Ssio: »Stell mich nicht in die Realkeeper-Ecke. Ich bin nicht in der Cypher groß geworden.« // Titelstory

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Bist du in den Kreisen, in denen du sozialisiert wurdest, denn früh rausgestochen? Warst du zu smart für die Straße?
Das hat gar keinen Zusammenhang, Intelligenz und Wohnort. Zu denken, dass die Leute auf der Straße nicht genauso schlau sein können wie die Oberschicht, ist ein krasses Vorurteil. Die reiche Schicht trägt nur andere Klamotten und überträgt ihre Intelligenz auf andere Ebenen. Ein Drogendealer bezieht seine Intelligenz halt auf sein Kerngeschäft. Um erfolgreich kriminell zu sein, musst du verdammt schlau sein.

Hast du dein BWL-Studium mittlerweile eigentlich abgeschlossen?
Nee, aber ich hab nur noch zwei, drei Kurse. Die Musik hatte in den letzten paar Jahren einfach Priorität, deswegen musste ich die Uni etwas schleifen lassen. Ich werde das aber wieder in Angriff nehmen.

Du hast mal erzählt, dass der Professor sich über dich lustig machte, weil du im Jogginganzug im Hörsaal saßt.
Das war im ersten Semester. Der Prof hat irgendwas über Kriminalität in Neukölln erzählt. Er stand dann vor mir und meinte: »Ist das nicht so?« So ein Schubladendenker. Meine Erscheinung war etwas zu markant, auch für die Kommilitonen. Von meiner Sorte Mensch gab es da keinen. Man nahm nicht bewusst Abstand, aber hatte einfach nichts miteinander zu tun. Deshalb war ich da mehr auf Einzelgänger-Modus, was wahrscheinlich besser war. Ich hatte gar keinen Bock, da mit jemandem zu labern. Warum auch?

 

ALLE UNTER EINEM DACH

Als Gesprächspartner ist Ssio in der Tat eine harte Nuss. Sein neues Werk »0,9«, das sich, auch dank der großartigen, von Xatar inszenierten, Sitcom-ähnlichen Videos zu den Singles »Nullkommaneun« und »Sim-Karte«, vor Veröffentlichung bereits blendend verkauft, ist keine Neuerfindung, sondern setzt soundästhetisch und inhaltlich dort an, wo »BB.U.M.SS.N.« aufgehört hat: Ssio erzählt Unterweltgeschichten einer vergessenen ­Parallelgesellschaft. Nur eben interessanter, lässiger und besser gereimt als seine Kollegen. Dass er das Milieu, von dem er berichtet, und das er im Stile eines Karikaturisten porträtiert, mit all seinen Schattenseiten kennt, macht ihn für viele zum authentisch­sten und gleichzeitig zum sympathischsten Rapper der letzten Spielzeiten. Ssio ist ganz bestimmt kein Schauspielrapper, der in Rollen schlüpft, wie das zum Beispiel ein Alligatoah tut, sondern ein ernstzunehmender Musikliebhaber und Autodidakt mit absolutem Rapgehör, der sich stundenlang über Kickdrums, Abmischung und Audio-Interfaces unterhalten kann, nur um im nächsten Moment über Miss-Sixty-Jeans (»Trägt man die eigentlich noch?«), Buffalo-Schuhe und nicht vorhandene Hipster in Bonn (»Da gibt es nur Karohemden-BWLer«) zu philosophieren.

Kurze Rückblende: Während Xatar im Knast sitzt und sich Alles Oder Nix mit so unterschiedlichen Rap-Charakteren wie dem Hamburger Straßenjungen Kalim, der Frankfurter Ex-Prostituierten Schwesta Ewa und eben Ssio, zur Qualitätsinstanz aufschwingt, kümmert sich Ssios älterer Bruder Sohail um die Angelegenheiten des Quasi-Familienbetriebs: »Er ist der Mann im Hintergrund, der Strippenzieher«, gibt Ssio zu Protokoll. Im Gegensatz zu den kommerziell noch erfolgreicheren (Ex-)Indies Selfmade und Banger Musik, funktioniert beim Ehrenmann-Label nicht nur jeder Einzelcharakter für sich, es gibt auch eine klare Vision, wie man in der Öffentlichkeit präsentiert werden will. Ein Konzept, das das Kollektiv als solches greifbar macht: Straßenschlau, gewieft, aber immer um den Unterhaltungsfaktor bemüht.

