Rap/ hip hop so stark wie aktuell. Ja es gibt Rapper die den Namen nicht verdient haben. Aber es gibt auch DJs die keine sind und Sänger die nicht singen können. so what?

  4. Digga, irgendwo hast du im Ansatz recht. Dennoch sagt dieser Artikel nicht unbedingt viel aus, außer, dass du jetzt vielleicht traurig bist, weil deine Große Liebe ne Hoe ist und du dir wünschst, dass sie sich ändert, obwohl sie seit Jahren die Gleiche ist. Ändere dich doch mal selber oder digg mal bisschen mehr im Untergrund anstatt belanglose „Kolumnen“ über Mainstream HipHop zu schreiben. Kunde

  5. Hast du denn erwartet? Dass die „Szene“ eine Community ist, die der Unterschicht , den Erniedrigten und Beleidigten eine Stimme gibt? War das überhaupt mal so oder war das nur eine Projektion? Die „Szene“ ist wohl eher so was wie eine Anhäufung von BWL-Prolls in albernen überteuerten Klamotten, nur mit deutlich weniger Schulbildung!

  6. Die eigentliche „community“ findet nur im Untergrund statt. Genauso wie das, was ihnen am HipHop fehlt. Es gibt genug Künstler die echten hiphop und rap verkörpern. Nur davon findet man im Mainstream nicht viele. Es gibt sie aber. Wer suchet…

  7. Kann es voll und ganz verstehen!!! …das wofür die heutige rap generation steht, dafür habe ich nicht gekämpft.
    Stimme dir zu, das das meiste der heutigen rap scene (oder was sich so nennt) sterben muss. Damit wir wieder leben können. Aber zum glück sind wir ja nicht tot, sondern warten im untergrund….

  8. Ich hätte jedes Wort absolut genauso formuliert. Die kann die ganzen Hampelmänner nicht mehr ernst nehmen. Deutschrap ist ein riesiger Kindergarten geworden. Beratungsresistent, selbstgefällig unreflektiert. Natürlich gibt es noch gute Sachen/Künstler aber die gehen doch durch die Flut an Scheisse komplett unter. Es war mal cool zu sagen man hört Rap.

  9. Mimimimi. Die Jungen kamen und übernahmen. Euren „Journalismus“ kann man eh nicht ernst nehmen, also brauchen wir gar nicht auf so seriös zu tun. Vielleicht hat sich die Szene nicht verändert, sondern nur weiter entwickelt – wie ihr auch.

  10. Phönix aus der Asche. Das ist das Unvermeidliche. Es fehlen einfach ein paar frische, unverfälschte, aber vor allem hungrige Header, die die Szene aus dem triefenden Pop-Schmodder ziehen und wieder eine Plattform schaffen, um Deutschrap wieder zu einer echten Kultur zu etablieren. Der Lauf der Geschichte hat immer wieder gezeigt das erst der Wettbewerb, das „sich messen und verbessern“ Top-Leistungen hervorbringt. Aktuell sehe ich leider keine wirklichen Athleten im Genre, aber das ist nur eine Frage der Zeit meiner Meinung nach. Also Zähne zusammenbeissen, vergangene Meisterstücke feiern und wieder in Erinnerung rufen, dann tauchen schon irgendwann würdige Nachfolger auf.
    Da glaub ich ganz fest dran.
    #keepyourheadup

  11. Habe auch nach mehrmaligen darüber nachdenken den Sinn (dieser Artikel wurde mir über Facebook vorgeschlagen btw) nicht verstanden, Das ist doch nichts als weichgekochter Mist. Vor 20 Jahren konnte man wenigstens noch authentische Sache hören, und heute schließt sich der Rapkreislauf im Shisha-Cafe. Damit verbunden das Leute auf den Markt drängen die versuchen Ihr illegales Einkommen damit zu waschen. Nochmal zum Artikel: Es fehlt leider jeglicher Inhalt, du kritisierst Kollegah und desssen Signing obwohl es so viel ehrlichen Rap gibt an dem es sich zu ergötzen lohnt, Deutsch-Rap mit Wortwitz und Hintergrund anstatt mühelos auf den Markt geworfene Arabischen Rap-Profis. Es gab Mitter 2000er Jahre schon Rapper die euch (JUICE) nicht ernst genommen haben und ihr habt euch anscheinend auch 10-15 Jahre später nicht weiterentwickelt.

