Sonne Ra: »Wir sind froh, nicht zu diesem Scheiterhaufen von Kapitalfaschisten zu gehören« // Interview

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Mit Sonne Ra und doZ9 finden zwei langjährige Vertreter des dopen Untergrunds endlich auf einem gemeinsamen Album zusammen. Das Ergebnis trägt den Titel »Superposition« und wirft gängige Konzepte von Rapalben über den Haufen. DoZ9 arbeitet größtenteils mit Loops, die nur ab und an mit Drums unterfüttert werden, während Sonne Ra Texte zwischen kryptischen Anspielungen und ernsthafter politischer Botschaft beisteuert. Im Interview erklärt Sonne Ra, warum »Superposition« gleichzeitig einen physikalischen Zustand und die Musik der beiden beschreibt, wie Rassismus sein Leben in Erfurt prägt und warum er lieber Untergrund-Artist bleibt, statt in angesagten Playlisten zu landen.

Was steckt hinter dieser Superposition, nach der du das Album benannt hast?
Sonne Ra: Superposition ist ein echter Muthafucka, ein physikalischer Zustand, in dem Teilchen zu jeder Zeit und an jedem Ort gleichzeitig existieren können. Nur wenn man die verdammten Teilchen messen will, entscheiden sie sich für einen einzigen Zustand. Ich bin kein Astrophysiker, aber ich habe mir erlaubt, daraus eine Parallele für die Kunst zu ziehen. Die Herangehensweise, so wie wir unseren Scheiß tun, so wie wir den Zugang zu unseren Ressourcen öffnen, so wie wir den Geist fühlen, nicht zu wissen, was als nächstes passieren wird, dass alles möglich sein kann, das wir tun können was wir wollen, das wir frei sind, uns immer wieder neu finden können, nicht zu kategorisieren sind, mit einzigartiger Eigenart ein Original nach dem anderen in den Kosmos ballern, alles das heißt Superposition.

Und was hat das mit dem Astronom Josef Gaßner zu tun?
Ach du weißt, spät abends mit blutenden Augen youtuben, so kam ich auf Josef Gaßner, der mit Harald Lesch so ein Format »Urknall, Weltall und das Leben« moderiert und mir auf diesem Wege das Doppelspaltexperiment, worin die Superposition entdeckt wurde, erklärte. Der Typ ist echt entspannt und kann ganz gut Dinge näherbringen, zu denen man sonst nicht so den Zugang bekommt.

Eigentlich war es ja längst überfällig, dass du und doZ9 ein gemeinsames Album gemacht habt, so lange wie ihr schon im selben Dunstkreis unterwegs seid. Welchen Einfluss hat euer Kollektiv O.F.D.M auf deine Musik gehabt?
O.F.D.M ist die Gang. O.F.D.M ist ein Movement. O.F.D.M bedeutet vieles. Osten fickt die Muschi, Osten fährt den Mercedes und meine ethnische Bezeichnung lautet Obdachloser Freund Deiner Mutter. Die O.F.D.M-Gang hat sich 2006 in Magdeburg gegründet und durch Umwege kamen DJ MetaZwo und doZ9 nach Erfurt. Wir liefen uns natürlich über den Weg und hatten von Anfang an eine starke Verbindung. So fuhr ich regelmäßig nach Magdeburg, pennte bei MetaZwo aka MulaFrank auf der Couch und lernte auch Jay Spaten, Freshface und Plusmacher und DJ Q-Cut kennen. Und so kam eins nach dem anderen und der Mula wurde ins Kollektiv aufgenommen. Der Einfluss von O.F.D.M besteht wohl darin, dass wir uns alle gegenseitig immer wieder durch unsere Musik inspirieren und antreiben, weiterzumachen, immer wieder frisch abliefern, eine gewisse Battle-Reimpriorität, der wir gerecht werden, bis die Schlüpfer auf die Stage geschmissen werden. Übrigens haben Freshface und Arjey von den Enemies gerade eine EP am Start, check das aus!