Wie hat sich denn die Labelarbeit von Alles Oder Nix verändert, seit Xatar wieder frei ist? Er hatte vom Knast aus ja trotzdem die letzte Entscheidungsgewalt.
Von der Kommunikation her läuft es jetzt einfacher und direkter. Feedback zu gewissen Dingen innerhalb einer Albumproduktion kommt viel schneller. Kommunikation ist ja eines der wichtigsten Dinge innerhalb eines Labels. Und wenn der Labelchef im Gefängnis sitzt, ist das natürlich deutlich schwieriger.

Als Xatar festgenommen wurde und in den Knast ging, hattest du auch eine Hausdurchsuchung am Hals. Bist du noch auf Bewährung?
Das soll an dieser Stelle nicht von Interesse sein. (grinst)

Ihr seid zu den Beginn von AON in einschlägigen Bonner Kreisen noch belächelt worden. Hat sich das mittlerweile geändert?
Unter Kanaken war deutscher Rap damals noch verpönt und bei weitem nicht so akzeptiert, wie er es heute ist. Indem wir diesen Schritt wagten und durchzogen, haben wir dazu beigetragen, das zu ändern. Im End­effekt war das auch kein richtiger Gegenwind, es gab ein paar Zweifler, die die Vision nicht verstanden. Aber wir waren von Beginn an frei von Fassaden und fremdbeschämenden Inhalten. Die Mucke war echt, das haben die Leute schnell verstanden.

Welchen Input hast du auf andere AON-Veröffentlichungen? Hilfst du auch mal mit Zeilen und Songideen aus?
Ich schreibe gar nichts für andere, aber bewerte all unsere Produkte. Wenn etwas kritikwürdig ist, bringe ich das an. Es ist aber nicht so, dass ich anderen Künstlern reinrede oder sie verbiegen will.

Wie hat sich euer Slang eigentlich entwickelt? Es gibt diesen alten Text von Joachim Ringelnatz aus dem Jahre 1978: »Gedicht in Bi-Sprache«.
Wir haben das nicht erfunden, dieser Slang ist älter als ich es bin. Sobald ich mich in meinem Freundeskreis bewege, denke ich in diesem Slang. Über den Ursprung denkt man dabei ja nicht nach. Ich habe auch nicht das Bedürfnis, diesem Ringelnatz deswegen die Hand zu schütteln. (grinst) Das Bi-Ding ist jedenfalls eine Bonner Eigenart, obwohl wir es durch die Musik schon weiter verbreitet haben. Sogar die Kölner verstehen das mittlerweile. Das liegt wahrscheinlich an meiner krassen Ausstrahlung.

Wie schreibst du deine Texte?
Ich gehe auf Wikipedia, suche bei THC nach der chinesischen Beschreibung, dann kopiere ich den Text, füge ihn bei Google Translate ein und lasse ihn übersetzen. Dadurch spare ich viel Zeit und Arbeit. (grinst)

Auf »0,9« sticht der Track »Pibissstrahlen auf 808 Bässe« mit Haftbefehl sound­ästhetisch sehr heraus. Ist das als eine Art Kommentar zum zeitgemäßen Trap-Sound zu verstehen?
Absolut, man macht ja auch Songs, die aus dem Raster fallen, aber immer noch im Kosmos sind. Als ich den Beat gehört hab, musste ich direkt drauflosschreiben. Hafti hielt ich für eine Bereicherung, da keiner mehr Atmosphäre in Songs erzeugen kann als er. Und diese 808-­Geschichten und Trap-lastigen Beats zwischen 70 und 80 BPM sind ja mittlerweile sein Metier.

 

Welche Charaktere stecken hinter »Don & Fuß«, dem Track mit Xatar? Ist das ein Insider?
Das sind, neben Otto und Joe, zwei bekannte Kripo-Beamte aus Bonn. Natürlich sind das nicht deren echte Namen, sondern Künstlernamen, die sie sich verliehen haben. Das ist wirklich nicht erfunden: Don ist der Lange und der Mann fürs Grobe. Fuß ist klein, schnell und flink und derjenige, der die Beinchen stellt. Die ergänzen sich ganz gut in ihrer anatomischen Form.

Sind das eure Totos und Harrys, die nach dem Good-Cop/Bad-Cop-Prinzip verfahren?
Ja genau. Nur, dass beide Bad Cops sind.

Du bist einer der wenigen Straßen­rapper, auf den sich alle einigen können: Hipster, Straßenkids, Realkeeper, selbst die Studentenfraktion feiert dich.
Ich denke aber nicht, dass das daran liegt, dass ich studiert hab. Das wäre auch ohne diesen Background so gekommen. Am Ende zählt die musikalische Qualität, und die habe ich nicht durch die Uni erlangt.