  12. Ich kann das ganze einerseits nur all zu gut nachvollziehen,aber, wie viele Keinen Milimeter nach Rechts wollen,so muss ich doch sehr bitten,früher hieß es mal,Whacks gehören zerstört,gemeint war Vinyl,das gescratched wurde,heutzutage meint man aber damit,den Mainstream,der hauptsächlich weißen Protagonisten,mit schlechtem Rap,welcher nicht durch Reimfertigkeit,sprich Skillz und Flow zu überzeugen wisse,wenn jemand das wissen müsste,dann ein Journalist,welcher über eine einzelne Musik-Sparte zu berichten habe.Was heutzutage Rap,oder Hip-Hop genannt wird,dafür würde sich manch ein Toter im Grabe umdrehen um auf uns hoch zu scheissen,das Hip-Hop noch lebt.Speziell,mir als Deutschrapper,wie Englisch, MC,ist es wichtig,so viel rein zu packen und dem ganzen Packvolk von Wannabe Hip-Hop-Vertretern mal zu sagen,was Sache ist.Das Problem ist nur,die bedrohen einen dann gleich,wie die kleinen Mädchen die sie sind teils, mit eigenen Terroristinnen,welche sich nichtmal im Ansatz raustrauen und nur eine Spezialität aus Fern-Angriffen gemacht haben.Was hierzulande Hip-Hop genannt wird,ist Respektlos,der Oldschool und ihren ursprünglichen Werten gegenüber,diese Möchtegerns,der Mainstream-Industrie haben doch die Grundwerte der Szene, längst verraten.
    Die Art und Weise,wie wir als Szene mit denen umgehen,muss sich ändern und speziell,wenn man sich auf Legenden zurück beziehen lassen will,sollte man denen auch echte Ehrerbietung erweisen und die Konfrontation suchen,denn das ist die eigentliche Competition,um die es von Anfang an ging,das Zerstören,dessen,was einem zu weiß,zu priviligiert,oder anders,zu Meisterhaft erscheint,durch die Arbeiterklasse,welche einerseits ehrliche Jobs habe,aber andererseits,keinen Star-Ruhm erhält,weil sie eh darauf pfeift,wenn Babys schreien,welche nicht die eigenen sind.Zugegebenermaßen,ich lasse mich Frauenfeindlicher lesen,als ich bin,aber mal ehrlich,wie soll man dieses Weake Getue der Star-Ruhm geniessenden eigentlich sonst in Hip-Hop-Kulturmäßigen Sätzen verständlich erklären?Back to Ladies and Gentleman wäre meine Devise,statt dessen treffe ich auf Mafiosi und Fotzen.Dinge,gegen die die Ursprüngliche Hip-Hop Kultur sich mal einsetzen wollte…was bleibt,bislang nur der Krieg im Musik-Industriellen Underground,um ein paar Hörerinnen und Hörer.
    Hochachtungsvoll:
    Grandmaster of Rhyme,Legend of the Realschool:GeniousHardcore

  13. Gibt es diese „Deutschrapszene“ heute überhaupt, also ein Community die sich als Interessengemeinschaft versteht und sich an gemeinsamen Werten orientiert, die über das rein Materielle und die eigene Selbstinszenierung hinausgehen? Klar, wenn man sich die alten Folgen von VIVA Freestyle und Wordcup anschaut, dann bekommt man einen Eindruck von einer solchen Deutschrapszene, die es damals vor einem Viertel bis Fünftel Jahrhundert wohl mal gegeben hat. Aber im Life-Cycle einer Subkultur hat „Deutschrap“ doch längst diese Phase der geschlossenen Wertegemeinschaft verlassen.

    Heute sehe ich verschiedene Peer-Groups, die irgendwie irgendwas mit „Deutschrap“ zu tun haben, aber teilweise recht wenig Überschneidung miteinander haben:
    1) Musikindustrie Mainstream (inklusive Labels, Distribution, Künstler, Producer, Booking etc.)
    2) alternative und Underground Rapszene (weniger kommerziell ausgerichtet, eher DIY orientiert
    3) Mainstreammedien (Spiegel, Stern, Welt etc), die gerne die Beefs, Tabubrüche und organisiert-kriminellen Hintergründe einiger Protagonisten aufgreifen, um diese absatzerhöhend für die eigenen Publikationen / Sendungen zu verwerten
    4) „Rapmedien“ (meistens ein temporäres Auffangbecken für überprivilegierte, rap-sozialisierte Akademikerkinder, die hier ihre ersten journalistischen Gehversuche wagen, bevor sie sich später für einen karrieretechnisch vielversprechenderen und besser entlohnten Job im Musikbusiness oder den Mainstreammedien entscheiden).

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