Und wie kommt es, dass ihr nach all den Jahren und musikalischen Entwicklungen immer noch auf einer Wellenlänge seid und harmoniert?
O.F.D.M ist 4Life. Wir haben uns über die Jahre zusammen entwickelt, haben voneinander gelernt, haben uns gegenseitig unterstützt und bewahren das Feuer auf. Von Anfang an war es die Musik, die uns verbunden hat. Wir wissen uns zu schätzen und können uns gegenseitig respektieren, sowie an uns glauben.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, auf dem Album hauptsächlich Loops statt ausproduzierte Beats zu verwenden? Hat sich das auch darauf ausgewirkt, wie du die Texte geschrieben hast?
Schon 2010 hat mir doZ9 Loops geschickt. Wir haben auch schon so einiges an Tracks hier und da gemacht, aber wie das nun mal so ist, kommt zusammen was zusammengehört, wenn die Zeit dafür ist. Wir lieben Rap in Reinform, einfach die pure Essenz. Bei all den Projekten und Werken, die wir bereits veröffentlicht haben, ist es uns immer wieder ein Bedürfnis, aus einem völlig anderen Blickwinkel unsere Zustände in neue Flows und Styles zu übersetzen. Kurzum, wir hatten die ganze Zeit schon Bock auf den Scheiß. Alles wurde bis aufs Wesentliche reduziert, übrig blieb nur die Substanz, aus der sich der Geist nährt. Auf Loops bist Du wesentlich freier, der Fokus ist überall und die Wortklangkraft vervielfältigt sich überdimensional. Das hat sich im Schreiben auf jeden Fall ausgewirkt. Auch das doZ9 selber ein MC ist, ist von großer Bedeutung, da er letztlich den Puls für freie Impulse gibt und weiß, wann man am Mic einsetzen kann. All das hat sich auf das Schreiben ausgewirkt.

Politische Themen und die Verarbeitung von Erfahrungen mit Rassismus in Deutschland ziehen sich durch deine Diskographie, auch wenn das nie klassischer Conscious Rap war. Auf »Superposition« spielt die Thematik wieder eine Rolle und du gehst auf DDR-Zeiten ein. Kannst du beschreiben, wie du das politische Klima damals wahrgenommen hast und ob es sich mittlerweile verändert hat?
1975 gab es Pogrome in Erfurt, wo Algerier von Nazi-Mobs gejagt wurden und gelyncht werden sollten. Ich war eines der geächteten Kinder dieser Algerier und wuchs in einer mir wesensfremden und feindseligen Welt auf. Vor gut zwei Monaten wurden drei Ghanaer in Erfurt von einer Gruppe Nazis überfallen und schwer misshandelt, einer von den drei Männern wurde ins Koma geprügelt. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Es gibt keine weitere Berichterstattung. Es hat sich nichts geändert. Und in Anbetracht dessen, was im ganzen Land passiert, ist es nur eine Frage der Zeit, wann der Nächste dran glauben muss.

Hast du die Hoffnung auf Besserung? Ist die Stadt trotzdem eine Art »Heimat« geworden oder bleibt das Gefühl, sich fremd im eigenen Land zu fühlen, bestehen?
Die Folgen der nicht vorhandenen Integrationspolitik in der DDR, hat es den Erfurtern nie ermöglicht, andere Kulturen wirklich kennenzulernen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, mit ihnen gemeinsam zu leben und zu harmonieren. Sie alle leiden bis heute hochgradig an Xenophobie. Ich war der einzige Schüler mit schwarzen Haaren und arabischen Namen an einer Schule mit 600 anderen Schülern. Der einzige in einem ganzen Wohngebiet. Doch es sollte eine Zeit kommen, wo in Erfurt die Kinder der Afrikaner zusammenkamen und sich untereinander austauschten und sich zur Seite standen. Schon zwei von uns zusammen auf der Straße reichten aus, dass sich die meisten Erfurter schon fast bedroht fühlten. Wir fingen an, uns physisch und psychisch zu wehren und haben uns besser organisiert. Und es wird die Zeit kommen, wo keiner sich mehr trauen wird, die Hand gegen uns zu erheben. Das ist keine Hoffnung, sondern eine Zuversicht, da wir immer mehr werden. Dass ich nicht hierher gehöre, ist tief in mir verankert, ich bin dort zu Hause, wo ich meinen Hut hinhäng. Doch es gibt in Erfurt viel zu tun, für die Kinder hier, Präsenz zu zeigen, mehr als in Berlin oder Frankfurt und hier ist meine Familie, meine Kinder, meine Mama. Erfurt ist meine Stadt und hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Ich hasse Erfurt. Nur bei Nacht, wenn alles schläft und nur das Straßenlicht wach ist, fühle ich mich kurz zu Hause.

Ist deine »kulturfremde Kunst« der kreative Gegenpol zu Leuten, die stolz auf Deutschland sind?
Die AFD hat in einem ihrer Wahlprogramme verkündet, kulturfremde Kunst verbieten zu wollen. Sie konnten nicht »entartete Kunst« benutzen, dann wären sie ja Nazis die Bücher verbrennen. Ich mache keine Kulturfremde Kunst, das missverstehst du. Meine Musik würde aber sicherlich als „kulturfremde Kunst“ diagnostiziert und verboten werden, sollte die AFD denn an die Macht kommen.