Ich meine damit auch nicht, dass die Leute dich feiern, weil du auf der Uni warst, sondern dass es früher noch eine striktere Aufteilung gab, in ­welchen »Milieus« welche Musik gehört wurde.
Das ist mittlerweile durchmischter, was einen ganz einfachen Grund hat: Es gibt eine neue Generation – nicht mehr die alte Blumentopf-Generation, und die ist mit diesen Inhalten und so einem Sound vertraut. Außerdem haben sich Kanaken früher dafür geschämt, eloquent in ihrer Aussprache zu sein, weil sie dachten, dass ihre Glaubwürdigkeit darunter leidet. Das ist ein wichtiger Aspekt: Ich muss mich in meiner Ausdrucksweise nicht verstellen. Ich weiß, dass mein markanter Charakter darunter nicht leidet, wenn ich mich vernünftig artikuliere.

Ein weiterer Grund ist doch auch, dass Straßenrap lange sehr bieder war und auf keinen Fall witzig sein durfte.
Ja, aber wenn du auf der Straße groß wirst, weißt du: Dort gibt es sehr viel zu lachen. Die meisten Jungs verbringen neunzig Prozent ihrer Zeit auf der Straße mit Humor. Aber es gab lange Zeit diese Angst, vor Fremden peinlich zu wirken, indem man mit der Ironie in der Musik spielt. Man muss aber auch sagen: Es ist ja gut, ironisch zu sein und nicht alles so ernst zu nehmen. Man darf es aber nicht zu sehr ausreizen, so dass man auf die Comedy-Schiene gerät. Das bin auch wieder nicht ich. Ich bin kein Komiker. Ich bin ein normaler Junge von der Straße, der ein bisschen lustiger ist.

Lass uns noch beim Thema Humor bleiben. Wie hat sich denn deine Art des Komischseins entwickelt? Vor allem die einschlägigen Neunziger-Jahre-Vorabend-Serien haben ja eindeutig ihre Spuren hinterlassen.
Neben »Prinz von Bel-Air« war das vor allem »Alle unter einem Dach« mit Steve Urkel, der war unnormal lustig. Dann gab es Mitte der Neunziger eine Serie mit LL Cool J [»Ein schrecklich nettes Haus«; Anm. d. Verf.], die war übertrieben witzig. Ich muss auch sagen, dass mir der schwarze Humor immer mehr zugesagt hat als der weiße. Der war einfach sinnloser, bescheuerter und machte sich über Dinge lustig, die sonst nicht witzig waren – auch weil die Charaktere immer etwas lässiger und unverkrampfter waren als hier in Europa. Hier muss der Humor immer einen tieferen Sinn ergeben. Das ist gar nicht mein Ding.

Auf »Nullkomma­eins«, dem ab­schließenden Track deines neuen Albums, wirst du ungewohnt seriös. Ist es dir schwergefallen, so etwas ernstes zu schreiben?
Nö, überhaupt nicht. Ich würde den auch nicht als überernsten Depri-Track bezeichnen. Er ist schon etwas deeper, aber die Message davon ist trotzdem: Scheiß drauf, ist halt so. Und eben nicht: Denk genau darüber nach. Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass man sich nach dem Hören selbst reflektieren muss. Man muss überhaupt gar nicht reflektieren! Einfach den Song anhören und genießen.
Reaf: Hast du die Adresse am Ende des Songs mal gegoogelt?

Du meinst die Stimme des Navigationssystems: »Sie sind in Bonn-Mitte angekommen.« Nein.
Die Stimme sagt: »Sie befinden sich nun in der Immenburgstraße 17, Center.« Wenn du das bei Google eingibst, siehst du, dass das ein schöner Ort ist, an dem man sich gerne öfters aufhält. Wenn man dem Song irgendeine Message zusprechen will, dann ist es diese Adresse. Ich beschwer mich nicht über irgendwelche Umstände. Nein, fuck it – ich bin jetzt im Puff und möchte ficken gehen. (lacht)

Wieso hat deutscher Rap es eigentlich nötig, »bei Youtubern blasen zu gehen«, wie du auf »0,9« sagst?
(lacht wieder) Geil, super Frage! Anscheinend machen das manche, um Reichweite zu erzeugen, neue Zielgruppen zu erreichen. Die Frage ist: Was würdest du sagen, wenn ich das machen würde?

Ich würde es für einen Scherz halten.
Sobald man so einen Schritt wagt, ist ja klar, dass es einen marketingtechnischen Hintergrund gibt. Auf musikalischer Ebene grenzt das an Arschverkaufen, ganz einfach. Man geht damit über Leichen – obwohl, das wäre ja noch schön. Da muss man charakterlich für gemacht sein, um so einen Move zu machen. Oder, wie sagt man: kompromissbereit. (grinst)

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