Interview: Sido

 

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Aus dem MV zu MTV. Vom Schmuddelkind der HipHop-Halbwelt mit Staatsfeindpotenzial zum Darling der bundesrepublikanischen Unterhaltungsindustrie mit eigenem Fernsehformat. Von gar nix zu Touareg und Adolf-Grimme-Liebe. Die ­Geschichte ist oft genug erzählt worden. Als vorläufigen Höhepunkt dieses märchengleichen Aufstiegs hat der einstige Maskenmann nun ein “MTV Unplugged”-Album aufgenommen, als erst siebter deutscher Act und erster “echter” Rapper. Ein ziemlich gutes noch dazu. Anlass zu einem kurzen Couchgespräch im ­Bayerischen Hof – der am End’ gar nicht so weit weg ist von Party auf’m Splash! und dann pennen gehen im Zelt, wie man immer denkt.


Wie fühlt es sich an, endgültig in den deutschen Popkanon aufgenommen zu werden, zu den ­Grönemeyers und Ärzten dieser Erde? Du hattest während der Show nicht nur bei “Ein Teil von mir” ein ziemlich breites Grinsen im Gesicht.
Ich fand’s auf jeden Fall krass, dass ich das ­machen durfte. Und im Vorfeld der Show war ich auch ­entsprechend angespannt. Ich will ja immer zu hundert Prozent Herr der Lage sein, bei allem mitreden und alles besser machen. Bei so einem Projekt geht das natürlich nicht immer, und das hat mich etwas ­nervös gemacht. Als ich in der eigentlichen Show dann ­gemerkt habe, wie gut das funktioniert, sind mir aber immer mehr Steine vom Herzen gefallen. Ich bin mit jedem Satz sicherer geworden.

 

 


Bei der Konzeption hast du mit dem ­Regisseur und Komponisten Sven Helbig ­zusammengearbeitet. Wie lief das ab?

Der ist auf jeden Fall verrückt. Bevor er einen Satz sagt, überlegt er immer erst fünf Sekunden, und dann sagt er ganz bedächtig wirklich verrückte Sachen. Ich habe kaum schlüssige Worte mit ihm gewechselt. Ganz komischer Kauz – aber genau deswegen wollte ich ihn haben. Außerdem geht er oft zu Jam-Sessions und kennt daher die Berliner Musikerszene viel besser als ich, was mir bei der Zusammenstellung der Band sehr geholfen hat. Ich hatte allerdings sehr genaue Vorstellungen davon, welche Instrumente ich haben möchte. Ursprünglich wollte ich das durchziehen wie Nirvana: Schlagzeug, Gitarre, Bass, ich, fertig. Aber dann ist mir immer klarer geworden, dass die Show so HipHop wie möglich sein muss. Deswegen habe ich zum Beispiel darauf bestanden, dass wir vier Percussion-Leute nehmen, damit die Sache so groovig wie möglich wird. Ich hatte einen Typen aus New York, der seit Jahren bei der U-Bahn auf so Eimern trommelt und damit sein Geld macht. Ich hatte einen Beatboxer, eine Bank, auf die alle Gäste taggen sollten. Ich musste mein ­“Unplugged” so HipHop wie möglich machen.

 

Warum?
Weil ich HipHop das schuldig bin. Dieser ganze HipHop, den es gerade gibt, diese ganzen falschen Intentionen, aus denen heraus Leute heutzutage anfangen zu rappen – das ist alles meine Schuld. Das ist ­Bushidos Schuld, das ist Flers Schuld, das ist Aggro Berlins Schuld. Es war ja legitim, dass wir mit unseren Verkaufszahlen, unseren goldenen Schallplatten, ­unseren Ketten und unseren Autos kokettiert haben, denn wir hatten das alles wirklich. Nur haben wir dabei leider den HipHop-Kontext vergessen. Ich bin mir da selbst beleidigt: Wie konnte etwas, das mir so wichtig ist, so sehr auf der Strecke bleiben? Deswegen ist die Show so HipHop geworden.