Neben den politischen Aspekten finden sich viele selbstreferenzielle Zeilen und Anspielungen, die man entschlüsseln kann oder vielleicht auch nicht versteht. Forderst du deine Hörer*innen bewusst heraus oder ergibt sich das schlicht aus deinem Stil, zu schreiben und zu rappen?
Im Laufe der Jahre habe ich mir meine eigene Welt oder eine eigene Philosophie angeeignet und eigene Slangs und Shines erfunden. Oft grüße ich auch durch irgendwelche Insider-Verses Freunde von mir, die nur sie auch wirklich verstehen können. Der Hörer aber, versteht das, was er darunter verstehen will. Manches wird auch entschlüsselt, aufgebrochen und wieder verschlüsselt, weil das Leben ganz genau so funktioniert. Wenn du meine ersten vier Alben, die ich zusammen mit Sadya Jamama gemacht habe, nicht kennst, nicht weißt, dass wir den Mula-Funk erfanden, unseren eigenen Stil erschufen, wenn du nicht Eingeborene Außerirdische, Hadji sagt Gesundheit, H.I.M.S., Mula4Life, Eh-Olo oder Str8IngeInge kennst, wirst du Superposition natürlich nicht so nachempfinden können, wie diejenigen, die mich seit Jahren hören. Doch denen, denen es wert ist, verstehen zu wollen, weil sie den Soul fühlen, verstehen genau das, was ich fühle.

Ihr habt Reviews dieses Mal direkt bei befreundeten Artists in Auftrag gegeben. Warum sollten gerade andere Rapper und Produzenten ihre Meinung zu »Superposition« abgeben?
Unsere Herangehensweise, Musik zu machen, inhaltlich, wie auch der Sound, unterscheidet sich wesentlich zu dem, was hier im Lande meist so üblich ist. So verhält es sich auch mit unserer Promo und dem Geschäft. Selbst Live-Gigs finden, dank dem Movement von T9, auf ganz anderen Ebenen statt, ganz anders, als es in der Branche ansonsten der Fall ist. Statt den Wegen und der gängigen Weise von Rappern zu folgen, finden wir andere Pfade, auf denen wir selbst bestimmen, wie wir gehen. Nicht mal 6 Kronen in der JUICE könnten so viel Liebe und Anerkennung geben, wie es hier der Fall ist.

Und wie ehrlich sind diese Reviews, wenn sie größtenteils von Leuten aus dem eigenen Umfeld stammen?
Wir haben uns nicht hingesetzt und lange gegrübelt, wie man denn auf kuriose Art und Weise das Album bewirbt, es war eher ein Zufall, weil wir auf einmal zwei Pressetexte hatten. Eins führte zum anderen und wir schickten das Album einfach an alle möglichen großartigen Künstler. Viele, die wir kennen, aber auch Künstler, welche wir zu schätzen wissen, doch nicht wirklich Kontakt haben. Nicht alle kommen aus unserem Umfeld. Was aber alle gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass sie gute Musik lieben und leben. Wir wissen, dass sie wissen, was wirklich gute Musik ist und dass sie durchaus auch mündig sind, Kritik zu äußern und wir haben sie auch aufgefordert, kritisch zu sein. Wäre das Album nicht ein werdender Klassiker, würden es diese Künstler auch nicht unabhängig voneinander öffentlich kundtun, da sind wir uns sicher. Keiner von denen hat Bock, für eine Peinlichkeit ihren Namen drunter zu setzen.