 

Auffällig ist dennoch, dass du dich von ­klassischen Rapkonzert-Bewegungen ­weitgehend ferngehalten hast. Viele Gesten ­hatten fast etwas von Theater.

Ich bewege mich immer einfach so, wie ich glaube, dass es passt. Ich stand noch nie vor dem Spiegel und habe versucht, irgendwelche krassen Gesten draufzukriegen. Grundsätzlich müssen deinen Bewegungen und deine Mimik zu dem passen, was du sagst: Wenn du dich zu viel bewegst oder bei jedem Song gleich bewegst, dann nimmt das die Kraft aus deinen Texten. Außerdem hat sich durch die Instrumentierung auch meine Art zu rappen etwas ­verändert. Vieles ist im gleichen Flow gerappt, aber hört sich trotzdem irgendwie anders an. Ich denke, ich habe aus den Songs noch mal was rausgeholt.

 

Textlich hältst du dich aber sehr konsequent an die Originale. Nur zwei Stellen auf “Mein ­Testament” sind verändert: Fler bekommt statt deiner drei goldenen Platten nun nichts, denn “er hat ja alles bei seinen neuen Freunden”, und bei den Namen deiner drei ehemaligen Aggro-Chefs schweigst du einfach, belässt es aber ansonsten bei dem Wunsch nach einer goldenen Statue. Die Line mit Fler ist klar, aber Letzteres hat mich, ­ehrlich gesagt, überrascht.
Ich habe lange Zeit überlegt, ob ich wie bei Fler eine komplett neue Line schreiben soll. Aber ich bin der Meinung, dass sie mir diese goldene Statue immer noch schuldig sind. Ich will nur ihre Namen nicht mehr nennen – aber die Statue will ich immer noch.

 

Welche Rolle spielt dieses “Unplugged”-Album denn für dich? Ist es eine Art Statue?
Es ist das bessere Best-Of, die Krönung meiner ­Karriere – zumal ja gerade kein Soloalbum geplant ist. Dafür fehlt es mir momentan an Inspiration. Zwar könnte ich dir jetzt sofort ein paar Hits schreiben; Songs, von denen ich wüsste, dass sie gut ankommen. Aber wenn ich wieder ein Album mache, dann möchte ich darauf etwas sagen, das mich selbst interessiert, das mir etwas bedeutet. Das soll nicht heißen, dass mir das letzte Album nichts bedeutet. Aber ich habe darauf eben viele Sachen gesagt, die ich davor schon mal irgendwie gesagt habe, nur etwas anders, schöner verpackt. Die Pause zwischen “Meine Maske und ich” und “Aggro Berlin” war einfach zu kurz: Ich hatte nicht einmal ein halbes Jahr Zeit für mich, bevor ich wieder ins Studio gegangen bin. So eine Maschine will ich nicht sein. Ich könnte sie sein, aber ich will es nicht. Dafür bin ich viel zu sehr Künstler, im Großen und Ganzen. Die Maschine bin ich maximal ­zwischendurch für andere Leute, für Doreen oder Helene ­Fischer oder wer sonst so anfragt. Wobei ich momentan lieber ­poetische Sachen schreibe, Gesang.

 

Heißt das, du hast auch schon für andere Rapper geschrieben?
Habe ich auch schon, ja. Auch für solche, die schon ziemlich viele Seiten in eurem Magazin hatten. (lacht)

Was hat es nun mit den Shrödaz auf sich?

Shrödaz sind Grüne Medizin, Greckoe, fast die ganze Sekte eigentlich, K.I.Z., DeineLtan, die größte ­Familie in Deutschland. Diese ganzen arabischen ­Familien sind ja immer die Krassen. Aber ich finde, dass die Shrödaz die krasseste Gang sein sollten, und das werden sie jetzt auch werden. Die werden alles ­übernehmen, und da können auch die Müllahz nichts ­dagegen machen. Die Müllahz sind unsere größten Feinde.

 

 

Als die JUICE-Liste mit den 20 besten deutschen MCs erschienen ist und du darin nur auf Platz 6 geführt wurdest, hast du bei Facebook recht ­explizit dein Missfallen zum Ausdruck gebracht. Wo hättest du dich denn gesehen?
Unter den ersten drei. Von mir aus auch auf der 3 – die 1 und die 2 waren schon gut verteilt. Ich hätte auch die 1 sein können, aber die 6? Hinter diesen Leuten? Ich will gar nicht mehr daran denken, wer da alles vor mir war… Das Schlimme ist ja, dass die Leute solche Listen für bare Münze nehmen. Gerade Savas baut gerade so viel auf diese Rapper-Nummer-Eins-Scheiße. Ich meine, natürlich will man solche Listen sehen, natürlich will man es wissen. Aber wenn ich dann Sechster werde, dann ärgere ich mich. So ­etwas schürt Beef. Auch dass Bushido auf der 18 ist, ist nicht gerechtfertigt. Jeder weiß: Ich mag den nicht. Trotzdem ist er mindestens Top 10.

 

Platz 1 oder Platz 6, du bist mittlerweile in einer Position, wo die Leute dich fragen, was nach dir kommen könnte. Interessiert dich das? Verfolgst du das noch?
Ja, übelst. Und ich hätte auch gar kein Problem mit Farid Bang oder Kollegah, wenn sie nicht in meine Richtung schießen würden und da Sätze gefallen wären, für die sie auf jeden Fall noch eine Rechnung offen haben bei mir.

 

Denkst du denn, dass es jemand wie Kollegah oder Farid Bang sein wird?
Nein, das denke ich nicht. Ich würde es einem Maeckes zutrauen. Ich glaube, die Leute sehnen sich nach so was. Ich höre den gerade sehr gerne, obwohl ich im Sektenmuzik-Studio übel dafür gehatet werde. (lacht) Nate57 ist für mich auch ein sehr großes ­Talent, neu entdeckt habe ich BK aus Würzburg, Blut & Kasse. Großartig! Aber egal, wer es letztlich wird: Ich freue mich, wenn der nächste große Typ kommt. Ich selbst habe ohnehin schon viel mehr erreicht, als ich jemals dachte, erreichen zu können. Klar hätte ich gerne mal eine Nummer-Eins-Single oder Platin. Aber ich sterbe auch glücklich, wenn das nicht passiert.

 

Man hat ohnehin den Eindruck, dass du auf deine Art immer schon sehr zufrieden warst.
Stimmt. Ich bin kein Typ, der meckert. Selbst als ich mit Bobby in der Wohnung im MV gewohnt habe, konnte ich mich damit abfinden oder mir ­zumindest alles irgendwie schönreden. Ich bin der König des ­Verdrängens. Deswegen wirke ich vielleicht auch ­immer glücklich, egal wie’s um mich steht.

 

 

Eißfeldt sagte mal, dass ohne die Beginner, Freundeskreis und den Sommer von ’99 so etwas wie Fatih Akin-Filme in großen Kinos undenkbar wäre. Würdest du sagen, dass ohne Sido, Aggro und den Winter von ’03 weder Mehrzad noch ­Menowin denkbar wären?
(überlegt) Menowin hätte es so überhaupt nicht gegeben. Für Mehrzad will ich nicht sprechen, der ist ja so alt wie wir. Der hätte auch Luther Vandross ­gesungen, wenn er uns nicht gekannt hätte. Aber Menowin auf jeden Fall. Ich meine, der muss nicht mal unsere Musik gehört haben, aber unterschwellig haben wir ja die gesamte deutsche Jugend beeinflusst: die Art zu ­sprechen, sich zu kleiden, sich zu geben, alles.

Text: Davide Bortot

 

Foto: Markus Werner

 

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