DoZ9 hat einen Insta-Post abgesetzt, in dem er sich darüber beklagt hat, dass eure Musik nicht die mediale Anerkennung findet, die sie verdient. Ist das nicht ein generelles Problem aller Artists, die Untergrund sind?
Es gibt Artist, welche mit großen Labels zusammenarbeiten, aber es gibt auch Künstler, welche mit kleinen Labels arbeiten. HipHop kommt immer von unten, dort wo Leute eben nicht gehört werden und kann auch bis nach oben in die Charts wandern. Genau deshalb findet HipHop nicht nur oben statt, sondern auf vielen verschiedenen Ebenen. Sag Untergrund, oder sag independent, letztendlich gibt es schon einen großen Kreis von uns, von Künstlern, welche wie unsichtbare Geister existieren. Wir sind eher dafür bekannt, dass uns keiner kennt, außer einer kleinen Hörerschaft, die uns lieben und zu schätzen wissen, was wir tun. Du missverstehst, wenn du glaubst, dass wir mehr Anerkennung brauchen, um bekannter zu sein. Es gibt einfach nicht so viel Leute, die wirklich eine eigene Meinung haben, einen eigenen Geschmack besitzen, die mündig sind und selbst bestimmen, was sie gut finden oder hast du dir mal die DeutschRapHotPlaylist, die am meisten gespielt wird, reingezogen? Der Markt, auf dem wir uns bewegen, ist nicht manipuliert, unsere kleinen Vinyl-Auflagen werden verkauft und wir sind zufrieden und dankbar. Wir sind froh, nicht zu der armseligen, peinlichen Elite, nicht zu diesem Scheiterhaufen von Kapitalfaschisten zu gehören. Wir sind genau dort, wo wir sein wollen. DoZ9 ging es eher darum, dass die von ihm aufgezählten Journalisten sich genau solche Eigenschaften zuschreiben, über Leute wie uns zu berichten, aber zum Schluss doch nur die von der Musikindustrie diktierten Künstler interessant finden. Sich groß extravagant Avantgarde auf die Brust schreiben, aber zum Schluss doch eher denen eine Plattform geben, die jeder kennt. Außerdem stellen sich diese Journalisten so in Szene, als würden sie gesellschaftliche Themen, wie zum Beispiel gescheiterte Integration, Rassismus oder soziale Missstände kritisch aufgreifen, doch nehmen fast ausschließlich Beispiele von Leuten, die in Berlin oder Frankfurt wohnen. Dort aber, wo Höcke sein verschissenes Büro hat, dort wo über 20 Prozent die AFD wählen, dort wo Menschen mit schwarzen Haaren seit Jahrzehnten gejagt werden, dort, wo wirklich nur einzelne wie Helden Widerstand leisten, dort sind diese Pfeifen nicht anzutreffen. Genau das hat doZ9 mit seinem Post aussagen wollen.

Bedeutet mehr Berichterstattung gleichzeitig mehr Relevanz? Was macht relevante Musik für dich generell aus?
In der Tat denke ich, dass es unseren Kreis an Hörerschaft nicht sonderlich vergrößern würde, würden wir dauernd auf allen Plattformen präsent sein. Es ist wirklich ganz einfach, es gibt nicht so viel dope Leute, die unsere Musik fühlen könnten. Es liegt daran, dass man in jedem Fall in der Lage sein muss, selbst zu bestimmen, was man gut findet oder aber einfach ein viel feinstofflicheres Verständnis für Musik besitzt. Das sind aber nun mal nicht viele. Es ist völlig okay, wenn die, die sich die DeutschrapHotPlaylist reinziehen, uns nicht fühlen können. Gott sei Dank. Oder schau, MCDonalds hat über 30000 Filialen auf der ganzen Welt und sind in den FoodCharts einer der TopSeller, da so viele Fastfood mögen. Aber da gibt es auch das kleine Restaurant, was nur ein paar Tische hat, aber dafür wird gekocht, dass dir das Herz aufgeht, wo alles selbstgemacht ist, mit Liebe zubereitet worden ist, wo Seele drin ist. Was hat jetzt mehr Relevanz? McDonalds oder das kleine Restaurant?  Hier steht ganz klar meist Original und Exklusivität gegen Kopie und Massenware. Nur weil wir nicht jeden Idioten als Fan haben, heißt das nicht, das wir nicht existieren und keine Rolle spielen und genau dann, wenn es um Themen geht, in denen wir gleichwertig viel oder gar wesentlich mehr Inhalt zu bieten haben, als die meisten, über die berichtet wird, kommt keiner und nimmt sich dessen an. Weil auch die meisten Journalisten nicht wirklich in der Lage sind, selbst zu bestimmen, was sie für relevant halten. Einen eigenen Geschmack zu besitzen, ist wirklich eine Seltenheit und im Allgemeinen ist Substanz die Relevanz jeglicher Kunst.

Welche Lehre kann man aus all dem, was du auf „Superposition“ besprichst, mitnehmen?
Dass nichts wahr ist und alles erlaubt. Dass du deine Herangehensweise, dass du dein Denken nicht immer zu vermessen brauchst, sondern vertraust und gewiss bist, da zu sein. Aber was weiß ich schon, das fragst Du wirklich besser jemand anderen.

»Superposition« erscheint am 16. Oktober 2020, ihr könnt es hier bestellen.

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